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Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
15. NachtAls in der folgenden Nacht Dinarsade ihre Schwester Scheherasade aufgeweckt hatte, fuhr diese, mit Erlaubnis des Sultans, folgendermaßen fort: "Herr, der Kadi erzählte den drei Prinzen, bevor er sein Urteil aussprach, folgende Geschichte: "Es war einmal ein junger Mann, der ein junges Mädchen leidenschaftlich liebte, und von ihr wieder geliebt wurde. Sie wünschten beide, dass eine glückliche Heirat sie vereinen möchte: aber die Eltern des Mädchens hatten andere Absichten mit ihr, sie versprachen sie mit einem andern Manne, und waren eben bereit, sie ihm zu überliefern, als sie ihrem Geliebten begegnete. "Ihr wisst nicht, was vorgeht," sagte sie weinend zu ihm; "meine Eltern geben mich einem Manne, den ich niemals gesehen haben; ich muss auf die süße Hoffnung verzichten, die Eurige zu werden: welche harte Notwendigkeit." - "Ach! Meine Königin," rief der verzweifelte Liebhaber aus, "meine Sultanin, was sagt ihr da? Ist es möglich, dass man euch meinen Wünschen entreißt? O Himmel! Was soll aus mir werden?" Indem er diese Worte aussprach, kamen ihm die Tränen in die Augen. Sie begannen beide, sich über ihr Unglück zu beklagen, und erweichten einander. Aber während der Liebhaber nur mit seinem Kummer beschäftiget war, dachte die gute Geliebte zugleich daran, seinen Kummer zu lindern. "Mäßiget diesen lebhaften Schmerz," sagte sie zu ihm; "ich verspreche euch, in meiner ersten Hochzeitnacht, bevor ich mich mit meinem Manne zu Bette lege, zu euch in eure Wohnung zu kommen." Dieses Versprechen tröstete ein wenig den Liebhaber, welcher diese Nacht mit großer Ungeduld erwartete. Unterdessen machten die Eltern der Braut alle Anstalten zu der Hochzeit; und kurz, sie vermählten sie mit dem ihr bestimmten Manne. Es war Nacht, und schon hatten sich die Neuvermählten in die Brautkammer zurückgezogen, und schickten sich an, sich zu Bette zu legen, als der Mann gewahrte, dass seine Frau bitterlich weinte. "Was habt ihr, liebe Frau?" fragte er sie, "und was ist die Ursache eurer Tränen? Wenn ihr Widerwillen hattet, euch mir hinzugeben, warum habt ihr mir es nicht eher kund getan? Ich würde euch nie zur Heirat gezwungen haben." Die Frau antwortete, dass sie keinen Widerwillen gegen ihn hätte. "Wenn das ist, liebe Frau," fuhr er fort, "warum denn betrübt ihr euch so? saget es mir, ich beschwöre euch darum." Kurz, er drang so stark in sie, dass sie ihm gestand, sie hätte einen Geliebten; jedoch wäre weniger die Leibe zu ihm der Gegenstand ihres Kummers und ihrer Tränen, als die Unmöglichkeit, worin sie sich befände, ihr ihm gegebenes Wort zu halten. Der Mann war ein gutmütiger Mensch, und dabei von heiterer Laune; er bewunderte die Einfalt seiner Frau, und sagte zu ihr: "Liebe Frau, ich weiß euch eurer Freimütigkeit so großen Dank, dass ich, anstatt euch Vorwürfe zu machen, dieses unzeitige Versprechen getan zu haben, euch vielmehr erlauben will, es zu erfüllen." - "Wie, Herr," unterbrach sie ihn, sehr überrascht, "ihr könnet einwilligen, dass ich meinen Geliebten zu besuchen ginge?" - "Ja, ich willige drein," erwiderte der Mann, "unter der Bedingung, dass ihr vor Tage wieder hier seid, und dass ihr mir gelobet, niemand wieder dergleichen Versprechen zu tun. Da ihr eurer Zusage so getreu seid, so glaube ich darauf rechnen zu können." Sie schwur ihm, wenn er so gefällig gegen sie wäre, ihr diesen Ausgang zu gestatten, sie ihm immerdar getreu sein würde, und es das letzte Mal sein sollte, dass sie mit ihrem Liebhaber spräche. Im Vertrauen auf diesen Schwur ging der Mann selber hin und öffnete ihr leise die Türe nach der Straße, damit niemand vom Hausgesinde das Abenteuer erführe; und die Frau trat hinaus, noch in ihren Hochzeitkleidern, bedeckt mit einer großen Menge von Perlen und Diamanten. Kaum hatte sie zwanzig Schritte getan, als sie einem Räuber begegnete, der, als er im Mondschein die Edelsteine erblickte, womit sie geschmückt war, ganz entzückt vor Freuden ausrief: "Ha, welch ein Glück! O Schicksal, welchen Dank bin ich dir schuldig, dass du mir die Gelegenheit darbietest, auf einmal reich zu werden." Mit diesen Worten nähert er sich der Frau, hält sie an, und schickt sich an, sie zu berauben. Aber indem er ihr ins Angesicht blickte, erschien sie ihm auf einmal so schön, dass er ganz verdutzt davon ward. "Was sehe ich?" sagte er, "es ist keine Täuschung, die mich blendet; o Himmel! kann man auf einmal so viel Reichtümer und so viel Schönheit sehen? Welche Schätze! welche Reize! Ich weiß nicht, womit ich anfangen soll. - Aber schöne Frau," fügte er hinzu, darf