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Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 40. 41. 42. 43. 44. 45. 46. 47. 48. 49. 50. 51. 52. 53. 54. 55. 56. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
48. NachtDinarsade erwachte kurz vor Tage, und rief der Sultanin zu: "Schwester, wenn du nicht schläfst, so bitte ich dich, uns zu erzählen, was in dem unterirdischen Palast vorging, nachdem der Prinz den Talisman zertrümmert hatte." "Du sollst es sogleich hören," sagte Scheherasade. Und indem sie den Faden wieder aufnahm, erzählte sie in der Person des zweiten Kalenders also weiter: Kaum war der Talisman zerbrochen, so erbebte der Palast, als wollte er zusammenstürzen, mit einem furchtbaren, dem Donner ähnlichen Getöse, begleitet von Blitzen, abwechselnd mit tiefer Finsternis. Dieses entsetzliche Krach zerstreute augenblicklich die Dünste des Weines, und ließ mich, freilich zu spät, meine Unbesonnenheit erkennen. "Prinzessin," rief ich aus, "was bedeutet dies?" Sie antwortete, ganz erschrocken, und ohne an ihr eigenes Unglück zu denken: "Wehe! es ist um euch geschehen, wenn ihr nicht entflieht." Ich folgte ihrem Rath und mein Schreck war so groß, dass ich meine Axt und Schuhe vergaß. Kaum hatte ich die Treppe erreicht, welche ich herab gestiegen war, als der Zauberpalast sich auftat, und der Geist hereinfuhr. Er fragte zornig die Prinzessin: - "Was ist euch zugestoßen? und warum ruft ihr mich?" - "Eine Übelkeit," antwortete die Prinzessin, "nötigte mich, die Weinflasche zu holen, welche ihr hier sehet; ich trank zwei oder dreimal davon, unglücklicherweise tat ich einen Fehltritt, und fiel auf den Talisman, welcher zerbrach. Weiter ist es nichts." Auf diese Antwort sagte der Geist wütend zu ihr: "Ihr seid eine unverschämte Lügnerin. Die Axt und die Schuhe dort, wie kommen die hierher?" - "Ich sehe sie jetzo zum ersten Mal," erwiderte die Prinzessin. "In dem Ungestüm, womit ihr gekommen seid, habt ihr sie vielleicht selber im vorbei Streichen irgendwo aufgerafft und mit hierher gebracht, ohne es bemerkt zu haben." Der Geist antwortete nur durch Schimpfreden und durch Schläge, wovon ich den Lärm hörte. Ich konnte es nicht länger aushalten, das Weinen und das Wehgeschrei der so grausam misshandelten Prinzessin zu hören. Ich hatte schon das Kleid, welches sie mich anlegen lassen, ausgezogen und meines wieder genommen, das ich am vorigen Tage, als ich aus dem Bade kam, auf die Treppe gelegt hatte. Also stieg ich vollends hinauf, um so mehr von Schmerz und Mitleid durchdrungen, als ich die Ursache eines so großen Unglücks und der undankbarste und strafbarste aller Menschen war, indem ich die schönste Prinzessin der Erde der Grausamkeit eines unversöhnlichen Geistes hingab. "Es ist wahr," sagte ich bei mir selber, "dass sie seit fünfundzwanzig Jahren eine Gefangene ist: aber, die Freiheit ausgenommen, blieb ihr nicht zu wünschen übrig, um glücklich zu sein. Meine Unbesonnenheit zerstört ihr Glück, und überliefert sie der Grausamkeit eines erbarmungslosen Geistes." Ich ließ die Falltüre nieder, bedeckte sie wieder mit Erde, und kehrte nach der Stadt zurück, mit einer Fracht Holz, welche ich zurecht hatte, ohne zu wissen, was ich tat, so sehr war ich erschüttert und betrübt. Zugleich sprach ich folgende Verse aus: "O du Schicksal, das sich meinem glücke so widersetzt, als wäre ich dein Feind! täglich bringst du mir noch ein größeres Unglück. Lassest du mir auch einmal einen Tag heiter vorübergehen, so muss ich immer wieder ein Unheil erwarten, das du mir für den nächsten Tag bereitest." Der Schneider, mein Wirth, bezeugte eine große Freude, mich wieder zu sehen. "Eure Abwesenheit," sagte er zu mir, "hat mir viel Unruhe gemacht, wegen des Geheimnisses eurer Geburt, das ihr mir vertraut habt. Ich wusste nicht, was ich denken sollte, und fürchtete, dass euch jemand erkannt hätte. Gott sei gedankt für eure Heimkehr!" Ich dankte ihm für seine Teilnahme und Freundschaft: aber ich sagte ihm nichts von dem, was mir begegnet war, noch von der Ursache, dass ich ohne Axt und Schuhe heim kam. Ich begab mich in meine Kammer, wo ich mir tausendmal meine große Unbesonnenheit vorwarf. "Nichts," sagte ich zu mir selber, "wäre meinem Glücke mit der Prinzessin zu vergleichen gewesen, wenn ich mich hätte bezähmen können, und den Talisman nicht zerbrochen hätte." Während ich mich diesen trübseligen Gedanken hingab, trat der Schneider herein, und sagte zu mir: "Ein Greis, den ich nicht kenne, kömmt eben mit eurer Axt und euren Schuhen, welche er auf seinem Wege gefunden hat, wie er sagt. Er hat von euren Genossen, die mit euch in den Wald gehen, erfahren, dass ihr hier wohnet. Komet und redet mit ihm; er will sie euren eigenen Händen übergeben." Bei dieser Rede verwandelte sich meine Farbe, und ich zitterte am ganzen Leibe. Der Schneider fragte mich um die Ursache davon, als plötzlich der Boden meiner Kammer sich auftat: der Greis, der nicht die Geduld gehabt hatte, zu warten, erschien, und stand mit der Axt und den Schuhen vor uns. Es war der Geist und Entführer der Prinzessin von der Ebenholz-Insel, welcher diese Gestalt angenommen, nachdem er sie mit der äußersten Grausamkeit behandelt hatte. "Ich bin ein Geist," reif er aus, "ein Sohn der Tochter des Iblis, des Fürsten der Geister. Ist das hier nicht deine Axt?" fügte er hinzu, indem er sich zu mir wandte. "Sind das hier nicht deine Schuhe?" Scheherasade bemerkte bei dieser Stelle, dass es Tag war, und hörte auf zu erzählen. Der Sultan fand die Geschichte des zweiten Kalenders zu schön, als dass er nicht mehr davon hätte wissen wollen. deshalb stand er mit der Absicht auf, in der folgenden Nacht die Fortsetzung derselben zu hören. |
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