Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Max Habicht
         1001 Nacht

            Vorgeschichte
            Der Esel, der Ochs
               und der Bauer
            Nächte

               ...
               26.
               27.
               28.
               29.
               30.
               31.
               32.
               33.
               34.
               35.
               36.
               37.
               38.
               39.
               40.
               41.
               42.
               ...
            Inhalt nach Titel
            Inhalt nach Nummer

34. Nacht

In der folgenden Nacht wurde Dinarsade von der Ungeduld aufgeweckt, den Verlauf der angefangenen Geschichte zu hören, und sprach zu der Sultanin:

"Meine Schwester, ich bitte dich, um Gotteswillen, erzähle uns, was die drei schönen Frauen mit allen den Vorräten machten, welche Amine gekauft hatte."

"Du sollst es erfahren," antwortete Scheherasade, "wenn du mir aufmerksam zuhören willst." Zugleich nahm sie diese Erzählung folgendermaßen wieder auf:

"Der Träger war sehr zufrieden mit dem Geld, das er empfangen hatte, und sollte nun sein Korb nehmen und heimgehen; aber er konnte sich nicht dazu entschließen: er fühlte sich unwillkürlich fest gehalten durch das Vergnügen, drei so seltene Schönheiten zu sehen, die ihm alle gleich reizend erschienen: denn Amine hatte nun auch ihren Schleier abgelegt und er fand sie nicht minder schön, wie die beiden andern. Was er aber nicht begreifen konnte, war, dass er keinen Mann in diesem Hause sah. Gleichwohl waren die meisten Sachen, welche er hergetragen hatte, wie die trocknen Früchte, und die verschiedenen Arten von Kuchen und Eingemachtem, nur für Leute passend, welche trinken und sich erlustigen wollten.

Sobeïde glaubte anfangs, dass der Träger stehen bliebe, um sich zu verschnaufen; als sie ihn aber zu lange verweilen sah, sagte sie zu ihm: "Was wartet ihr? Seid ihr nicht hinreichend bezahlt? - Meine Schwester," fügte sie hinzu, indem sie sich zu Amine wandte, "gib ihm noch etwas, damit er zufrieden von hinnen gehe." - "Gnädige Frau," antwortete der Träger, "das ist nicht, was mich zurückhält; ich bin mehr als zu reichlich für meine Mühe bezahlt. Ich sehe wohl, dass ich eine Unhöflichkeit begangen habe, indem ich hier länger blieb, als ich sollte; aber ich hoffe, ihr werdet die Güte haben, und sie meiner Verwunderung verzeihen, dass ich hier keinem Mann sehe bei drei Frauen von so ungemeiner Schönheit. Eine Gesellschaft von Frauen ohne Männer ist gleichwohl ein eben so trauriges Ding, als eine Gesellschaft von Männern ohne Frauen." Er begleitete diese Rede noch mit mehreren sehr ergötzlichen Wendungen, um seine Behauptung zu beweisen. Er vergaß auch nicht, sich auf das Sprichwort in Bagdad zu berufen, dass man nicht gut tafelt, wenn man nicht zu Vieren ist; und er beschloss damit, weil sie nur ihrer drei wären, dass ihnen noch der vierte Mann fehlte. Zugleich bekräftigte er dies durch folgende Verse:

"Vier ist die Zahl, die zur Fröhlichkeit stimmt: eine Geige, eine Laute, Zither und eine Harfe.

Vier Wohlgerüche treten ihnen bei: Rosen, Myrten, Levkojen und Lilien.

Vier gesellen sich zu diesen am besten: Wein, junges Blut, Liebe und Geld."

Die Frauen lachten über die Rede des Trägers. Hierauf sagte aber Sobeïde ernsthaft zu ihm; "Mein Freund, ihr treibt eure Unbescheidenheit ein wenig zu weit; aber obschon ihr nicht verdient, dass ich mich auf Erklärungen gegen euch einlasse, so will ich euch gleichwohl sagen, dass wir drei Schwestern sind, und ein so zurückgezogenes Leben führen, dass niemand etwas davon weiß. Wir haben einen zu wichtigen Grund, uns zu hüten, dass ein Unbescheidener darum wisse; und ein guter Schriftsteller, den wir gelesen haben, sagt:

"Bewahre dein Geheimnis, und entdecke es niemand: wer es entdeckt, ist nicht mehr Herr davon.

Wenn dein eigener Busen dein Geheimnis nicht behalten kann, wie sollte der Busen desjenigen, dem du es vertraut hast, es behalten können?"

