| Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info | |
|
Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 63. 64. 65. 66. 67. 68. 69. 70. 71. 72. 73. 74. 75. 76. 77. 78. 79. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
71. NachtDinarsade wünschte leidenschaftlich, Amines Geschichte zu hören und deshalb erwachte sie sehr früh und beschwor die Sultanin, ihr zu erzählen, warum der Busen der liebenswürdigen Amine ganz mit Narben bedeckt sei. "Ich bin bereit," erwiderte Scheherasade, "und um keine Zeit zu verlieren, sollst du wissen, dass Amine, sich an den Kalifen wendend, ihre Geschichte, wie folgt, begann: Geschichte Amines"Beherrscher der Gläubigen," sagte sie, "um nicht Dinge zu wiederholen, von welchen Euer Majestät schon durch die Erzählung meiner Schwester unterrichtet ist, sag' ich euch nur, dass meine Mutter, nachdem sie ein Haus gemietet hatte, um in ihrem Witwenstand für sich zu leben, mich einem der reichsten Erben dieser Stadt zur Frau gab. Das erste Jahr unserer Ehe war noch nicht verflossen, als ich Witwe wurde, und zum Besitz des ganzen Vermögens meines Gatten kam, welches sich auf achtzigtausend Zeckinen belief. Die bloßen Zinsen dieser Summe reichten übrigens zu meinem sehr anständigen Lebensunterhalt vollkommen hin. Ich hatte mir jedoch, sobald die ersten sechs Monate meiner Trauer um waren, zehn verschiedene Anzüge von so großer Pracht machen lassen, dass jeder auf zehntausend Zeckinen zu stehen kam, und ich fing an, sie am Ende des Jahres zu tragen1). Als ich eines Tages mit häuslichen Angelegenheiten beschäftigt war, wurde mir gesagt, dass eine Frau mich zu sprechen verlange. Ich befahl, sie vorzulassen. Es war eine schon sehr bejahrte Person. Sie grüßte mich, indem sie die Erde küsste, und sagte zu mir, auf den Knien bleibend: "Meine gute Frau, ich bitte euch, mir die Freiheit zu verzeihen, die ich mir nehme, euch zu belästigen. Das Zutrauen, welches ich zu eurer Menschenliebe habe, macht mich so dreist. Wisst, verehrte Frau, dass ich eine vaterlose Tochter habe, die sich heute verheiraten soll, dass wir beide hier fremd sind, und in dieser Stadt nicht die geringste Bekanntschaft haben. Das setzt uns sehr in Verlegenheit, denn wir möchten gern der zahlreichen Familie, mit welcher wir uns verbinden sollen, zeigen, dass wir keine Unbekannte sind, und hier etwas gelten. Wenn ihr nun, meine gütige Frau, die Gefälligkeit haben wolltet, diese Hochzeit mit eurer Gegenwart zu beehren, so würden wir euch um so mehr verpflichtet sein, da die Frauen unseres Landes daraus folgern würden, dass wir hier nicht als Elende angesehen sind, wenn sie erfahren, dass eine Person von eurem Range es nicht verschmäht hätte, uns eine so große Ehre zu erweisen. Aber ach! Wenn ihr unsere Bitte unerfüllt lasst, welche Kränkung für uns! Wir wissen dann nicht, an wen wir uns wenden sollen." Diese Rede, bei welcher die arme Frau Tränen vergoss, bewegte mich zum Mitleiden. "Meine teure Mutter," sagte ich zu ihr, "betrübt euch nicht. Ich will euch gern die gewünschte Freude machen, sagt mir nur, wohin ich kommen soll, und lasst mir Zeit, mich ein wenig festlich zu kleiden." Die alte Frau war über diese Antwort vor Freuden außer sich, und schneller, mir die Füße zu küssen, als ich, es abzuwehren. "Meine liebreiche Frau," versetzte sie, als sie aufstand, "Gott wird euch für die Güte belohnen, die ihr euren Dienerinnen erweist, und euer Herz ebenso mit Freude erfüllen, wie ihr das unsrige damit erfüllt. Noch ist es nicht nötig, dass ihr euch so bemüht. Es genügt, dass ihr gegen Abend zu der Stunde, zu welcher ich euch abholen werde, mit mir kommt. Lebt wohl, verehrte Frau," fügte sie hinzu, "auf die Ehre, euch wieder zu sehen." Sobald sie mich verlassen