Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Max Habicht
         1001 Nacht

            Vorgeschichte
            Der Esel, der Ochs
               und der Bauer
            Nächte

               ...
               27.
               28.
               29.
               30.
               31.
               32.
               33.
               34.
               35.
               36.
               37.
               38.
               39.
               40.
               41.
               42.
               43.
               ...
            Inhalt nach Titel
            Inhalt nach Nummer

35. Nacht

Dinarsade unterließ in der folgenden Nacht nicht, ihre Schwester aufzufordern, die wundersame Geschichte fortzusetzen, die sie angefangen hatte.

Scheherasade nahm darauf das Wort, und sich an den Sultan wendend, sprach sie: "Herr, mit eurer Erlaubnis, will ich die Neugier meiner Schwester befriedigen."

Zugleich nahm sie die Geschichte der drei Kalender1) wieder auf:

"Sobeïde wollte also das Geld von dem Träger nicht wiedernehmen. "Aber, mein Freund," sagte sie, zu ihm, "wenn wir bewilligen, dass ihr bei uns bleibt, so kündige ich euch an, dass es nicht bloß unter der Bedingung geschieht, verschwiegen zu sein, wie wir von euch gefordert haben, wir bedingen auch noch, dass ihr genau die Regeln der Wohlanständigkeit und Ehrerbietigkeit beobachtet."

Während sie also sprach, legte die reizende Amine ihr Staatskleid ab, schürzte ihren Rock mit dem Gürtel, um sich freier bewegen zu können, und bereitete den Tisch; sie trug mehrere Gerichte auf, und besetzte einen Schanktisch mit Weinflaschen und goldnen Schalen. Danach setzten sich die Frauen, und ließen den Träger neben ihnen sitzen, der über alle Beschreibung glücklich war, sich mit drei Personen von so außerordentlicher Schönheit am Tisch zu sehen.

Nach dem ersten Bissen nahm Amine, die sich zu dem Schanktische gesetzt hatte, eine Flasche und eine Schale, schenkte sich ein, und trank zuerst, nach Gewohnheit der Araber. Als dann schenkte sie ihren Schwestern ein, welche eine nach der andern tranken: hierauf füllte sie zum vierten Mal die Schale, und bot sie dem Träger, welcher, indem er sie annahm, Amine die Hand küsste, und bevor er trank, ein Lied sang, dessen Inhalt war: dass wie der Wind die Wohlgerüche der duftenden Gegenden, die er durchstreicht, mit sich führt, ebenso der Wein, den er aus ihrer Hand empfing, dadurch einen köstlicheren Geschmack erhielte, als er von Natur hätte.

Dieser Anfang erfreute die Frauen, welche hierauf auch sangen. Kurz die Gesellschaft war sehr aufgeräumt während des Mahls, welches sehr lange dauerte, und von allem begleitet war, was es angenehm machen konnte.

Der Tag war beinahe zu Ende, als Safie im Namen der drei Frauen das Wort nahm, und zu dem Träger sagte: "Steht auf und geht; es ist Zeit, euch zu entfernen."

Der Träger konnte sich nicht entschließen, sie zu verlassen, und antwortete: "Ei schöne Frauen, wo soll ich hingehen, in dem Zustand, worin ich mich befinde? Ich bin durch euren Anblick und den Trunk meiner nicht mehr mächtig: ich werde nimmer den Weg nach meinem Haus finden. Vergönnt mir die Nacht, wieder zu mir zu kommen: ich will sie zubringen, wo es euch beliebt. In kürzerer Zeit vermag ich mich nicht wieder in den Zustand herzustellen, in welchem ich war, als ich bei euch eintrat: und dann noch bin ich ungewiss, ob ich nicht den bessern Teil von mir hier zurücklasse."

