Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info
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58. Nacht

"Um Gotteswillen, meine Schwester," rief am folgenden Morgen Dinarsade, "fahre, ich beschwöre dich, in der Erzählung des dritten Kalenders fort." - "Der Prinz, meine liebe Schwester," versetzte Scheherasade, "erzählte folgendermaßen weiter:

"Beim Anblick dieser Stufen (denn es war weder rechts noch links ein Raum, wohin man die Füße setzen und folglich sich retten konnte,) dankte ich Gott und rief, indem ich zu steigen anfing, seinen heiligen Namen an. Die Treppe war sehr schmal, so steil und so schwer zu ersteigen, dass ein nur einigermaßen heftiger Wind mich umgeworfen und mich ins Meer gestürzt hätte. Doch ich gelangte endlich ohne Unfall ans Ziel, ich trat in den Dom, warf mich auf die Erde und dankte Gott für die mir erwiesene Gnade.

Ich brachte die Nacht unter dem Dom zu. Im Schlaf erschien mir ein ehrwürdiger Greis und sagte zu mir: "Höre, Agib, wenn du erwacht sein wirst, so grabe die Erde unter deinen Füßen auf. Du wirst dann einen Bogen aus Erz und drei bleierne Pfeile finden, die unter gewissen Gestirnständen gefertigt sind, um das menschliche Geschlecht von so vielen, ihm drohenden Übeln zu befreien. Schieße die drei Pfeile auf das Standbild ab; der Reiter wird in das Meer fallen und das Ross auf deine Seite, und du musst es dann an derselben Stelle begraben, wo du den Bogen und die Pfeile gefunden hast. Wenn das geschehen ist, wird das Meer bis zum Fuß des Doms und bis zur Höhe des Berges anschwellen. Ist es nun so hoch gestiegen, so wirst du einen Kahn landen sehen, in welchem sich nur ein einziger Mann mit einem Ruder in jeder Hand befinden wird. Dieser Mann wird von Erz, aber von dem, welchen du herunter geschossen hast, verschieden sein. Besteige sein Schiff, ohne den Namen Gottes auszusprechen, und überlass dich seiner Führung. Er wird dich in zehn Tagen in ein anderes Meer bringen, wo du das Mittel finden wirst, frisch und gesund heimzukehren, wenn du nur, wie ich die schon gesagt habe, während der ganzen Reise den Namen Gottes nicht aussprichst."

So lauteten die Worte des Greises. Sobald ich erwacht war, stand ich, durch diese Erscheinung sehr getröstet, auf und unterließ nicht zu tun, was dieser Greis mir befohlen hatte. Ich grub Bogen und Pfeile aus und schoss nach dem Reiter. Durch den dritten Pfeil stürzte ich ihn ins Meer und das Pferd fiel auf meine Seite. Ich vergrub es an der Stelle des Bogens und der Pfeile, und das Meer schwoll inzwischen an und erhob sich nach und nach. Als es bis auf die Höhe des Berges und an den Fuß des Doms gestiegen war, erblickte ich von fern einen Kahn, der auf mich zu kam. Ich dankte Gott, da ich sah, dass sich alles meinem Traum gemäß begab.

Endlich landete der Kahn und ich sah auf ihm den Mann von Erz, ganz wie er mir geschildert worden war. Ich schiffte mich ein und hütete mich wohl, den Namen Gottes auszusprechen; ich sprach sogar kein anderes Wort. Ich setzte mich nieder und der Mann aus Erz fing wieder an zu rudern, indem er sich von dem Berg entfernte. Er ruderte ohne aufzuhören, bis zum neunten Tage, an welchem ich Inseln sah, die mich hoffen ließen, dass ich bald aus der Gefahr, welche ich zu fürchten hatte, entkommen würde. Das Übermaß meiner Freude ließ mich das gegebene Verbot vergessen: "Gott sei gelobt!", rief ich aus.

Ich hatte diese Worte noch nicht ganz ausgesprochen, als der Kahn mit dem Manne aus Erz ins Meer versank. Ich hielt mich auf dem Wasser und schwamm den übrigen Teil des Tages hindurch auf das Land zu, das mir das nächste schien. Es folgte eine sehr dunkle Nacht, und da ich nicht mehr wusste, wo ich war, so schwamm ich aufs Geratewohl. Endlich erschöpften sich aber meine Kräfte, ich begann an meiner Rettung zu verzweifeln, als der Wind heftiger wurde und eine berghohe Woge mich an eine Küste warf, an welcher sie mich ließ. Ich eilte ans Land zu kommen, aus Furcht, dass mich eine andere Woge zurückwerfen möchte, und das erste, was ich tat, war, dass ich mich auskleidete, das Wasser aus meinen Kleidern wand und sie dann, um sie zu trocknen, auf dem Sande ausbreitete, der noch von der Hitze des Tages erwärmt war.

