Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info
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178. Nacht

"Der Dieb war so standhaft, dass er zwanzig bis dreißig Hiebe aushielt, aber dann stellte er sich, wie vom Schmerz überwältigt, öffnete zuerst das eine Auge, und sodann auch das andere, indem er um Gnade flehte, und den Polizeirichter bat, mit den Stockschlägen aufhören zu lassen. Als der Richter sah, dass der Dieb ihn mit offenen Augen anblickte, wunderte er sich darüber. "Du Bösewicht," sagte er zu ihm, "was soll denn dies Wunder bedeuten?" - "Herr," erwiderte der Dieb, "ich will euch ein wichtiges Geheimnis entdecken, wenn ihr mir Gnade widerfahren lassen und mir zum Unterpfand, dass ihr mir Wort halten werdet, diesen Ring, den ihr da am Finger habt und der euch als Petschaft dient, geben wollt."

Der Richter ließ sogleich mit den Stockschlägen aufhören, übergab ihm seinen Ring, und versprach, ihm Gnade widerfahren zu lassen. "Im Vertrauen auf diese Versicherung," erwiderte der Dieb, "will ich euch, Herr, gestehen, dass wir alle vier, sowohl ich als meine Kameraden, sehr gut sehen können. Wir stellen uns bloß blind, um frei in die Häuser zu kommen und bis in die Gemächer der Frauen vordringen zu können, deren Schwäche wir dann missbrauchen. Ich gestehe euch ferner, dass wir durch diesen Kunstgriff gemeinschaftlich zehntausend Drachmen gewonnen haben. Ich verlangte heute von meinen Mitgesellen die zweitausendfünfhundert Drachmen, die mir als mein Anteil zukommen. Sie wollten mir sie indes nicht herausgeben, weil ich ihnen erklärt hatte, ich wolle mich von ihnen zurückziehen, und weil sie fürchteten, ich würde sie verklagen. Als ich nun von ihnen dringend meinen Anteil forderte, stürzten sie auf mich los und misshandelten mich so, wie alle die, welche uns hierher vor dich geführt, bezeugen können. Ich erwarte jetzt von eurer Gerechtigkeit, Herr, dass ihr mir die mir zukommenden zweitausendfünfhundert Drachmen werdet ausliefern lassen. Wenn ihr wollt, dass euch meine Kameraden die Wahrheit dessen, was ich behaupte, eingestehen sollen, so lasst ihnen dreimal so viel Stockschläge geben, als ich empfangen habe. Ihr werdet sehen, sie werden die Augen öffnen, so gut wie ich."

Mein Bruder und die beiden anderen Blinden wollten sich gegen eine so abscheuliche Verleumdung rechtfertigen, aber der Richter gab ihnen kein Gehör. "Schurken," rief er ihnen zu, "also darum stellt ihr euch blind, um die Leute durch Erregung des Mitleids zu täuschen und die bösesten Handlungen zu begehen?" - "Es ist bloße Verleumdung," rief mein Bruder, "es ist unwahr, dass einer von uns gut sehen könne. Wir können deshalb Gott zum Zeugen anrufen!"

Alles, was mein Bruder nur sagen mochte, blieb fruchtlos. Seine Kameraden und er empfingen jeder hundert Stockschläge. Der Richter wartete immerfort, dass sie die Augen öffnen würden, und schrieb das einer verstockten Hartnäckigkeit zu, was doch bloß Folge der Unmöglichkeit war. Während dieser Zeit sagte der Dieb zu den Blinden: "Ihr armen Leute, so macht doch die Augen auf und wartet nicht, bis man euch zu Tode schlägt." Sodann wendete er sich zu dem Polizeirichter und sagte zu ihm: "Herr, ich sehe schon, dass sie ihre Bosheit bis aufs Äußerste treiben und die Augen gar nicht öffnen werden. Sie wollen ohne Zweifel der Beschämung entgehen, ihr Verdammungsurteil in den Augen aller Umstehenden zu lesen. Es ist am besten, wenn ihr sie begnadigt, und einen mit mir schickt, um die zehntausend Drachmen, die sie bei sich zu Hause versteckt haben, abzuholen."