ich meinen bezauberten Augen trauen? durch welchen Eigensinn des Schicksals wandelt eine so reizende und so reich gekleidete Frau um diese Stunde allein auf der Straße?" Die Frau erzählte ihm unbefangen den Zusammenhang. Der Räuber hörte ihr mit Verwunderung zu. "Wie? schöne Frau," sagte er zu ihr; euer Mann hat für euch diese Gefälligkeit, und um eure Tränen zu trocknen, hat er einem andern die köstlichste seiner Nächte abtreten wollen?" - "Ja, Herr," antwortete sie. "In Wahrheit, schöne Frau," erwiderte der Räuber, "dieser Zug ist einzig. Ich bin davon bezaubert; und da ich auch liebe, ungewöhnliche Dinge zu tun, so will ich weder eure Juwelen, noch eure Ehre antasten; ich lasse euch euren Weg fortsetzen; ich will ein eben so außerordentlicher Räuber sein, als euer Mann ein außerordentlicher Ehemann ist: gehet und besuchet euren glücklichen Geliebten. Aber ich will euch dahin führen und euer Begleiter sein: denn ihr könntet auf einen minder bedenklichen Räuber stoßen, als ich bin." Mit diesen Worten fasste er sie bei der Hand, und begleitete sie bis zum hause des Geliebten; darauf sagte er ihr Lebewohl, und entfernte sich. sie klopft an die Türe, man öffnet. Sie steigt hinauf in das Zimmer ihres Geliebten; er ist sehr erstaunt, sie zu sehen. "O mein Geliebter," sagte sie zu ihm, "ich komme mein euch gegebenes Wort zu halten: heute bin ich verheiratet worden." - "Und wie," ruft der junge Mann aus, " wie habt ihr euch der glühenden Ungeduld eines Bräutigams entziehen können? Ihr müsstet, wie mich deucht, in diesem Augenblick in seinen Armen sein." Die Frau machte ihm hierauf ebenfalls einen offenherzigen Bericht von dem, was zwischen ihr und ihrem Manne vorgegangen war. Der Geliebte war darüber nicht minder verwundert, als es der Räuber gewesen war. "Ist es möglich, Herrin," sagte er zu ihr, "dass euer Ehemann euch erlaubt hat, ein Versprechen zu erfüllen, welches ihn entehrt, und das ihm ein Kleinod raubt, von welchem seine Einbildungskraft sich die reizendste Vorstellung machen musste." - Ja, mein teurer Geliebter," fuhr die Frau fort, "er willigt ein, dass ich euer Verlangen erfülle, um mein Wort zu lösen; aber ihr seid nicht allein meinem Manne dieses Gut schuldig, das er euch überlässt, ihr verdankt es auch der Großmut eines Räubers, dem ich auf dem Wege hierher begegnet bin." Zugleich erzählte sie ihm die Zwiesprache, welchen sie mit dem Räuber gehabt hatte. Die Verwunderung des Geliebten verdoppelte sich: "Darf ich glauben," sagte er, "was ich höre? Ein Bräutigam hat die Güte, einen solchen Schritt gut zu heißen; ein Räuber ist großmütig genug, nicht die schönste Gelegenheit benutzen zu wollen, welche der Zufall ihm jemals darbieten kann. Dies Abenteuer ist ohne Zweifel neu, und verdient aufgeschrieben zu werden: alle kommende Jahrhunderte werden es bewundern, aber, um die Bewunderung der Nachwelt noch zu vermehren, will ich hinter dem Räuber und dem Bräutigam nicht zurückbleiben; ich folge ihrem Beispiele. Also, schöne Frau, ich gebe euch euer Wort zurück, und erlaubet, wenn es euch gefällt, dass ich euch nach eurem hause begleite." Indem er dieses sagte, gab er ihr die Hand, und führte sie bis an die Tür ihres Mannes, wo sie von einander schieden. Die Frau trat hinein, und der Geliebte kehrte heim. "Saget mir nun, meine Prinzen," fuhr der Kadi von Kairo fort, "wen von diesen dreien haltet ihr für den Großmütigsten, den Mann, den Räuber, oder den Geliebten?" Der älteste Prinz sagte, derjenige, den er am meisten bewunderte, das wäre der Mann. Der zweite Prinz behauptete, der Liebhaber sei der bewundernswürdigste. "Und ihr, gnädiger Herr," fragte der Kadi den jungen Prinzen, der noch schwieg, "welcher Meinung seid ihr?" - "Mir scheint," antwortete dieser junge Prinz, "dass der Räuber der großmütigste ist: ich begreife nicht, wie er den Reizen der Braut widerstehen, und vor allen, wie er sich enthalten konnte, sie zu berauben. Die Diamanten, mit welchen sie geschmückt war, mussten seine Habgier mächtig reizen, und es ist zu bewundern, wie er es vermochte, einen so großen Sieg über sich davon zu tragen." - "Prinz," erwiderte ihm der Kadi, indem er ihn scharf anblickte, "ihr bewundert zu sehr die Gewalt, welche der Räuber über sich hatte, als dass ich euch nicht im Verdacht haben sollte, die Edelsteine eures seligen Vaters genommen zu haben: ihr habt euch selber verraten. Bekennet es, gnädiger Herr, und lasst euch nicht von einer falschen Scham zurückhalten; seid ihr schwach genug gewesen, einem Antriebe der Habgier zu weichen, so könnt ihr jetzt eure Schwäche sühnen, indem ihr sie bekennet." Der Prinz errötete bei dieser Anrede, und bekannte die Wahrheit.
