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Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 176. 177. 178. 179. 180. 181. 182. 183. 184. 185. 186. 187. 188. 189. 190. 191. 192. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
184. NachtAls die Gerichtsdiener meinen Bruder vor den Polizeirichter geführt hatten, sprach dieser zu ihm: "Ich frage dich, wo du alle die Möbel her hast, die du gestern in deine Wohnung tragen ließest?" - "Herr," erwiderte Annaschar, "ich bin bereit, euch die Wahrheit zu sagen." Hierauf erzählte ihm mein Bruder ohne Hehl alles, was ihm begegnet war. In Hinsicht auf das, was er hatte in seine Wohnung tragen lassen, bat er den Richter, ihm wenigstens einen Teil zur Entschädigung für die ihm entwendeten fünfhundert Goldstücke zu lassen. Der Richter schickte, ohne meinem Bruder das mindeste zu versprechen, einige von seinen Leuten nach dessen Wohnung, um alles, was da war, in Beschlag zu nehmen, und als man ihm gemeldet hatte, dass nichts mehr da wäre, und dass alles in seine Gerätekammer gebracht worden sei, befahl er meinem Bruder, sogleich die Stadt zu verlassen, und in seinem Leben nie mehr zurückzukehren, aus Besorgnis, dass, wenn er darin bliebe, er zum Kalifen hingehen und über diese Ungerechtigkeit Beschwerde führen könnte. Annaschar gehorchte indessen ohne Murren, und ging aus der Stadt, um sich in eine andere zu flüchten. Unterwegs traf er Spitzbuben, die ihn ausplünderten und nackt und bloß machten. Ich hatte kaum diese traurige Nachricht erfahren, als ich sogleich ein Kleid nahm und ihn aufsuchen ging. Nachdem ich ihn so gut als möglich getröstet hatte, führte ich ihn zurück und brachte ihn heimlich in die Stadt, wo ich von nun an eben so für ihn sorgte, als für meine anderen Brüder." Geschichte des sechsten Bruders des BarbiersJetzt bleibt mir nichts weiter übrig, als die Geschichte meines sechsten Bruders zu erzählen, welcher Schakaïk mit der gespaltenen Lippe hieß. Er war anfänglich so betriebsam gewesen, die hundert Silberdrachmen, die er als seinen Erbteil empfangen hatte, so gut anzulegen, dass er sich sehr bald in einer bequemen Lage befunden hatte. Allein ein Unfall, der ihn traf, versetzte ihn bald in die Notwendigkeit, sich seinen Lebensunterhalt zu erbetteln. Er betrieb dies Geschäft mit vieler Geschicklichkeit, und bemühte sich besonders durch Vermittlung der Diener und Aufwärter sich Eintritt in die großen Häuser und Zutritt zu den Herren selber zu verschaffen, und ihr Mitleid zu erregen. Als er eines Tages vor einem prachtvollen Gebäude vorbeiging, durch dessen hohe Pforte man in einen geräumigen Hof sehen konnte, der von Bedienten wimmelte, wandte er sich an einen derselben und fragte ihn, wem dies Haus gehöre? "Lieber Freund," erwiderte ihm der Bediente, "aus welchem fernen Land kommst du, dass du eine solche Frage an mich tust? Kannst du nicht aus allem, was du hier siehst, schließen, dass es das Haus eines Barmekiden ist?" Mein Bruder, dem die Freigebigkeit und Großmut der Barmekiden gar wohl bekannt war, wandte sich an die Pförtner, denn es gab da mehr wie einen, und bat sie um ein Almosen. "Geh hinein," sagten sie zu ihm, "niemand hindert dich daran, und wende dich selbst an den Herrn des Hauses. Er wird dich gewiss zu deiner vollen Befriedigung entlassen." Mein Bruder hatte eine solche Höflichkeit gar nicht erwartet. Er dankte den Pförtnern dafür und trat mit ihrer Erlaubnis in das Schloss, welches so weitläufig war, dass er sehr viele Zeit brauchte, ehe er an die Wohnzimmer des Barmekiden gelangte. Er kam endlich an ein viereckiges, im schönsten Stil aufgeführtes Gebäude, und trat durch eine Vorhalle hinein, aus welcher er einen sehr schönen Garten mit Gängen von buntfarbigen Kieseln, die das Auge ergötzten, sehen konnte. Die unteren Zimmer, welche rings um denselben herumliefen, waren fast alle durchsichtig gebaut. Sie waren gegen die Sonnenstrahlen durch große Vorhänge