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Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 53. 54. 55. 56. 57. 58. 59. 60. 61. 62. 63. 64. 65. 66. 67. 68. 69. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
61. NachtAls am folgenden Morgen Scheherasade die Erzählung der Abenteuer des dritten Kalenders fortsetzte, sagte sie: "Wisse, meine Schwester, dass der Prinz Sobeïde und ihrer Gesellschaft folgendermaßen weiter erzählte:" "Nach der Abreise des Greises, seiner Sklaven und des Schiffes, blieb ich allein auf der Insel; brachte die Nacht in der unterirdischen Wohnung zu, die nicht wieder verschlossen worden war, und am Tage ging ich auf der Insel umher, und verweilte, wenn ich der Ruhe bedurfte, an den Orten, die sich zum Ausruhen am meisten eigneten. Ich führte dieses langweilige Leben einen ganzen Monat lang. Nach Verlauf dieser Zeit bemerkte ich, dass die See beträchtlich abnahm und dass die Insel größer wurde: Das Festland schien sich zu nähern. In der Tat wurde das Wasser so niedrig, dass nur ein kleiner Meeresarm zwischen mir und dem Festland war. Ich ging durch, und das Wasser reichte mir nur bis an die Hälfte der Beine. Ich ging so lange längs des flachen Meeresufers und auf dem Sande, dass ich davon sehr müde wurde. Endlich erreichte ich einen festeren Boden und ich war schon ziemlich fern vom Meer, als ich sehr weit von mir etwas, wie ein großes Feuer, erblickte, was mir einige Freude machte. "Ich werde irgend jemand finden," sagte ich zu mir, "und es ist nicht möglich, dass sich dies Feuer von selbst entzündet hat." Aber als ich näher kam, schwand mein Irrtum, und ich erkannte bald, wie das, was ich für Feuer gehalten hatte, ein Schloss aus rotem Kupfer war, welches die Sonnenstrahlen von fern wie entflammt erscheinen ließen. Ich verweilte bei diesem Schloss und setzte mich, sowohl um seinen bewunderungswürdigen Bau zu betrachten, als um mich von meiner Müdigkeit ein wenig auszuruhen. Ich hatte diesem prächtigen Gebäude noch nicht alle Aufmerksamkeit geschenkt, die es verdiente, als ich zehn sehr wohl gebildete junge Männer erblickte, die von einem Spaziergang zu kommen schienen. Was mich aber sehr überraschte, war, dass sie alle auf dem rechten Auge blind waren. Sie begleiteten einen Greis von hohem Wuchs und ehrwürdigem Ansehen. Ich war nicht wenig erstaunt, so viele Einäugige auf einmal, und alle desselben Auges beraubt, zu sehen. Während ich hin und her sann, durch welches Abenteuer sie sich wohl könnten zusammengefunden haben, redeten sie mich an, und bezeigten mir ihre Freude, mich zu sehen. Nach den ersten Begrüßungen fragten sie mich, was mich hergeführt habe. Ich antwortete ihnen, dass meine Geschichte ein wenig lang sei, und dass ich ihnen nach ihrem Wunsch vollständige Auskunft geben würde, wenn sie die Güte haben wollten, sich zu setzen. Sie setzten sich, und ich erzählte ihnen, was mir seit der Abreise aus meinem Königreich bis zu jener Zeit begegnet war, worüber sie sehr erstaunten. Nachdem ich meine Erzählung beendet hatte, baten mich diese jungen Herren, mit ihnen in das Schloss zu treten. Ich nahm ihr Anerbieten an; wir gingen durch eine Reihe von sehr schön eingerichteten Sälen, Vorzimmern, Zimmern und Kabinetten, und kamen in einen großen Saal, in welchem sich rundum zehn kleine und voneinander getrennte Sofas befanden, sowohl um sich bei Tage darauf auszuruhen, als um bei Nacht darauf zu schlafen. In der Mitte dieses Rundes stand ein elftes, weniger hohes Sofa von derselben Farbe, worauf sich der erwähnte Greis setzte, und die zehn jungen Herren setzen sich auf die zehn anderen. Da jedes Sofa nur für eine Person eingerichtet war, so sagte einer der jungen Leute zu mir: "Freund, setzt euch auf den Teppich in der Mitte des Raumes, und fragt nach nichts, was uns betrifft, noch weniger nach der Ursache unserer Blindheit und dem rechten Auge; begnügt euch mit dem Sehen und treibt eure Neugier nicht weiter." Der Greis blieb nicht