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Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
14. Nacht"Meine Schwester," rief Dinarsade am Ende der vierzehnten Nacht, "ich bitte dich, nimm die Geschichte des Fischers wieder auf; du bist da stehen geblieben, wo der Griechische König die Unschuld des Arztes Duban behauptet, und ihn so kräftig verteidigt." - "Ich erinnere mich wohl daran," antwortete Scheherasade; "du sollst sogleich den Verfolg davon hören." "Herr," fuhr sie fort, stets an Schachriar das Wort richtend, "was der griechische König von dem König Sindbad sagte, reizte die Neugier des Wesirs, so dass er zu ihm sagte: "ich bitte Euer Majestät um Verzeihung, wenn ich die Dreistigkeit habe, zu fragen, was denn die Wesire des Königs Sindbad zu ihrem Herrn sagten, um ihn abzuhalten, den Prinzen, seinen Sohn, töten zu lassen." Der griechische König hatte die Gefälligkeit, seine Neugier zu befriedigen, und begann also: Die vierzig Wesire"Es herrschte einst in Persien ein mächtiger König, Namens Sindbad. Ganz Asien gehorchte seinen Geboten. Er war der reichste König auf Erden; seine Tapferkeit glich seiner Macht; und wenn er ehrgeizig genug gewesen wäre, nach der Herrschaft der Welt zu trachten, so hätte er sie erobern können. Aber zufrieden, über weite und blühende Länder zu herrschen, dachte er nicht daran, sch derer seiner Nachbarn zu bemächtigen. Er hatte kein anderes Ziel im Auge, als die Wohlfahrt seiner Völker, welche sich auch so glücklich fühlten, dass sie jeden Tag seiner Regierung segneten. Alle andere Völker beneideten sie deshalb, und wünschten, so wie sie, zu seinen Untertanen zu gehören. Dieser große Kaiser hatte einen Sohn, welcher die Bewunderung aller war, die ihn sahen. Er war Nurgehan genannt, das heißt, Licht der Welt. Dieser junge Prinz war von stattlichem Wuchse und himmlischer Schönheit, und verband mit diesen glänzenden Gaben alle empfehlenswerte Geschicklichkeiten. Er konnte bewundernswürdig in verschiedenen Sprachen schreiben; er war ein vortrefflicher Bogenschütze; kurz, es gibt fast keine Wissenschaft, die er nicht besaß, oder davon er mindestens nicht eine genügende Einsicht hatte. Er war das lebendige Ebenbild der Sultanin, seiner Mutter, welche man den Schönheiten von Kaschemir verglich. Sindbad liebte seine Gemahlin zärtlich. Davon gab er eben so aufrichtige als schmerzliche Beweise, als durch einen verhängnisvollen Beschluss des Schicksals, sie nach einer langen Krankheit starb. Er empfand darüber einen so lebhaften Schmerz, dass es unmöglich ist, ihn auszudrücken. Gleichwohl tat die Zeit ihre gewöhnliche Wirkung; der Kaiser tröstete sich, und die Reize einer neuen Frau ließen ihn die vergessen, die er verloren hatte. Er vermählte sich mit der Prinzessin Chansade1), der Tochter eines benachbarten Königs. Sie war schön, sie hatte Geist: aber sie vermochte ihren Leidenschaften nichts zu versagen. Sie konnte den jungen Prinzen nicht sehen, ohne die heftigste Liebe für ihn zu empfinden; und weit entfernt, ihre Kräfte aufzubieten, und sie zu besiegen, gab sie sich ihr hin, und beschloss, sie dem Prinzen zu erklären, sobald sie Gelegenheit dazu fände. Unterdessen befliss Nurgehan sich der Wissenschaften, und machte große Fortschritte in der Sterndeutung, worin ihn sein Lehrer Abuschamar unterrichtete, ein Mann von tiefem Wissen, und der geschickteste Sterndeuter in Asien. Dieser gelehrte Mann stellte eines Tages dem Prinzen, seinem Schüler, das Horoskop, und erkannte durch seine untrüglichen Beobachtungen, dass derselbe von einem furchtbaren Unglücke bedroht würde; er sprach zu ihm: "Prinz, ich habe die Sterne über eure Bestimmung befragt, und sie euch wenig günstig befunden. Ein trauriges Schicksal steht euch bevor, und Ihr sehet mich deshalb von Schmerz durchdrungen." Nurgehan erblasste bei diesen Worten; sein Lehrer aber beruhigte ihn, indem er ihm sagte: "Glaubet indessen nicht, dass meine Zärtlichkeit für euch und meine Kunst dem feindlichen Geschicke weichen, welches euch bedroht; euer Untergang steht freilich in den Sternen geschrieben, aber es ist nicht unmöglich, ihm zuvorzukommen. Mein Buch hat mir das Mittel dazu gezeigt. Ihr müsst nämlich vierzig Tage stumm sein. Was man auch zu euch spreche, antwortet nichts darauf; und was auch immer euch begegne, hütet euch wohl ein Stillschweigen zu brechen, von welchem euer Leben abhängt." Der Prinz versprach, vierzig Tage lang zu schweigen. Nach diesem Versprechen schrieb sein Lehrer einige Namen2) auf, und hängte sie ihm um den Hals; darauf begab er sich in ein unterirdisches Gemach, welches er nur allein wusste, und verbarg sich dort, um nicht genötigt zu werden, die Neugier des Kaisers zu befriedigen, und ihm Dinge zu entdecken, die er ihm nicht entdecken wollte. Sindbad, welcher nicht lange sein konnte, ohne seinen Sohn zu sehen, ließ ihn zu sich kommen, und tat ihm verschiedene Fragen, auf welche der Prinz nicht antwortete. Der Kaiser war sehr verwundert darob, und rief aus: "O mein Sohn, warum redest du nicht? hast du die Sprache verloren? was hat man dir getan? Was ist dir begegnet? Zerstreue die Unruhe, welche mir dein Stillschweigen verursacht." Diese Worte taten nicht mehr Wirkung, als die ersten. Der Prinz sah seinen Vater traurig an, und senkte dann die Augen, ohne ein einziges Wort zu sagen. Darauf wandte der König sich an den Hofmeister seines Sohnes, und sagte zu ihm: "Der Prinz hat einen geheimen Kummer, der ihn verzehrt. Führ' ihn in das Zimmer der Sultanin, seiner Stiefmutter, vielleicht eröffnet ihr sich sein Herz." Der Hofmeister gehorchte dem Befehle des Kaisers; er führte Nurgehan zu der Sultanin Chansade: "Herrin," sagte er zu dieser Fürstin, "es scheint, dass der Prinz die Sprache verloren hat. Seine Seele ist der Raub einer unseligen Betrübnis, deren Ursache er hartnäckig verhehlt. Der Kaiser sendet