| Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info | |
|
Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 77. 78. 79. 80. 81. 82. 83. 84. 85. 86. 87. 88. 89. 90. 91. 92. 93. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
85. Nacht"Stellt euch meinen Schmerz vor! Lebendig begraben zu werden schien mir kein minder beklagenswertes Los, als den Menschenfressern zur Speise zu dienen, und doch musst' ich dran. Der König wollte mit seinem ganzen Hof den Leichenzug mit seiner Gegenwart beehren, und auch die angesehensten Personen der Stadt erzeigten mir die Ehre, meinem Begräbnis beizuwohnen. Als Alles zu der Feierlichkeit bereit war, legte man den Leichnam meiner Frau auf eine Bahre, angetan mit allem ihrem Geschmeide und ihren prächtigsten Kleidern. Der Zug begann. Als zweiter Schauspieler dieses kläglichen Trauerspiels folgte ich unmittelbar hinter der Bahre meiner Frau, die Augen in Tränen gebadet und mein unglückliches Geschick beklagend. Ehe wir an den Berg kamen, wollte ich einen Versuch auf den Geist der Zuschauer machen. Ich wandte mich an den König, hierauf an die, welche in meiner Nähe waren, und mich vor ihnen bis auf die Erde bückend, um den Saum ihres Kleides zu küssen, bat ich sie, Mitleid mit mir zu haben. "Bedenkt," sagte ich, "dass ich ein Fremder bin, der keinem so strengen Gesetz unterworfen sein sollte, und dass ich eine andere Frau und Kinder in meinem Vaterland habe." Doch auf wie rührende Weise ich auch diese Worte sagte, niemand wurde dadurch bewegt. Man beeilte sich im Gegenteil, die Leiche meiner Frau in den Brunnen herabzulassen, und man ließ mich gleich nachher in einer andern offenen Bahre, mit dem Wasser angefüllten Gefäß und sieben Broten herab. Als nun endlich diese für mich so traurige Feierlichkeit vorbei war, legte man ohne Rücksicht auf das Übermaß meines Schmerzes und auf mein klägliches Geschrei, den Stein wieder auf die Öffnung des Brunnens. Mich dem Grund nähernd, erkannte ich mit Hilfe eines von oben einfallenden geringen Lichtes die Anlage und Beschaffenheit dieses Orts. Es war eine sehr weite Höhle, die wohl fünfzig Ellen tief sein mochte. Ein unausstehlicher Gestank verbreitete sich von einer zahllosen Menge von Leichen, die ich rechts und links erblickte. Es kam mir sogar vor, als hörte ich von einigen der zuletzt lebendig herabgelassenen die letzten Seufzer. Dessen ungeachtet entfernte mich von den Leichen, indem ich mir die Nase zuhielt. Ich warf mich auf die Erde und blieb lange, in Tränen ertränkt, liegen. Hierauf, mein trauriges Schicksal bedenkend, sagte ich zu mir: "Es ist wahr, dass Gott über uns nach den Ratschlägen seiner Vorsehung schaltet. Aber, armer Sindbad, ist es nicht deine Schuld, dass du dich dahin gebracht siehst, eines so seltsamen Todes zu sterben? Wollte Gott, du wärst in einem der Schiffbrüche umgekommen, denen du entgangen bist, du brachtest dann nicht eines so langsamen und schrecklichen Todes zu sterben. Aber du hast ihn durch deinen verdammten Geiz verdient! Unglücklicher! Solltest du nicht lieber daheim bleiben, und die Früchte deiner Anstrengungen in Ruhe genießen?" Dies waren die unnützen Klagen, von welchen ich die Höhle widerhallen ließ, indem ich mich aus Wut und Verzweiflung vor den Kopf und die Brust schlug und mich ganz und gar den traurigsten Gedanken überließ. Dessen ungeachtet, - muss ich's euch gestehen? - statt mir den Tod zu Hilfe zu rufen, regte sich doch, so elend ich auch war, die Liebe zum Leben in mir, und trieb mich an, meine Tage zu verlängern. Tappend und mir die Nase zuhaltend, holte ich das Brot und Wasser aus meiner Bahre, und aß und trank davon. Obgleich die in der Grotte herrschende Dunkelheit so groß war, dass man Tag und Nacht nicht unterscheiden konnte, so fand ich doch meine Bahre wieder, und es schien mir, als ob die Höhle geräumiger und mit Leichen angefüllter wäre, als ich anfangs geglaubt hatte. Ich lebte einige Tage von meinem Brot und Wasser. Da ich aber endlich nichts mehr hatte, so bereitete ich mich zum Tode ..." |
|
© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle |
|