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14. Nacht

"Meine Schwester," rief Dinarsade am Ende der vierzehnten Nacht, "ich bitte dich, nimm die Geschichte des Fischers wieder auf; du bist da stehen geblieben, wo der Griechische König die Unschuld des Arztes Duban behauptet, und ihn so kräftig verteidigt." - "Ich erinnere mich wohl daran," antwortete Scheherasade; "du sollst sogleich den Verfolg davon hören."

"Herr," fuhr sie fort, stets an Schachriar das Wort richtend, "was der griechische König von dem König Sindbad sagte, reizte die Neugier des Wesirs, so dass er zu ihm sagte: "ich bitte Euer Majestät um Verzeihung, wenn ich die Dreistigkeit habe, zu fragen, was denn die Wesire des Königs Sindbad zu ihrem Herrn sagten, um ihn abzuhalten, den Prinzen, seinen Sohn, töten zu lassen." Der griechische König hatte die Gefälligkeit, seine Neugier zu befriedigen, und begann also:

Die vierzig Wesire

"Es herrschte einst in Persien ein mächtiger König, Namens Sindbad. Ganz Asien gehorchte seinen Geboten. Er war der reichste König auf Erden; seine Tapferkeit glich seiner Macht; und wenn er ehrgeizig genug gewesen wäre, nach der Herrschaft der Welt zu trachten, so hätte er sie erobern können. Aber zufrieden, über weite und blühende Länder zu herrschen, dachte er nicht daran, sch derer seiner Nachbarn zu bemächtigen. Er hatte kein anderes Ziel im Auge, als die Wohlfahrt seiner Völker, welche sich auch so glücklich fühlten, dass sie jeden Tag seiner Regierung segneten. Alle andere Völker beneideten sie deshalb, und wünschten, so wie sie, zu seinen Untertanen zu gehören.

Dieser große Kaiser hatte einen Sohn, welcher die Bewunderung aller war, die ihn sahen. Er war Nurgehan genannt, das heißt, Licht der Welt. Dieser junge Prinz war von stattlichem Wuchse und himmlischer Schönheit, und verband mit diesen glänzenden Gaben alle empfehlenswerte Geschicklichkeiten. Er konnte bewundernswürdig in verschiedenen Sprachen schreiben; er war ein vortrefflicher Bogenschütze; kurz, es gibt fast keine Wissenschaft, die er nicht besaß, oder davon er mindestens nicht eine genügende Einsicht hatte.

Er war das lebendige Ebenbild der Sultanin, seiner Mutter, welche man den Schönheiten von Kaschemir verglich. Sindbad liebte seine Gemahlin zärtlich. Davon gab er eben so aufrichtige als schmerzliche Beweise, als durch einen verhängnisvollen Beschluss des Schicksals, sie nach einer langen Krankheit starb. Er empfand darüber einen so lebhaften Schmerz, dass es unmöglich ist, ihn auszudrücken. Gleichwohl tat die Zeit ihre gewöhnliche Wirkung; der Kaiser tröstete sich, und die Reize einer neuen Frau ließen ihn die vergessen, die er verloren hatte.

Er vermählte sich mit der Prinzessin Chansade1), der Tochter eines benachbarten Königs. Sie war schön, sie hatte Geist: aber sie vermochte ihren Leidenschaften nichts zu versagen. Sie konnte den jungen Prinzen nicht sehen, ohne die heftigste Liebe für ihn zu empfinden; und weit entfernt, ihre Kräfte aufzubieten, und sie zu besiegen, gab sie sich ihr hin, und beschloss, sie dem Prinzen zu erklären, sobald sie Gelegenheit dazu fände.

Unterdessen befliss Nurgehan sich der Wissenschaften, und machte große Fortschritte in der Sterndeutung, worin ihn sein Lehrer Abuschamar unterrichtete, ein Mann von tiefem Wissen, und der geschickteste Sterndeuter in Asien.

Dieser gelehrte Mann stellte eines Tages dem Prinzen, seinem Schüler, das Horoskop, und erkannte durch seine untrüglichen Beobachtungen, dass derselbe von einem furchtbaren Unglücke bedroht würde; er sprach zu ihm: "Prinz, ich habe die Sterne über eure Bestimmung befragt, und sie euch wenig günstig befunden. Ein trauriges Schicksal steht euch bevor, und Ihr sehet mich deshalb von Schmerz durchdrungen."

Nurgehan erblasste bei diesen Worten; sein Lehrer aber beruhigte ihn, indem er ihm sagte: "Glaubet indessen nicht, dass meine Zärtlichkeit für euch und meine Kunst dem feindlichen Geschicke weichen, welches euch bedroht; euer Untergang steht freilich in den Sternen geschrieben, aber es ist nicht unmöglich, ihm zuvorzukommen. Mein Buch hat mir das Mittel dazu gezeigt. Ihr müsst nämlich vierzig Tage stumm sein. Was man auch zu euch spreche, antwortet nichts darauf; und was auch immer euch begegne, hütet euch wohl ein Stillschweigen zu brechen, von welchem euer Leben abhängt."

Der Prinz versprach, vierzig Tage lang zu schweigen. Nach diesem Versprechen schrieb sein Lehrer einige Namen2) auf, und hängte sie ihm um den Hals; darauf begab er sich in ein unterirdisches Gemach, welches er nur allein wusste, und verbarg sich dort, um nicht genötigt zu werden, die Neugier des Kaisers zu befriedigen, und ihm Dinge zu entdecken, die er ihm nicht entdecken wollte.

Sindbad, welcher nicht lange sein konnte, ohne seinen Sohn zu sehen, ließ ihn zu sich kommen, und tat ihm verschiedene Fragen, auf welche der Prinz nicht antwortete. Der Kaiser war sehr verwundert darob, und rief aus: "O mein Sohn, warum redest du nicht? hast du die Sprache verloren? was hat man dir getan? Was ist dir begegnet? Zerstreue die Unruhe, welche mir dein Stillschweigen verursacht." Diese Worte taten nicht mehr Wirkung, als die ersten. Der Prinz sah seinen Vater traurig an, und senkte dann die Augen, ohne ein einziges Wort zu sagen.

Darauf wandte der König sich an den Hofmeister seines Sohnes, und sagte zu ihm: "Der Prinz hat einen geheimen Kummer, der ihn verzehrt. Führ' ihn in das Zimmer der Sultanin, seiner Stiefmutter, vielleicht eröffnet ihr sich sein Herz."

Der Hofmeister gehorchte dem Befehle des Kaisers; er führte Nurgehan zu der Sultanin Chansade: "Herrin," sagte er zu dieser Fürstin, "es scheint, dass der Prinz die Sprache verloren hat. Seine Seele ist der Raub einer unseligen Betrübnis, deren Ursache er hartnäckig verhehlt. Der Kaiser sendet ihn zu euch, weil er hofft, dass Eure Gegenwart seine Schwermut verbannen wird."

Die Sultanin empfand bei diesen Worten eine angenehme Unruhe. "Ich muss," sagte sie bei sich selber, "diesen glücklichen Augenblick benutzen, auf welchen ich so lange gewartet habe. Ich habe nichts zu befürchten, wenn ich mich erkläre. Hat Nurgehan die Sprache verloren, so kann er seinem Vater nicht wieder sagen, was ich ihm gesagt habe; und ist er unbescheiden genug, um meine Liebe zu offenbaren, so werde ich sagen, dass ich dergleichen zu ihm geredet habe, bloß um ihn zum Sprechen zu bewegen." Kurz, Chansade ergriff diese Gelegenheit, als die günstigste, welche sie jemals finden konnte, ließ alle Gegenwärtigen aus ihrem Zimmer treten, und blieb allein mit dem Prinzen.

Sie begann damit, ihm um den Hals zu fallen, und ihn inbrünstig zu umarmen: "Geliebter Prinz," sagte sie zu ihm, "was ist es, das dich so betrübt? Verbirg mir es nicht, mir, die ich dich zärtlicher liebe, als wenn du mein eigener Sohn wärest."

Der Prinz, gerührt von den Zeichen der Freundschaft, welche seine Stiefmutter ihm gab, bemühte sich, durch seine Blicke und Gebärden ihr begreiflich zu machen, dass er innigst betrübt wäre, ihr nicht antworten zu können. Sie legte diese Gebärden und Blicke falsch aus, und bildete sich ein, dass er von demselben entbrenne, welches sie verzehrte, und dass er ohne Zweifel sich nicht hätte erwehren können, Liebe für sie zu empfinden, so wie sie sich nicht hatte enthalten können ihn zu lieben; und dass er aus Ehrfurcht vor seinem Vater nicht wagte, seine Empfindungen zu entdecken.

Bezaubert durch diesen Irrtum fuhr sie fort, mit aller Leidenschaft, deren nur eine Frau fähig ist, welche die Tugend und die Vernunft verlassen hat: "O mein König! O meine Seele! Brich dieses grausame Schweigen, welches uns beide quält. Du weißt, dass alles, was der Kaiser besitzt, in meiner Gewalt steht. Willst du dich mit mir verständigen, und einwilligen, was ich dir antrage, so sollst du in kurzer Zeit auf dem Gipfel deiner Wünsche sein. Du bist jung, Prinz; wie du, bin auch ich noch jung. Ich passe für dich besser, als für deinen Vater, dessen hohes Alter mein Leben traurig und langweilig macht. Du antwortest nicht? Verpflichte dich durch einen unverletzlichen Eid, mich zu deiner Gemahlin zu nehmen, und ich verspreche dir, dich bald zum Kaiser zu machen und den Tod deines Vaters zu beschleunigen. Ich schwöre bei dem großen Gott, Schöpfer Himmels und der Erden, dass meine Worte ohne Arglist sind. Verbinde dich also durch denselben Eid, und versichere mich, dass du die Hand empfangen willst, welche dich krönen wird."

Nurgehan gab keine Antwort auf diese Rede; und da er darüber betroffen schien, fuhr die Sultanin fort: "Ich sehe wohl ein, Prinz, dass mein Vorschlag dich überrascht. Du zweifelst, ob ich ihn ausführen könne. Aber vernimm, auf welche Weise ich den Kaiser sterben lassen will. Es befinden sich in dem Schatze alle Arten von Gift. Da sind welche, die das Leben einen Monat, nachdem es genommen ist, enden. Andere sind, welche erst binnen zwei Monaten töten. Es sind selbst welche, die noch langsamer ihre Wirkung tun. Wir wollen uns dieser letzten bedienen. Der Kaiser wird krank, und geht allmählich seiner Bestimmung entgegen, ohne dass das Volk in uns die Urheber seines Todes argwöhnen kann. Darauf besteigst du den Thron. Das ganze Land erkennt dich für seinen Herrn, und das Heer gehorcht dir."

Wenn der Sohn des Kaisers auch hätte reden wollen, so würde er nicht die Kraft dazu gehabt haben, so erstaunt war er, diesen schrecklichen Antrag zu hören.

Die Sultanin, als sie ihn so nachdenklich sah, fügte hinzu: "Prinz, wenn du etwa in Verlegenheit bist, wie du die Gemahlin deines Vaters zur Frau nehmen könntest, so will ich es dich lehren. Nach dem Tode des Kaisers darfst du mich nur in mein Vaterland heimsenden, und mir heimlich einen deiner Hauptleute mit etlichen Soldaten folgen lassen: sie fallen als Räuber über uns her, und entführen mich. Darnach bringe man das Gerücht in Umlauf, dass ich auf dem Wege getötet worden, und einige Tage darauf kaufst du mich von dem Hauptmanne, so wie man Sklavinnen kauft. Durch dieses Mittel kannst du mein Mann werden, und so werden wir beide in der süßesten Vereinigung leben."

Hier hielt die Fürstin inne, um dem Prinzen Zeit zu lassen, ein schon zu langes Stillschweigen zu brechen; da er aber immer noch nicht antwortete, so verlor sie alle Zurückhaltung, sie drückte ihn fest in ihre Arme und küsste ihn mit Inbrunst. Aber Nurgehan, entrüstet über die Schamlosigkeit seiner Stiefmutter, riss sich ungestüm aus ihren Armen los, und schlug sie so unsanft ins Gesicht, dass ihr der Mund davon blutete.
Auf der Stelle wechselte der Zorn mit der Zärtlichkeit in dem Herzen der Sultanin. Ihre Augen, die einen Augenblick zuvor nur von dem Feuer der Liebe glänzten, funkelten jetzo vor Wut. "Ha, Niederträchtiger!" rief sie aus, "so behandelst du eine Fürstin, die dich anbetet? Barbar! Wenn ich, indem ich dir die Stelle deines Vaters anbiete, deine wilde Tugend empöre; wenn du mich, nach diesem Antrage, mit Abscheu betrachtest: solltest du nicht die Leidenschaft einer Frau entschuldigen, welche eine törige Liebe verblendet? Ich verdiente eher dein Mitleid, als die schändliche Behandlung, welche mir von dir widerfahren ist. Wohlan, folge nur deiner Rohheit. Verdoppele, wenn du kannst, deinen Hass gegen mich. Du kannst mich nie so sehr hassen, als ich in diesem Augenblick dich hasse. Fliehe meine Gegenwart, und fürchte die Rache einer Frau, deren Gunst zu verschmäht hast."

