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Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 76. 77. 78. 79. 80. 81. 82. 83. 84. 85. 86. 87. 88. 89. 90. 91. 92. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
84. Nacht"Die Leute, welche den Pfeffer einsammelten, kamen mir entgegen. Sobald sie mich sahen, fragten sie mich auf arabisch, wer ich wäre und woher ich käme. Höchst erfreut, sie meine Sprache reden zu hören, befriedigte ich ihre Neugier, indem ich ihnen erzählte, auf welche Art ich Schiffbruch gelitten hätte, auf die Insel gekommen und in die Hände der Schwarzen gefallen wäre. "Aber diese Schwarzen," sagten sie zu mir, "sind Menschenfresser. Durch welches Wunder seid ihr ihrer Grausamkeit entgangen?" Ich erzählte ihnen, was ich euch so eben erzählt habe, und sie waren nicht wenig darüber verwundert. Ich blieb bei ihnen, bis sie die gewünschte Menge Pfeffer zusammengebracht hatten, worauf ich mich mit ihnen auf ihrem Fahrzeug einschiffte und wir nach der Insel segelten, von woher sie gekommen waren. Sie stellten mich ihrem König vor, der ein guter Fürst war. Er hatte die Geduld, die Erzählung meines Abenteuers anzuhören, und sie überraschte ihn. Er ließ mir hierauf Kleider geben, und befahl, man sollte für mich sorgen. Die Insel, auf welcher ich mich befand, war sehr bevölkert, hatte Überfluss an allen Arten von Dingen, und in der Stadt, welche der König bewohnte, wurde großer Handel getrieben. Dieser angenehme Zufluchtsort fing an, mich über mein Unglück zu trösten, und die Güte des großmütigen Fürsten für mich, machte meine Zufriedenheit vollkommen. Es stand in der Tat niemand besser bei ihm, und es gab folglich niemand am Hof und in der Stadt, der nicht Gelegenheit gesucht hätte, mir Vergnügen zu machen. So wurde ich also bald mehr wie ein Eingeborener der Insel, als wie ein Fremder angesehen. Ich bemerkte etwas mir sehr auffallendes. Alle Leute, der König selbst, ritten ohne Zaum und ohne Steigbügel. Ich nahm mir die Freiheit, ihn eines Tages zu befragen, warum Seine Majestät sich dieser Dinge nicht bediene. Er antwortete mir, dass ich von Dingen spräche, die man in seinen Staaten nicht kenne. Ich ging sogleich zu einem Handwerker, ließ bei ihm das hölzerne Gestell eines Sattels nach einem von mir gemachten Modell verfertigen, überzog es dann selbst mit Leder, stopfte es mit Haaren aus und zierte es mit einer goldenen Stickerei. Sodann wandte ich mich an einen Schlosser, der mir nach einer vorgezeichneten Form ein Gebiss und auch Steigbügel fertigte. Als diese Sachen in gehörigem Zustande waren, brachte ich sie zum König und versuchte sie auf einem seiner Pferde. Der Fürst bestieg das Tier und war so zufrieden mit dieser Erfindung, dass er mir seine Freude durch große Geschenke bezeigte. Ich konnte mich nicht verwehren, mehrere Sättel für seine Minister und seine vornehmsten Hausbeamten zu machen, die mich alle so beschenkten, dass ich in kurzer Zeit reich wurde. Ich fertigte dergleichen auch für die angesehensten Personen der Stadt, was mich in großen Ruf brachte, und mir allgemeine Achtung erwarb. Der König, dem ich sehr pünktlich meinen Hof machte, sagte eines Tages zu mir: "Sindbad, ich liebe dich und weiß, dass alle meine Untertanen, die dich kennen, dich nach meinem Beispiel lieben. Ich habe eine Bitte an dich, die du mir gewähren musst." - "Herr," erwiderte ich, "es gibt nichts, was ich nicht bereit wäre zu tun, um Euer Majestät meinen Gehorsam zu bezeigen. Ihr habt ganz und gar über mich zu gebieten." - "Ich will dich verheiraten," sagte der König, "damit diese Heirat dich in meinen Staaten festhalte, und du nicht mehr an dein Vaterland denkst." Da ich dem Willen des Fürsten nicht zu widerstreben wagte, so gab er mir zur Frau eine edle, schöne, kluge und reiche Dame seines Hofes. Nach den Hochzeitsfeierlichkeiten zog ich zu der Dame, mit welcher ich eine Zeitlang in einer vollkommenen Einigkeit lebte. Dessen ungeachtet war ich mit meinem Zustande unzufrieden, und es war meine Absicht, mich bei der ersten Gelegenheit davon zu machen, und nach Bagdad heimzukehren, dessen Andenken meine Lage, so vorteilhaft sie auch war, nicht in mir