Der Richter unterließ nicht dies zu tun. Er ließ den Dieb durch einen seiner Leute begleiten, der ihm die zehn Säcke überbrachte. Davon ließ er dem Dieb zweitausendfünfhundert Drachmen auszahlen, das übrige behielt er für sich. Mit meinem Bruder und seinen Gefährten hatte er wenigstens so viel Mitleid, dass er sie bloß aus der Stadt verwies. Ich hatte kaum erfahren, was meinem Bruder begegnet war, als ich ihm sofort nacheilte. Er erzählte mir sein Unglück und ich führte ihn heimlich in die Stadt zurück. Ich hätte ihn vielleicht bei dem Polizeirichter rechtfertigen und auf die verdiente Bestrafung des Diebes dringen können. Allein ich wagte es nicht, aus Furcht, mir dadurch irgend einen schlimmen Handel zuzuziehen.

Somit endigte ich denn die Erzählung von dem Abenteuer meines guten blinden Bruders. Der Kalif lachte darüber nicht minder als über die, welche er vorher vernommen hatte. Er befahl von Neuem, dass man mir etwas verabreichen sollte, aber ohne die Vollziehung seines Befehls abzuwarten, begann ich die Geschichte meines vierten Bruders.

Geschichte des vierten Bruders des Barbiers

Der Name meines vierten Bruders war Alkus. Er war seinem Gewerbe nach ein Fleischer, und besaß das besondere Talent, Schafwidder zum Kampf abzurichten, wodurch er sich denn die Bekanntschaft und Freundschaft aller der großen Herren erworben hatte, welche dieser Art von Kämpfen gern zuschauen und sich deshalb Widder in ihrem Hause eigens halten. Außerdem hatte er viele Kundschaft. In seinem Laden hatte er stets das schönste Fleisch, das nur irgend zu bekommen, weil er sehr reich war und keine Kosten scheute, um sich das beste zu verschaffen.

Als er eines Tages in seinem Laden saß, kam ein Greis mit langem weißen Bart, kaufte sechs Pfund Fleisch, gab ihm das Geld dafür und ging weg. Mein Bruder fand dies Geld so schön, so blank und so gut geprägt, dass er es in einen Kasten an einen besonderen Ort beiseite legte. Derselbe Greis versäumte nun fünf Monate hindurch keinen Tag, wo er nicht ebenso viel Fleisch genommen und es mit gleicher Münze bezahlt hätte, die mein Bruder fortwährend bei Seite legte.

Nach Verlauf von fünf Monaten wollte Alkus eine Anzahl von Hammeln einkaufen und sie mit dieser schönen Münze bezahlen. Er öffnete daher den Kasten, allein, wie groß war sein Erstaunen, als er an ihrer Stelle bloß rund geschnittene Papierblättchen liegen sah. Er schlug sich wiederholt an den Kopf und erhob ein so großes Geschrei, dass die Nachbarn herbeigelaufen kamen, deren Erstaunen so groß war als das seinige, da sie vernommen hatten, wovon hier die Rede sei. "Wollte Gott," rief mein Bruder mit Tränen in den Augen, "dass dieser alte Betrüger mit seinem heuchlerischen Gesicht jetzt käme!" Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als er ihn von weitem kommen sah. Er lief ihm heftig entgegen, packte ihn an und schrie aus Leibeskräften: "Muselmänner, kommt mir zu Hilfe! Hört den Schelmstreich, den mir dieser böse Mensch gespielt hat!" Zugleich erzählte er einem Pöbelschwarme, der sich um ihn gesammelt hatte, dasselbe, was er bereits seinen Nachbarn erzählt hatte. Als er ausgesprochen hatte, sagte der Alte ganz kalt und ohne in Hitze zu geraten: "Du wirst gut tun, wenn du mich gehen lassest und dadurch den Schimpf, den du mir vor aller Welt antust, wieder gutmachest, damit ich nicht genötigt werde, dir eine weit empfindlichere Schmach anzutun, was mir sehr leid tun würde." - "Ei, was kannst du denn gegen ich reden?", rief mein Bruder. "Ich bin in meinem Gewerbe ein ehrlicher Mann und fürchte dich nicht." - "Du willst also, dass ich es bekannt mache?", erwiderte der Alte in demselben Ton. "So wisset denn," fuhr er, zum Volk sich wendend, fort, "dass er, anstatt Hammelfleisch zu verkaufen, Menschenfleisch verkauft." - "Du bist ein Verleumder," antwortete mein Bruder. "Mitnichten!", fuhr der Greis fort, "in diesem Augenblick, wo ich mit dir rede, hängt ein abgeschlachteter Mensch auswendig an deinem Laden, wie ein Hammel. Es kann jeder hingehen und sehen, ob ich die Wahrheit rede oder nicht."