hatte, wählte ich dasjenige von meinen Kleidern, das mir am meisten gefiel, mit einem Halsband von großen Perlen, Armbändern, Ringen und Ohrgehängen von den schönsten und glänzendsten Diamanten. Ich hatte eine Ahnung von dem, was mir begegnen sollte. Es begann Nacht zu werden, als die alte Frau mit freudigem Gesicht zu mir kam. Sie küsste mir die Hand und sagte zu mir: "Meine liebe Frau, die Verwandten meines Schwiegersohnes, welche die ersten Damen der Stadt sind, haben sich bereits versammelt. Beliebt's euch, so kommt: ich bin bereit, euch zu geleiten." Wir machten uns sogleich auf den Weg. Sie ging vor mir her, und ich folgte ihr mit einer großen Anzahl mir angehöriger, wohl gekleideter Sklavinnen. In einer sehr breiten, frisch gekehrten und besprengten Straße hielten wir vor einer großen Türe an, die von einer großen Laterne erleuchtet war, deren Licht mich über der Türe folgende aus goldenen Buchstaben bestehende Inschrift lesen ließ: "Hier ist die ewige Wohnung der Ergötzungen und der Freude." Die alte Frau klopfte an, und man öffnete sogleich. Man führte mich ans Ende des Hofes und in einen großen Saal, in welchem ich von einer jungen, unvergleichlich schönen Dame empfangen wurde. Sie kam mir entgegen, und nachdem sie mich umarmt und genötigt hatte, mich auf ein Sofa zu setzen, wobei sich ein mit Diamanten besetzter Thron von kostbarem Holz befand, sagte sie zu mir: "Verehrte Frau, man hat euch hierher geladen, um einer Hochzeit beizuwohnen, aber ich hoffe, dass diese Hochzeit eine andere sein wird, als ihr euch einbildet. Ich habe einen Bruder, welcher der wohl gebildetste und vollkommenste aller Männer ist. Er ist von dem Bild, das er von euren Reizen hat entwerfen hören, so entzückt, dass sein Schicksal von euch abhängt, und dass er sehr unglücklich sein wird, wenn ihr nicht Mitleid mit ihm habt. Er kennt den Rang, den ihr in der Welt behauptet, und ich kann euch versichern, dass der seinige einer Verbindung mit euch nicht unwürdig ist. Wenn meine Bitten etwas über euch vermögen, so füge ich sie zu den seinigen, und bitte euch, sein anerbieten, euch zu seiner Gattin zu machen, nicht zu verwerfen." Seit dem Tod meines Mannes hatte ich noch nicht daran gedacht, mich wieder zu verheiraten, aber ich hatte nicht die Kraft, einer so schönen Person eine abschlägige Antwort zu geben. Sobald ich durch ein Stillschweigen und ein errötendes Gesicht in die Sache eingewilligt hatte, klatschte die junge Dame mit den Händen, und sogleich öffnete sich ein Kabinett, aus welchem ein junger Mann von so majestätischem und dabei so anmutigem Aussehen trat, dass ich mich glücklich schätzte, eine so schöne Eroberung gemacht zu haben. Er nahm neben mir Platz, und ich erkannte aus der Unterhaltung, die wir miteinander hatten, dass seine Verdienste noch die Schilderung übertrafen, welche mir seine Schwester davon gemacht hatte. Als sie nun sah, dass wir miteinander zufrieden waren, klatschte sie zum zweiten Mal mit den Händen, und es trat ein Kadi2) ein, welcher unseren Heiratskontrakt aufsetzte, ihn unterzeichnete, und ihn auch von vier Zeugen, die er mitbrachte, unterzeichnen ließ. Das Einzige, was mein Mann von mir verlangte, war, dass ich mich nicht sehen lassen und mit keinem Mann, außer ihm, sprechen sollte, und er schwur mir, dass ich, wenn ich diese Bedingung erfüllte, alle Ursach' haben sollte, mit ihm zufrieden zu sein. So wurde unsere Heirat beschlossen und vollzogen, und ich war die Hauptschauspielerin bei der Hochzeit, zu welcher ich nur als Gast war eingeladen worden. Einen Monat nach unserer Verheiratung, als ich eben einigen Stoff brauchte, bat ich meinen Mann um die Erlaubnis, ausgehen und den Einkauf machen zu dürfen. Er gab dazu seine Einwilligung, und ich nahm