ihn zu euch, weil er hofft, dass Eure Gegenwart seine Schwermut verbannen wird." Die Sultanin empfand bei diesen Worten eine angenehme Unruhe. "Ich muss," sagte sie bei sich selber, "diesen glücklichen Augenblick benutzen, auf welchen ich so lange gewartet habe. Ich habe nichts zu befürchten, wenn ich mich erkläre. Hat Nurgehan die Sprache verloren, so kann er seinem Vater nicht wieder sagen, was ich ihm gesagt habe; und ist er unbescheiden genug, um meine Liebe zu offenbaren, so werde ich sagen, dass ich dergleichen zu ihm geredet habe, bloß um ihn zum Sprechen zu bewegen." Kurz, Chansade ergriff diese Gelegenheit, als die günstigste, welche sie jemals finden konnte, ließ alle Gegenwärtigen aus ihrem Zimmer treten, und blieb allein mit dem Prinzen. Sie begann damit, ihm um den Hals zu fallen, und ihn inbrünstig zu umarmen: "Geliebter Prinz," sagte sie zu ihm, "was ist es, das dich so betrübt? Verbirg mir es nicht, mir, die ich dich zärtlicher liebe, als wenn du mein eigener Sohn wärest." Der Prinz, gerührt von den Zeichen der Freundschaft, welche seine Stiefmutter ihm gab, bemühte sich, durch seine Blicke und Gebärden ihr begreiflich zu machen, dass er innigst betrübt wäre, ihr nicht antworten zu können. Sie legte diese Gebärden und Blicke falsch aus, und bildete sich ein, dass er von demselben entbrenne, welches sie verzehrte, und dass er ohne Zweifel sich nicht hätte erwehren können, Liebe für sie zu empfinden, so wie sie sich nicht hatte enthalten können ihn zu lieben; und dass er aus Ehrfurcht vor seinem Vater nicht wagte, seine Empfindungen zu entdecken. Bezaubert durch diesen Irrtum fuhr sie fort, mit aller Leidenschaft, deren nur eine Frau fähig ist, welche die Tugend und die Vernunft verlassen hat: "O mein König! O meine Seele! Brich dieses grausame Schweigen, welches uns beide quält. Du weißt, dass alles, was der Kaiser besitzt, in meiner Gewalt steht. Willst du dich mit mir verständigen, und einwilligen, was ich dir antrage, so sollst du in kurzer Zeit auf dem Gipfel deiner Wünsche sein. Du bist jung, Prinz; wie du, bin auch ich noch jung. Ich passe für dich besser, als für deinen Vater, dessen hohes Alter mein Leben traurig und langweilig macht. Du antwortest nicht? Verpflichte dich durch einen unverletzlichen Eid, mich zu deiner Gemahlin zu nehmen, und ich verspreche dir, dich bald zum Kaiser zu machen und den Tod deines Vaters zu beschleunigen. Ich schwöre bei dem großen Gott, Schöpfer Himmels und der Erden, dass meine Worte ohne Arglist sind. Verbinde dich also durch denselben Eid, und versichere mich, dass du die Hand empfangen willst, welche dich krönen wird." Nurgehan gab keine Antwort auf diese Rede; und da er darüber betroffen schien, fuhr die Sultanin fort: "Ich sehe wohl ein, Prinz, dass mein Vorschlag dich überrascht. Du zweifelst, ob ich ihn ausführen könne. Aber vernimm, auf welche Weise ich den Kaiser sterben lassen will. Es befinden sich in dem Schatze alle Arten von Gift. Da sind welche, die das Leben einen Monat, nachdem es genommen ist, enden. Andere sind, welche erst binnen zwei Monaten töten. Es sind selbst welche, die noch langsamer ihre Wirkung tun. Wir wollen uns dieser letzten bedienen. Der Kaiser wird krank, und geht allmählich seiner Bestimmung entgegen, ohne dass das Volk in uns die Urheber seines Todes argwöhnen kann. Darauf besteigst du den Thron. Das ganze Land erkennt dich für seinen Herrn, und das Heer gehorcht dir." Wenn der Sohn des Kaisers auch hätte reden wollen, so würde er nicht die Kraft dazu gehabt haben, so erstaunt war er, diesen schrecklichen Antrag zu hören. Die Sultanin, als sie ihn so nachdenklich sah, fügte hinzu: "Prinz, wenn du etwa in Verlegenheit bist, wie du die Gemahlin deines Vaters zur Frau nehmen könntest, so will ich es dich lehren. Nach dem Tode des Kaisers darfst du mich nur in mein Vaterland heimsenden, und mir heimlich einen deiner Hauptleute mit etlichen Soldaten folgen lassen: sie fallen als Räuber über uns her, und entführen mich. Darnach bringe man das Gerücht in Umlauf, dass ich auf dem Wege getötet worden, und einige Tage darauf kaufst du mich von dem Hauptmanne, so wie man Sklavinnen kauft. Durch dieses Mittel kannst du mein Mann werden, und so werden wir beide in der süßesten Vereinigung leben." Hier hielt die Fürstin inne, um dem Prinzen Zeit zu
lassen, ein schon zu langes Stillschweigen zu brechen; da er aber immer noch
nicht antwortete, so verlor sie alle Zurückhaltung, sie drückte ihn fest in
ihre Arme und küsste ihn mit Inbrunst. Aber Nurgehan, entrüstet über die
Schamlosigkeit seiner Stiefmutter, riss sich ungestüm aus ihren Armen los, und
schlug sie so unsanft ins Gesicht, dass ihr der Mund davon blutete. Sie hatte nicht nötig, dem Prinzen zu befehlen, sich zu entfernen: er hatte dies schon getan, sobald er die Sultanin geschlagen hatte; so dass er nicht die Hälfte von ihren Vorwürfen und Drohungen hörte. Chansade atmete nichts als Wut und Rache. Sie beschloss Nurgehans Verderben. In dieser Absicht zerriss sie ihre Kleider, zerraufte ihr Haar, rieb sich das ganze Gesicht mit dem Blute, welches ihr aus der Nase floss, und ließ ihr Zimmer von ihrem Geschrei und Wehklagen widerhallen. Der Kaiser kam bald darauf, sich zu erkundigen, ob sein Sohn endlich sein Stillschweigen gebrochen hätte. Wie erstaunte er aber, als er die Sultanin auf dem Sofa sitzend fand mit zerstreuten Haaren und blutigem Gesichte! Da er sie liebte, so war er außer sich vor Zorn und Schmerz: "O geliebte Seele meiner Seele," reif er aus, "wer hat dich in diesen kläglichen Zustand versetzt! Nenne mir ihn schleunigst. Du solltest jetzt schon gerächt sein." Die listige Königin verdoppelte bei dieser Anrede ihr Weinen, und antwortete also: "Herr, du bist Vater! warum kann ich dir nicht verbergen, was du zu wissen wünschest? Wenn du erstaunt bist über die Verwirrung, in