Sie hatte nicht nötig, dem Prinzen zu befehlen, sich zu entfernen: er hatte dies schon getan, sobald er die Sultanin geschlagen hatte; so dass er nicht die Hälfte von ihren Vorwürfen und Drohungen hörte.

Chansade atmete nichts als Wut und Rache. Sie beschloss Nurgehans Verderben. In dieser Absicht zerriss sie ihre Kleider, zerraufte ihr Haar, rieb sich das ganze Gesicht mit dem Blute, welches ihr aus der Nase floss, und ließ ihr Zimmer von ihrem Geschrei und Wehklagen widerhallen.

Der Kaiser kam bald darauf, sich zu erkundigen, ob sein Sohn endlich sein Stillschweigen gebrochen hätte. Wie erstaunte er aber, als er die Sultanin auf dem Sofa sitzend fand mit zerstreuten Haaren und blutigem Gesichte! Da er sie liebte, so war er außer sich vor Zorn und Schmerz: "O geliebte Seele meiner Seele," reif er aus, "wer hat dich in diesen kläglichen Zustand versetzt! Nenne mir ihn schleunigst. Du solltest jetzt schon gerächt sein."

Die listige Königin verdoppelte bei dieser Anrede ihr Weinen, und antwortete also: "Herr, du bist Vater! warum kann ich dir nicht verbergen, was du zu wissen wünschest? Wenn du erstaunt bist über die Verwirrung, in welcher ich bin, wie groß wird erst dein Erstaunen sein, wenn du erfährst, dass es das Werk deines Sohnes ist?" - "Meines Sohnes? großer Gott!" unterbrach sie der Kaiser. "Ach, meine Frau, was sagst du mir da? Wie! sein Hass gegen eine Stiefmutter konnte ihn dahin bringen, dir solchen Schimpf anzutun! Die Ehrfurcht, welche er mir schuldig ist, hat ihn nicht zurückhalten können?" - "Herr," erwiderte die Sultanin, "er ist noch viel schuldiger, als du denkst. Ach! welche Frau hätte seiner bescheidenen Miene, diesem Anscheine der Tugend, welcher so gut auf seinem Gesichte ausgedrückt ist, misstrauet? Ich saß auf diesem Sofa, als er herein trat; ich ließ alle Gegenwärtigen herausgehen, um Stillschweigens zu entdecken. Er hat sie mir leider nur zu deutlich erklärt! Sobald er sich allein sah mit mir, setzte er sich an meine Seite, und sprach zu mir; "Meine Königin, ich muss dieses Schweigen brechen, welches ich bisher beobachtet habe, und wovon du die einzige Ursache bist, Ich bete dich an, und die Verzweiflung, dich nicht allein sprechen zu können, stürzte mich in eine Schwermut, welche mich zu verzehren drohte. Wie glücklich bin ich, diese Gelegenheit gefunden zu haben, dich ohne Zeugen zu sprechen! Genehmigst du meine Liebe, so bin ich entschlossen, meinen Vater zu töten und dich zu heiraten. Seine Völker sowohl als ich, sind so schon seiner langen Regierung überdrüssig." "Erlass mir, Herr," fuhr die Sultanin fort, "dir Wort für Wort alles zu wiederholen, was er zu mir gesagt hat. Ich zittere noch vor Entsetzen darüber. Es genüge dir, zu erfahren, dass du dem schändlichen Prinzen das Leben gegeben hast. Als er bemerkte, dass, anstatt mich zu überreden, sein Antrag mich empörte, streckte er ungestüm die Hand nach mir aus, um mir Gewalt anzutun. Ich widerstand: er zerriss meine Kleider, schlug mich, und hätte mir ohne Zweifel das Leben genommen, um sich zu rechtfertigen und mir im Tode das Verbrechen aufzubürden, dessen ich ihn anklage: aber er fürchtete, dass meine Frauen, die ich entfernt hatte, wiederkommen und ihn dabei betreffen möchten. Er entfloh also, und ließ mich in dem Zustande zurück, in welchem du mich siehst."

Sie sagte dieses mit allen Zeichen einer tief betrübten Frau. Der Kaiser hielt alles für wahr; und wie groß auch seien Zärtlichkeit für seinen Sohn war; doch ließ er sich von den Aufwallungen seines Zornes hinreißen. Er verließ das Zimmer der Fürstin, ließ den Scharfrichter kommen, und befahl ihm, alles zu der Hinrichtung des Prinzen Nurgehan vorzubereiten.

Aber bald vernahmen die Wesire den grausamen Befehl, welchen der Kaiser erteilt hatte; sie verwunderten sich, dass er, ohne sie zu Rate zu ziehen, den Entschluss gefasst hatte, seinen Sohn töten zu lassen. Sie versammelten sich alle, und begaben sich zu dem erzürnten Fürsten, zu welchem einer von ihnen also sprach:

"O Beherrscher der Welt, wir flehen dich an, uns nur heute noch das Leben des Prinzen zu bewilligen, und uns zu unterrichten, welches große Verbrechen er begangen haben kann, um gegen sein Leben den Arm eines Vaters zu bewaffnen, welcher doch langsam sein soll, seine Kinder zu strafen."

Der Kaiser erzählte ihnen alles, was die Sultanin ihm gesagt hatte.

Darauf nahm der älteste Wesir das Wort und sprach: "O König, hüte dich wohl, den Aufwallungen der Wut zu folgen, welche eine Frau dir angibt, und eine Handlung zu begehen, welche den Geboten Gottes und der Gerechtigkeit, welche die Propheten lehren, widerstreitet. Die Königin klagt den jungen Prinzen an, ohne Zeugen gegen ihn vorzubringen; sie verlangt seinen Tod, weil er sie liebt, und weil er, wie sie sagt, mit Gewalt seine Leidenschaft hat befriedigen wollen! Aber seit wann halten die Frauen ihre Keuschheit so hoch in Ehren, dass sie den Tod der Männer verlangen, die es wagen, sie anzutasten? Ohne Zweifel gibt es tugendhafte genug, um einen verwegenen Angriff würdig abzuweisen; aber indem ihre Tugend ihn verdammt, entschuldigt ihn zugleich ihre Eitelkeit, und leicht verzeihen sie ein Verbrechen, welches ihre Schönheit veranlasste. Darum hüte dich wohl, Herr, deinen Sohn der Verleumdung, ja vielleicht der Wut einer Person aufzuopfern, welche ihn verderben will, weil sie ihn nicht verführen konnte. Euer Majestät möge bedenken, dass die Frauen arglistig sind. Die Geschichte des Scheichs3) Schahabeddin beweiset hinlänglich, wie sehr ihre Bosheit zu befürchten ist."

Der Kaiser wünschte die Geschichte zu hören, und der Wesir erzählte sie folgendermaßen:

Geschichte des Scheichs Schahabeddin

Der Sultan von Ägypten versammelte eines Tages alle Gelehrten seines Reichs in seinem Palast; da erhub sich unter ihnen ein Streit. Man sagt, dass der Engel Gabriel den Mohammed aus seinem Bette entrückte und ihm alles zeigte, was in den sieben Himmeln, im Paradies und in der Hölle ist, und dass der große Prophet, nachdem er achtzigtausend Unterredungen mit Gott gehabt, von demselben Engel in sein Bett zurück gebracht wurde. Dabei behauptet man, dass alle diese Dinge in so kurzer Zeit vorgegangen wären, dass Mohammed bei seiner Rückkunft sein Bette noch ganz warm gefunden; ja sogar, dass er einen Topf wieder aufgehoben, dessen Wasser noch nicht ausgeflossen war, obwohl derselbe in eben dem Augenblick umgefallen war, als der Engel Gabriel den Propheten entrückt hatte.

Der Sultan, welcher in dieser Versammlung den Vorsitz hatte, behauptete, dass solches unmöglich wäre. "Ihr versichert," sprach er, "dass es sieben Himmel gibt, je fünfhundert Jahrreisen von einander entfernt, und dass jeder Himmel eben so tief, als von dem andern entfernt ist. Wie ist es nun möglich, dass Mohammed, nachdem er alle diese Himmel durchfahren und mit Gott achtzigtausend Unterredungen gehabt, bei der Rückkehr sein Bette noch warm und seinen umgeworfenen Topf noch nicht vom Wasser ausgeleert gefunden habe? Wer könnte leichtgläubig genug sein, um einer so lächerlichen Fabel Glauben beizumessen? Wisset ihr denn nicht, dass wenn ihr einen Topf voll Wasser umwerfet, und ihn auf der Stelle aufhebt, ihr doch nichts mehr darin findet?"

Die Gelehrten antworteten, dass solches freilich nicht natürlich zuginge; dass aber der Allmacht Gottes alles möglich wäre. Der Sultan von Ägypten, welcher zu den Freigeistern gehörte, und sich zum Grundsatze gemacht hatte, nichts zu glauben, was die Vernunft beleidigte, wollte von diesem Wunder nichts wissen, und die Gelehrten gingen auseinander.

Dieser Streit machte Aufsehen in Ägypten. Die Nachricht davon kam auch zu dem gelehrten Scheich Schahabeddin, welcher aus gewissen Ursachen, auf welche es hier nicht ankömmt, bei der Versammlung nicht zugegen sein konnte. Er begab sich sogleich nach dem Palast des Sultans, in der größten Hitze des Tages.

Sobald der Sultan von der Ankunft des Scheichs an seinem Hofe benachrichtigt war, ging er ihm entgegen, führte ihn in ein prächtiges Zimmer, ließ ihn hier nieder sitzen, und sprach zu ihm: "Scheich, es war nicht nötig, dass du dir die Mühe gabst, hierher zu kommen: du durftest nur einen deiner Diener senden, und wir hätten ihm gern alles gewährt, was er von uns für dich verlangt hätte." - "Herr," antwortete der Gelehrte, "ich komme gerade deshalb, um die Ehre zu haben, mit Euer Majestät zu reden." Der Sultan, welcher wusste, dass der Scheich in dem Rufe stand, vor Fürsten stolz zu sein4), erzeigte sich sehr freundlich und höflich gegen ihn.

Nun hatte das Zimmer, in welchem sie sich befanden, vier Fenster, nach den vier Weltgegenden. Der Scheich hat den König, sie verschließen zu lassen. Nachdem dies getan war, setzten sie noch einige Zeit ihre Unterredung fort; worauf der Scheich das eine Fenster wieder öffnen ließ, welches die Aussicht auf einen Berg, Namens Kiselbagi, das heißt der rote Berg, hatte, und bat den König, hinaus zu schauen. Der Sultan stellte sich ans Fenster, und sah auf dem Berge und in der Ebene bewaffnete Krieger mit Schilden und Panzerhemden. Sie saßen alle zu Pferde, mit bloßem Schwerte, und sprengten mit verhängten Zügeln, und zahllos, wie das Heer der Sterne gegen den Palast an.

Bei diesem Schauspiele verwandelte der Fürst seine Farbe, und rief ganz erschrocken aus: "O Himmel, was ist das für ein furchtbares Kriegsheer, welches sich meinem Palast nähert." - "Seid ohne Furcht, Herr," sagte der Scheich, "es ist nichts." Indem er dies sagte, schloss er selber das Fenster, und öffnete es dann sogleich wieder: da sah der König niemand, weder auf dem Berge, noch in der Ebene.

Das andere Fenster war der Stadt zugekehrt. Der Scheich ließ es öffnen; und der Sultan sah die Stadt Kahiro5) ganz in Flammen, welche hoch in der Luft emporstiegen. "Welche Feuersbrunst!" rief der erstaunte König aus: "da liegt meine Stadt, meine schöne Stadt Kairo, in der Asche!" - "Sei ohne Furcht, Herr," sagte der Scheich, "es ist nichts." Zu gleicher Zeit schloss er das Fenster, und als er es wieder öffnete, sah der König nichts von den Flammen, welche ihn so sehr erschreckt hatten.

Der Scheich ließ nun das dritte Fenster öffnen, durch welches der Sultan den Nil erblickte, wie er seine Ufer überstieg und seine Wogen wütend gegen den Palast heran stürzten. Obschon der König, nachdem er das Kriegsherr und die Flammen wieder verschwinden gesehen, über dieses neue Wunder nicht erschrecken durfte, so konnte er sich jedoch der Furcht nicht erwehren. "Ah, es ist um uns geschehen," rief er dennoch aus, "alles ist verloren; diese furchtbare Überschwemmung wird meinen Palast fortreißen und mich mit meinem ganzen Volke ersäufen!" "Fürchtet euch nicht, Herr," sagte der Scheich, "es ist nichts." In der Tat, als der Scheich das Fenster geschlossen und wieder geöffnet hatte, da floss der Nil wie gewöhnlich in seinen Ufern dahin.

Er ließ endlich das vierte Fenster öffnen, welches die Aussicht auf eine dürre Wüste hatte. So sehr der König über die vorigen Erscheinungen erschrocken war, so viel Vergnügen machte ihm dieser Anblick. Seine Augen, gewohnt, durch dieses Fenster nur eine unfruchtbare Gegend zu sehen, wurden angenehm überrascht, hier nun Weinberge zu schauen, und Gärten voll der schönsten Früchte von der Welt, und Bäche, welche mit süßem Gemurmel dahin rieselten, und deren Ufer mit Rosen, Basiliken, Balsam-Stauden und Narzissen geschmückt, dem Auge einen lachenden Anblick und dem Geruch eine Mischung von süßen Düften darboten. Zwischen diesen Blumen sah man eine zahllose Menge von Turteltauben und Nachtigallen, von welchen einige schon erschöpft waren von ihrem lauten Gezwitscher, während die andern noch mit ihren zärtlichen und klagenden Tönen die Luft erschütterten.

