| Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info | |
|
Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 61. 62. 63. 64. 65. 66. 67. 68. 69. 70. 71. 72. 73. 74. 75. 76. 77. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
69. NachtDinarsade bat ihre Schwester in der folgenden Nacht, die Erzählung Sobeïdes wieder aufzunehmen und zu berichten, was sich zwischen ihr und dem jungen Mann begab, den sie in jenem so schön von ihr geschilderten Palast fand. "Ich werde dir Genüge leisten," erwiderte die Sultanin. "Sobeïde setzte ihre Erzählung in folgenden Worten fort:" "Verehrte Frau," sagte der junge Mann zu mir, "ihr habt mir durch euer Gebet hinlänglich gezeigt, dass ihr die Erkenntnis des wahren Gottes besitzt. Ihr sollt eine sehr merkwürdige Wirkung von seiner Macht und seiner Größe erfahren. Wisst, dass diese Stadt die Hauptstadt eines mächtigen Königreichs war, dessen Namen der König, mein Vater führte. Dieser Fürst, sein ganzer Hof, die Bewohner der Stadt und alle seine anderen Untertanen waren Magier und Anbeter des Feuers und des Nardoun, des alten Königs der Riesen, die sich gegen Gott empört hatten. Obgleich von götzendienerischen Eltern abstammend, hab' ich doch das Glück gehabt, in meiner Jugend zur Hofmeisterin eine gute muselmännische Frau zu haben, die den Koran auswendig wusste und sehr gut auslegte. "Mein Prinz," sagte sie oft zu mir, "es gibt nur einen wahren Gott; hütet euch, andere anzuerkennen und anzubeten." Sie lehrte mich arabisch lesen und das Buch, welches sie mir zur Übung gab, war der Koran. Sobald ich sie zu begreifen vermochte, erklärte sie mir alle Punkte dieses trefflichen Buchs und flößte mir, ohne wissen meiner Eltern, allen seinen Geist ein. Sie starb, aber erst nachdem sie mir allen Unterricht erteilt hatte, dessen ich bedurfte, um vollkommen von den Wahrheiten der muselmännischen Religion überzeugt zu sein. Seit ihrem Tod bin ich fest bei den Gesinnungen geblieben, die sie mir eingeflößt hat, und habe den falschen Gott Nardoun und die Anbetung des Feuers verabscheut. Vor drei Jahren und einigen Monaten ließ sich plötzlich die ganze Stadt eine gewaltige Stimme hören und zwar so deutlich, dass niemand eines der von ihr gesprochenen folgenden Worte verlor: "Einwohner, lasst ab von der Anbetung Nardouns und des Feuers. Betet den einzigen Gott an, der da barmherzig ist." Dieselbe Stimme ließ sich drei Jahre hintereinander hören; aber da sich niemand bekehrte, so wurden am letzten Tage des dritten Jahres um drei oder vier Uhr des Morgens alle Einwohner in einem Augenblick, jeder in dem Zustand und in der Stellung, worin er sich eben befand, in Stein verwandelt. Den König, meinen Vater, traf dasselbe Los; er wurde zu schwarzem Stein, so wie man ihn noch an einem Ort dieses Palastes sieht, und die Königin, meine Mutter, hatte das gleiche Schicksal. Ich bin der einzige, den Gott mit dieser schrecklichen Züchtigung verschont hat, und seit dieser Zeit fahre ich fort, ihm mit größerer Inbrunst als je zu dienen und ich bin überzeugt, dass er nur euch, meine schöne Frau, zu meinem Trost schickt, wofür ich ihm innigst danke; denn ich gestehe euch, dass mich diese Einsamkeit sehr langweilt." Diese ganze Erzählung und vorzüglich diese letzten Worte entflammten mich vollends für ihn. "Prinz," sage ich zu ihm, "es ist nicht zu bezweifeln, mich hat die Vorsehung in eueren Hafen gebracht, um euch die Gelegenheit zu verschaffen, euch aus einem so traurigen Ort zu entfernen. Das Schiff, in welchem ich gekommen bin, kann euch überzeugen, dass ich zu Bagdad, wo ich andere recht beträchtliche Güter zurückgelassen habe, in einigem Ansehen stehe. Ich wage es, euch dort einen Zufluchtsort anzubieten, bis der mächtige Beherrscher der Gläubigen, der Verweser des großen Propheten, welchen ihr anerkennt, euch alle gebührende Ehre erwiesen hat. Dieser berühmte Fürst wohnt in Bagdad und sobald er euere Ankunft in seiner Hauptstadt erfahren haben wird, wird er euch zu erkennen geben, dass man seinen Beistand nicht vergebens anfleht. Es ist nicht möglich, dass ihr länger in einer Stadt bleibt, in welcher euch alle Gegenstände unerträglich sein müssen. Mein Schiff ist zu euren Diensten und ihr könnt unumschränkt darüber gebieten." Er nahm das Anerbieten an und wir brachten den übrigen Teil der Nacht damit zu, uns von unserer Einschiffung zu unterhalten. Sobald der Tag anbrach, gingen wir aus dem Palast und begaben uns in den Hafen, wo wir meine Schwestern, den Schiffshauptmann und meine Sklaven sehr um mich besorgt fanden. Nachdem ich den Prinzen meinen Schwestern vorgestellt hatte, erzählte ich ihnen, was mich verhindert hätte, am vergangenen Tag zum Schiff zurückzukehren, wie ich den jungen Prinzen getroffen, seine Geschichte und die Ursache der Verödung einer so schönen Stadt. Die Matrosen brachten mehrere Tage damit zu, die mitgebrachten Waren aus-, und an ihrer Stelle alles das einzuladen, was der Palast kostbares an Edelsteinen, Gold und Silber enthielt. Wir ließen das Hausgerät und eine Menge Goldschmiedearbeit zurück, weil wir sie nicht fortbringen konnten; denn wir hätten mehrere Schiffe dazu gebraucht, um alle die Reichtümer, die wir vor Augen hatten, nach Bagdad zu bringen. Nachdem wir nun das Schiff mit allen den Sachen, die wir mitnehmen wollten, beladen hatten, nahmen wir soviel Mundvorrat und Wasser ein, als zu unserer Reise nötig erachtet wurde. Was den Mundvorrat betraf, so war uns noch viel von dem übrig geblieben, den wir in Balsora eingeschifft hatten. Endlich segelten wir mit einem Winde, wie wir ihn nur wünschen konnten, ab." Bei diesen Worten bemerkte Scheherasade, dass es Tag war. Sie hörte auf zu reden und der Sultan stand auf, ohne etwas zu sagen, nahm sich aber vor, die Geschichte Sobeïdes und des jungen, so wunderbar erhaltenen Prinzen bis zu Ende zu hören. |
|
© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle |
|