Die Sultanin von Persien erzählte diese Geschichte nicht ohne Wirkung: Die boshaften Folgerungen, welche sie daraus zog, machten Sindbad schwankend; und sie bestimmte ihn vollends durch folgende Rede: "Herr, ihr seid eurem letzten Tage viel näher, als ihr wähnet: euer Sohn, dieser boshafte Sohn, dessen Leben eure Wesire durch ihre gefährliche Beredsamkeit euch verlängern lassen, wird euch vielleicht morgen schon den Dolch ins Herz stoßen. Wehe mir!" fügte sie hinzu, "was soll aus mir werden, wenn ihr umkommet? Aber was frage ich, was aus mir werden soll? Mein Leben kümmert mich wenig: ich fürchte nur den Tod meines Königs, meines Gatten, den ich einzig liebe." Indem sie dieses sagte, fing sie an zu weinen; und ihre Verstellung machte auf den Kaiser einen solchen lebhaften Eindruck, dass er ganz erweicht ausrief: "Trocknet eure Tränen, schöne Sultanin; ich will meinem Sohne nicht länger verzeihen; er ist nur zu schuldig, weil er euch in Tränen versetzt. Wir wollen uns jetzo zur Ruhe legen; und seid versichert, gleich morgen, sobald der weiße Widder den schwarzen bis in den äußersten Westen der Erde vertrieben hat1), werde ich unserm gemeinsamen Feinde das Haupt abschlagen lassen." Der Kaiser stand am folgenden Morgen wirklich mit dem Vorsatze auf, der Königin Genugtuung zu gewähren; er setzte sich auf den Thron und befahl dem Scharfrichter, ihm den Prinzen vorzuführen. Der neunte Wesir ermangelte aber auch nicht, hervor zu treten, und um Nurgehans Leben zu bitten; der König aber legte ihm Stillschweigen auf, und sprach zornig zu ihm: "Wesir, es ist vergeblich, dass du zu Gunsten meines Sohnes zu mir redest: sein Tod ist beschlossen." Darauf hub der Wesir ein zusammengefaltetes Papier empor, überreichte es dem Kaiser, und sprach zu ihm: "Euer Majestät geruhe, sich wenigstens dieses Papier vorlesen zu lassen, und zu vernehmen, was es enthält: darnach möge sie tun, was sie gut dünkt." Sindbad nahm selber das Blatt, entfaltete es, und las folgende Worte: "O weiser und immerdar beglückter König! ich habe die Sterndeutung zum besonderen Gegenstande meiner Forschungen gemacht; ich habe dem Prinzen das Horoskop gestellt, und gefunden, dass er vierzig Tage lang in äußerster Gefahr schweben wird: hütet euch wohl, ihn töten zu lassen, bevor diese verflossen sind." Alle Wesire vereinigten ihre Bitten mit dieser Warnung: "O König," sprachen sie, "um Gottes Willen, wartet, bis die vierzig Tage vorüber sind; es wird euch nicht gereuen, diese Geduld gehabt zu haben." "Ja, ohne Zweifel;" setzte der neunte Wesir hinzu, "und wenn der König es mir erlauben will, so will ich ihm eine Geschichte erzählen, welche einige Ähnlichkeit mit der Geschichte Nurgehans hat; und Seine Majestät wird eingestehen, dass die Geduld alle Unfälle besiegt." - "Wohlan, Wesir," sagte der König, "so erzähle uns denn diese Geschichte." Darauf begann der neunte Wesir folgendermaßen: 1) Der weiße und schwarze Widder bezieht sich wohl auf eine mythische Vorstellung von Tag und Nacht. |
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