Der König, entzückt von allen den wunderbaren Gegenständen, welche seinem Blicke sich darboten, glaubte den Garten von Gram6) zu sehen. "Ah, welche Veränderung!", rief er im Übermaße seiner Bewunderung aus: "der schöne Garten; welch ein reizender Aufenthalt! Welche Lust werde ich haben, täglich darin zu wandeln!" - "Freuet euch nicht so sehr, Herr," sagte der Scheich, "was ihr da sehet, ist nichts." Mit diesen Worten schloss der Scheich das Fenster, und öffnete es sogleich wieder: und der Sultan sah, anstatt jener reizenden Bilde, wieder nur die Wüste.

"Herr," sagte hierauf der Scheich, "ich habe euch hier wohl Wunderdinge genug gezeigt: aber alles dieses ist nichts, in Vergleich mit dem großen Wunder, welches ich Euer Majestät noch sehen lassen will. Befehlet, dass man eine Kufe mit Wasser hierher bringe."

Der König gab einem seiner Leute den Befehl; und als die Kufe im Zimmer stand, sprach der Scheich zum Sultan: "Habet die Güte und lasst euch ganz nackt ins Wasser heben, und ein Tuch um eure Hüften gürten." Der König hatte die Gefälligkeit, sich ganz zu entkleiden und ein Tuch umgürten zu lassen. Da sprach der Scheich zu ihm: "Herr, tauchet den Kopf ins Wasser, und zieht ihn wieder zurück."

Der König tauchte den Kopf in die Kufe, und im Augenblick befand er sich auf einem Berge am Ufer des Meeres. Dies unerhörte Wunder erstaunte ihn noch weit mehr, als die vorigen. "Ha, Scheich!" rief er aus, außer sich vor Zorn, "treuloser Scheich, der du mich so grausam betrogen hast! Du hast mir meinen Thron rauben wollen; wenn ich aber je wieder nach Ägypten komme, von wo deine verfluchte Schwarzkunst mich entzückt hat, so schwöre ich, mich an dir zu rächen!"

Er fuhr noch in seinen Verwünschungen gegen den Scheich fort; aber bedenkend, dass alle seine Drohungen und Klagen unnütz wären, fasste er einen herzhaften Entschluss, und ging zu einigen Leuten, welche im Walde Holz fällten, beschloss aber, ihnen nicht seinen Stand zu entdecken; "denn wenn ich auch," sprach er bei sich selber, "ihnen sage, dass ich ein König bin, so werden sie mir doch nicht glauben, und mich für einen Narren oder Betrüger halten."

Die Holzhauer fragten ihn, wer er wäre. "Gute Leute," antwortete er, "ich bin ein Kaufmann, ich habe Schiffbruch gelitten und auf einem Brette mich gerettet: ich bemerkte euch, und komme zu euch. Die Lage, worin ihr mich sehet, muss euer Mitleid erregen."

Sie waren gerührt von seinem Unglück; aber sie waren selber in zu tiefem Elende, um das seinige erleichtern zu können. Dennoch unterließen sie nicht, ihm, der eine einen alten Rock, der andere ein Paar alte Schuhe, zu geben; und als sie ihn so eben in den Stand gesetzt hatten, mit Anstand in ihrer Stadt zu erscheinen, welche hinter dem Berge lag, so führten sie ihn dahin.

Sobald sie dort angelangt waren, nahmen alle Abschied von ihm, gingen heim zu den Ihrigen, und überließen ihn der Vorsehung.

Der Sultan blieb also allein. Welches Vergnügen sonst auch neue Gegenstände gewähren, so war er jedoch zu sehr mit seinem Abenteuer beschäftigt, um auf die Dinge zu achten, welche sich seinem Blicke darboten. Er ging die Straßen auf und ab, ohne zu wissen, was aus ihm werden sollte. Schon war er müde, und suchte mit den Augen einen Ort, um sich auszuruhen.

Er stand still vor dem Hause eines alten Hufschmieds, welcher ihm ansah, dass er müde war, und ihn einzutreten bat. Der König ging hinein und setzte sich auf eine Bank an der Türe. "Junger Mann," sagte der Greis zu ihm, "darf ich euch fragen, welches euer Gewerbe ist, und wie ihr hierher gekommen seid?" Der Sultan gab ihm dieselbe Antwort, welche er den Holzbauern gegeben hatte. "Ich begegnete," fügte er hinzu, "guten Leuten, welche auf dem Berge Holz fällten, ich erzählte ihnen mein Unglück, und sie waren großmütig genug, mir diesen alten Rock und diese alten Schuhe zu schenken." - "Es freut mich," sagte darauf der Schmid, "dass ihr dem Schiffbruch entronnen seid. Tröstet euch über den Verlust eurer Güter; ihr seid noch jung, und werdet vielleicht nicht unglücklich sein in dieser Stadt, deren Gewohnheiten den Fremden sehr vorteilhaft sind, welche sich niederlassen wollen. Habt ihr nicht diese Absicht?" - "Gewiss," antwortete der Sultan, "ich verlange nichts anderes, als hier zu bleiben, vorausgesetzt, dass mein Gewerbe hier gut geht." - "Wohlan," fuhr der Greis fort, "so befolget den Rath, welchen ich euch geben will: Gehet sogleich zu den öffentlichen Bädern der Frauen, setzet euch dort an die Türe, und fraget jede Frau, welche herauskömmt, ob sie einen Mann habe: diejenige, welche es verneint, wird eure Frau, nach dem Brauche des Landes."

Der Sultan, entschlossen, diesem Rate zu folgen, stand auf, nahm von dem Greise Abschied, und begab sich an die Tür der Bäder.

Es währte nicht lange, so sah er eine Frau von bezaubernder Schönheit herauskommen. "Ah, wie glücklich wäre ich," sprach er bei sich selber, "wenn diese liebenswürdige Frau noch unverheiratet wäre! Ich würde mich über all mein Unglück trösten, wenn ich sie besitzen könnte." Er hielt sie an, und fragte: "Schöne Frau, habt ihr schon einen Mann?" - "Ja, ich habe einen," antwortete sie. "Desto schlimmer," versetzte darauf der König, "ihr wäret sonst wohl meine Sache."

Die Frau ging ihres Weges, und bald darauf trat eine andere heraus, von einer schrecklichen Hässlichkeit. Der Sultan entsetzte sich bei ihrem Anblick: "Ha, welch ein scheußlicher Gegenstand," sprach er bei sich selber, "ich will lieber Hungers sterben, als mit einem solchen Geschöpfe leben. Mag sie gehen, ohne dass ich sie frage, ob sie verheiratet ist; ich fürchte, sie möchte Nein sagen. Aber der Schmid hat mir gesagt, dass ich allen Frauen diese Frage tun soll; ohne Zweifel ist das die Regel: ich muss mich ihr also wohl unterwerfen. Was weiß ich, ob sie nicht einen Mann hat? Irgend ein unglücklicher Fremdling, welchen sein Missgeschick hierher geführt hat, wie mich, kann sie geheiratet haben."

Kurz, der König entschloss sich, sie zu fragen, ob sie verheiratet wäre. Sie antwortete mit Ja; und diese Antwort machte ihm eben so viel Vergnügen, als die vorige ihm Verdruss gemacht hatte.

Es kam eine dritte Frau heraus, eben so hässlich als die letzte. "O Himmel!" sagte der König, sobald er sie erblickte, "da ist eine noch scheußlicher als die andere. Was hilft's: da ich einmal begonnen habe, so will ich auch durch. Wenn diese hier einen Mann hat, so muss ich bekennen, dass es Männer gibt, die noch mehr zu beklagen sind als ich."

Als sie an ihm vorüber ging, redete er sie an und sprach zitternd: "Schöne Frau, seid ihr schon verheiratet?" - "Ja, junger Mann," antwortete sie, ohne sich aufzuhalten. "ich bin sehr froh darüber," erwiderte der Sultan. "Welches Glück," fuhr er fort, "diesen beiden Weibern entronnen zu sein! Aber es ist noch nicht Zeit mich zu freuen; alle Frauen sind noch nicht aus dem Bade gekommen. Ich habe sie noch nicht gesehen, die mir bestimmt ist: ich werde bei dem Tausche vielleicht nichts gewinnen."

Er erwartete, noch eine so hässliche zu erblicken, als die beiden letzten: da erschien eine vierte, deren Schönheit noch die erste übertraf, die er schön gefunden hatte. "Welcher Abstand!" rief er aus, "Tag und Nacht sind nicht so entgegengesetzt, als diese schöne Frau und die beiden vorhergehenden Weiber. Kann man an demselben Orte Engel und Dämonen finden?"

Er nahte sich ihr mit großem Eifer, und fragte sie: "Liebenswürdige Frau, seid ihr schon verheiratet?" Sie antwortete Nein, indem sie ihn mit eben so viel Stolz als Aufmerksamkeit betrachtete. Darauf ging sie weiter, und ließ den König in äußerster Überraschung zurück.

"Was soll ich hievon denken?" sagte er. "Der alte Schmid muss mir was aufgeheftet haben. Wenn ich nach den Gesetzen des Landes diese Frau heiraten soll, warum ist sie so grob fort gegangen? und warum hat sie ein so stolzes und hochmütiges Wesen angenommen? Sie maß mich vom Haupte bis zu den Füßen, und ich sah in ihrem Blicken Zeichen der Verachtung. Es ist wahr, sie hat nicht groß Unrecht; ich muss mir selber Gerechtigkeit widerfahren lassen: dieser abgenutzte Rock voll Löcher erhebt eben nicht mein gutes Aussehen, und ist keineswegs geeignet, eine Frau für mich einzunehmen. Ich verzeihe ihr den Wunsch, dass sie es besser hätte treffen mögen."

Während er diese Betrachtungen anstellte, nahte sich ihm ein Sklave und sprach zu ihm: "Herr, ich suche einen ganz zerlumpten Fremden; und nach eurem Aussehen zu urteilen, seid ihr es. Bemühet euch, wenn es euch gefällt, mir zu folgen. Ich werde euch an einen Ort führen, wo ihr mit großer Ungeduld erwartet werdet."

Der König folgte dem Sklaven, welcher ihn zu einem großen Hause führte, und ihn in ein sehr sauberes Gemach eintreten, und dort einen Augenblick verziehen hieß. Der Sultan blieb hier zwei Stunden, ohne jemand zu sehen, ausgenommen den Sklaven, welcher von Zeit zu Zeit kam, ihm zu sagen, dass er nicht ungeduldig werden möchte.

Endlich erschienen vier reich gekleidete Frauen, und begleiteten eine andere, welche ganz von Edelsteinen strahlte, aber noch mehr durch ihre unvergleichliche Schönheit hervorglänzte. Der Sultan hatte nicht sobald die Augen auf sie geworfen, als er sie für die letzte Frau erkannte, welche er aus dem Bade gehen sah. Sie näherte sich ihm freundlich und sprach lächelnd zu ihm: "Verzeihet, wenn ich euch ein wenig habe warten lassen. Ich wollte mich vor meinem Herrn und Meister nicht im nachlässigen Anzuge zeigen. Ihr seid in eurem Hause. Alles, was ihr hier sehet, gehört euch. Ihr dürft nur befehlen, was ihr wünschet, ich bin bereit, euch zu gehorchen." -

"Schöne Frau," antwortete der Sultan, "vor einem Augenblick beklagte ich mein Schicksal, und jetzo bin ich der glücklichste der Menschen. Aber da ich euer Mann bin, warum habt ihr mich vorhin so stolz angesehen? Ich glaubte, dass mein Anblick euch stutzig machte, und aufrichtig zu gestehen, ich konnte es euch nicht übel nehmen." - "Herr," antwortete die Frau, "ich hütete mich wohl, anders zu tun. Die Frauen dieser Stadt sind genötigt, öffentlich stolz zu erscheinen. Das ist der Brauch. Zur Vergeltung dafür sind sie sehr freundlich daheim." - "Desto besser," erwiderte der König, "sie sind um so erfreulicher. Wenn ich denn Herr hier bin, so befehle ich, dass man mir einen Schneider und Schuster kommen lasse. Ich schäme mich hier vor euch in diesem schlechten Rock und diesen alten Schuhen, welche keineswegs dem Range entsprechen, welchen ich bisher in der Welt behauptet habe." - "Ich bin diesem Befehle schon zuvorgekommen," sagte die Frau, "und habe einen Sklaven zu einem jüdischen Handelsmann geschickt, welcher ganz fertige Kleider verkauft, und euch auf der Stelle alle Sachen verschaffen wird, deren ihr nötig habt. Unterdessen kommet, euch zu erfrischen."

Indem sie dieses sagte, fasste sie ihn bei der Hand und führte ihn in einen Saal, wo eine Tafel, bedeckt mit allen Arten von Früchten und eingemachten Sachen stand. Sie setzten sich beide an die Tafel, und während sie aßen, sangen die vier Frauen, welche hinter ihnen standen, mehrere Lieder des Dichtes Bada Saudai7). Sie spielten zugleich auf verschiedenen Instrumenten, und zuletzt nahm noch ihre Herrin eine Laute, begleitete sie mit ihrer Stimme, und bezauberte den Sultan durch ihren Gesang und ihr Spiel.