vertilgen konnte. Solche Gesinnungen hegte ich, als die Frau eines meiner Nachbarn, mit welchem ich einen sehr engen Freundschaftsbund geschlossen hatte, erkrankte und starb. Ich ging zu ihm, um ihn zu trösten, und fand ihn in die tiefste Betrübnis versunken. "Gott erhalte euch," so redete ich ihn an, "und schenke euch ein langes Leben." - "Ach!", entgegnete er, "wie wollt' ihr denn, dass mir die Gnade, die ihr mir wünscht, zu Teil wird? Ich habe nur noch eine Stunde zu leben." - "Oh," erwiderte ich, "setzt euch doch keinen so traurigen Gedanken in den Kopf, ich hoffe, das wird nicht Statt finden und ich werde noch lange Zeit das Vergnügen haben, euch zu besitzen." - "Ich wünsche, dass euer Leben von langer Dauer sei," versetzte er, "was mich betrifft, so ist's aus mit mir und ich benachrichtige euch, dass man mich heute mit meiner Frau begräbt. So will es der von unseren Voreltern auf dieser Insel eingeführte und unverletzlich beibehaltene Gebrauch. Der lebende Mann wird mit der toten Frau, die tote Frau mit dem lebenden Mann begraben. Nichts kann mich retten. Alle Verheiratete sind diesem Gesetz unterworfen1)." In diesem Augenblick, in welchem er mich von dieser seltsamen Barbarei unterrichtete, deren Bericht mich grausam erschreckte, kamen Verwandte, Freunde und Nachbarn insgesamt, um den Leichenbegängnis beizuwohnen. Man bekleidete die Frau mit ihren reichsten Kleidern, wie an ihrem Hochzeitstage, und schmückte sie mit allem ihren Geschmeide. Hierauf hob man sie auf eine offene Bahre und der Leichenzug begann. Der Mann folgte an der Spitze der Leidtragenden der Leiche seiner Frau. Man nahm den Weg auf einen hohen Berg, und als man dort angelangt war, erhob man einen großen Stein, der die Öffnung eines tiefen Brunnens bedeckte, und man ließ die Leich herab, ohne ihr etwas von ihren Kleidungsstücken oder von ihrem Geschmeide zu nehmen. Hierauf umarmte der Mann seine Verwandten und Freunde und ließ sich ohne Widerstand auf eine Bahre setzen, worauf man einen Krug mit Wasser neben ihn stellte, sieben kleine Brote dazu legte, und ihn sodann auf die gleiche Art wie seine Frau herabließ. Der sich weit ausdehnende Berg grenzte ans Meer und der Brunnen war sehr tief. Nach beendigter Feierlichkeit hob man den Stein wieder auf die Öffnung. Es ist wohl unnötig, euch zu sagen, dass ich ein sehr trauriger Zeuge dieser Leichenfeier war. Alle anderen dabei gegenwärtigen Personen schienen dagegen kaum gerührt zu werden, weil sie gewohnt waren, dergleichen oft zu sehen. Ich konnte mich nicht enthalten, dem König meine Gedanken darüber zu sagen. "Herr," sagte ich zu ihm, "ich kann mich nicht genügsam über den seltsamen, in euren Staaten herrschenden Gebrauch verwundern, die Lebenden mit den Toten zu begraben! Ich bin weit umhergereist, ich habe Menschen aus einer Unzahl von Völkern kennen gelernt und niemals von einem solchen Gesetz reden hören." - "Was willst du, Sindbad," antwortete mir der König, "es ist ein gemeinsames Gesetz, dem ich selbst unterworfen bin, und wenn die Königin, meine Gemahlin, früher stirbt als ich: So werd' ich lebendig mit ihr begraben." - "Aber, Herr," entgegnete ich, "dürft' ich Euer Majestät fragen, ob auch die Fremden verpflichtet sind, diesem Gebrauch zu beobachten." - "Ohne Zweifel," versetzte der König, indem er über den Beweggrund der Frage lachte, "sie sind nicht ausgenommen, sobald sie auf dieser Insel verheiratet sind." Ich ging mit dieser Antwort betrübt nach Hause. Die Furcht, dass meine Frau eher als ich sterben und man mich mit ihr lebendig begraben möchte, ließ mich sehr niederschlagende Betrachtungen anstellen. Wie aber diesem Übel abzuhelfen? Ich musste mich in Geduld fassen und in den Willen Gottes ergeben. Dessen ungeachtet zitterte ich bei der geringsten Unpässlichkeit meiner Frau. Aber ach! Ich hatte bald den ganzen Schrecken! Sie wurde wirklich krank und starb in wenigen Tagen ..." 1) Es ist bekannt, dass in Hindostan die Witwen verpflichtet sind, sich mit den Leichen ihrer Männer verbrennen zu lassen. Der heilige Hieronymus erzählt, dass die Scythen die Männer mit ihren Frauen begraben. |
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