geschirmt, welche man öffnete, um frische Luft zu schöpfen, sobald die Hitze des Tages vorüber war. Ein so angenehmer Ort würde die Bewunderung meines Bruders erregt haben, wenn sein Gemüt ruhiger und zufriedener gewesen wäre. Er schritt vorwärts und trat in einen reich verzierten Saal, der mit Malereien von goldenem und himmelblauem Laubwerk geschmückt war. Er sah darin einen ehrwürdigen Mann mit weißem Bart auf dem Ehrenplatz des Sofas sitzen, woraus er schloss, dass er der Besitzer des Hauses selber war. In der Tat war es auch wirklich der Barmekide selber, der ihn auf eine sehr verbindliche Weise willkommen hieß und ihn fragte, was er wünsche. "Gnädiger Herr," antwortete ihm mein Bruder mit einer Miene, welches Mitleid zu erwecken geeignet war, "ich bin ein armer Mann, welcher die Unterstützung so großer und mächtiger Herren, wie ihr es seid, bedarf." Er konnte sich wirklich an keinen besseren wenden, als an diesen vornehmen Mann, der sich durch tausend herrliche Eigenschaften empfahl. Der Barmekide schien über die Antwort meines Bruders erstaunt zu sein. Er fuhr mit seinen beiden Händen nach der Brust, gleichsam als wolle er zum Zeichen der Betrübnis sein Kleid zerreißen. "Ist es möglich," rief er aus, "dass ein Mann wie du in Not ist, während ich in Bagdad bin? Das kann ich nicht dulden!" Auf diese Weise hoffte mein Bruder einen ganz besonderen Beweis von Freigebigkeit zu empfangen, er überhäufte ihn daher mit Segenssprüchen und wünschte ihm alles mögliche Gute. "Es soll niemand sagen können," fuhr der Barmekide fort, "dass ich euch verlassen hätte, und ich verlange ebenso wenig, dass ihr mich verlässt." - "Herr," erwiderte mein Bruder, "ich schwöre euch, dass ich heute noch nicht das mindeste gegessen habe." - "Also wirklich," rief der Barmekide, "du bist jetzt um diese Stunde noch nüchtern? Ach, der arme Mann! Er ist gewiss schon halb verhungert! He da, Bursche," rief er mit lauter Stimme, "bringe rasch ein Wasserbecken, damit wir uns die Hände waschen!" Obwohl niemand erschien und mein Bruder weder ein Becken noch Wasser sah, so unterließ der Barmekide doch nicht, sich die Hände zu reiben, wie wenn jemand Wasser darüber hin gösse, und während er dies tat, sagte er zu meinem Bruder: "Komm doch her, und wasche dich mit mir!" Schakaïk merkte daraus wohl, dass der Herr Barmekide etwas zu lachen haben wolle, und da er selber Scherz verstand und recht gut wusste, welche artige Rücksicht die Armen gegen die Reichen nehmen müssen, wenn sie davon Vorteil ziehen wollen, so trat er näher und machte es ebenso wie jener. "Wohlan," sagte hierauf der Barmekide, "man bringe uns jetzt etwas zu essen, und lasse uns nicht darauf warten!" Als er diese Worte gesprochen, fing er an, obwohl man gar nichts hereingebracht hatte, so zu tun, als hätte er etwas in einer Schüssel vor sich, langte zu, fuhr nach dem Mund und kaute, indem er zu meinem Bruder sagte: "Iss, lieber Gast, ich bitte dich darum, verfahre ganz so zwanglos, als ob du bei dir zu Hause wärest. Lange doch immer zu, für einen Mann, der so ausgehungert ist, lässt du dich viel zu sehr nötigen." - "Verzeiht, Herr," antwortete Schakaïk, indem er genau alle seine Gebärden nach machte, "ihr seht, dass ich keine Zeit verliere, und dass ich meine Schuldigkeit tue." - "Was sagst du zu diesem Brot," fuhr hierauf der Barmekide fort, "findest du es nicht ganz vortrefflich?" - "Ach gnädiger Herr," erwiderte mein Bruder, der weder Brot noch Fleisch vor sich sah, "ich habe niemals so weißes und wohlschmeckendes gegessen." - "So iss dich nur recht satt," sagte hierauf der Herr Barmekide, "ich versichere dich, die Bäckerin, welche mir so gutes Brot bäckt, habe ich mit fünfhundert Goldstücken bezahlen müssen ..." Scheherasade wollte fortfahren, aber der anbrechende Tag nötigte sie, hier inne zu halten. In der folgenden Nacht setzte sie ihre Erzählung also fort: |
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