Dieses Konzert wurde durch die Ankunft des jüdischen Kaufmanns unterbrochen, welcher mit einigen Bedienten in den Saal trat, die Pakete herein trugen und öffneten: drinnen waren Kleider von verschiedenen Farben. Man beschaute alle, eins nach dem andern, und wählte eine Weste von weißer Seide mit goldenen Blumen, und einen Rock von veilchenfarbigem Tuche. Der Jude besorgte das übrige der Kleidung, und ging mit seinen Leuten weg.

Jetzo bewunderte die Frau das gute Aussehen des Königs, und war sehr zufrieden, einen solchen Mann zu haben; so wie er sehr vergnügt war, eine so schöne Frau zu besitzen.

Er lebte hierauf sieben Jahre mit dieser Frau, von welcher er sieben Töchter und sieben Söhne hatte. Weil aber beide den Aufwand liebten, und nur daran dachten, sich gütlich zu tun und sich zu erfreuen, so kam es dahin, dass endlich alle Güter der Frau verschwendet waren. Man musste sich der dienenden Frauen und Sklaven entledigen, und das Hausgeräte verkaufen, um zu bestehen.

Als die Frau des Sultans sich so in das äußerste Elend versetzt sah, sprach sie zu ihrem Manne: "So lange ich etwas besaß, hast du es nicht gespart. Du hast im Müßiggange gelebt. Es ist gegenwärtig an dir, auf Mittel zu denken, deine Familie zu ernähren."

Diese Worte betrübten den König. Er ging wieder zu dem alten Schmid, ihn um Rath zu fragen. "O mein Vater," sprach er zu ihm, "du siehst mich unglücklicher wieder, als ich bei meiner Ankunft in diese Stadt war. Ich habe ein Frau mit vierzehn Kindern, und habe nichts, sie zu ernähren." - "Junger Mann," fragte ihn der Greis, "kannst du kein Handwerk?" Der Sultan antwortete mit Nein. Da zog der Schmid zwei Aktschas8) aus der Tasche, gab sie dem Sultan in die Hand, und sagte zu ihm: "Geh sogleich hin, und kauf' die Trage-Stricke und stelle dich auf den Platz, wo die Lastträger sich versammeln."

Der König ging hin, kaufte sich die Stricke, und stellte sich unter die Lastträger. Kaum stand er dort eine Weile, da kam ein Mann, und fragte ihn: "Willst du eine Last tragen?" - "Ich bin nur deshalb hier," antwortete der Sultan. Darauf belud ihn der Mann mit einem schweren Sacke. Der König konnte ihn nur mit Mühe tragen, und die Stricke am Sacke zerschnitten ihm die Schultern. Er empfing seinen Lohn, welcher in einer Aktscha bestand, den er nach Hause trug.

Als die Frau sah, dass er nur einen Aktscha brachte, sagte sie zu ihm, wenn er nicht alle Tage zehnmal so viel gewänne, so würde seine Familie bald Hunger sterben.

Am folgenden Morgen ging der König, von Traurigkeit überwältigt, anstatt auf den öffentlichen Platz, am Ufer des Meeres auf und nieder, und bedachte sein Elend. Er betrachtete mit Aufmerksamkeit den Ort, wohin er unversehens durch die Kunst des Scheichs Schahabeddin versetzt worden war. Er rief dieses seltsame und trübselige Abenteuer in sein Gedächtnis zurück, und konnte sich nicht enthalten darüber zu weinen.

Da er noch die Abwaschung vor dem Gebete tun musste, so tauchte er sich ins Wasser: aber als er den Kopf wieder herauszog, war er höchst erstaunt, sich in seinem Palast zu befinden, mitten in der Kufe und umgeben von seien Beamten.

"O grausamer Scheich!" rief er aus, indem er ihn in derselben Stellung erblickte, in welcher er ihn verlassen hatte; "fürchtest du nicht die Strafe Gottes, dass du deinen Sultan und Herrn also behandelt hast?" - "Herr," antwortete der Scheich, "woher kömmt dieser Zorn Euer Majestät gegen mich? ihr habt so eben den Kopf in dieses Becken getaucht, und ihn sogleich wieder zurückgezogen: wollt ihr mir nicht glauben, so fragt eure Beamten, welche Zeugen davon sind."

Der König beruhigte sich noch nicht bei ihrem Zeugnisse: "Ihr seid Betrüger," sprach er zu ihnen: "es sind sieben Jahre, dass dieser verwünschte Scheich durch die Gewalt seiner Bezauberungen mich in einem fremden Lande zurückhielt. Ich habe mich verheiratet, und sieben Söhne und sieben Töchter erzeugt: darüber beklage ich mich jedoch nicht so sehr, als dass ich ein Lastträger gewesen bin. Ha, boshafter Scheich, wie hast du dich unterfangen können, mich Laststricke tragen zu lassen?" - "Wohlan, Herr," antwortete der Scheich, "weil ihr meinen Worten nicht Glauben beimessen wollt, so will ich euch durch die Tat überzeugen."

Bei diesen Worten zog er sich aus, umgürtete sich mit einem Tuche, stieg in die Kufe, und tauchte den Kopf ins Wasser.

Der Sultan, noch immer erzürnt gegen ihn, und eingedenk seines Eides, ihn zu strafen, wenn er je wieder nach Ägypten heim käme, ergriff einen Säbel, und wollte dem Scheich den Kopf abhauen, sobald er ihn wieder aus dem Wasser emporhöbe. Aber der Scheich kannte durch die Wissenschaft, welche man Mekaschefa9) nennt, die Absicht des Königs, und durch die Wissenschaft Algaïb an alas bar10), verschwand er plötzlich und wurde nach der Stadt Damaskus entrückt, von wo er an den Sultan von Ägypten einen Brief folgenden Inhalts schrieb:

"O König, wisse, dass wir, du und ich, nichts anderes sind, als arme Knechte Gottes. Während du den Kopf ins Wasser tauchtest, den du sogleich wieder zurück zogest, hast du eine Reise von sieben Jahren gemacht, eine Frau geheiratet, sieben Töchter und sieben Söhne erzeugt, und viel ausgestanden, und doch willst du nicht glauben, dass Mohammed, unser großer Prophet, sein Bette noch ganz warm und seinen Wassertopf noch nicht ausgeleert gefunden habe? Erkenne, dass nichts unmöglich ist für denjenigen, welcher aus nichts Himmel und Erde geschaffen hat, durch das bloße Wort Kun11)!"

Nachdem der Sultan von Ägypten diesen Brief gelesen hatte, fing er an gläubig zu werden. Gleichwohl konnte er seinen Zorn gegen den Scheich nicht besänftigen. Er schrieb an den König von Damaskus, und bat ihn, den Scheich gefangen zu nehmen, ihn hinrichten zu lassen, und ihm seinen Kopf zu senden.

Der König von Damaskus ging auf das Verlangen des Königs von Ägypten ein, und beeilte sich, ihm zu genügen. Er vernahm, dass der Scheich sich in einer Höhle, ziemlich fern von der Stadt aufhielt, und befahl seinen Kapidschi's12), sich dahin zu begeben, den Scheich zu ergreifen, und ihm denselben zu bringen.

Die Kapidschi's eilten dahin, und wähnten, diesen Befehl leicht auszuführen: aber sie waren nicht wenig überrascht, den Eingang der Höhle von einer zahllosen Schar von Kriegern verteidigt zu finden, welche alle wohl beritten, und mit Schwert und Panzerhemde bewaffnet waren. Sie kehrten zu ihrem König zurück, und berichteten ihm, was sie gesehen hatten. Der Sultan, erzürnt über diesen Widerstand, versammelte seine Truppen, und zog selber hin, den Scheich u belagern, welcher ihm aber ein so überlegenes Kriegsheer entgegenstellte, dass der Fürst erschrocken sich zurückzog.

Voll Verdruss über diesen übeln Erfolg, und entschlossen, sich nicht bloß zu geben, berief er seine Wesire, und befragte sie, was unter diesen Umständen zu tun wäre., so dürfte er doch nicht hoffen, einen Mann zu besiegen, welchem die göttliche macht beistände. "Jedoch, Herr," sprach der älteste Wesir, "wenn du dich des Scheichs bemächtigen willst, so sende hin zu ihm, und lass ihm sagen, dass du Frieden mit ihm zu machen wünschest. Erwähle die schönsten Sklavinnen deines Harems, und mache ihm ein Geschenk damit. Befiehl aber zuvor diesen Mädchen, von dem Scheich zu erforschen, ob es eine Zeit gibt, in welcher er keine Macht hat, seine Wunder zu tun."

Der König gab diesem Rate Beifall, verstellte sich und ließ dem Scheich seine Freundschaft anbieten, indem er ihm Sklavinnen von seltener Schönheit übersandte. Der Scheich glaubte wirklich, dass der König von Damaskus es bereute, ihn so ungerecht verfolgt zu haben. Er ging in die Schlinge, und nahm die Sklavinnen an, unter welchen eine war, in die er sterblich verliebt wurde.

Sobald dieses Mädchen den Scheich von einer so heftigen Leidenschaft ergriffen sah, sprach sie zu ihm: "Lieber Scheich, ich bin neugierig, zu wissen, ob es eine zeit gibt, in welcher du keine Wunder tun kannst?" - "Schönes Fräulein," antwortete er ihr, "ich bitte dich, mir diese Frage nicht mehr zu tun: denken wir nur daran, ein fröhliches Leben zu führen, es kann dir sehr gleichgültig sein, zu wissen, was du fragest." Die Sklavin stellte sich sehr gekränkt über diese Antwort; sei bezeigte eine tiefe Schwermut darüber, und als der Scheich ihr Liebkosungen machte, fing sie an zu weinen, und sprach zu ihm: "Alle Beweise der Liebe, welche du mir gibst, sind nicht wahrhaft; wenn du mich liebtest, so würdest du kein Geheimnis vor mir haben." Kurz, sie setzte ihm so zu, dass er schwach genug war, ihr zu gestehen, dass er, nachdem er eine Frau erkannt, ohne Nacht wäre, bis er die Abwaschung getan hätte13).

Als die Sklavin diesen Umstand erfahren hatte, ließ sie es den König von Damaskus wissen, welcher seinen Kavidschis befahl, sich heimlich in der Nacht an die Türe des Scheichs zu stellen, und ihn zu ergreifen, sobald die Sklavin ihnen die Tür öffnen würde.

Der Scheich hatte die Gewohnheit, alle Nacht zu seinem Haupte einen großen Krug voll Wasser hinzustellen, um sich dessen zu bedienen, wenn er die Abwaschung nötig hatte. Die Sklavin hatte beim Niederlegen das Wasser ausgegossen, ohne dass er es bemerkt hatte. so dass, als er sich waschen wollte, er den Krug leer fand. Die Treulose machte die Geschäftige, sie nahm den Krug, und unter dem Vorwande, Wasser zu holen, öffnete sie die Türe den Kapidschis, welche ungestüm in die Höhle drangen.

Der Scheich erkannte nun die Verräterei der Sklavin, ergriff zwei Kerzen, welche auf den Leuchtern brannten, und drehte sich mit den Lichtern im Zimmer umher, seltsame Worte murmelnd, welche die Kapidschis nicht verstanden. Erschrocken über die Gebärden und Worte des Scheichs, und voll Furcht, dass er irgend ein Wunderwerk gegen sie hervorrufen wollte, flohen sie aus der Höhle.

Der Scheich verschloss sogleich die Türe hinter sich, und verrichtete die Abwaschung. Hierauf, um sich an der treulosen Sklavin zu rächen, nahm er ihre Gestalt an, und gab ihr die seine; so verließ er die Höhle, und lief den Kapidschis nach. "Ha, ihr Feigen!" rief er ihnen zu, "befolgt ihr so die Befehle des Königs, eures Herrn? Er wird euch alle hinrichten lassen, wenn ihr nach Damaskus zurückkommet ohne den Scheich, seinen Feind. Warum seid ihr entflohen? habt ihr Ungeheuer oder Soldaten zu seiner Verteidigung erscheinen gesehen? Kehret um, gehet in die Höhle zurück, und fürchtet nichts. Mutiger als ihr, werde ich mich ihm nahen, ihn ergreifen und selber ihn euch überliefern."

Die Kapidschis standen auf diese Anrede still, und ermutigten sich; sie kehrten sogleich um, und folgten dem Scheich unter der Gestalt der Sklavin, traten mit ihm in die Höhle und ergriffen die Sklavin, den Scheich zu fangen wähnend; sie banden ihr die Füße und die Hände, ohne dass sie ein einziges Wort sprach, weil der Scheich ihr die Sprache genommen hatte.

