Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Max Habicht
         1001 Nacht

            Vorgeschichte
            Der Esel, der Ochs
               und der Bauer
            Nächte

              ...
              133.
              134.
              135.
              136.
              137.
              138.
              139.
              140.
              141.
              142.
              143.
              144.
              145.
              146.
              147.
              148.
              149.
              ...
            Inhalt nach Titel
            Inhalt nach Nummer

141. Nacht

Der junge Mann aus Bagdad setzte mit folgenden Worten seine Erzählung fort: "Ich besuchte die Dame nun täglich, und ließ jedes Mal einen Beutel mit fünfzig Goldstücken bei ihr zurück. Das dauerte, bis die Kaufleute, denen ich meine Waren zum Verkauf gegeben hatte, und die ich regelmäßig zweimal in jeder Woche besuchte, mir nichts mehr schuldig waren. Endlich sah ich mich nun ohne Geld und ohne Hoffnung, welches zu erhalten.

In diesem abscheulichen Zustand und mit dem Willen, mich meiner Verzweiflung zu überlassen, ging ich aus dem Khan, ohne zu wissen, was ich tat, und kam in die Nähe des Schlosses, wo eine große Anzahl von Personen versammelt war, um ein Schauspiel zu sehen, welches der Sultan von Ägypten gab. Als ich mich dort unter die Menge gemischt hatte, kam ich zufällig in die Nähe eines wohl berittenen und sehr sorgfältig gekleideten Reiters, an dessen Sattelbogen ein halboffener Sack hing, aus welchem eine Schnur von grüner Seide ragte. Indem ich die Hand auf den Sack legte, vermutete ich, dass die Schnur zu einem im Sack befindlichen Beutel gehörte. Während ich dies bedachte, ging auf der anderen Seite des Reiters ein mit Holz beladener Lastträger vorüber, und zwar so nahe, dass der Reiter sich abwenden musste, um zu verhindern, dass das Holz sein Kleid nicht berührte und zerrisse. In diesem Augenblick versuchte mich der Satan, ich fasste die Schnur mit der einen Hand, und indem ich mit der anderen die Öffnung des Sackes zu erweitern versuchte, zog ich, ohne dass jemand es bemerkte, den Beutel heraus. Er war schwer, und ich zweifelte nicht, dass Gold oder Silber darin enthalten wäre.

Der Reiter, dem ich wahrscheinlich wegen dessen, was ich tat, als er den Kopf von mir weg wendete, verdächtig vorkam, steckte, als der Lastträger sich vorbeigedrängt hatte, sogleich seine Hand in den Sack, und gab mir, da er seinen Beutel nicht fand, einen so kräftigen Hieb mit seiner Streitaxt, dass er mich zur Erde warf.

Alle diejenigen, welche Zeugen dieser Gewalttat waren, fühlten sich dadurch ergriffen, und einige legten die Hand an den Zaum des Pferdes, um den Reiter aufzuhalten und ihn zu fragen, weshalb er mich geschlagen hätte, und ob es ihm erlaubt wäre, einen Muselmann auf solche Art zu misshandeln. "Was habt ihr euch darin einzumischen?", antwortete er ihnen mit trotzigem Ton. "Ich habe es nicht ohne Ursache getan, denn er ist ein Dieb."

Bei diesen Worten stand ich auf, und mein Äußeres bewog jedermann, sich meiner anzunehmen und zu schreien, er wäre ein Lügner, und es wäre nicht glaublich, dass ein junger Mann, wie ich, die schändliche Handlung, die er mir aufbürdete, begangen hätte. Kurz, sie blieben dabei, dass ich unschuldig wäre, und während sie sein Pferd anhielten, um meine Flucht zu begünstigen, kam der Polizeimeister mit seinem Gefolge eben des Weges; und da er um den Reiter und mich so viele Leute versammelt sah, so näherte er sich mir, und fragte, was vorgefallen wäre. Es war unter den Gegenwärtigen niemand, der nicht den Reiter angeklagt hätte, mich, unter dem Vorwand, dass ich ihn bestohlen, ungerechterweise misshandelt zu haben.

Der Polizeimeister hielt sich nicht an das, was man sagte, und fragte den Reiter, ob er nicht einen anderen als mich, im Verdacht des Diebstahls hätte. Der Reiter antwortete mit nein, und sagte ihm die Ursache, die er hatte, zu glauben, dass er sich nicht irrte. Nachdem ihn der Polizeimeister angehört hatte, befahl er seinen Leuten, mich zu durchsuchen; was sie denn auch sogleich taten, und einer von ihnen, der mir den Beutel abnahm, zeigte ihn öffentlich.

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de