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56. Nacht

Als die Sultanin erwacht war, nahm sie sogleich das Wort, um in der Geschichte des zweiten Kalenders, wie folgt, fort zu fahren.

"Edle Frau," sagte der Kalender zu Sobeïde, "der Sultan ließ die Prinzessin Dame der Schönheit die Erzählung des Kampfes vollenden, und als sie geendet hatte, sagte er ihr mit einem Ton, der von lebhaften Schmerz schilderte, von welchem er durchdrungen war: "Meine Tochter, du siehst, in welchem Zustand dein Vater ist. Ach! Ich bin erstaunt, dass ich noch lebe. Der Verschnittene, dein Hofmeister, ist gestorben, und der Prinz, dessen Zauber du so eben gelöst hast, hat ein Auge verloren." Er konnte nicht mehr sagen, Tränen, Seufzer und Schluchzen benahmen ihm die Sprache. Seine Tochter und ich, wir waren sehr gerührt über seine Betrübnis und wir weinten mit ihm. Während wir uns gleichsam um die Wette betrübten, schrie die Prinzessin: "Ich brenne, ich brenne!" Sie fühlte, dass das Feuer, welches sie verzehrte, sich nun ihres ganzen Leibes bemächtigte, und sie hörte nicht eher auf zu schreien: "Ich brenne!", bis der Tod ihren unerträglichen Schmerzen ein Ende gemacht hatte. Die Wirkung dieses Feuers war so außerordentlich, dass sie in wenigen Augenblicken, gleich dem Geist, in Asche verwandelt war.

Ich mag euch nicht sagen, verehrte Frau, wie sehr ich von einem so traurigen Schauspiel gerührt war. Lieber, als meine Wohltäterin so elend umkommen zu sehen, wär' ich mein ganzes Leben hindurch Affe oder Hund geblieben. Der Sultan seinerseits, der über alle Begriffe betrübt war, stieß ein klägliches Geschrei aus, indem er sich heftig vor den Kopf und die Brust schlug, bis er, seiner Verzweiflung unterliegend, in Ohnmacht fiel und mich für sein Leben fürchten ließ. Inzwischen liefen die Verschnittenen und die Beamten auf das Geschrei des Sultans herbei, den sie nur mit großer Mühe wieder zu sich brachten. Dieser Fürst und ich, wir hatten nicht nötig, ihnen eine lange Erzählung von diesem Abenteuer zu machen, um sie von dem Schmerz zu überzeugen, den wir darüber empfanden; die beiden Aschenhaufen, in welche die Prinzessin und der Geist verwandelt worden waren, machten ihnen das Geschehene nur allzu begreiflich. Da der Sultan sich kaum aufrecht zu erhalten vermochte, war er genötigt, sich auf seine Verschnittenen zu stützen, um wieder in sein Zimmer zu gelangen.

Sobald sich die Nachricht von einer so traurigen Begebenheit im Palast und in der Stadt verbreitet hatte, beklagte jedermann das Unglück der Prinzessin Dame der Schönheit und nahm an der Betrübnis des Sultans Teil. Sieben Tage lang beging man alle Feierlichkeiten der tiefsten Trauer. Die Asche des Geistes wurde den Winden übergeben, die der Fürstin in ein kostbares Gefäß gesammelt, um sie darin aufzubewahren; und dieses Gefäß wurde in einem prächtigen Grabmahl aufbewahrt, welches an demselben Ort, wo man die Asche gesammelt hatte, errichtet wurde.

Der Kummer, welchen der Sultan über den Verlust seiner Tochter empfand, zog ihm eine Krankheit zu, die ihn nötigte, einen Monat lang das Bett zu hüten. Er war noch nicht gänzlich genesen, als er mich rufen ließ. "Prinz," sagte er zu mir, "hört den Befehl, den ich euch zu geben habe; es gilt euer Leben, wenn ihr ihn nicht ausführt." Ich versicherte ihm, dass ich pünktlich gehorchen würde. Hierauf nahm er das Wort und sagte: "Ich hatte immer in einer vollkommenen Glückseligkeit gelebt und kein Unfall hatte sie gestört; durch eure Ankunft ist das Glück, dessen ich genoss, entschwunden. Meine Tochter ist gestorben, ihr Hofmeister lebt nicht mehr und mir ist das Leben nur durch ein Wunder gegönnt. Ihr allein seid die Ursache so vieler Unglücksfälle, über welche ich mich unmöglich trösten vermag. Darum zieht in Frieden von hinnen, aber unverzüglich; ich selbst würde sterben, wenn ihr länger hier verweilt; denn ich bin überzeugt, dass eure Gegenwart Unglück bringt; das ist alles, was ich euch zu sagen hatte. Reist, und hütet euch, jemals wieder in meinen Staaten zu erscheinen; keine Rücksicht würde mich hindern, es euch bereuen zu lassen." Ich wollte reden; aber er schloss mir den Mund durch Worte voll Zorn und ich war genötigt, mich aus seinem Palast zu entfernen.

Von aller Welt zurückgestoßen, verjagt und verlassen und ohne zu wissen, was aus mir werden sollte, ehe ich die Stadt verließ, ging ich in ein Bad, ließ mir Bart und Augenbrauen scheren, und wählte die Tracht eines Kalenders. Ich machte mich auf den Weg und beweinte minder mein eigenes Elend, als das der schönen Prinzessinnen, deren Tod ich veranlasst hatte. Ich durchstrich mehrere Länder, ohne mich zu erkennen zu geben; endlich fasste ich den Entschluss, mich nach Bagdad zu begeben, in der Hoffnung, mich dem Beherrscher der Gläubigen vorstellen zu lassen und durch die Erzählung einer so seltsamen Geschichte sein Mitleid zu erregen. Diesen Abend bin ich hier angekommen und die erste Person, die mir bei meiner Ankunft aufstieß, war der Kalender, unser Bruder, der vor mir gesprochen hat. Ihr wisst das Übrige, edle Frau, und warum ich die Ehre habe, mich in eurem Hause zu befinden."

Als der zweite Kalender mit seiner Erzählung zu Ende war, sagte Sobeïde, an welche er das Wort gerichtet hatte, zu ihm: "Es ist gut; geht nun, wohin ihr wollt, ich gebe euch dazu die Erlaubnis." Anstatt aber fort zu gehen, bat er die Dame, ihm dieselbe Gunst zu erweisen, wie dem ersten Kalender, neben welchen er sich setzte.

"Aber, Herr," sagte Scheherasade nach diesem letzten Worten, "es ist Tag und mir deshalb nicht erlaubt fort zu fahren. Ich wage zu versichern, dass, so angenehm auch die Geschichte des zweiten Kalenders ist, die des dritten nicht minder schön genannt werden mag. Eure Majestät gehe mit sich zu Rate, ob sie die Geduld haben wird, sie zu hören. Der Sultan, neugierig zu wissen, ob sie wunderbarer wäre, als die erste, stand auf, entschlossen, das Leben Scheherasades noch zu verlängern, obgleich der von ihm bewilligte Aufschub bereits seit mehreren Tagen verflossen war.

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