zu meiner Begleitung die alte zum Hause gehörige Frau, von welcher ich schon gesprochen habe, und zwei meiner Sklavinnen mit. Als wir auf der Straße der Kaufleute waren, sagte die alte Frau zu mir: "Meine teure Gebieterin, da ihr einen seidenen Stoff sucht, so muss ich euch zu einem jungen Kaufmann führen, den ich kenne. Er hat dergleichen von allen Gattungen, und ohne euch damit zu ermüden, dass ihr von Laden zu Laden läuft, kann ich euch versichern, dass ihr bei ihm finden werdet, was ihr nirgends anders findet." Ich ließ mich führen, und wir traten in den Laden eines jungen, recht wohl gebildeten Kaufmannes. Ich setzte mich, und ließ ihm durch die alte Frau sagen, er solle mir seine schönsten seidenen Stoffe zeigen. Die Alte wollte, dass ich ihm das selbst sagen sollte, aber ich erwiderte ihr, dass es eine meiner Heiratsbedingungen sei, mit keinem andern Mann, als mit dem meinigen, zu sprechen, und das sich nicht dagegen handeln dürfe. Der Kaufmann zeigte mir mehrere Stoffe, und ich ließ ihn nach dem Preise des einen fragen, der mir am besten gefiel. Er entgegnete der Alten: Er ist mir weder um Gold noch Silber feil, aber ich will ihr ein Geschenk damit machen, wenn sie mir erlaubt, sie auf die Wange zu küssen. Ich befahl der Alten, ihm zu sagen, dass es sehr dreist von ihm wäre, mir diesen Vorschlag zu machen. Aber statt mir zu gehorchen, stellte sie mir vor, dass das, was der Kaufmann verlange, keine wichtige Sache sei, dass ich ja nicht zu sprechen, sondern bloß die Wange hinzuhalten brauchte und dass es schnell abgemacht sein würde. Ich hatte so große Luft, den Stoff zu besitzen, das sich einfältig genug war, diesen Rat zu befolgen. Die alte Frau und die Sklavinnen stellten sich vor mich, damit man mich nicht sehen könnte, und ich entschleierte mich, aber, statt mich zu küssen, biss mich der Kaufmann bis aufs Blut. Mein Schmerz und mein Erstaunen war so groß, dass ich ohnmächtig niedersank und dem Kaufmann Zeit genug ließ, seinen Laden zu schließen und die Flucht zu ergreifen. Als ich wieder zu mir selbst gekommen war, fühlte ich, dass meine Wange ganz mit Blut bedeckt war. Die alte Frau und meine Sklavinnen hatten Sorge getragen, sie alsbald mit meinem Schleier zu bedecken, damit die Leute, die her liefen, nichts gewahr werden und glauben möchten, es sei nur eine Ohnmacht, die mich befallen hätte." Indem Scheherasade diese letzten Worte sprach, sah sie das Tageslicht und schwieg. Der Sultan fand das, was er eben gehört hatte, sehr außerordentlich und stand auf, sehr neugierig, die Folge zu hören. 1)
Alles, was hier über die Trauer gesagt wird, ist nicht nur den Gebräuchen der Mohammedaner,
sondern selbst den Vorschriften des Koran zuwider. Im Allgemeinen kennt man
keine Trauer unter den Bekennern Mohammeds. Die Verbote des Koran sind darüber
ausdrücklich, und um eine Person zu bestrafen, welche sich zum Zeichen der
Trauer die Haare ausrisse, sagen sie: "Der große Gott würde ihr eben so
viel Häuser in die Hölle bauen, als sie sich Haare aus dem Kopf gerissen
hätte." Sie glauben auch noch, dass Gott das Grab aller derer verengen
wird, welche während ihres Lebens schwarze Kleider getragen haben, und dass sie
als Blinde wieder aufstehen werden. Diese Meinung hängt mit der einer
vollkommenen Ergebung in den Willen Gottes zusammen, welche eine der Hauptlehren
des Mohammedismus ist, und welche man oft, jedoch ganz irrig, mit dem Fatalismus
verwechselt hat. Indessen haben die Perser, die zur Sekte des Ali gehören, eine
Trauer von 40 Tagen, sie tragen jedoch nur 9 Tage lang Kleider von einer dunkeln
Farbe, haben aber für die ganz schwarze Kleidung dieselbe Abneigung, wie die
anderen Mohammedaner.
|
|
© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle |
|