Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Max Habicht
         1001 Nacht

            Vorgeschichte
            Der Esel, der Ochs
               und der Bauer
            Nächte

              ...
              129.
              130.
              131.
              132.
              133.
              134.
              135.
              136.
              137.
              138.
              139.
              140.
              141.
              142.
              143.
              144.
              145.
              ...
            Inhalt nach Titel
            Inhalt nach Nummer

137. Nacht

Der christliche Kaufmann fuhr in seiner Erzählung fort: "Als ich sah," sagte der junge Mann zu mir, "dass die Frau fort ging, fühlte ich wohl, dass mein Herz großen Anteil an ihr nahm. Ich rief sie demnach zurück, und sagte zu ihr: "Edle Frau, erzeigt mir die Gnade zurückzukehren, vielleicht finde ich ein Mittel, euch beide zu befriedigen."

Sie kehrte um, indem sie mir sagte, dass es aus Liebe zu mir geschähe. "Herr Bedreddin," sagte ich hierauf zum Kaufmann, "wie teuer sagt ihr, dass ihr diesen mir gehörigen Stoff verkaufen wollt?" - "Elfhundert Silberdrachmen," sagte er, "für weniger kann ich ihn nicht lassen." - "So gebt ihn nur dieser Dame," versetzte ich, "und sie mag ihn mitnehmen. Ich gebe euch hundert Drachmen Gewinn und ein Verschreibung, dass ihr diese Summe auf meine anderen Waren entnehmen könnt." Ich schrieb wirklich eine solche Anweisung, unterzeichnete sie, und händigte sie dem Bedreddin ein.

Indem ich hierauf der Dame den Stoff übergab, sagte ich zu ihr: "Ihr könnt ihn mitnehmen, edle Frau, und was das Geld betrifft, so könnt ihr mir es morgen, oder an einem anderen Tag, schicken; oder wenn ihr wollt, mache ich euch auch ein Geschenk mit dem Stoff." - "So ist es nicht gemeint," versetzte sie. "Ihr behandelt mich auf eine so artige und verbindliche Weise, dass ich unwürdig sein würde, mich vor den Menschen sehen zu lassen, wenn ich euch nicht meine Erkenntlichkeit bezeigte. Möge Gott, um euch dafür zu belohnen, eure Güter mehren, euch lange Zeit nach mir leben lassen, euch nach eurem Tod die Himmelspforte öffnen, und die ganze Stadt eure Großmut öffentlich bekannt machen."

Diese Worte flößten mir Dreistigkeit ein. "Edle Frau," sagte ich zu ihr, "lasst mich zum Lohn der euch erwiesenen Artigkeit euer Antlitz schauen, dadurch werdet ihr mich mit Wucher bezahlen."
Bei diesen Worten wendete sie sich auf meine Seite, hub den Musselinschleier auf, der ihr das Gesicht bedeckte, und zeigte meinen Augen eine erstaunenswerte Schönheit. Ich war so überrascht davon, dass ich ihr nicht zu sagen vermochte, was ich davon dachte. Ich würde nicht müde geworden sein, sie zu betrachten; aber sie bedeckte sich schnell wieder das Gesicht, aus Furcht, dass man es gewahren möchte; und nachdem sie den Kreppschleier hatte herabfallen lassen, nahm sie das Stück Goldstoff und entfernte sich aus dem Laden, in welchem sie mich in einem Zustand ließ, sehr verschieden von dem, in welchem ich hereingekommen war. Ich blieb lange Zeit in einer seltsamen Verwirrung und Unruhe. Ehe ich den Kaufmann verließ, fragte ich ihn, ob er die Dame kenne. "Ja," gab er mir zu Antwort, "sie ist die Tochter eines Emirs, der ihr bei seinem Sterben unermessliche Güter hinterlassen hat."

Als ich in den Khan des Mesrur zurückgekehrt war, trugen mir meine Leute das Abendbrot auf; aber es war mir unmöglich, zu essen. Ebenso wenig konnte ich in der Nacht, die mir die längste meines Lebens schien, ein Auge zutun.

Sobald es Tag wurde, stand ich in der Hoffnung auf, den Gegenstand, der meine Ruhe störte, wieder zu sehen; und ihm zu gefallen, zog ich mich noch sorgfältiger an, als am vergangenen Tag. Ich kehrte in Bedreddins Laden zurück."

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de