Mein Bruder hatte, bevor er den Kasten, worin die Blätter lagen, öffnete, denselben Tag einen Hammel geschlachtet, ihn zurechtgemacht und nach seiner Gewohnheit auswendig an seinem Laden aufgehängt. Er beteuerte, dass das, was der Alte sagte, unwahr sei. Indes, ungeachtet seiner Versicherungen, ließ der leichtgläubige Pöbel sich gegen einen Mann, der eines so abscheulichen Verbrechens angeklagt wurde, einnehmen und wollte sich auf der Stelle Gewissheit verschaffen. Der Pöbel zwang meinen Bruder den Alten loszulassen, versicherte sich seiner Person, und lief wütend nach dem Laden, wo man wirklich, ganz so wie der Ankläger gesagt hatte, einen abgeschlachteten Menschen hängen sah. Der Greis nämlich, welcher ein Zauberer war, hatte die Augen der Menge verblendet, so wie er zuvor meinen Bruder verblendet hatte, dass er die Papierblättchen, die er ihm gab, für gutes Geld nahm.

Bei diesem Anblick gab einer von denen, welche meinen Bruder Alkus festhielten, ihm einen heftigen Schlag mit der Faust und sagte dabei: "So also, du Bösewicht, gibst du uns Menschenfleisch zu essen?" Und der Greis, der ihn noch immer nicht verlassen hatte, gab ihm einen zweiten, wodurch er ihm das eine Auge ausschlug. Auch von allen übrigen schonte ihn keiner, der ihm nur irgend nahe kommen konnte. Man begnügte sich nicht damit, ihn zu misshandeln, sondern man führte ihn auch noch vor den Polizeirichter, welchem man zugleich den angeblichen Leichnam überbrachte, den man zum Zeugnis gegen den Angeklagten von dem Laden herab genommen hatte. "Herr," sagte der Zauberer zu ihm, "ihr seht hier einen Mann, welcher barbarisch genug ist, um Menschen zu schlachten und ihr Fleisch für Hammelfleisch zu verkaufen. Das Volk erwartet, dass ihr an ihm ein Strafbeispiel aufstellt." Der Polizeirichter hörte meinen Bruder ruhig an. Allein die Erzählung von dem in Papierblättchen verwandelten Geld schien ihm so wenig Glauben zu verdienen, dass er meinen Bruder als einen Betrüger behandelte, und indem er sich auf den Beweis des Augenscheins berief, ihm fünfhundert Stockschläge geben ließ.

Nachdem er ihn sodann gezwungen hatte, ihm zu sagen, wo er sein Geld habe, nahm er ihm alles, was er hatte, und verbannte ihn für immer aus dem Land, nachdem er ihn auf einem Kamel drei Tage nacheinander den Augen des Volks bloßgestellt hatte ..."

"Allein, Herr," sagte Scheherasade bei dieser Stelle zu Schachriar, "die Tageshelle, die ich anbrechen sehe, legt mir Stillschweigen auf." Sie schwieg also still, und in der folgenden Nacht fuhr sie fort, den Sultan zu unterhalten, wie folgt:

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