Amine redete abermals dem Träger das Wort, und sagte: "Meine Schwestern, er hat Recht; ich bin mit seiner Forderung wohl zufrieden. Er hat uns gut genug unterhalten; wenn ihr mir folgen wollt, oder vielmehr, wenn ihr mich so liebt, wie ich davon überzeugt bin, so behalten wir ihn hier, und lassen ihn den Abend mit uns zubringen." -

"Meine Schwester," antwortete Sobeïde, "wir können eurer Bitte nichts versagen. - Träger," fuhr sie fort, indem sie sich zu ihm wandte, "wir wollen euch gern auch noch diese Gunst erzeugen; wir machen aber dabei eine neue Bedingung. Was wir auch in eurer Gegenwart vornehmen mögen, uns selber oder etwas anderes betreffend, hütet euch wohl, nur den Mund zu öffnen, um uns über den Grund davon zu befragen, denn wenn ihr über Dinge, die euch keineswegs angehen, Fragen an uns tätet, so möchtet ihr etwas hören, das euch nicht gefiele. Drum nehmt euch in Acht, und seid nicht zu neugierig, die Beweggründe unserer Handlungen erforschen zu wollen."

"Herrin," antwortete der Träger, "ich verspreche euch, diese Bedingung mit solcher Gewissenhaftigkeit zu beobachten, dass ihr nicht Ursache haben sollt, euch über eine Verletzung derselben, und noch weniger über meine Unbescheidenheit zu beschweren. Meine Zunge soll bei dieser Gelegenheit unbeweglich sein, und meine Augen sollen wie ein Spiegel sein, welcher nichts von den Gegenständen behält, die er empfängt."

"Um euch zu überzeugen," fuhr Sobeïde mit sehr ernsthafter Miene fort, "dass das, was wir von euch verlangen, nicht eine neue Einrichtung bei uns ist, so steht auf und lest, was über unserer Tür hier innerhalb geschrieben steht."

Der Träger ging und las folgende Worte, die in großen goldenen Buchstaben geschrieben waren:

"Wer von Dingen redet, die ihn nichts angehen, hört, was ihm nicht gefällt."

Er kam hierauf zurück zu den drei Schwestern, und sagte zu ihnen: "Schöne Frauen, ich schwöre euch, dass ihr ich von keiner Sache sollt reden hören, welche mich nichts angeht, und wobei euer Vorteil im Spiele sein könnte."

Nachdem dieser Vertrag gemacht war, brachte Amine das Abendessen, und als sie den Saal mit einer großen Anzahl von Kerzen erleuchtet hatte, welche, mit Aloeholz und grauem Ambra zubereite, einen angenehmen Geruch verbreiteten und eine schöne Erleuchtung machten, setzte sie sich mit ihren Schwestern und dem Träger zu Tische. Sie fingen an, zu essen, zu trinken, zu singen und Verse herzusagen. Die Frauen hatten ihr Vergnügen daran, den Träger zu berauschen, unter dem Vorwand, ihn auf ihre Gesundheit trinken zu lassen. Scherzreden wurden nicht gespart; kurz, sie waren alle bei der heitersten Laune von der Welt, als sie an die Türe klopfen hörten ..."

Bei dieser Stelle war Scheherasade genötigt, ihre Erzählung abzubrechen, weil sie den Tag anbrechen sah.

Der Sultan zweifelte nicht, dass die Fortsetzung dieser Geschichte auch gehört zu werden verdiente, verschob sie bis auf die folgende Nacht und stand auf.

Ü   Þ


1) Die Kalender sind Geistliche von ziemlich ausschweifender Art, welche die Türkei und Persien durchstreichen. Ihr Witz verschafft ihnen oft eine gute Aufnahme. Sie haben eine Kopftracht sonderbarer Form.
Sie heißen so von ihrem Stifter, Kalender. Diesen rühmen sie als einen trefflichen Arzt und großen Weltweisen, in Besitz übernatürlicher Kräfte, durch welche er Wunder tut. Er ging barhaupt und den Leib mit Wunden bedeckt. Er hatte keine Hemde und gar keine andere Kleidung, als ein Tierfell über der Schulter. An seinem Gürtel trug er einige hell geschliffene Steine, und an seinen Armen sehr glänzende falsche Steine. Seine Schüler lieben die Kunst und das Vergnügen. Sie leben sorglos, unbekümmert um Wissenschaft, und ihr Wahlspruch ist: "Heute gehört mir, morgen gehört ihm: Wer weiß, ob er's erlebt?" Diesem Grundsatz gemäß, bringen sie all ihre Zeit mit Essen und Trinken hin. Bei den Reichen suchen sie sich durch ihre Erzählungen und Späße angenehm zu machen, damit man ihnen gütlich tue. Die meisten sind Landstreicher, denen das Wirtshaus eben so heilig ist, als die Moschee.
­

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de