So führten sie sie vor den König von Damaskus, welcher ihr sogleich den Kopf abhauen ließ, Aber sobald der Kopf vom Rumpfe getrennt war, gab der Scheich dem Leichname seine vorige Gestalt wieder, und ließ den König und alle seine Beamten sehen, dass es die Sklavin wäre, welche eben enthauptet worden; und er selber, der unter der Gestalt der Sklavin gegenwärtig war, nahm seine eigene Gestalt wieder an, und sprach zum König von Damaskus:

"O König, der du, dem Sultan von Ägypten zu gefallen, alles angewendet hast, mich zu verderben, wisse, dass man nie ungerechten Verfolgungen die Hand bieten muss, und danke Gott, dass ich meine Rache auf die Bestrafung dieses elenden Weibes beschränke, welches mich verraten hat."

Indem er dieses sagte, verschwand der Scheich, und ließ den König von Damaskus und alle Zeugen dieser wunderbaren Begebenheit, im größten Erstaunen zurück.

"Dieses ist, Herr, die Geschichte des Scheichs Schahabeddin," fuhr der erste Wesir des Kaisers von Persien fort; "Euer Majestät ersieht daraus, dass die Männer nicht genug auf ihrer Hut sein können gegen die Frauen. Bevor du den Prinzen Nurgehan hinrichten lassest, erlaube uns, ihn zu befragen. Vielleicht wird er uns seine Unschuld zu erkennen geben." - "Wohlan, es sei," sagte der König, "ich willige ein, den Tod meines Sohnes bis morgen aufzuschieben."

Während die Wesire den Prinzen besuchten, der im Gefängnisse war, stieg der Kaiser zu Pferde, und ritt aus der Stadt, um sich auf der Jagd zu zerstreuen.

Am Abend, bei seiner Heimkehr, speiste er mit der Sultanin Chansade zusammen. Nach der Mahlzeit sprach sie zu ihm: "Ich fürchte, Herr, dass es dich gereuen wird, die Bestrafung des Prinzen aufgeschoben zu haben. "Der Mensch," sagt der Koran, "hat zwei Arten von Feinden, die er liebt, seine Kinder und seine Güter." Ja, euer Sohn ist euer Feind, weil er den Gedanken des abscheulichen Verbrechens fassen konnte, welches er begehen wollte. Säumet nicht, ihn zu bestrafen. Höret nicht mehr auf die Zärtlichkeit und das Mitleid, welche bei euch für ihn sprechen. Sein Böser Hang muss die Stimme des Blutes in euch ersticken; seid nicht so schwach, euch an die Weisungen aller Leute zu kehren; denn es ist eine Torheit, auf jeden Rath zu hören, wie dies die Fabel von dem Gärtner und seinem Sohne so gut beweiset. Vielleicht ist sie euch unbekannt. Euer Majestät erlaubt mir, sie zu erzählen:

Der Gärtner, sein Sohn und der Esel
Fabel

Eines Tages ging ein alter Gärtner zu Fuße neben seinem Sohne, der auf einem Esel ritt, und begab sich nach seinem Garten; einige Leute, die ihm begegneten, riefen aus: "Sehet doch diesen alten narren, der so töricht ist, zu fuße zu gehen, während sein Sohn sich auf dem Esel spreizt."

Der folgsame Greis ließ seinen Sohn absteigen, und nahm dessen Platz ein.

Kurze Zeit darnach gingen andere Leute vorüber, und sagten: "Dieser Mensch hat ohne Zweifel den Verstand verloren: welchen Grund kann er haben, allein auf seinem Esel zu sitzen?"

Der Gärtner nahm nun seinen Sohn hinter sich auf den Esel.

"Welche Ungeschicklichkeit," riefen weiterhin einige Vorübergehende aus, "diesen jungen Menschen hinter dem Greise sitzen zu sehen!"

Der Vater und der Sohn hatten kaum die Plätze gewechselt, als sie wieder andern Leuten begegneten, welche ausriefen: "Dieser Mensch muss sehr unverschämt sein, diesen Jüngling so vor sich her zu führen." So dass der arme Gärtner tun mochte, was er wollte, er konnte nimmer eine Stellung finden, welche aller Welt zu Danke gewesen wäre.

"Ihr seht also, Herr," fuhr Chansade fort, "dass niemand dem Urteile andrer entgehen kann, und dass es eine Torheit ist, sich nach dem Rate richten zu wollen. folget eurem ersten Antriebe, und bestrafet einen undankbaren und frevelhaften Sohn."

Am folgenden Morgen bestieg der Kaiser von Persien den Thron, ließ den Scharfrichter kommen, und befahl ihm, den Prinzen Nurgehan zu töten.

Da trat der zweite Wesir hervor, und sprach: "Großer König! hüte dich wohl, dich eines Verbrechens schuldig zu machen, indem du den Anklagen der Sultanin trauest. Du weißt wohl, wie vieler Täuschungen die Frauen sich schuldig gemacht haben; man erzählt mehr davon, als Sterne am Himmel stehen, oder Wassertropfen im Meere sind: Euer Majestät erlaube mir, unter andern nur die Geschichte von dem Papagei zu erzählen."

Der Sultan willigte ein, seinen Wesir anzuhören, welcher also begann:

Geschichte des Ehemanns und des Papageis

Ein guter Mann hatte eine schöne Frau, welche er leidenschaftlich liebte, dass er sie so wenig als möglich aus den Augen ließ. Eines Tages, da dringende Geschäfte ihn nötigten, von ihr sich zu entfernen, ging er an einen Ort, wo man allerlei Vögel feil hatte: er kaufte hier einen Papagei, der nicht allein sehr gut sprach, sondern auch die Gabe hatte, alles wieder zu erzählen, was in seiner Gegenwart vorgegangen war. Er brachte ihn in einem Käfig nach Hause, und bat seine Frau, ihn in ihr Zimmer zu setzen, und für ihn zu sorgen, während der Reise, welche er machten musste. Darauf reiste er ab.

Bei seiner Heimkehr ermangelte er nicht, den Papagei über das zu befragen, was während seiner Abwesenheit vorgegangen war; und der Vogel machte ihm darüber Dinge kund, welche ihn veranlassten, seiner Frau große Vorwürfe zu machen. Sie wähnte, dass eine ihrer Sklavinnen sie verraten hätte; alle schwuren aber, dass sie treu gewesen wären; sie kamen also darin überein, dass es der Papagei gewesen, welcher diesen übeln Bericht gemacht hätte.

Erfüllt von diesem Gedanken, kann die Frau auf Mittel, den Verdacht ihres Manns zu vernichten, und zugleich sich an dem Papagei zu rächen. Sie fand es bald. Als ihr Mann abermals auf einen Tag verreist war, befahl sie einer Sklavin, während der Nacht unter dem Käfig des Papageis eine Handmühle zu drehen; einer andern befahl sie, Wasser, wie im Regen, auf den Käfig herab zu gießen; und einer dritten, einen Spiegel zu nehmen und ihn im Widerschein eines Lichtes vor den Augen des Papageis hin und her zu drehen. Die Sklavinnen verwandten einen großen Teil der Nacht, zu vollbringen, was ihre Herrin ihnen geboten hatte, und richteten es sehr geschickt aus.

Am folgenden Tag, als der Mann zurückkam, befragte er wieder den Papagei darüber, was sich unterdessen bei ihm zugetragen hatte. Der Vogel antwortete: "Mein guter Herr, die Blitze, der Donner und der Regen haben mich dermaßen diese Nacht beunruhigt, dass ich dir gar nicht sagen kann, was ich ausgestanden habe."

Der Mann, welcher wohl wusste, dass es in dieser Nacht weder gedonnert noch geregnet hatte, war nun überzeugt, dass der Papagei, der hierin nicht die Wahrheit sagte, sie ihm auch nicht in Betreff seiner Frau gesagt hätte. aus Ärger darüber, riss er ihn aus seinem Käfig, und warf ihn so wütend gegen den Boden, dass er ihn tötete. Gleichwohl vernahm er in der Folge von seinen Nachbarn, dass der Papagei ihn nicht belogen, was er ihm von der Aufführung seiner Frau erzählt hatte; weshalb es ihn gereute, ihn getötet zu haben ...

"Ihr ersehet hieraus, Herr," fuhr der Wesir fort, "wie schlau die Frauen sind. lasset den Prinzen Nurgehan nicht eher umbringen, als bis sein Lehrer sich wieder gefunden hat; denn es ist gewiss etwas Außerordentliches in dieser Sache verborgen: und welches Verbrechen würdet ihr begehen, wenn ihr unschuldiges Blut vergösset!"

Der Kaiser von Persien war gerührt durch die Vorstellungen seines Wesirs, ließ seinen Sohn ins Gefängnis zurückführen, und verließ den Palast.

Am Abend bei seiner Heimkehr speiste er mit der Sultanin, welche nach der Mahlzeit zu ihm sprach: "Ihr habt den Prinzen Nurgehan noch nicht töten lassen, und hört auf die unvorsichtige Zärtlichkeit, welche ihr für ihn habt. Denket lieber an die Fabel, welche ich gestern Euer Majestät erzählte, und nehmt sie euch zu Herzen, wie der Sultan Mahmud tat, dessen Geschichte ich euch erzählen will:"

Der Sultan Mahmud und sein Wesir
Gleichnis

Ein Derwisch kam eines Tages zu Chas-Ayas, dem Wesir des Sultans Mahmud14), und bat denselben, ihm ein Gehalt bei diesem Fürsten auszuwirken.

"Ihr sollt es erhalten," antwortete der Wesir, "aber unter der Bedingung, dass ihr dem König versprechet, mich die Sprache der Vögel zu lehren." Der Derwisch verstand sich zu diesem Betruge, und der Sultan bewilligte ihm ein Gehalt von zehn Goldstücken täglich.

Einige Zeit darnach, als der Sultan mit seinem Wesir auf der Jagd war, sprach er zu ihm: "Chas-Ayas, hast du schon von dem Derwisch etwas gelernt? ich möchte wohl wissen, was diese beiden Eulen dort auf den beiden Bäumen einander zu sagen haben. Höre ihnen zu, und berichte mir ihre Unterhaltung."

Der Wesir nahte sich den Bäumen, und stellte sich eine zeitlang, als wenn er den Eulen ein aufmerksames Ohr liehe; dann kam er wieder zu seinem Herrn und sagte zu ihm: "Herr, ich habe ein Teil ihres Gespräches vernommen, aber erlasset mir, es euch mitzuteilen." - "Und warum scheuest du dich, es mir zu sagen?" rief der Sultan. "Herr," antwortete Chas-Ayas, "weil diese beiden Vögel sich von Euer Majestät unterhielten." - "Und welchen Teil kann ich an ihrem Gespräche haben?" erwiderte Mahmud; "ich will durchaus, dass du mir nichts verhehlest, und befehle dir, mir Wort für Wort alles zu sagen, was du vernommen hast." -

"So will ich euch denn gehorchen, Herr," antwortete der Wesir. "Eine der beiden Eulen hat einen Sohn, und die andere eine Tochter, die wollen sie mit einander verheiraten. Der Vater des Sohnes sagte zu dem Vater der Tochter: "Bruder, ich willige in diese Heirat, unter der Bedingung, dass du deiner Tochter fünfhundert verwüstete Dörfer mitgibst." - "He," antwortete sogleich der Vater der Tochter, "du forderst nicht mehr als das? ich will dir wohl tausend anstatt der fünfhundert geben, wenn du es verlangst. Gott gebe dem Sultan Mahmud glückliches und langes Leben! so lange er König von Persien ist, wird es uns daran nicht fehlen."

Der Sultan verstand wohl das sinnreiche Gleichnis seines Wesirs, und er nahm es sich zu Herzen. Er beschäftigte sich sogleich damit, die zerstörten Städte wieder aufbauen zu lassen, und dachte fortan nur daran, seine Völker glücklich zu machen; und seitdem begann man den Namen und die Tugenden dieses großen Fürsten zu preisen, weil man noch heute ihn preiset."

Als die Königin Chansade dieses Gleichnis erzählt hatte, drängte sie den Sultan von neuem, den Prinzen hinrichten zu lassen. Er versprach ihr, dass am nächsten Morgen ihre Rache befriedigt werden sollte.

Am folgenden Tage trat Sindbad mit wütiger Gebärde in den Thronsaal und sprach zu dem Scharfrichter: "Man führe sogleich meinen Sohn hierher, und schlage ihm ohne Aufschub den Kopf ab." -

"O König der Welt!" rief da der dritte Wesir aus, indem er sich am fuße des Thrones niederwarf, "alle euere Wesire, euere treuen Sklaven, beschwören euch, die Bestrafung des Prinzen noch zu verschieben, bis dass ihr die Geschichte des Brahmanen Padmanaba gehört habt. Euer Majestät könnte sich wohl noch besinnen, wen sie dieselbe mit Aufmerksamkeit anhörte." - "Ich bewillige, dass du sie mir erzählest," antwortete der König, "aber darnach werde ich meinen Sohn doch hinrichten lassen."

Geschichte des Brahmanen Padmanaba und des jungen Fikaï

"Herr," fuhr der dritte Wesir fort, "es war einmal in der Stadt Damaskus ein Fikáa-Verkäufer15), der hatte einen Sohn von fünfzehn bis sechzehn Jahren, welcher sich Hassan nannte, und für ein wunder gelten konnte. Der Jüngling war von Angesicht wie der Mond, an Wuchs wie die Zypresse, von heiterem Gemüt und anmutigem Geiste. Wenn er sang, so entzückte er alle Welt durch die Süßigkeit der Stimme; und wenn er die Laute spielte, so war er im Stande, einen Toten zu wecken.