welcher ich bin, wie groß wird erst dein Erstaunen sein, wenn du erfährst, dass es das Werk deines Sohnes ist?" - "Meines Sohnes? großer Gott!" unterbrach sie der Kaiser. "Ach, meine Frau, was sagst du mir da? Wie! sein Hass gegen eine Stiefmutter konnte ihn dahin bringen, dir solchen Schimpf anzutun! Die Ehrfurcht, welche er mir schuldig ist, hat ihn nicht zurückhalten können?" - "Herr," erwiderte die Sultanin, "er ist noch viel schuldiger, als du denkst. Ach! welche Frau hätte seiner bescheidenen Miene, diesem Anscheine der Tugend, welcher so gut auf seinem Gesichte ausgedrückt ist, misstrauet? Ich saß auf diesem Sofa, als er herein trat; ich ließ alle Gegenwärtigen herausgehen, um Stillschweigens zu entdecken. Er hat sie mir leider nur zu deutlich erklärt! Sobald er sich allein sah mit mir, setzte er sich an meine Seite, und sprach zu mir; "Meine Königin, ich muss dieses Schweigen brechen, welches ich bisher beobachtet habe, und wovon du die einzige Ursache bist, Ich bete dich an, und die Verzweiflung, dich nicht allein sprechen zu können, stürzte mich in eine Schwermut, welche mich zu verzehren drohte. Wie glücklich bin ich, diese Gelegenheit gefunden zu haben, dich ohne Zeugen zu sprechen! Genehmigst du meine Liebe, so bin ich entschlossen, meinen Vater zu töten und dich zu heiraten. Seine Völker sowohl als ich, sind so schon seiner langen Regierung überdrüssig." "Erlass mir, Herr," fuhr die Sultanin fort, "dir Wort für Wort alles zu wiederholen, was er zu mir gesagt hat. Ich zittere noch vor Entsetzen darüber. Es genüge dir, zu erfahren, dass du dem schändlichen Prinzen das Leben gegeben hast. Als er bemerkte, dass, anstatt mich zu überreden, sein Antrag mich empörte, streckte er ungestüm die Hand nach mir aus, um mir Gewalt anzutun. Ich widerstand: er zerriss meine Kleider, schlug mich, und hätte mir ohne Zweifel das Leben genommen, um sich zu rechtfertigen und mir im Tode das Verbrechen aufzubürden, dessen ich ihn anklage: aber er fürchtete, dass meine Frauen, die ich entfernt hatte, wiederkommen und ihn dabei betreffen möchten. Er entfloh also, und ließ mich in dem Zustande zurück, in welchem du mich siehst." Sie sagte dieses mit allen Zeichen einer tief betrübten Frau. Der Kaiser hielt alles für wahr; und wie groß auch seien Zärtlichkeit für seinen Sohn war; doch ließ er sich von den Aufwallungen seines Zornes hinreißen. Er verließ das Zimmer der Fürstin, ließ den Scharfrichter kommen, und befahl ihm, alles zu der Hinrichtung des Prinzen Nurgehan vorzubereiten. Aber bald vernahmen die Wesire den grausamen Befehl, welchen der Kaiser erteilt hatte; sie verwunderten sich, dass er, ohne sie zu Rate zu ziehen, den Entschluss gefasst hatte, seinen Sohn töten zu lassen. Sie versammelten sich alle, und begaben sich zu dem erzürnten Fürsten, zu welchem einer von ihnen also sprach: "O Beherrscher der Welt, wir flehen dich an, uns nur heute noch das Leben des Prinzen zu bewilligen, und uns zu unterrichten, welches große Verbrechen er begangen haben kann, um gegen sein Leben den Arm eines Vaters zu bewaffnen, welcher doch langsam sein soll, seine Kinder zu strafen." Der Kaiser erzählte ihnen alles, was die Sultanin ihm gesagt hatte. Darauf nahm der älteste Wesir das Wort und sprach: "O König, hüte dich wohl, den Aufwallungen der Wut zu folgen, welche eine Frau dir angibt, und eine Handlung zu begehen, welche den Geboten Gottes und der Gerechtigkeit, welche die Propheten lehren, widerstreitet. Die Königin klagt den jungen Prinzen an, ohne Zeugen gegen ihn vorzubringen; sie verlangt seinen Tod, weil er sie liebt, und weil er, wie sie sagt, mit Gewalt seine Leidenschaft hat befriedigen wollen! Aber seit wann halten die Frauen ihre Keuschheit so hoch in Ehren, dass sie den Tod der Männer verlangen, die es wagen, sie anzutasten? Ohne Zweifel gibt es tugendhafte genug, um einen verwegenen Angriff würdig abzuweisen; aber indem ihre Tugend ihn verdammt, entschuldigt ihn zugleich ihre Eitelkeit, und leicht verzeihen sie ein Verbrechen, welches ihre Schönheit veranlasste. Darum hüte dich wohl, Herr, deinen Sohn der Verleumdung, ja vielleicht der Wut einer Person aufzuopfern, welche ihn verderben will, weil sie ihn nicht verführen konnte. Euer Majestät möge bedenken, dass die Frauen arglistig sind. Die Geschichte des Scheichs3) Schahabeddin beweiset hinlänglich, wie sehr ihre Bosheit zu befürchten ist." Der Kaiser wünschte die Geschichte zu hören, und der Wesir erzählte sie folgendermaßen: Geschichte des Scheichs SchahabeddinDer Sultan von Ägypten versammelte eines Tages alle Gelehrten seines Reichs in seinem Palast; da erhub sich unter ihnen ein Streit. Man sagt, dass der Engel Gabriel den Mohammed aus seinem Bette entrückte und ihm alles zeigte, was in den sieben Himmeln, im Paradies und in der Hölle ist, und dass der große Prophet, nachdem er achtzigtausend Unterredungen mit Gott gehabt, von demselben Engel in sein Bett zurück gebracht wurde. Dabei behauptet man, dass alle diese Dinge in so kurzer Zeit vorgegangen wären, dass Mohammed bei seiner Rückkunft sein Bette noch ganz warm gefunden; ja sogar, dass er einen Topf wieder aufgehoben, dessen Wasser noch nicht ausgeflossen war, obwohl derselbe in eben dem Augenblick umgefallen war, als der Engel Gabriel den Propheten entrückt hatte. Der Sultan, welcher in dieser Versammlung den Vorsitz hatte, behauptete, dass solches unmöglich wäre. "Ihr versichert," sprach er, "dass es sieben Himmel gibt, je fünfhundert Jahrreisen von einander entfernt, und dass jeder Himmel eben so tief, als von dem andern entfernt ist. Wie ist es nun möglich, dass Mohammed, nachdem er alle diese Himmel durchfahren und mit Gott achtzigtausend Unterredungen gehabt, bei der Rückkehr sein Bette noch warm und seinen umgeworfenen Topf noch nicht vom Wasser ausgeleert gefunden habe? Wer könnte leichtgläubig