Am folgenden Tage hatte die Sonne meine Kleider bald getrocknet. Ich zog mich wieder an und ging vorwärts, um zu sehen, wo ich war. Ich war nicht lange gegangen, als ich erkannte, dass ich mich auf einer wüsten, aber sehr angenehmen kleinen Insel befand, auf welcher es mehrere Arten von fruchttragenden und wilden Bäumen gab. Aber ich bemerkte, dass sie bedeutend entfernt vom Festland war, was meine Freunde über meine Rettung aus dem Meere sehr verminderte. Nichts desto weniger überließ ich Gott die Sorge, über mein Schicksal nach seinem Willen zu schalten, als ich ein Fahrzeug erblickte, welches mit vollen Segeln vom festen Lande kam und sein Vorderteil auf die Insel gerichtet hatte, auf welcher ich mich befand.

Da ich nicht zweifelte, dass es dort vor Anker gehen würde und ich nicht wusste, ob die darauf befindlichen Leute Freunde oder Feinde wären, so glaubte ich mich nicht sogleich zeigen zu müssen. Ich stieg auf einen sehr belaubten Baum, von welchem ich ohne Gefahr ihr Benehmen sehen konnte. Das Schiff fuhr in eine kleine Bucht, wo zehn Sklaven ans Land stiegen, die eine Schaufel und andere, zum Aufgraben der Erde geschickte Werkzeuge trugen. Sie gingen nach der Mitte der Insel, ich sah sie dort verweilen und eine Zeit lang graben, und dem Anschein nach erhoben sie eine Falltüre. Sie kehrten hierauf zu ihrem Fahrzeug zurück, schifften mehrere Arten von Mundvorrat und Hausgeräte aus, jeder belud sich und trug seine Last an die Stelle, wo sie die Erde aufgegraben hatten; dort stiegen sie hinab, was mich vermuten ließ, dass daselbst ein unterirdischer Raum wäre. Ich sah sie nochmals zum Schiff gehen und kurze Zeit nachher mit einem Greise zurückkehren, der einen sehr wohl gebildeten jungen Menschen von vierzehn oder fünfzehn Jahren mit sich führte. Sie stiegen alle hinab, wo die Falltüre aufgehoben worden war; und als sie wieder heraufgekommen waren, die Falltüre niedergelassen, sie wieder mit Erde bedeckt hatten und sich wieder auf den Weg nach der Bucht begaben, wo das Schiff sich befand, bemerkte ich, dass der junge Mensch nicht bei ihnen war, woraus ich schloss, dass er in dem unterirdischen Raum geblieben wäre, ein Umstand, der mich in Erstaunen setzte.

Der Greis und die Sklaven schifften sich ein, und das unter Segel gegangene Schiff nahm den Weg wieder nach dem Festland. Als es so fern war, dass die Mannschaft mich nicht gewahr werden konnte, stieg ich vom Baum herab und begab mich eilig an die Stelle, wo ich hatte graben sehen. Ich grub nun auch, bis ich einen Stein fand, der zwei oder drei Fuß im Gevierte hatte; ich hob ihn auf und sah, dass er den Eingang zu einer Treppe bedeckte, die auch von Stein war. Ich stieg herab und fand unten ein großes Zimmer, in welchem ich einen Fußteppich sah und ein Sofa mit einem andern Teppich und mit Kissen von einem reichen Stoffe versehen, auf welchem der junge Mensch mit einem Fächer in der Hand saß. Ich unterschied alle diese Sachen bei dem Licht zweier Kerzen, ebenso auch Früchte und Blumentöpfe, die bei ihm standen. Der junge Mensch war erschrocken, mich zu sehen, um ihn jedoch zu beruhigen, sagte ich zu ihm beim Eintreten: "Wer ihr auch seid, Herr, fürchtet nichts, ein Königssohn und König wie ich, ist nicht fähig, euch die geringste Beleidigung zuzufügen. Es ist im Gegenteil, allem Anschein nach, euer gutes Geschick, welches mich hierher gebracht hat, um euch aus diesem Grabe zu bringen, in welches man euch, wie es scheint, aus mir unbekannten Ursachen, lebendig begraben hat. Was mich jedoch befremdet und was ich nicht begreifen kann, (denn ich muss euch nur sagen, dass ich alles mit angesehen habe, was euch seit eurer Ankunft auf dieser Insel begegnet ist), ist, dass es mir so vorkam, als hättet ihr euch ohne Widerstand hier begraben lassen."

Scheherasade schwieg an dieser Stelle und der Sultan erhob sich von seinem Lager, sehr ungeduldig, zu erfahren, warum dieser junge Mensch auf einer wüsten Insel so verlassen worden wäre, was er in der folgenden Nacht zu hören hoffte.

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