Diese Gaben waren nicht ohne Nutzen für den Vater, der sich gewissermaßen das Vergnügen, welches sein Sohn gewährte, mit bezahlen ließ, und seinen Fikáa sehr teuer verkaufte. Das Maß, welches anderswo nur einen Mangir16) galt, verkaufte er für einen Aktscha. Aber er durfte getrost sein Getränk verteuern: da man in seine Schenkstube mehr um seinen Sohn zu sehen ging, so war der Zulauf nicht minder groß. man nannte sogar sein Haus Tschesméy Aby Hhayat, das heißt, die Quelle der Jugend, wegen des Vergnügens, welches die Greise darin fanden.

Eines Tages, als der junge Fikaï sang und die Laute spielte, zum großen Behagen aller, die sich in der Schenke befanden, trat der berühmte Brahmane Padmanaba herein, um sich zu erfrischen. Er bewunderte nicht minder den Hassan; und als er sich mit ihm unterhielt, wurde er ganz bezaubert von seinem Gespräch. Er kam nicht allein den folgenden Tag wieder in die Schenke, sonder verließ sogar seine Geschäfte, um alle Tage dahin zu gehen; und anstatt dass die andern nur einen Aktscha bezahlten, gab er eine Zeckine.

Schon lange Zeit dauerte dies so fort, da sprach der junge Fikaï zu seinem Vater: "Es kömmt jeden Tag ein Mensch hierher, welcher das Ansehen eines vornehmen Mannes hat; es macht ihm so viel Vergnügen, mit mir zu sprechen, dass er mich alle Augenblicke ruft, um mir irgend eine Frage zu tun, und wenn er weggeht, gibt er mir eine Zeckine." - "Ho, ho!" antwortete der Vater, "dahinter steckt ein Geheimnis: die Absichten dieses vornehmen Mannes sind vielleicht nicht die besten. Manchmal sind die Weltweisen, trotz ihrer ernsthaften Miene, sehr lasterhaft. Wenn du ihn morgen wieder siehst, so sage ihm, dass ich ihn kennen zu lernen wünsche, lass ihn heraufsteigen in mein Zimmer, ich will ihn ausforschen: ich habe Erfahrung, und werde mitten durch alle seine Reden erkennen, ob er eben so weise ist, als er scheinen will."

Am folgenden Tage tat Hassan, was sein Vater verlangte: er nötigte den Padmanaba hinauf zu steigen in sein Zimmer, wo ein köstliches Frühstück bereitet war. Der Fikáa-Verkäufer erwies dem Brahmanen alle erdenkliche Ehre, welcher sie so höflich aufnahm und so viel Weisheit in seiner Unterhaltung zeigte, dass nicht mehr zu zweifeln war, dass er ein sehr tugendhafter Mann wäre. nach dem Mahle fragte ihn der Vater des jungen Hassan, aus welchem Lande er wäre und wo er wohnte; und sobald er vernahm, dass er ein Fremder war, sagte er zu ihm: "Wenn ihr bei uns wohnen wollt, so will ich euch eine Wohnung in meinem Hause geben." - "Ich nehme das Erbieten an, welches ihr macht," antwortete Padmanaba, "weil es ein Paradies auf dieser Welt ist, bei lieben Freunden zu wohnen."

Der Brahmane nahm also seine Wohnung bei dem Fikáa-Verkäufer. Er machte ihm ansehnliche Geschenke, und empfand bald für Hassan eine so große Zuneigung, dass er eines Tages also zu ihm sprach: "O mein Sohn! ich muss dir mein Herz öffnen: ich finde, dass dein Geist der geheimen Wissenschaften fähig ist: es ist wahr, dass dein Gemüt ein wenig zu aufgeweckt ist; aber ich bin überzeugt, dass du dich noch ändern, und in der Folge all den Ernst, oder vielmehr all den Tiefsinn haben wirst, welcher dem Weisen und den Geheimnissen geziemt, in welche ich dich einweihen will. Ich habe die Absicht, dein Glück zu machen, und wenn du mich außerhalb der Stadt begleiten willst, so will ich dir heute noch Schätze zeigen, in deren Besitz ich dich zu setzen gedenke." -

"Herr," antwortete Hassan, "ihr wisset, dass ich von meinem Vater abhange; ich kann ohne seine Erlaubnis nicht mit euch gehen." Der Brahmane sprach deshalb mit seinem Vater, welcher, überzeugt von der guten Gesinnung des Weisen, ihm erlaubte, seinen Sohn mit sich zu nehmen, wohin es ihm gefiele.

Padmanaba ging also mit Hassan aus der Stadt Damaskus; sie erreichten ein altes Gebäude, auf welches sie ihren Weg richteten, und fanden dort einen Brunnen, der bis an den Rand voll Wasser stand. "Bemerke wohl diesen Brunnen," sprach da der Brahmane, "die Reichtümer, welche ich dir bestimme, sind da drinnen." - "Desto schlimmer," antwortete lächelnd der Jüngling. "Ei, wie könnte ich sie aus diesem Abgrunde heraufziehen?" - "O mein Sohn!" erwiderte Padmanaba, "es wundert mich nicht, dass solches dir so schwer scheint: nicht alle Menschen haben die besondere Gabe, die ich habe; nur diejenigen, welche Gott an den wundern seiner Allmacht will teilnehmen lassen, haben die Gewalt, die Elemente zu beherrschen und die Ordnung der Natur zu stören."

Zu gleicher Zeit schrieb er auf ein Papier einige Buchstaben im Sanskrit, welches die Sprache der Magier in Indien, Siam und China ist. Hierauf tat er nichts weiter, als das Papier in den Brunnen werfen: und also gleich senkte sich das Wasser und versiegte, so dass nichts mehr davon zu sehen war. Nun stiegen sie beide in den Brunnen, in welchem sich eine Treppe zeigte, die sie bis auf den Grund führte.

Hier fanden sie eine Tür von Kupfer, verschlossen mit einem großem Vorlegeschlosse von Stahl. Der Brahmane schrieb ein Gebet auf, berührte damit das Schloss, welches auf der Stelle sich öffnete. Sie stießen die Tür auf, und traten in ein Gewölbe, in welchem sie einen der schwärzesten Mohren erblickten: er stand aufrecht, und hatte die eine Hand auf einen großen Stein von weißem Marmor gestützt. "Wenn wir uns ihm nähern," sprach der junge Fikaï, "so wird er uns diesen Stein an den Kopf werfen." In der Tat, sobald der Mohr sah, dass sie herankamen, hub er den ungeheuren Stein vom Boden auf, als wenn er sie damit werfen wollte; Padmanaba sprach aber schleunig ein kurzes Gebet, und blies ihn an: der Mohr konnte der Gewalt der Worte und des Hauches nicht widerstehen, und fiel rücklings nieder.

Sie gingen nun ohne Hindernis durch das Gewölbe, und kamen auf einen Hof von weitem Umfange; in der Mitte desselben stand ein Dom von Kristall, dessen Eingang durch zwei Drachen bewacht war, die einander gegenüber standen und deren offene Rachen Flammenwirbel ausspieen. Hassan erschrak davor, und rief aus: "Gehen wir nicht fürder; diese furchtbaren Drachen werden uns verbrennen." - "Fürchte nichts, mein Sohn," sagte der Brahmane; "habe mehr Zutrauen zu mir und sei dreister. Die hohe Weisheit, zu welcher ich dich will gelangen lassen, erfordert Festigkeit; diese Ungeheuer, die dich erschrecken, werden auf meinen Zuruf verschwinden. Ich habe die Macht, den Geistern zu gebieten und alle Bezauberungen zu vernichten." Hierauf sprach er nur einige kabalistische Worte aus, und sogleich krochen die Drachen in ihre Löcher zurück.

Nun öffnete die Tür des Doms sich plötzlich von selber. Padmanaba und der junge Fikaï traten hinein, und die Augen des letzten wurden angenehm überrascht, als er in einem andern Hofe einen neuen Dom aus Rubin erblickte, auf dessen Gipfel ein Karfunkel von sechs Fuß im Durchmesser stand, welcher durch sein Licht das er überall verbreitete, diesem unterirdischen Orte als Sonne diente.

Dieser Dom war nicht, wie der erste, von schrecklichen Ungeheuern bewacht. Im Gegenteil sechs reizende Standbilder, jedes aus einem einzigen Diamant gemacht, erschienen am Eingange und stellten sechs schöne Frauen dar, welche das Tamburin spielten. Die Pforte, aus einem einzigen Smaragd gehauen, stand offen, und ließ in einen prächtigen Saal schauen. Hassan konnte nicht müde werden, alles zu betrachten, was sich seinen Blicken darbot.

Nachdem er die Standbilder und den Dom von außen wohl beschauet hatte, ließ Padmanaba ihn in den Saal treten, dessen Boden von gediegenem Golde war, und die Decke von Porphyr, überall mit Perlen besäet. Hier nun beschäftigten tausend mannigfaltige Gegenstände, einer immer auffallender als der andere, die gierigen Blicke des Jünglings.

Der Weise ließ ihn hierauf in ein großes viereckiges Zimmer treten: da lag in einem Winkel ein großer Haufe Goldes, in dem andern ein Haufe Rubinen von äußerster Schönheit; in dem dritten ein silberner Krug, und in dem vierten ein Haufe schwarzer Erde.

In der Mitte des Zimmers erhub sich ein prächtiger Thron, und auf demselben stand ein silberner Sarg, in welchem ein König lag, mit einer goldnen mit dicken Perlen geschmückten Krone auf dem Haupte. Vorn an dem Sarge sah man eine breite Goldplatte, auf welcher man folgende Inschrift las, in hieroglyphisch-kabalistischen Schriftzügen, deren sich die alten ägyptischen Priester bedienten:

"Die Menschen schlafen, so lange sie leben: sie erwachen nur in der Stunde des Todes. Was frommt es mir gegenwärtig, ein großes Reich und alle die Schätze, die hier sind, besessen zu haben? nichts während so kurz, als die Glückseligkeit, und alle menschliche Macht ist nur Schwäche. O törichter Sterblicher! so lange du in der schwankenden Wiege des Lebens bist, so rühme dich nicht deines Glückes: gedenke der Zeiten, in welchen die Pharaonen herrschten. Sie sind nicht mehr, und bald wirst auch du aufhören zu sein, wie sie."

"Was für ein Fürst liegt in diesem Sarge?" fragte Hassan. - "Es ist einer eurer alten Könige von Ägypten," antwortete der Brahmane, " er ist es, der dieses unterirdische Gewölbe und diesen reichen Dom von Rubinen hat bauen lassen." - "Mich verwundert, was du mir sagst," fuhr der Jüngling fort. "Aus welchem Eigensinne hat dieser König unter der Erde ein Werk erbauen lassen, das alle Schätze der Welt erschöpft zu haben scheint? Alle andere Fürsten, welche der Nachwelt Denkmale ihrer Größe hinterlassen wollen, stellen sie ans Licht, anstatt sie den Augen der Menschen zu verbergen." - "Du hast Recht," erwiderte der Brahmane, "aber dieser König war ein großer Kabalist; er entzog sich oft seinem ganzen Hofe, und begab sich an diesen Ort, um Entdeckungen in der Natur zu machen. Er war im Besitze mehrerer Geheimnisse, unter andern auch in dem des Steins der Weisen, wie man an allen den Reichtümern sehen kann, die hier sind, und welche aus diesem Haufen schwarzer Erde hervorgebracht sind, die du in diesem Winkel siehst." - "Ist es möglich," rief der junge Fikaï aus, "dass diese schwarze Erde das alles hervorgebracht hat?" - "Zweifle keineswegs daran," antwortete der Brahmane; "und um es dir zu beweisen, so will ich dir zwei türkische Verse vorsagen, welche das ganze Geheimnis des Steines der Weisen in sich schließen:

Wirgil Arus garby Schachsadey Chitaya
Bir Tifl ola bunlarban sulthan Chob ruyan.

Das heißt buchstäblich: "Vermähle der Braut des Occidents den Sohn des Königs vom Orient; ein Kind wird von ihnen geboren, welches der Sultan der schönen Angesichter ist." Ich will dir den mystischen Sinn davon sagen: "Lass durch die Feuchtigkeit die trockene Abamische Erde, die aus dem Orient kömmt, auflösen: aus dieser Durchdringung erzeugt sich der philosophische Mercurius, welcher allmächtig ist in der Natur, und die Sonne und den Mond erzeugt; und wenn er den Thron besteigt, so verwandelt er Kiesel in Diamanten und andere Edelsteine." Der silberne Krug, der in einem Winkel dieses Zimmers steht, enthält das Wasser, oder die Feuchtigkeit, deren man sich bedient, um die trocken Erde zu durchdringen und sie in den Zustand zu setzen, worin sie sich hier befindet. Wenn du von diesem Haufen nur eine Hand voll nimmst, so kannst du, wenn du willst, alle Erze Ägyptens in Silber oder Gold, und alle Steine der Häuser in Diamanten und Rubinen verwandeln."