genug sein, um einer so lächerlichen Fabel Glauben beizumessen? Wisset ihr denn nicht, dass wenn ihr einen Topf voll Wasser umwerfet, und ihn auf der Stelle aufhebt, ihr doch nichts mehr darin findet?" Die Gelehrten antworteten, dass solches freilich nicht natürlich zuginge; dass aber der Allmacht Gottes alles möglich wäre. Der Sultan von Ägypten, welcher zu den Freigeistern gehörte, und sich zum Grundsatze gemacht hatte, nichts zu glauben, was die Vernunft beleidigte, wollte von diesem Wunder nichts wissen, und die Gelehrten gingen auseinander. Dieser Streit machte Aufsehen in Ägypten. Die Nachricht davon kam auch zu dem gelehrten Scheich Schahabeddin, welcher aus gewissen Ursachen, auf welche es hier nicht ankömmt, bei der Versammlung nicht zugegen sein konnte. Er begab sich sogleich nach dem Palast des Sultans, in der größten Hitze des Tages. Sobald der Sultan von der Ankunft des Scheichs an seinem Hofe benachrichtigt war, ging er ihm entgegen, führte ihn in ein prächtiges Zimmer, ließ ihn hier nieder sitzen, und sprach zu ihm: "Scheich, es war nicht nötig, dass du dir die Mühe gabst, hierher zu kommen: du durftest nur einen deiner Diener senden, und wir hätten ihm gern alles gewährt, was er von uns für dich verlangt hätte." - "Herr," antwortete der Gelehrte, "ich komme gerade deshalb, um die Ehre zu haben, mit Euer Majestät zu reden." Der Sultan, welcher wusste, dass der Scheich in dem Rufe stand, vor Fürsten stolz zu sein4), erzeigte sich sehr freundlich und höflich gegen ihn. Nun hatte das Zimmer, in welchem sie sich befanden, vier Fenster, nach den vier Weltgegenden. Der Scheich hat den König, sie verschließen zu lassen. Nachdem dies getan war, setzten sie noch einige Zeit ihre Unterredung fort; worauf der Scheich das eine Fenster wieder öffnen ließ, welches die Aussicht auf einen Berg, Namens Kiselbagi, das heißt der rote Berg, hatte, und bat den König, hinaus zu schauen. Der Sultan stellte sich ans Fenster, und sah auf dem Berge und in der Ebene bewaffnete Krieger mit Schilden und Panzerhemden. Sie saßen alle zu Pferde, mit bloßem Schwerte, und sprengten mit verhängten Zügeln, und zahllos, wie das Heer der Sterne gegen den Palast an. Bei diesem Schauspiele verwandelte der Fürst seine Farbe, und rief ganz erschrocken aus: "O Himmel, was ist das für ein furchtbares Kriegsheer, welches sich meinem Palast nähert." - "Seid ohne Furcht, Herr," sagte der Scheich, "es ist nichts." Indem er dies sagte, schloss er selber das Fenster, und öffnete es dann sogleich wieder: da sah der König niemand, weder auf dem Berge, noch in der Ebene. Das andere Fenster war der Stadt zugekehrt. Der Scheich ließ es öffnen; und der Sultan sah die Stadt Kahiro5) ganz in Flammen, welche hoch in der Luft emporstiegen. "Welche Feuersbrunst!" rief der erstaunte König aus: "da liegt meine Stadt, meine schöne Stadt Kairo, in der Asche!" - "Sei ohne Furcht, Herr," sagte der Scheich, "es ist nichts." Zu gleicher Zeit schloss er das Fenster, und als er es wieder öffnete, sah der König nichts von den Flammen, welche ihn so sehr erschreckt hatten. Der Scheich ließ nun das dritte Fenster öffnen, durch welches der Sultan den Nil erblickte, wie er seine Ufer überstieg und seine Wogen wütend gegen den Palast heran stürzten. Obschon der König, nachdem er das Kriegsherr und die Flammen wieder verschwinden gesehen, über dieses neue Wunder nicht erschrecken durfte, so konnte er sich jedoch der Furcht nicht erwehren. "Ah, es ist um uns geschehen," rief er dennoch aus, "alles ist verloren; diese furchtbare Überschwemmung wird meinen Palast fortreißen und mich mit meinem ganzen Volke ersäufen!" "Fürchtet euch nicht, Herr," sagte der Scheich, "es ist nichts." In der Tat, als der Scheich das Fenster geschlossen und wieder geöffnet hatte, da floss der Nil wie gewöhnlich in seinen Ufern dahin. Er ließ endlich das vierte Fenster öffnen, welches die Aussicht auf eine dürre Wüste hatte. So sehr der König über die vorigen Erscheinungen erschrocken war, so viel Vergnügen machte ihm dieser Anblick. Seine Augen, gewohnt, durch dieses Fenster nur eine unfruchtbare Gegend zu sehen, wurden angenehm überrascht, hier nun Weinberge zu schauen, und Gärten voll der schönsten Früchte von der Welt, und Bäche, welche mit süßem Gemurmel dahin rieselten, und deren Ufer mit Rosen, Basiliken, Balsam-Stauden und Narzissen geschmückt, dem Auge einen lachenden Anblick und dem Geruch eine Mischung von süßen Düften darboten. Zwischen diesen Blumen sah man eine zahllose Menge von Turteltauben und Nachtigallen, von welchen einige schon erschöpft waren von ihrem lauten Gezwitscher, während die andern noch mit ihren zärtlichen und klagenden Tönen die Luft erschütterten. Der König, entzückt von allen den wunderbaren Gegenständen, welche seinem Blicke sich darboten, glaubte den Garten von Gram6) zu sehen. "Ah, welche Veränderung!", rief er im Übermaße seiner Bewunderung aus: "der schöne Garten; welch ein reizender Aufenthalt! Welche Lust werde ich haben, täglich darin zu wandeln!" - "Freuet euch nicht so sehr, Herr," sagte der Scheich, "was ihr da sehet, ist nichts." Mit diesen Worten schloss der Scheich das Fenster, und öffnete es sogleich wieder: und der Sultan sah, anstatt jener reizenden Bilde, wieder nur die Wüste. "Herr," sagte hierauf der Scheich, "ich habe euch hier wohl Wunderdinge genug gezeigt: aber alles dieses ist nichts, in Vergleich mit dem großen Wunder, welches ich Euer Majestät noch sehen lassen will. Befehlet, dass man eine Kufe mit Wasser hierher bringe." Der König gab einem seiner Leute den Befehl; und als die Kufe im Zimmer stand, sprach der Scheich zum Sultan: "Habet die Güte und lasst euch ganz nackt ins Wasser heben, und ein Tuch um eure Hüften gürten." Der König hatte die Gefälligkeit, sich ganz zu entkleiden und ein Tuch umgürten zu lassen. Da sprach der Scheich zu ihm: "Herr, tauchet den Kopf ins Wasser, und zieht ihn wieder zurück." Der König tauchte den Kopf in die Kufe, und im Augenblick befand er sich auf einem Berge am Ufer des Meeres. Dies unerhörte Wunder erstaunte ihn noch weit mehr, als die vorigen. "Ha, Scheich!" rief er aus, außer sich vor Zorn, "treuloser Scheich, der du mich so grausam betrogen hast! Du hast mir meinen Thron rauben wollen; wenn ich aber je wieder nach Ägypten komme, von wo deine verfluchte Schwarzkunst mich entzückt hat, so schwöre ich, mich an dir zu rächen!" Er fuhr noch in seinen Verwünschungen gegen den Scheich fort; aber bedenkend, dass alle seine Drohungen und Klagen unnütz wären, fasste er einen herzhaften Entschluss, und ging zu einigen Leuten, welche im Walde Holz fällten, beschloss aber, ihnen nicht seinen Stand zu entdecken; "denn wenn ich auch," sprach er bei sich selber, "ihnen sage, dass ich ein König bin, so werden sie mir doch nicht glauben, und mich für einen Narren oder Betrüger halten." Die Holzhauer fragten ihn, wer er wäre. "Gute Leute," antwortete er, "ich bin ein Kaufmann, ich habe Schiffbruch gelitten und auf einem Brette mich gerettet: ich bemerkte euch, und komme zu euch. Die Lage, worin ihr mich sehet, muss euer Mitleid erregen." Sie waren gerührt von seinem Unglück; aber sie waren selber in zu tiefem Elende, um das seinige erleichtern zu können. Dennoch unterließen sie nicht, ihm, der eine einen alten Rock, der andere ein Paar alte Schuhe, zu geben; und als sie ihn so eben in den Stand gesetzt hatten, mit Anstand in ihrer Stadt zu erscheinen, welche hinter dem Berge lag, so führten sie ihn dahin. Sobald sie dort angelangt waren, nahmen alle Abschied von ihm, gingen heim zu den Ihrigen, und überließen ihn der Vorsehung. Der Sultan blieb also allein. Welches Vergnügen sonst auch neue Gegenstände gewähren, so war er jedoch zu sehr mit seinem Abenteuer beschäftigt, um auf die Dinge zu achten, welche sich seinem Blicke darboten. Er ging die Straßen auf und ab, ohne zu wissen, was aus ihm werden sollte. Schon war er müde, und suchte mit den Augen einen Ort, um sich auszuruhen. Er stand still vor dem Hause eines alten Hufschmieds, welcher ihm ansah, dass er müde war, und ihn einzutreten bat. Der König ging hinein und setzte sich auf eine Bank an der Türe. "Junger Mann," sagte der Greis zu ihm, "darf ich euch fragen, welches euer Gewerbe ist, und wie ihr hierher gekommen seid?" Der Sultan gab ihm dieselbe Antwort, welche er den Holzbauern gegeben hatte. "Ich begegnete," fügte er hinzu, "guten Leuten, welche auf dem Berge Holz fällten, ich erzählte ihnen mein Unglück, und sie waren großmütig genug, mir diesen alten Rock und diese alten Schuhe zu schenken." - "Es freut mich," sagte darauf der Schmid, "dass ihr dem Schiffbruch entronnen seid. Tröstet euch über den Verlust eurer Güter; ihr seid noch jung, und werdet vielleicht nicht unglücklich sein in dieser Stadt, deren Gewohnheiten den Fremden sehr vorteilhaft sind, welche sich niederlassen wollen. Habt ihr nicht diese Absicht?" - "Gewiss," antwortete der Sultan, "ich verlange nichts anderes, als hier zu bleiben, vorausgesetzt, dass mein Gewerbe hier gut geht." - "Wohlan," fuhr der Greis fort, "so befolget den Rath, welchen ich euch geben will: Gehet sogleich zu den öffentlichen Bädern der Frauen, setzet euch dort an die Türe, und fraget jede Frau, welche herauskömmt, ob sie einen Mann habe: diejenige, welche es verneint, wird eure Frau, nach dem Brauche des Landes." Der Sultan, entschlossen, diesem Rate zu folgen, stand auf, nahm von dem Greise Abschied, und begab sich an die Tür der Bäder. Es währte nicht lange, so sah er eine Frau von bezaubernder Schönheit herauskommen. "Ah, wie glücklich wäre ich," sprach er bei sich selber, "wenn diese liebenswürdige Frau noch unverheiratet wäre! Ich würde mich über all mein Unglück trösten, wenn ich sie besitzen könnte." Er hielt sie an, und fragte: "Schöne Frau, habt ihr schon einen Mann?" - "Ja, ich habe einen," antwortete sie. "Desto schlimmer," versetzte darauf der König, "ihr wäret sonst wohl meine Sache." Die Frau ging ihres Weges, und bald darauf trat eine andere heraus, von einer schrecklichen Hässlichkeit. Der Sultan entsetzte sich bei ihrem Anblick: "Ha, welch ein scheußlicher Gegenstand," sprach er bei sich selber, "ich will lieber Hungers sterben, als mit einem solchen Geschöpfe leben. Mag sie gehen, ohne dass ich sie frage, ob sie verheiratet ist; ich fürchte, sie möchte Nein sagen. Aber der Schmid hat mir gesagt, dass ich allen Frauen diese Frage tun soll; ohne Zweifel ist das die Regel: ich muss mich ihr also wohl unterwerfen. Was weiß ich, ob sie nicht einen Mann hat? Irgend ein unglücklicher Fremdling, welchen sein Missgeschick hierher geführt hat, wie mich, kann sie geheiratet haben." Kurz, der König entschloss sich, sie zu fragen, ob sie verheiratet wäre. Sie antwortete mit Ja; und diese Antwort machte ihm eben so viel Vergnügen, als die vorige ihm Verdruss gemacht hatte. Es kam eine dritte Frau heraus, eben so hässlich als die letzte. "O Himmel!" sagte der König, sobald er sie erblickte, "da ist eine noch scheußlicher als die andere. Was hilft's: da ich einmal begonnen habe, so will ich auch durch. Wenn diese hier einen Mann hat, so muss ich bekennen, dass es Männer gibt, die noch mehr zu beklagen sind als ich." Als sie an ihm vorüber ging, redete er sie an und sprach zitternd: "Schöne Frau, seid ihr schon verheiratet?" - "Ja, junger Mann," antwortete sie, ohne sich aufzuhalten. "ich bin sehr froh darüber," erwiderte der Sultan. "Welches Glück," fuhr er fort, "diesen beiden Weibern entronnen zu sein! Aber es ist noch nicht Zeit mich zu freuen; alle Frauen sind noch nicht aus dem Bade gekommen. Ich habe sie noch nicht gesehen, die mir bestimmt ist: ich werde bei dem Tausche vielleicht nichts gewinnen." Er erwartete, noch eine