lange sitzen, er stand auf und ging hinaus; aber er kam nach einigen Augenblicken zurück, und brachte das Abendbrot der zehn Herren, von denen er jedem seinen Anteil besonders vorlegte. Er brachte auch mir den meinigen, den ich gleich den übrigen allein verzehrte, und zu Ende der Mahlzeit reichte eben derselbe Greis jedem von uns eine Schale mit Wein. Meine Geschichte war ihnen so außerordentlich vorgekommen, dass ich sie ihnen zu Ende der Mahlzeit wiederholen musste, und sie gab Veranlassung zu einer Unterredung, welche einen großen Teil der Nacht hindurch währte. Einer der Herren, welcher die Bemerkung gemacht hatte, dass es schon spät sei, sagte zu dem Greise: "Ihr seht, dass es Schlafenszeit ist, und bringt uns nichts, um unsere Pflicht zu erfüllen." Nach diesen Worten stand der Greis auf, und ging in eine Kabinett, aus welchem er nach und nach zehn Becken brachte, wovon jedes mit einem blauen Stoff bedeckt war. Er stellte vor jeden Herrn eines nebst einem großen Licht. Sie hoben die Decke von ihren Becken, in welchen Asche, Kohlenstaub und Schwarz zum Schwarzmachen lag. Sie mischten alle diese Dinge durcheinander, und begannen sich damit das Gesicht zu bereiben und zu besudeln, so, dass sie abscheulich anzusehen waren. Nachdem sie sich auf diese Weise schwarz gemacht hatten, fingen sie an zu weinen und zu klagen und sich vor den Kopf und die Brust zu schlagen, indem sie unaufhörlich schrieen: "Das ist die Frucht unseres Müßigganges und unserer Ausschweifungen!" Sie brachten die ganze Nacht mit dieser seltsamen Beschäftigung zu. Endlich hörten sie damit auf, worauf ihnen der Greis Wasser brachte, womit sie sich Gesicht und Hände wuschen; sie zogen auch ihre schmutzig gewordenen Kleider aus und andere an, so dass es nun schien, als hätten sie gar nichts von den erstaunlichen Dingen getan, deren Zuschauer ich war. Urteilt, verehrte Frau, von dem Zwang, in welchem ich mich diese ganze Zeit über befand. Ich war tausendmal in Versuchung, das Stillschweigen zu brechen, welches diese Herren mir auferlegt hatten, und ihren Fragen vorzulegen, und es war mir unmöglich, den übrigen Teil der Nacht zu schlafen. Bald nachdem wir am folgenden Morgen aufgestanden waren, gingen wir aus, um frische Luft zu schöpfen; da sagte ich zu ihnen: "Meine Herren, ich erkläre, dass ich dem Gesetz entsage, welches ihr mir gestern Abend auferlegt habt, ich kann es nicht beobachten. Ihr seid kluge Leute und habt alle ungemein viel Verstand, das habt ihr mir hinlänglich bewiesen, dessen ungeachtet hab' ich euch Handlungen begehen sehen, deren nur Unsinnige fähig sind. Was für ein Unglück mir auch widerfahren möge, ich kann es nicht unterlassen, euch zu fragen, weshalb ihr euch das Gesicht mit Asche, Kohle und schwarzer Farbe beschmutzt habt, endlich, weshalb ihr alle einäugig seid? Davon muss etwas sehr Sonderbares die Ursache sein, und deshalb beschwöre ich euch, meine Neugier zu befriedigen." Auf so dringende Anwendungen erwiderten sie nichts, als dass der Gegenstand meiner Fragen mich nichts anginge, dass ich nicht den geringsten Anteil daran hätte, und dass ich mich dabei beruhigen sollte. Wir brachten den Tag damit zu, uns von gleichgültigen Dingen zu unterhalten, und als es Nacht geworden war, brachte, nachdem jeder abgesondert zu Abend gegessen hatte, der Greis wieder die blauen Becken; die jungen Herren beschmutzten sich, weinten, schlugen sich, und schrieen: "Das ist die Frucht unseres Müßiggangs und unserer Ausschweifungen." Am folgenden Tage und in den folgenden Nächten taten sie dasselbe. Auf die Dauer konnte ich meiner Neugier nicht widerstehen und ich bat sie sehr ernsthaft, sie zu befriedigen, oder mir den Weg anzuzeigen, auf welchem ich in mein Königreich zurückkehren könnte; denn ich sagte ihnen, dass es mir nicht möglich wäre, länger bei ihnen zu verweilen und alle Nächte ein so außerordentliches Schauspiel zu sehen, ohne dass ich dessen Ursachen erfahren dürfte. Einer der Herren antwortete