"Schöne Frauen," fuhr der Träger fort, "nach eurem Ansehen allein habe ich euch gleich für sehr ausgezeichnete Personen erkannt; und ich sehe, dass ich mich nicht getäuscht habe. Obwohl das Glück mir nicht so viel Güter zugeteilt hat, um mich zu einem höheren Gewerbe, als das meinige, zu erheben, so habe ich doch nicht unterlassen, so viel ich konnte, meinen Geist zu bilden, durch Lesen wissenschaftlicher und geschichtlicher Bücher; und ihr werdet mir erlauben, euch zu sagen, dass ich in einem andern Schriftsteller auch einen andern Spruch gelesen, den ich immer bewährt gefunden habe:

"Wir verbergen unser Geheimnis nur vor Leuten," sagt er, "die aller Welt als Unbescheidene bekannt sind, und unser Vertrauen missbrauchen würden; aber wir haben kein Bedenken, es den Verständigen zu entdecken, weil wir überzeugt sind, dass sie es bewahren werden."

Ein Geheimnis ist bei mir in eben so großer Sicherheit, als wenn es in einer Kammer wäre, deren Schlüssel verloren und deren Türe wohl versiegelt ist."

Sobeïde erkannte wohl, dass es dem Träger nicht an Geist fehlte; aber in der Meinung, dass er Lust hätte, an dem Male Teil zu nehmen, womit sie sich bewirten wollten, erwiderte sie ihm lächelnd: "Ihr wisst, dass wir uns ein Mahl bereiten; ihr wisst aber auch, dass wir eine ansehnliche Ausgabe gemacht haben: es wäre also unbillig, wenn ihr daran Teil nehmen wolltet, ohne dazu beigesteuert zu haben."

Die schöne Safie bekräftigte den Ausspruch ihrer Schwester, und sagte zu dem Träger: "Mein Freund, habt ihr nie gehört, was man insgemein sagt:

"Bringst du was mit, so giltst du was bei uns; bringst du nichts, so geh' weiter mit nichts."

Der Träger wäre, trotz seiner Beredsamkeit, vielleicht doch gezwungen gewesen, mit Beschämung abzuziehen, wenn Amine sich nicht eifrig seiner angenommen, und zu Sobeïde und Safie gesagt hätte: "Meine lieben Schwestern, ich beschwöre euch, zu erlauben, dass er bei uns bleibe: ich brauche euch nicht zu sagen, dass er uns belustigen wird; ihr seht wohl, dass er dessen fähig ist. Ich versichere euch, ohne seinen guten Willen, seine Leichtigkeit und seinen guten Mut, mir zu folgen, wäre es mir nicht möglich gewesen, so viel in so kurzer Zeit einzukaufen. Übrigens wenn ich euch alle die Artigkeiten wiederholen wollte, welche er mir unterwegs gesagt hat, so würdet ihr keineswegs verwundert sein über den Schutz, den ich ihm angedeihen lasse.

Bei diesen Worten Amines fiel der Träger, entzückt vor Freuden, vor ihr auf die Knie, küsste die Erde zu den Füßen dieser reizenden Person; und indem er aufstand, sagte er zu ihr: "Meine liebenswürdige Herrin, ihr habt heute mein Glück begonnen, ihr vollendet es jetzt durch eine so großmütige Handlung: ich kann nicht genug euch meine Erkenntlichkeit bezeigen. - Übrigens, gnädige Frauen," fügte er hinzu, indem er sich an die drei Schwestern zusammen wandte, "wenn ihr mir eine so große Ehre erweist, so fürchtet nicht, dass ich sie missbrauche und es so ansehe, als wenn ich sie verdiene: nein, ich werde mich immer als euren demütigen Sklaven betrachten."

Indem er so sprach, wollte er das Geld zurückgeben, was er empfangen hatte; aber die ernste Sobeïde befahl ihm, es zu behalten. "Was einmal aus unsern Händen gekommen ist," sagte sie, "zur Belohnung derjenigen, die uns Dienste geleistet haben, das kehrt nie wieder darin zurück."

Die aufsteigende Morgenröte gebot an dieser Stelle Scheherasade Stillschweigen.

Dinarsade, die mit großer Aufmerksamkeit zuhörte, war sehr verdrießlich darüber; doch konnte sie sich trösten, weil der Sultan, neugierig zu wissen, was zwischen den drei schönen Frauen und dem Lastträger vorgehen würde, die Fortsetzung dieser Geschichte auf die folgende Nacht verschob, und aufstand, um seine gewöhnlichen Geschäfte zu besorgen.

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de