so hässliche zu erblicken, als die beiden letzten: da erschien eine vierte, deren Schönheit noch die erste übertraf, die er schön gefunden hatte. "Welcher Abstand!" rief er aus, "Tag und Nacht sind nicht so entgegengesetzt, als diese schöne Frau und die beiden vorhergehenden Weiber. Kann man an demselben Orte Engel und Dämonen finden?" Er nahte sich ihr mit großem Eifer, und fragte sie: "Liebenswürdige Frau, seid ihr schon verheiratet?" Sie antwortete Nein, indem sie ihn mit eben so viel Stolz als Aufmerksamkeit betrachtete. Darauf ging sie weiter, und ließ den König in äußerster Überraschung zurück. "Was soll ich hievon denken?" sagte er. "Der alte Schmid muss mir was aufgeheftet haben. Wenn ich nach den Gesetzen des Landes diese Frau heiraten soll, warum ist sie so grob fort gegangen? und warum hat sie ein so stolzes und hochmütiges Wesen angenommen? Sie maß mich vom Haupte bis zu den Füßen, und ich sah in ihrem Blicken Zeichen der Verachtung. Es ist wahr, sie hat nicht groß Unrecht; ich muss mir selber Gerechtigkeit widerfahren lassen: dieser abgenutzte Rock voll Löcher erhebt eben nicht mein gutes Aussehen, und ist keineswegs geeignet, eine Frau für mich einzunehmen. Ich verzeihe ihr den Wunsch, dass sie es besser hätte treffen mögen." Während er diese Betrachtungen anstellte, nahte sich ihm ein Sklave und sprach zu ihm: "Herr, ich suche einen ganz zerlumpten Fremden; und nach eurem Aussehen zu urteilen, seid ihr es. Bemühet euch, wenn es euch gefällt, mir zu folgen. Ich werde euch an einen Ort führen, wo ihr mit großer Ungeduld erwartet werdet." Der König folgte dem Sklaven, welcher ihn zu einem großen Hause führte, und ihn in ein sehr sauberes Gemach eintreten, und dort einen Augenblick verziehen hieß. Der Sultan blieb hier zwei Stunden, ohne jemand zu sehen, ausgenommen den Sklaven, welcher von Zeit zu Zeit kam, ihm zu sagen, dass er nicht ungeduldig werden möchte. Endlich erschienen vier reich gekleidete Frauen, und begleiteten eine andere, welche ganz von Edelsteinen strahlte, aber noch mehr durch ihre unvergleichliche Schönheit hervorglänzte. Der Sultan hatte nicht sobald die Augen auf sie geworfen, als er sie für die letzte Frau erkannte, welche er aus dem Bade gehen sah. Sie näherte sich ihm freundlich und sprach lächelnd zu ihm: "Verzeihet, wenn ich euch ein wenig habe warten lassen. Ich wollte mich vor meinem Herrn und Meister nicht im nachlässigen Anzuge zeigen. Ihr seid in eurem Hause. Alles, was ihr hier sehet, gehört euch. Ihr dürft nur befehlen, was ihr wünschet, ich bin bereit, euch zu gehorchen." - "Schöne Frau," antwortete der Sultan, "vor einem Augenblick beklagte ich mein Schicksal, und jetzo bin ich der glücklichste der Menschen. Aber da ich euer Mann bin, warum habt ihr mich vorhin so stolz angesehen? Ich glaubte, dass mein Anblick euch stutzig machte, und aufrichtig zu gestehen, ich konnte es euch nicht übel nehmen." - "Herr," antwortete die Frau, "ich hütete mich wohl, anders zu tun. Die Frauen dieser Stadt sind genötigt, öffentlich stolz zu erscheinen. Das ist der Brauch. Zur Vergeltung dafür sind sie sehr freundlich daheim." - "Desto besser," erwiderte der König, "sie sind um so erfreulicher. Wenn ich denn Herr hier bin, so befehle ich, dass man mir einen Schneider und Schuster kommen lasse. Ich schäme mich hier vor euch in diesem schlechten Rock und diesen alten Schuhen, welche keineswegs dem Range entsprechen, welchen ich bisher in der Welt behauptet habe." - "Ich bin diesem Befehle schon zuvorgekommen," sagte die Frau, "und habe einen Sklaven zu einem jüdischen Handelsmann geschickt, welcher ganz fertige Kleider verkauft, und euch auf der Stelle alle Sachen verschaffen wird, deren ihr nötig habt. Unterdessen kommet, euch zu erfrischen." Indem sie dieses sagte, fasste sie ihn bei der Hand und führte ihn in einen Saal, wo eine Tafel, bedeckt mit allen Arten von Früchten und eingemachten Sachen stand. Sie setzten sich beide an die Tafel, und während sie aßen, sangen die vier Frauen, welche hinter ihnen standen, mehrere Lieder des Dichtes Bada Saudai7). Sie spielten zugleich auf verschiedenen Instrumenten, und zuletzt nahm noch ihre Herrin eine Laute, begleitete sie mit ihrer Stimme, und bezauberte den Sultan durch ihren Gesang und ihr Spiel. Dieses Konzert wurde durch die Ankunft des jüdischen Kaufmanns unterbrochen, welcher mit einigen Bedienten in den Saal trat, die Pakete herein trugen und öffneten: drinnen waren Kleider von verschiedenen Farben. Man beschaute alle, eins nach dem andern, und wählte eine Weste von weißer Seide mit goldenen Blumen, und einen Rock von veilchenfarbigem Tuche. Der Jude besorgte das übrige der Kleidung, und ging mit seinen Leuten weg. Jetzo bewunderte die Frau das gute Aussehen des Königs, und war sehr zufrieden, einen solchen Mann zu haben; so wie er sehr vergnügt war, eine so schöne Frau zu besitzen. Er lebte hierauf sieben Jahre mit dieser Frau, von welcher er sieben Töchter und sieben Söhne hatte. Weil aber beide den Aufwand liebten, und nur daran dachten, sich gütlich zu tun und sich zu erfreuen, so kam es dahin, dass endlich alle Güter der Frau verschwendet waren. Man musste sich der dienenden Frauen und Sklaven entledigen, und das Hausgeräte verkaufen, um zu bestehen. Als die Frau des Sultans sich so in das äußerste Elend versetzt sah, sprach sie zu ihrem Manne: "So lange ich etwas besaß, hast du es nicht gespart. Du hast im Müßiggange gelebt. Es ist gegenwärtig an dir, auf Mittel zu denken, deine Familie zu ernähren." Diese Worte betrübten den König. Er ging wieder zu dem alten Schmid, ihn um Rath zu fragen. "O mein Vater," sprach er zu ihm, "du siehst mich unglücklicher wieder, als ich bei meiner Ankunft in diese Stadt war. Ich habe ein Frau mit vierzehn Kindern, und habe nichts, sie zu ernähren." - "Junger Mann," fragte ihn der Greis, "kannst du