"Man muss gestehen," sagte Hassan, "dass dies eine wunderbare Erde ist; jetzt verwundere ich mich nicht mehr, so viel Reichtümer hier zu sehen." - "Sie ist noch viel wunderbarer, als ich dir sage," fuhr der Brahmane fort; "sie heilet Krankheiten aller Art: wenn ein Kranker schon ausgestreckt daliegt, um den Geist aufzugeben, und nur ein Körnlein davon einnimmt, so fühlt er sogleich seine Kräfte wiederkehren, und erhebt sich auf der Stelle in voller Kraft und Gesundheit. Sie hat aber noch eine andere Eigenschaft, welche ich allen übrigen vorziehe: wer sich mit ihrem Safte die Augen reibt, sieht die Geister der Luft und die Dämonen, und hat die Macht, ihnen zu gebieten.

"Nach allem, was ich dir gesagt habe, mein Sohn," fuhr der Weise fort, "kannst du ermessen, welche Schätze dir zugedacht sind." - "Sie sind ohne Zweifel unschätzbar," sagte der Jüngling; "aber bis du mich in den Besitz derselben setztest, darf ich nicht etwas davon mit mir nehmen, um meinem Vater zu zeigen, wie glücklich wir sind, einen solchen Freund zu haben, wie du bist?" - "Ja, du kannst es," antwortete Padmanaba; "nimm alles, was du willst." Hassan benutzte die Gelegenheit, belud sich mit Gold und Rubinen, und folgte dem Brahmanen, welcher das Zimmer mit dem Sarge des Königs von Ägypten verließ.

Sie gingen zurück durch den schönen Saal, die beiden Höfe, und das Gewölbe, wo sie den Mohren noch umgestürzt fanden, sie zogen die kupferne Tür hinter sich zu, und sogleich sprang das stählerne Schloss von selber zu. Dann stiegen sie die Treppe hinauf, und sobald sie aus dem Brunnen waren, füllte er sich wieder mit Wasser, und erschien wie zuvor.

Der Brahmane bemerkte, dass der Jüngling über die plötzliche Wiederkehr des Wassers erstaunt war, und fragte ihn: "Woher kommt dieses Erstaunen, dass du bezeigst? Hast du nie vom Talisman17) reden gehört?" - "Nein," antwortete der junge Fikaï, "und ich möchte gern von euch vernehmen, was es ist." - "Ich will es dir nicht bloß sagen," fuhr Padmanaba fort, "sondern dich selbst eines Tages lehren, einen solchen zu machen. Es gibt zwei Arten von Talismanen, den kabalistischen und den astrologischen. Der erste, welcher die höchste Art ist, tut seine wunderbaren Wirkungen vermittelt der Buchstaben, Worte und Gebete; und der zweite wirkt durch die Beziehung, in welcher die Planeten zu den Metallen stehen. Es ist die erste Art der Talismane, deren ich mich bediene. sie ist mir im Traume durch den großen Gott Wischnu18) offenbart, dem Herrn aller Pagoden der Welt."

"Wisse, mein Sohn," fuhr der Weise fort, "dass die Buchstaben in Beziehung zu den Engeln stehen: dass es keinen Buchstaben gibt, der nicht durch einen Engel beherrscht wird. Und wenn du mich fragst, was ein Engel ist, so antworte ich dir: es ist eine Strahl oder ein Ausfluss der Allmacht und der Eigenschaften Gottes. die Engel, welche in der übersinnlichen Welt wohnen, beherrschen diejenigen der Himmelswelt, und diese wieder die unserer Erdenwelt. Die Buchstaben bilden Worte, die Worte fügen sich zu Gebeten, und es sind die durch die Buchstaben vorgestellten und in den geschriebenen oder ausgesprochen Gebeten versammelten Engel, die diese Wunder wirken, welche die gewöhnlichen Menschen in Erstaunen setzen."

Während Padmanaba also zu dem Jünglinge sprach, kehrten beide in die Stadt zurück. Sie kamen heim zu dem Fikáa-Verkäufer, der ganz bezaubert wurde, als sein Sohn ihm das Gold und die Edelsteine zeigte, womit er beladen war. Sie gaben ihre Fikáa-Schenke auf, und fingen an in Überfluss und Vergnügen zu leben.

Nun hatte Hassan eine Stiefmutter von geiziger und ehrsüchtiger Gemütsart. Obgleich er Rubinen von unermesslichem Werte mitgebracht hatte, so fürchtete sie dennoch Geldmangel, und eines Tages sprach sie zu ihm; "O mein Sohn, wenn wir fortfahren so zu leben, wie jetzo, so werden wir bald zu Grunde gehen." - "Seid unbesorgt deshalb, meine Mutter," erwiderte er ihr, "die Quelle unseres Reichtums ist noch nicht versiegt. Hättet ihr alle die Schätze gesehen, welche der großmütige Padmanaba mir bestimmt, so würdet ihr nicht diese eitle Furcht haben. Das nächste Mal, das er mich wieder zu dem Brunnen führt, werde ich euch eine Handvoll schwarzer Erde mitbringen, welche euch auf lange Zeit beruhigen wird." -

"Belade dich lieber mit Gold und Rubinen," begann die Stiefmutter wieder, "das liebe ich mehr, als alle Erden der Welt. Aber Hassan," fügte sie hinzu, "es fällt mir ein: da Padmanaba dir alle diese Schätze geben will, warum lehrt er dich nicht alle die erforderlichen Gebete, um nach dem Orte hinab zu steigen, wo sie sich befinden? Wenn er plötzlich stürbe, so wären alle unsere Hoffnungen vereitelt. Übrigens wissen wir auch nicht, ob er es nicht überdrüssig wird, bei uns zu wohnen. Vielleicht ist er schon im begriff, uns zu verlassen und jemand anders seine Reichtümer mitzuteilen. Was mich betrifft, mein Kind, so bin ich der Meinung, dass du den Padmanaba dringend bittest, dich die Gebete zu lehren; und wenn du sie weißt, so wollen wir ihn töten, damit er keinem andern das Geheimnis des Brunnens entdecke."

Der junge Fikaï war entsetzt über diese Rede: "O meine Mutter," rief er aus, "was waget ihr da anzutragen! Wie könnt ihr einen so schwarzen Anschlag fassen? Der Brahmane liebt uns; er überhäuft uns mit Wohltaten, er verspricht mir Schätze, welche im Stande sind, die Habgier des größten Herrschers der Erde zu stillen: und zum Lohne für all diese Güte wollt ihr ihm das Leben nehmen! Nein, und wenn ich in meinen vorigen zustand zurückkehren, und mein Lebelang Fikáa verkaufen sollte, so kann ich nicht die Hand bieten zu dem Tode eines Mannes, dem ich so viele Verpflichtungen habe." - "Du hast sehr gute Gesinnungen, mein Sohn," erwiderte die Stiefmutter; "aber man muss nur seinen eigenen Vorteil zu Rate ziehen. Das Glück bietet uns eine Gelegenheit, uns für immer zu bereichern, drum wollen wir sie nicht entschlüpfen lassen. Dein Vater, der mehr Erfahrung hat, als du, gibt meinem Vorschlage Beifall, und du musst ihn auch annehmen."

Hassan fuhr fort, großen Widerwillen gegen die Teilnahme an diesem grausamen Vorsatze zu bezeigen: gleichwohl, da er jung und leichtsinnig war, und seine Stiefmutter ihm so viel vorredete, war er schwach genug, nachzugeben. "Wohlan," sagte er, "ich will zu Padmanaba gehen, und ihn vermögen, mich die Gebete zu lehren."

In der Tat ging er auf der Stelle zu ihm, und bat ihn so dringend, ihn alles zu lehren, was man tun müsste, um in das unterirdische Gewölbe zu gelangen, dass der Brahmane, welcher diesen Jüngling aufs zärtlichste liebte, es ihm nicht versagen konnte. Er schrieb jedes Gebet auf ein Papier, und bemerkte genau den Ort, wo es gesprochen werden musste, samt allen übrigen kabalistischen Umständen, und gab sie dann dem Jüngling.

Sobald dieser die Gebete hatte, benachrichtige er davon seinen Vater und seine Stiefmutter, die einen Tag bestimmten, an welchem sie alle drei zu den Schätzen gehen wollten. "Bei unserer Heimkehr," sagte die Stiefmutter, "wollen wir den Padmanaba töten."

Der Tag kam, und sie verließen das Haus, ohne dem Brahmanen zu sagen, wohin sie gingen. Sie nahmen ihren Weg nach dem verlassenen Gebäude. Sobald sie dort angelangt waren, zog Hassan das Papier aus seiner Tasche, auf welches das erste Gebet geschrieben war; er hatte es nicht sobald in den Brunnen geworfen, als das Wasser verschwand. Sie stiegen die Treppe hinab, bis zu der kupfernen Türe. Der Jüngling berührte mit einem anderen Gebete das stählerne Schloss, welches sich sogleich öffnete, und sie stießen die Türe auf. Der Mohr, welcher wieder aufrecht stand, im Begriff, seinen weißen Marmorstein zu schleudern, verursachte dem Fikáa-Verkäufer und seiner Frau einigen Schreck; aber Hassan sprach schleunig das dritte Gebet, blies ihn an, und der Mohr fiel zu Boden. Kurz, sie gehen durch das Gewölbe in den Hof mit dem Dome von Kristall; der Jüngling zwingt die Drachen, in ihre Löcher zurück zu kriechen. Dann traten sie in den zweiten Hof; sie gehen durch den Saal, und gelangen endlich in das Zimmer, wo die Rubinen, das Gold, der silberne Krug und die schwarze Erde sind.

Die Stiefmutter gab wenig Achtung auf den Sarg des Königs von Ägypten, und hielt sich nicht dabei auf, die lehrreiche Inschrift desselben auf der goldenen Tafel zu lesen. Noch weniger würdigte sie den Haufen schwarzer Erde, welche ihr Stiefsohn ihr so sehr angepriesen hatte, eines Blickes. Sie warf sich gierig über die Rubinen her, und nahm davon einige so große Menge, dass sie kaum gehen konnte. Ihr Mann belud sich mit Gold, und Hassan begnügte sich, zwei Hände voll schwarzer Erde in seine Tasche zu stecken, in der Absicht, bei seiner Heimkehr Versuche damit anzustellen.

Hierauf verließen alle drei das Zimmer des Königs von Ägypten. Beschwert von der Last der Reichtümer, welche sie fortschleppten, gingen sie fröhlich durch den ersten Hof, als plötzlich drei furchtbare Ungeheuer erschienen, welche gerade auf sie losgingen. Der Fikáa-Verkäufer und seine Frau, von tödlichem Schreck ergriffen, flüchteten sich zu Hassan, welcher nicht minder erschrocken war, als sie , da er kein Gebet hatte, diese Ungeheuer zu vertreiben. "Ha, undankbare und boshafte Stiefmutter!" rief er aus, "Ihr seid die Ursache unsers Verderbens. Padmanaba weiß ohne Zweifel, dass wir hierher gegangen sind; vielleicht hat er durch seine Wissenschaft sogar entdeckt, dass wir seinen Tod beschlossen haben: und um uns für unsere Undankbarkeit zu bestrafen, sendet er uns diese Ungeheuer, uns zu verschlingen."

Kaum hatte er diese Worte geendigt, als sie in der Luft die Stimme des Brahmanen vernahmen, welcher ihnen zurief: "Ihr seid alle drei Elende, und meiner Freundschaft unwürdig; ihr hättet mir das Leben geraubt, wenn der große Gott Wischnu mich nicht von euerm bösen Anschlage unterrichtet hätte. Ihr sollt meine gerechte Rache erfahren: du Weib, weil du den Anschlag ersonnen hast, mich zu ermorden; und ihr andern beiden, weil ihr so schwach gewesen seid, dem Rate eines Weibes zu folgen, dessen Bosheit ihr verabscheuen musstet."

Nach diesen Worten ließ sich die Stimme nicht mehr hören, und die drei Ungeheuer rissen den unglücklichen Hassan, seinen Vater und seine schuldige Stiefmutter in Stücken.

"Diese Geschichte lehrt euch, Herr," fügte der Wesir hinzu, "dass ihr nicht auf die Königin hören sollt, welche euch verleitet, Nurgehan töten zu lassen: "denn, wenn er unschuldig ist, so wird der Himmel euch als Mitschuldigen der Sultanin strafen, eben so, wie Padmanaba den Hassan und seinen Vater bestrafte, obwohl sie nichts weiter getan hatten, als dem bösen Willen seiner Stiefmutter nachzugeben."

Der Kaiser von Persien war gerührt durch die Erzählung dieser Geschichte, und sprach: "Mein Sohn soll nicht eher sterben, als bis ich augenscheinliche Beweise seines Verbrechens habe."