mir statt der andern: "Verwundert euch nicht über unser Benehmen in Betreff eurer; wenn wir bisher euren Bitten noch nicht nachgegeben haben, so ist das aus reiner Freundschaft für euch geschehen und um euch den Kummer zu ersparen, in denselben Zustand versetzt zu werden, in welchem ihr uns seht. Wenn ihr unser unglückliches Geschick erleiden wollt, so braucht ihr es nur zu sagen und wir werden euch die gewünschte Auskunft geben." Ich sagte ihnen, dass ich auf alles gefasst sei. "Noch ein Mal," sagte derselbe Herr, "raten wir euch eure Neugier zu mäßigen; es handelt sich um den Verlust eures rechten Auges." - "Das tut nichts," erwiderte ich, "ich erkläre euch, dass ich euch von aller Schuld frei spreche, wenn mir dieses Unglück begegnet, und dass ich es nur mir selber zuschreiben werde." Er stellte mir noch vor, dass, wenn ich ein Auge verloren hätte, ich nicht darauf rechnen dürfte bei ihnen zu bleiben, wenn ich etwa diesen Gedanken hegte, da ihre Anzahl vollzählig wäre und nicht vermehrt werden könnte. Ich sagte ihnen, dass ich mir ein Vergnügen daraus machen würde, mich niemals von so wackeren, lieben Leuten wie sie, zu trennen, dass, wenn jedoch diese Trennung notwendig wäre, ich mich bereit erklärte, mich auch ihr zu unterwerfen, weil ich wünschte, dass sie mir, zu was für einem Preise es auch sei, mein Verlangen gewährten. Die zehn Herren, welche sahen, dass ich unerschütterlich in meinem Entschluss war, nahmen einen Hammel, den sie erwürgten; und nachdem sie ihm die Haut abgezogen hatten, überreichten sie mir das Messer, dessen sie sich bedient hatten und sagten zu mir: "Nehmt dieses Messer, es wird euch bei der Gelegenheit, wovon wir euch bald mehr sagen werden, Dienste leisten. Wir werden euch in diese Haut einnähen, mit welcher ihr euch umhüllen müsst; nachher werden wir euch auf dem Platz lassen und fortgehen. Dann wird ein Vogel von einer ungeheuren Größe, den man Roch1) nennt, in der Luft erscheinen, euch für einen Hammel ansehen, auf euch herab schießen und euch bis in die Wolken entführen. Lasst euch aber dadurch nicht schrecken! Er wird seinen Flug zur Erde richten und euch auf dem Gipfel eines Berges niedersetzen. Sobald ihr euch auf der Erde fühlen werdet, zerschlitzt die Haut mit dem Messer und enthüllt euch. Wenn euch der Roch gesehen haben wird, wird er aus Furcht davon fliegen und euch frei lassen. Haltet euch nicht auf; geht weiter, bis ihr zu einem Schloss von bewundernswerter Größe gelangt, welches ganz mit Goldplatten, Smaragden und anderen kostbaren Edelsteinen bedeckt ist. Zeigt euch an der Türe, die immer offen ist, und geht hinein. Wir alle, so viel wir hier sind, sind in diesem Schloss gewesen. Wir sagen euch nichts von dem, was wir dort gesehen haben, noch was uns dort begegnet ist; ihr werdet es selbst erfahren. Was wir euch sagen können, ist, dass es jedem von uns das rechte Auge gekostet hat; und die Buße, von welcher ihr Zeuge gewesen seid, ist uns auferlegt, weil wir dort gewesen sind. Die besondere Geschichte eines jeden von uns ist voll außerordentlicher Abenteuer und man würde ein dickes Buch davon machen können; aber wir können euch nicht mehr hierüber sagen." Hier unterbrach Scheherasade ihre Erzählung und sagte zum Sultan von Indien. "Herr, da meine Schwester mich heute ein wenig früher als gewöhnlich geweckt hat, so fürchte ich Euer Majestät zu langweilen; aber der Tag bricht zur gelegenen Zeit an und gebietet mir Stillschweigen." Die Neugier Schachriars siegte nochmals über den grausamen Schwur, den er getan hatte. 1)
Noch bedeutet das Gesicht, Antlitz usw. und ist der Name eines Vogels von
ungeheurer Größe, der "seine Türe zum Ausgang aus dem Dasein hat"
(unsterblich ist). Man sagt, dass er, wenn das Nashorn und der Elefant
miteinander kämpfen, dem Kampfe zusieht, und dass, wenn das erstere sein Horn
in den Bauch seines Gegners stößt, er sie beide packt und in die Lüfte
entführt. |
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