kein Handwerk?" Der Sultan antwortete mit Nein. Da zog der Schmid zwei Aktschas8) aus der Tasche, gab sie dem Sultan in die Hand, und sagte zu ihm: "Geh sogleich hin, und kauf' die Trage-Stricke und stelle dich auf den Platz, wo die Lastträger sich versammeln." Der König ging hin, kaufte sich die Stricke, und stellte sich unter die Lastträger. Kaum stand er dort eine Weile, da kam ein Mann, und fragte ihn: "Willst du eine Last tragen?" - "Ich bin nur deshalb hier," antwortete der Sultan. Darauf belud ihn der Mann mit einem schweren Sacke. Der König konnte ihn nur mit Mühe tragen, und die Stricke am Sacke zerschnitten ihm die Schultern. Er empfing seinen Lohn, welcher in einer Aktscha bestand, den er nach Hause trug. Als die Frau sah, dass er nur einen Aktscha brachte, sagte sie zu ihm, wenn er nicht alle Tage zehnmal so viel gewänne, so würde seine Familie bald Hunger sterben. Am folgenden Morgen ging der König, von Traurigkeit überwältigt, anstatt auf den öffentlichen Platz, am Ufer des Meeres auf und nieder, und bedachte sein Elend. Er betrachtete mit Aufmerksamkeit den Ort, wohin er unversehens durch die Kunst des Scheichs Schahabeddin versetzt worden war. Er rief dieses seltsame und trübselige Abenteuer in sein Gedächtnis zurück, und konnte sich nicht enthalten darüber zu weinen. Da er noch die Abwaschung vor dem Gebete tun musste, so tauchte er sich ins Wasser: aber als er den Kopf wieder herauszog, war er höchst erstaunt, sich in seinem Palast zu befinden, mitten in der Kufe und umgeben von seien Beamten. "O grausamer Scheich!" rief er aus, indem er ihn in derselben Stellung erblickte, in welcher er ihn verlassen hatte; "fürchtest du nicht die Strafe Gottes, dass du deinen Sultan und Herrn also behandelt hast?" - "Herr," antwortete der Scheich, "woher kömmt dieser Zorn Euer Majestät gegen mich? ihr habt so eben den Kopf in dieses Becken getaucht, und ihn sogleich wieder zurückgezogen: wollt ihr mir nicht glauben, so fragt eure Beamten, welche Zeugen davon sind." Der König beruhigte sich noch nicht bei ihrem Zeugnisse: "Ihr seid Betrüger," sprach er zu ihnen: "es sind sieben Jahre, dass dieser verwünschte Scheich durch die Gewalt seiner Bezauberungen mich in einem fremden Lande zurückhielt. Ich habe mich verheiratet, und sieben Söhne und sieben Töchter erzeugt: darüber beklage ich mich jedoch nicht so sehr, als dass ich ein Lastträger gewesen bin. Ha, boshafter Scheich, wie hast du dich unterfangen können, mich Laststricke tragen zu lassen?" - "Wohlan, Herr," antwortete der Scheich, "weil ihr meinen Worten nicht Glauben beimessen wollt, so will ich euch durch die Tat überzeugen." Bei diesen Worten zog er sich aus, umgürtete sich mit einem Tuche, stieg in die Kufe, und tauchte den Kopf ins Wasser. Der Sultan, noch immer erzürnt gegen ihn, und eingedenk seines Eides, ihn zu strafen, wenn er je wieder nach Ägypten heim käme, ergriff einen Säbel, und wollte dem Scheich den Kopf abhauen, sobald er ihn wieder aus dem Wasser emporhöbe. Aber der Scheich kannte durch die Wissenschaft, welche man Mekaschefa9) nennt, die Absicht des Königs, und durch die Wissenschaft Algaïb an alas bar10), verschwand er plötzlich und wurde nach der Stadt Damaskus entrückt, von wo er an den Sultan von Ägypten einen Brief folgenden Inhalts schrieb: "O König, wisse, dass wir, du und ich, nichts anderes sind, als arme Knechte Gottes. Während du den Kopf ins Wasser tauchtest, den du sogleich wieder zurück zogest, hast du eine Reise von sieben Jahren gemacht, eine Frau geheiratet, sieben Töchter und sieben Söhne erzeugt, und viel ausgestanden, und doch willst du nicht glauben, dass Mohammed, unser großer Prophet, sein Bette noch ganz warm und seinen Wassertopf noch nicht ausgeleert gefunden habe? Erkenne, dass nichts unmöglich ist für denjenigen, welcher aus nichts Himmel und Erde geschaffen hat, durch das bloße Wort Kun11)!" Nachdem der Sultan von Ägypten diesen Brief gelesen hatte, fing er an gläubig zu werden. Gleichwohl konnte er seinen Zorn gegen den Scheich nicht besänftigen. Er schrieb an den König von Damaskus, und bat ihn, den Scheich gefangen zu nehmen, ihn hinrichten zu lassen, und ihm seinen Kopf zu senden. Der König von Damaskus ging auf das Verlangen des Königs von Ägypten ein, und beeilte sich, ihm zu genügen. Er vernahm, dass der Scheich sich in einer Höhle, ziemlich fern von der Stadt aufhielt, und befahl seinen Kapidschi's12), sich dahin zu begeben, den Scheich zu ergreifen, und ihm denselben zu bringen. Die Kapidschi's eilten dahin, und wähnten, diesen Befehl leicht auszuführen: aber sie waren nicht wenig überrascht, den Eingang der Höhle von einer zahllosen Schar von Kriegern verteidigt zu finden, welche alle wohl beritten, und mit Schwert und Panzerhemde bewaffnet waren. Sie kehrten zu ihrem König zurück, und berichteten ihm, was sie gesehen hatten. Der Sultan, erzürnt über diesen Widerstand, versammelte seine Truppen, und zog selber hin, den Scheich u belagern, welcher ihm aber ein so überlegenes Kriegsheer entgegenstellte, dass der Fürst erschrocken sich zurückzog. Voll Verdruss über diesen übeln Erfolg, und entschlossen, sich nicht bloß zu geben, berief er seine Wesire, und befragte sie, was unter diesen Umständen zu tun wäre., so dürfte er doch nicht hoffen, einen Mann zu besiegen, welchem die göttliche macht beistände. "Jedoch, Herr," sprach der älteste Wesir, "wenn du dich des Scheichs bemächtigen willst, so sende hin zu ihm, und lass ihm sagen, dass du Frieden mit ihm zu machen wünschest. Erwähle die schönsten Sklavinnen deines Harems, und mache ihm ein Geschenk damit. Befiehl aber zuvor diesen Mädchen, von dem Scheich zu erforschen, ob es eine Zeit gibt, in welcher er keine Macht hat, seine Wunder zu tun." Der König gab diesem Rate Beifall, verstellte sich und ließ dem Scheich seine Freundschaft anbieten, indem er ihm