Sindbad ging dann wieder auf die Jagd, sich zu erlustigen; und am Abend, als er heimkam, sagte die Sultanin zu ihm: "Ihr habet also Nurgehan noch Frist gegeben?" - Liebe Frau," antwortete der König, "ehe ich ihn töten lasse, will ich versichert sein, dass er den Tod verdient." - "Wohlan, Herr," fuhr die Fürstin fort, "wenn mein Zeugnis euch verdächtig ist, so glaubt doch dem Stillschweigen eures Sohnes, und der Flucht seines Lehrers. Warum hat Abumaschar sich vom Hofe entfernt? Ohne Zweifel hat er die Leidenschaft und die böse Gemütsart des Prinzen entdeckt, und gefürchtet, dass man es ihm zum Vorwurfe machen werde, den Prinzen so schlecht erzogen zu haben? Wenn gegen einen Verbrecher keine Zeugen auftreten, soll er darum der Strenge der Gerechtigkeit entgehen? Nein, Herr! in Ermangelung der Zeugen, muss er auf Anzeigen, und selbst auf bloßen Verdacht, verurteilet werden. Die Anzeigen dienen alsdann anstatt der Beweise. Davon will ich euch überzeugen, wenn ihr mir erlaubet, euch die Geschichte des Sultans Akschid zu erzählen." - "Ich bin bereit, euch anzuhören, Herrin," sagte der König. Und sogleich erzählte sie folgendermaßen:

Geschichte des Sultans Akschid

Als Akschid, Sultan von Ägypten, das äußerste Ziel des Alters erreicht hatte, und den letzten Tag seines Lebens herannahen fühlte, versammelte er seine drei Söhne, und sprach zu ihnen: "Meine Kinder, ich werde bald mit meinen Werken vor dem Richterstuhle Gottes erscheinen; aber bevor der Engel des Todes mein Haupt auf mein Kissen hinstreckt, befehle ich euch, mein Leichenbegängnis zu halten. Ich will sehen, auf welche Weise ihr dasselbe anstellen werdet, wenn ich tot bin. Befriediget meine Neugier; gehet sogleich und befehlet in meinem Namen allen meinen Wesiren, dass sie eiligst alle Chane19) und die benachbarten oder mir zinspflichtigen Könige entbieten, sich zu dieser Feierlichkeit einzufinden. Kurz, lasset nichts daran fehlen, und begehet sie mit demselben Pomp, als wenn ich nicht mehr auf der Welt wäre."

Die drei Prinzen fingen über diese Rede an zu weinen, schickten sich jedoch an, dem Befehle des Königs, ihres Vaters zu gehorchen.

Die Wesire säumten nicht, alle nötigen Befehle für dieses traurige Fest zu erteilen, dessen Tag angesetzt wurde. Die Beys20) machten auch alle Anstalten, die man von ihnen erwartete: so dass alles in Bereitschaft war, als dieser Tag erschien.

Der Palast war mit Trauerteppichen behangen. Auf dem Platze davor wurde die Leibwache, welche fünfzigtausend Mann zählte, in Schlachtordnung aufgestellt; und man verteilte unter sie den Gold in goldenen Beuteln. Hierauf traten alle Beys in das Zimmer des Sultans, der auf seinem Bette Lag; sie nahmen ihn, und trugen ihn auf den Thron, vor welchem vier Wesire einen Sarg unter einen prächtigen Thronhimmel stellten, den vier Königssöhne empor hielten. Sechs Beys begannen nun, überall aus dem Palast genommene Erde, vermischt mit unzähligen Stückchen Taft von allen Farben auszustreuen. Sodann kamen drei Söhne des Sultans, und schmückten den Sarg mit einer ungeheuren Menge von Edelsteinen, und setzten auf denselben die Krone Akschids, die von großen Diamanten blendend strahlte.

Nach diesem nahmen vier Groß-Khane, das heißt, vier unumschränkte Tataren-Fürsten, jeder einen Fuß des Sarges, und stützten ihn mit ihren Armen. Die Scheiche, oder Gelehrten, und die Derwische gingen vor dem Sarge her und sangen Psalmen. Die Sahiden21), oder Einsiedler, folgten ihnen, und einer von diesen, auf einer Kamel-Stute reitend, trug den Koran mit großer Ehrfurcht. Die Königssöhne, die Groß-Khane und ihre Söhne gingen an den Seiten des Sarges; und unmittelbar hinter demselben folgten zweihundert Tamburin-Spieler, welche, auf unbarmherzige Weise ihre Tamburine schlagend, Verse zum Ruhme des Königs sangen, dann plötzlich ihren Gesang unterbrachen, und alle zusammen aus vollem Halse schrieen: "O grausames Schicksal! O unglücklicher Tag! Der König, der gerechteste der Könige, der Eroberer der Reiche, der Vertilger der Feinde, und Ernährer der Freunde, ist tot!" Nach diesem Geschrei warfen sie schwarz gefärbte Mandeln mit vollen Händen auf den Sarg.

Nach diesen Tamburin-Spielern erschienen fünfzig Wesire in langen, schwarzen und blauen Trauerkleidern; und hinter ihnen kamen die Beys, welche sämtlich zerbrochene Bogen in der Hand trugen. Ihnen folgten zehntausend Pferde mit goldnen Sätteln und Zäumen und abgeschnittenen Schwänzen, geführt von zehntausend schwarzen, sämtlich in blaue Säcke gekleideten Sklaven. Endlich beschlossen alle Mädchen des Harems, mit blau und schwarz beschmierten Gesichtern und zerstreuten Haaren, den Trauerzug, und erhuben ein grausliches Geschrei und Geheul.

Bei diesem Schauspiele stieß Akschid einen tiefen Seufzer aus, und rief: "ich habe mein Leichenbegängnis vor meinem Tode gesehen!"

Er befahl darauf, dass man ihm herab helfe vom Thron, und als er unten war, raffte er eine Handvoll von der Erde auf, welche die Beys umhergestreut hatten, rieb sich dabei das Haupt und den Bart, und sprach: "Möge die Erde einen Menschen bedecken, wie ich bin, der während einer so langen Regierung nichts getan hat, das die Nachwelt im Andenken bewahren kann."

Hierauf wandte er sich an seine Wesire, und sagte: "Ich will Stiftungen machen; schreibet." Der Großwesir setzte sich in Bereitschaft, zu schreiben, und der Sultan sagte ihm folgende Worte in die Feder: "Erstens, ich bestimme eine Million zweihundert und zwanzigtausend Asper22), zur Erbauung eines Hospitals für Muselmänner, die von der großen Krätze befallen sind. zweitens, ich gebe dieselbe Summe zur Erbauung eines Hofes, wo das Bogenschießen und Kugelspiel gelehrt wird. Drittens, befehle ich die Errichtung einer neuen Karawanserei23), versehen mit schwarzen Sklavinnen, zum Dienste der weißen Reisenden; und zu diesem Zwecke soll man jeden Tag aus meinem Schatze fünfhundert Dinare24) erheben. Viertens und letztens, befehle ich die Erbauung von Bädern, wohin sich verstoßene Ehefrauen zurückziehen können, bis sie einen Hulla25), oder Mittelsmann gefunden haben: und dazu setze ich neunmal hunderttausend Asper aus."

Als der König diese frommen und milden Stiftungen gemacht hatte, ließ er sich die Bücher des Korans bringen und vorlesen; er schenkte dem Vorleser tausend Dinare; und die Blinden und Lahmen empfingen jeder hundert.

Hierauf wurde auch das Leichenmahl gehalten. Die Speisen wurden in goldenen Gefäßen aufgetragen, und zu allen, denen sie gereicht wurden, sagte man: "Das Gefäß ist auch für euch, es ist euch erlaubt, es mitzunehmen."

Nach dem Festmahle setzte Vorleser noch alle Sklavinnen seines Palastes in Freiheit.

So war die Feierlichkeit, welche der Sultan anstellen ließ, und die man am folgenden Tage wiederholen musste. Denn er erkrankte noch denselben Tag. Er legte sich, und da er seinen letzten Augenblick herannahen fühlte, berief er die drei Prinzen, seine Kinder, und sprach zu ihnen: "O meine Söhne, ich habe in einem Winkel meiner Kammer, vom Eingange links, ein Kästchen verborgen, welches die schönsten Edelsteine der Welt enthält: ich befehle euch, sie gleich unter euch zu teilen, wenn ich tot bin, und ihr meinem Begräbnisse die Ehre angetan habt, welche ihr ihm schuldig seid."

Der König starb. Aber der jüngste seiner Söhne, ungeduldig, dies Kästchen zu sehen, wovon er gehört hatte, ging sogleich allein in die Kammer, fand es, und wurde von der Schönheit der Edelsteine dermaßen geblendet, dass er beschloss, sie für sich allein zu behalten, und zu leugnen, dass er sie gefunden hätte.

Nach dem Leichenbegräbnisse des Vaters liefen die beiden andern Prinzen, den derselben Neugier getrieben, wie ihr Bruder, ebenfalls nach der Kammer. Sie suchten nicht bloß in dem Winkel zur Linken vom Eingange, sondern überall, und waren sehr verwundert, dass all ihr Suchen vergeblich war, als der dritte Prinz dazu kam. "Nun meine Brüder," fragte er sie, "sind die Edelsteine schön?" - "Du weißt es besser als wir," antwortete der älteste; "ich müsste mich sehr täuschen, wenn du sie nicht entwendet hättest." - "Ah, wahrhaftig," fuhr der jüngste fort, "ihr erzählt mir da ein allerliebstes Mährchen; ihr habt sie selber genommen, und klagt mich nun dessen an."

"Höret meine Brüder," unterbrach sie der dritte Prinz, "einer von uns muss sie durchaus entwendet haben, weil niemand außer uns die Freiheit hat, diese Kammer zu betreten. Wen ihr mir folgen wollt, so lassen wir den Kadi holen, welcher für den feinsten und durchdringendsten Mann in Groß-Kairo gilt: er wird uns ausforschen und vielleicht den Dieb entdecken."

Die beiden andern Prinzen stimmten bei, und ließen den Kadi holen. Dieser, nachdem er vernommen hatte, um was es ich handelte, sprach zu ihnen: "Meine Herren Prinzen, bevor ich ausspreche, wer von euch dreien die Edelsteine genommen hat, bitte ich euch, mit Aufmerksamkeit die Geschichte anzuhören, welche ich euch erzählen will ...

Scheherasade bemerkte den Tag, und verschob die Fortsetzung ihrer Erzählung auf morgen.

Ü   Þ


1) Chan-sadè bedeutet (im persischen) Fürstentochter. ­
2) Diese Namen sind die 99 Beinamen, welche die Muselmänner dem Namen Gottes beifügen.
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3) Scheich bedeutet im arabischen, Gelehrter, Doktor. Der Name Schahabeddin, Stern der Religion, leitet sich ab von Schahab, Stern, Licht, und el din, Religion.
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4) Die Scheiche der beschaulichen, kabalistischen Wissenschaften im Morgenland, sind so stolz, dass sie selbst von den Königen Ehrfurcht verlangen, und in der Tat auch haben.
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5) Kairo ist die italienische Aussprache von Kahira, die Überwältigende.
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6) Gram, das irdische Paradies.
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7) Der Dichter Bada Saûdaï ist sonst nicht bekannt, und vielleicht waltet hier ein Missverständnis ob: bâdasch-schuara heißt, von irgend einem Dichter.
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8) Aktscha, gilt einen französischen Liard (ein Viertel Son, bei uns etwa ein Pfennig.)
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9) Mekâschefa heißt die Wissenschaft, durch welche die Gantone die geheimsten Gedanken der Menschen zu erforschen behaupten. Von kaschafa, aufdecken.
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10) Alghàïs an alabsar ist die Kunst sich unsichtbar zu machen. Von ghâba, abwesend, fern sein und basara, sehen.
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11) Kun ist der Imperativ von kâna, sein.
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12) Die Kapidschis oder Türhüter, dienen zur Bewachung des Einganges des Serails, und vollziehen die Befehle des Sultans. In Konstantinopel zählt man zwölf Kapidschi Baschi's, die 45 Kompanien unter sich haben.
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13) Die Abwaschung nach dem Beischlaf schreibt der Koran vor.
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14) Mahmûd bedeutet, der Gelobte, so wie Muhamm'ed (die eigentliche Form für unser Mohammed), der stets zu Lobende: von hamada, loben. Davon auch der Name Achmet.
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15) Fikáa ist ein aus Gerste, Wasser und Rosinen bereitetes Getränk, dessen Verkäufer Fikaï heißt.
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16) Ein Mangir ist weniger als ein Pfennig.
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17) Talisman ist Entstellung des arabischen talsim: wie Muselman von Moslim.
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18) Wischnu ist die zweite Person in der indischen Dreieinigkeit, und das Sinnbild der erhaltenden Macht. Er wird gewöhnlich mit vier Armen und einem Lotus in der Hand vorgestellt. Er reitet oft auch auf einen fabelhaften Vogel, der einen Menschenleib und den Schnabel und die Flügel eines Sperbers hat. Seine Gattin ist Lackmi, die Göttin der Schönheit und der Reichtümer, und Mutter Dipuk's, des Liebesgottes.
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19) Han (was im Mittelalter durch Hund missdeutet wurde), bedeutet im arabischen nur eine Herberge.
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20) Bèy ist eigentlich ein Statthalter.
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21) Sayde bedeutet, der Glückliche, von Saada.
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22) Asper, eine türkische Münze, drei Pfennige an Wert.
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23) Karawanserei, Herberge für Karawane, vom (pers). kairuan, und feraï, Schloss, französiert Serail. So viel als Han.
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24) Dinar, ein Goldstück, so viel als ein Dukaten, auf welches zwanzig, später fünfundzwanzig Dirhim (vom pers. Direm) gehen. Wohl ursprünglich eins mit denarius, Denar.
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25) Hulla heißt Zwischenmann, welcher erforderlich ist, um eine verstoßene Frau wieder nehmen zu dürfen.
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