Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info
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51. Nacht

Dinarsade beschwur bei ihrem Erwachen ihre Schwester ihr zu erzählen, ob der Derwisch frisch und gesund aus dem Wasserbehälter herausgekommen wäre. "Ja," erwiderte Scheherasade: "denn der zweite Kalender fuhr folgendermaßen fort: "Der Wasserbehälter war von Feen und Geistern bewohnt, welche schnell bei der Hand waren, um dem Vorsteher der Derwische beizustehen, ihn auffingen und ihn, bis er auf den Grund kam, so unterstützten, dass er sich gar keinen Schaden tat. Er merkte wohl, dass etwas außerordentliches in diesem Sturze statt fand, der ihm eigentlich das Leben hätte kosten müssen; aber er sah und fühlte nichts. Dessen ungeachtet vernahm er bald eine Stimme, welche sagte: "Wisst ihr, wer der Ehrenmann ist, dem wir diesen guten Dienst geleistet haben?" und als andere Stimmen mit "Nein" geantwortet hatten, fuhr die erste fort: "Ich will's euch sagen. Dieser Mann hat die Stadt, in welcher er wohnte, aus dem größten Wohlwollen von der Welt verlassen und hat hier seinen Wohnsitz aufgeschlagen, in der Hoffnung, einen von seinen Nachbarn von dem Neide zu heilen, den dieser gegen ihn hegte. Er wird hier so allgemein geschätzt, dass der Neider, der dies nicht ertragen konnte, in der Absicht hierher kam, ihn ums Leben zu bringen; was er auch bewerkstelligt hätte, wären wir dem Ehrenmanne nicht zu Hülfe gekommen, dessen ruf so groß ist, dass der Sultan, der in der benachbarten Stadt Hof hält, ihn morgen besuchen will, um die Prinzessin, seine Tochter, seinen Gebeten zu empfehlen.

Eine andere Stimme fragte, weshalb die Prinzessin der Gebete des Derwisches bedürfe? worauf die erste erwiderte: "Ihr wisst also nicht, dass sie von dem Geist Maimun1) Sohn des Dimdim2) besessen ist, der sich in sie verliebt hat? Aber ich weiß wohl, wie dieses gute Oberhaupt der Derwische sie heilen könnte, die Sache ist sehr leicht und ich will sie euch sagen. Es befindet sich in seinem Kloster eine schwarze Katze, welche am Ende des Schwanzes einen weißen Fleck, ungefähr von der Größe einer kleinen Silbermünze hat. Er darf nur seine Härchen aus diesem weißen Fleck reißen, sie verbrennen und mit ihrem Rauch das Haupt der Prinzessin beräuchern. Sogleich wird sie geheilt und so sicher von Maimun, dem Sohn Dimdims, befreit sein, dass er sich's niemals wieder wird einkommen lassen, sich ihr ein zweites Mal zu nähern."

Das Oberhaupt der Derwische verlor nicht ein Wort von dieser Unterredung der Feen und der Geister, welche nach dem Erwähnten die ganze Nacht hindurch ein tiefes Stillschweigen beobachteten. Als er nun bei Anbruch des folgenden Tages die Gegenstände erkennen konnte, fand er, da der Wasserbehälter an mehreren Stellen verfallen war, eine Lücke, durch welche er ohne Mühe heraus kam.

Die Derwische, welche ihn suchten, waren sehr erfreut ihn wieder zu sehen. Er erzählte ihnen in wenigen Worten die boshafte Tat des Gastes, den er am vergangenen Tage so gut aufgenommen hatte, und begab sich sodann in seine Zelle. die schwarze Katze, von welcher in der Nacht die Feen und die Geister sich unterredet hatten, blieb nicht lange aus, und kam, um ihn auf gewohnte Weise lieb zu kosen. Er nahm sie, riss ihr sieben Härchen aus dem weißen fleck ihres Schwanzes und legte sie bei Seite, um sich ihrer zu bedienen, wenn es Not täte.

Die Sonne war noch nicht lange aufgegangen, als der Sultan, der nichts verabsäumen wollte, was zur schnellen Heilung der Prinzessin beitragen konnte, an der Pforte des Klosters anlangte. Er befahl seiner Leibwache, dort zu warten, und ging mit den vornehmsten Beamten, die ihn begleiteten, ins Haus. Die Derwische empfingen ihn mit tiefer Ehrfurcht.

Der Sultan zog ihr Oberhaupt bei Seite. "Guter Scheich," sagte er zu ihm, "dir ist vielleicht der Gegenstand, der mich zu dir führt, schon bekannt." - "Ja, mein Fürst," erwiderte der Derwisch in bescheidenem Tone, "es ist, wenn ich nicht irre, die Krankheit der Prinzessin, welcher ich diese unverdiente Ehre verdanke." - "so ist's," versetzte der Sultan, "du würdest mir das Leben wiedergeben, wenn deine Gebete die Genesung meiner Tochter bewirkten." - "Herr," entgegnete der Ehrenmann, "wenn Euer Majestät so gnädig sein will, sie hierher kommen zu lassen, so schmeichele ich mir, dass sie mit Gottes Hülfe und Gnade vollkommen gesund heimkehren soll."

Der Fürst, vor Freude außer sich, ließ auf der Stelle seine Tochter holen, welche alsbald, begleitet von einem zahlreichen aus Frauen und Verschnittenen bestehenden Gefolge, erschien, und so verschleiert war, dass man ihr Gesicht nicht sehen konnte. Das Oberhaupt der Derwische ließ eine Rauchpfanne an das Haupt der Prinzessin halten, und kaum hatte er die sieben Härchen auf die herbeigebrachten glühenden Kohlen gelegt, als der Geist Maimun, Sohn Dimdims, ein heftiges Geschrei ausstieß, ohne dass man irgend etwas sah, und aus der Prinzessin ausfuhr. Sie fasste sogleich mit der Hand den Schleier, der ihr Gesicht bedeckte und hub ihn in die Höhe, um zu sehen, wo sie wäre.

"Wo bin ich," rief sie aus, "wer hat mich hierher gebracht?" - Bei diesen Worten konnte der Sultan das Übermaß seiner Freude nicht verbergen, er umarmte seine Tochter und küsste sie auf die Augen; er küsste auch dem Oberhaupte der Derwische die Hand, und sagte zu den ihn begleitenden Beamten: "Saget mir eure Meinung; welche Belohnung verdient der, welcher meine Tochter auf diese Weise geheilt hat?" Sie erwiderten alle: "Er verdient, sie zu heiraten." - "Das hatte ich im Sinn," sagte der Sultan, "und ich mache ihn von diesem Augenblicke an zu meinem Schwiegersohn."

Bald nachher starb der erste Wesir. Der Sultan übertrug dem Derwisch sein Amt; und da der Fürst ohne männliche Kinder starb, so wurde der Ehrenmann von der versammelten Priesterschaft und Kriegsmacht einstimmig zum Sultan erklärt und als solcher anerkannt."

Der anbrechende Tag nötigte Scheherasade, inne zu halten. Der Derwisch schien dem Schachriar der erhaltenen Krone würdig; aber dieser Fürst war begierig zu wissen, ob der Neider vor Kummer gestorben war, und er stand mit dem Entschluss auf, es in der folgenden Nacht zu erfahren.

Ü   Þ


1) Der Getreue. ­
2) Der Wohlgefällige.
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