Sklavinnen von seltener Schönheit übersandte. Der Scheich glaubte wirklich, dass der König von Damaskus es bereute, ihn so ungerecht verfolgt zu haben. Er ging in die Schlinge, und nahm die Sklavinnen an, unter welchen eine war, in die er sterblich verliebt wurde. Sobald dieses Mädchen den Scheich von einer so heftigen Leidenschaft ergriffen sah, sprach sie zu ihm: "Lieber Scheich, ich bin neugierig, zu wissen, ob es eine zeit gibt, in welcher du keine Wunder tun kannst?" - "Schönes Fräulein," antwortete er ihr, "ich bitte dich, mir diese Frage nicht mehr zu tun: denken wir nur daran, ein fröhliches Leben zu führen, es kann dir sehr gleichgültig sein, zu wissen, was du fragest." Die Sklavin stellte sich sehr gekränkt über diese Antwort; sei bezeigte eine tiefe Schwermut darüber, und als der Scheich ihr Liebkosungen machte, fing sie an zu weinen, und sprach zu ihm: "Alle Beweise der Liebe, welche du mir gibst, sind nicht wahrhaft; wenn du mich liebtest, so würdest du kein Geheimnis vor mir haben." Kurz, sie setzte ihm so zu, dass er schwach genug war, ihr zu gestehen, dass er, nachdem er eine Frau erkannt, ohne Nacht wäre, bis er die Abwaschung getan hätte13). Als die Sklavin diesen Umstand erfahren hatte, ließ sie es den König von Damaskus wissen, welcher seinen Kavidschis befahl, sich heimlich in der Nacht an die Türe des Scheichs zu stellen, und ihn zu ergreifen, sobald die Sklavin ihnen die Tür öffnen würde. Der Scheich hatte die Gewohnheit, alle Nacht zu seinem Haupte einen großen Krug voll Wasser hinzustellen, um sich dessen zu bedienen, wenn er die Abwaschung nötig hatte. Die Sklavin hatte beim Niederlegen das Wasser ausgegossen, ohne dass er es bemerkt hatte. so dass, als er sich waschen wollte, er den Krug leer fand. Die Treulose machte die Geschäftige, sie nahm den Krug, und unter dem Vorwande, Wasser zu holen, öffnete sie die Türe den Kapidschis, welche ungestüm in die Höhle drangen. Der Scheich erkannte nun die Verräterei der Sklavin, ergriff zwei Kerzen, welche auf den Leuchtern brannten, und drehte sich mit den Lichtern im Zimmer umher, seltsame Worte murmelnd, welche die Kapidschis nicht verstanden. Erschrocken über die Gebärden und Worte des Scheichs, und voll Furcht, dass er irgend ein Wunderwerk gegen sie hervorrufen wollte, flohen sie aus der Höhle. Der Scheich verschloss sogleich die Türe hinter sich, und verrichtete die Abwaschung. Hierauf, um sich an der treulosen Sklavin zu rächen, nahm er ihre Gestalt an, und gab ihr die seine; so verließ er die Höhle, und lief den Kapidschis nach. "Ha, ihr Feigen!" rief er ihnen zu, "befolgt ihr so die Befehle des Königs, eures Herrn? Er wird euch alle hinrichten lassen, wenn ihr nach Damaskus zurückkommet ohne den Scheich, seinen Feind. Warum seid ihr entflohen? habt ihr Ungeheuer oder Soldaten zu seiner Verteidigung erscheinen gesehen? Kehret um, gehet in die Höhle zurück, und fürchtet nichts. Mutiger als ihr, werde ich mich ihm nahen, ihn ergreifen und selber ihn euch überliefern." Die Kapidschis standen auf diese Anrede still, und ermutigten sich; sie kehrten sogleich um, und folgten dem Scheich unter der Gestalt der Sklavin, traten mit ihm in die Höhle und ergriffen die Sklavin, den Scheich zu fangen wähnend; sie banden ihr die Füße und die Hände, ohne dass sie ein einziges Wort sprach, weil der Scheich ihr die Sprache genommen hatte. So führten sie sie vor den König von Damaskus, welcher ihr sogleich den Kopf abhauen ließ, Aber sobald der Kopf vom Rumpfe getrennt war, gab der Scheich dem Leichname seine vorige Gestalt wieder, und ließ den König und alle seine Beamten sehen, dass es die Sklavin wäre, welche eben enthauptet worden; und er selber, der unter der Gestalt der Sklavin gegenwärtig war, nahm seine eigene Gestalt wieder an, und sprach zum König von Damaskus: "O König, der du, dem Sultan von Ägypten zu gefallen, alles angewendet hast, mich zu verderben, wisse, dass man nie ungerechten Verfolgungen die Hand bieten muss, und danke Gott, dass ich meine Rache auf die Bestrafung dieses elenden Weibes beschränke, welches mich verraten hat." Indem er dieses sagte, verschwand der Scheich, und ließ den König von Damaskus und alle Zeugen dieser wunderbaren Begebenheit, im größten Erstaunen zurück. "Dieses ist, Herr, die Geschichte des Scheichs Schahabeddin," fuhr der erste Wesir des Kaisers von Persien fort; "Euer Majestät ersieht daraus, dass die Männer nicht genug auf ihrer Hut sein können gegen die Frauen. Bevor du den Prinzen Nurgehan hinrichten lassest, erlaube uns, ihn zu befragen. Vielleicht wird er uns seine Unschuld zu erkennen geben." - "Wohlan, es sei," sagte der König, "ich willige ein, den Tod meines Sohnes bis morgen aufzuschieben." Während die Wesire den Prinzen besuchten, der im Gefängnisse war, stieg der Kaiser zu Pferde, und ritt aus der Stadt, um sich auf der Jagd zu zerstreuen. Am Abend, bei seiner Heimkehr, speiste er mit der Sultanin Chansade zusammen. Nach der Mahlzeit sprach sie zu ihm: "Ich fürchte, Herr, dass es dich gereuen wird, die Bestrafung des Prinzen aufgeschoben zu haben. "Der Mensch," sagt der Koran, "hat zwei Arten von Feinden, die er liebt, seine Kinder und seine Güter." Ja, euer Sohn ist euer Feind, weil er den Gedanken des abscheulichen Verbrechens fassen konnte, welches er begehen wollte. Säumet nicht, ihn zu bestrafen. Höret nicht mehr auf die Zärtlichkeit und das Mitleid, welche bei euch für ihn sprechen. Sein Böser Hang muss die Stimme des Blutes in euch ersticken; seid nicht so schwach, euch an die Weisungen aller Leute zu kehren; denn es ist eine Torheit, auf jeden Rath zu hören, wie dies die Fabel von dem Gärtner und seinem Sohne so gut beweiset. Vielleicht ist sie euch unbekannt. Euer Majestät erlaubt mir, sie zu erzählen: Der
Gärtner, sein Sohn und der Esel
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