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Literatur
Max Habicht
1001 Nacht
Vorgeschichte
Der Esel, der Ochs
und
der Bauer
Nächte
1.
2.
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4.
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7.
8.
9.
...
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Ein reicher Kaufmann besaß mehrere
Landhäuser, wo er eine große Menge Vieh von aller Art unterhielt. Er zog mit
seiner Frau und seinen Kindern auf eins von diesen Gütern, um es selber zu
bewirtschaften. Er hatte die Gabe, die Sprache der Tiere zu verstehen, aber
unter der Bedingung, dass er sie niemand auslegen durfte, ohne die Gefahr das
Leben zu verlieren, und dies verhinderte ihn, dasjenige mitzuteilen, was er
mittels dieser Gabe vernommen hatte.
Nun stand in seinem Stall an derselben Krippe
ein Ochs und ein Esel. Eines Tages, als er neben beiden saß und sich an den
Spielen seiner Kinder vor ihm ergötzte, hörte er, dass der Ochs zum Esel
sagte: "Vater der Wachsamkeit1), wie ich dich glücklich preise, wenn ich
bedenke, welche Ruhe du genießest und wie wenig Arbeit man von dir fordert. Ein
Mensch wartet dein sorgfältig, striegelt dich, wäscht dich, gibt dir
wohl gesiebte Gerste und frisches klares Wasser. Deine größte Arbeit ist, den
Kaufmann, unsern Herrn, zu tragen, wenn er etwa eine kleine Reise zu machen hat.
Ohne das, würdest du dein ganzes Leben in Müßigkeit zubringen. Die Art, wie
ich behandelt werde, ist dagegen ganz anders, und meine Lage ist eben so
unglücklich, als die deine annehmlich. Kaum ist Mitternacht vorüber, so spannt
man mich an einen Pflug, welchen ich den ganzen Tag ziehen muss, um die Erde zu
furchen; was mich so sehr ermüdet, dass mir manchmal die Kraft ausgeht. Dabei
hört der Bauer, der stets hinter mit ist, nicht auf, mich zu schlagen. Von dem
Ziehen des Pfluges ist mir der ganze Hals geschunden. Und wenn ich wieder in den
Stall komme, nachdem ich vom Morgen bis zum Abend gearbeitet habe, so wirft man
mir schlechte trockene Bohnen vor, welche man nicht einmal von der Erde zu
reinigen sich bemüht hat, oder andere Dinge, die nicht besser sind. Und zum
Übermaße meines Elends, nachdem ich mich mit so unschmackhafter Kost
gesättigt habe, muss ich die Nacht auf meinem Miste liegen. Du siehst, dass ich
Ursache habe, dein Loos zu beneiden."
Der Esel unterbrach den Ochsen nicht, sondern
ließ ihn alles sagen, was er wollte; als jener aber ausgeredet hatte,
antwortete er: "Du verleugnest nicht den Beinamen des Unwissenden, welchen
man dir gegeben hat; du bist zu einfältig, du lässt dich führen, wie man
will, und kannst keinen rechten Entschluss fassen. Und welchen Vorteil hast du
dabei von all der Schmach, welche du erduldest? Du opferst dich auf für die
Ruhe, das Vergnügen und den Nutzen derjenigen, welche dir dann keinen Dank
wissen. Man würde dich nicht auf solche Weise behandeln, wenn du so viel Muth
als Stärke hättest. Wenn man dich an die Krippe binden will, warum sträubst
du dich nicht? warum teilst du nicht tüchtige Hörnerstöße aus? warum
drückst du deinen Zorn nicht aus durch Schlagen und Stampfen mit den Füßen?
warum jagst du durch furchtbares Gebrüll nicht Schrecken ein? Die Natur hat
dich mit Mitteln ausgerüstet, dir Ehrfurcht zu verschaffen, du aber bedienst
dich derselben nicht. Wirft man dir schlechte Bohnen und schlechtes Stroh vor,
so friss nicht davon, sondern beriech' es nur, und lass es liegen. Wenn du den
Rath befolgst, den ich dir gebe, so wirst du bald eine Änderung wahrnehmen, die
du mir danken wirst."
Der Ochs nahm die Unterweisung des Esels sehr
gut auf, und bezeigte ihm, wie sehr er ihm verpflichtet wäre. "Theurer
Vater der Wachsamkeit," fügte er hinzu, "ich werde nicht ermangeln
alles zu tun, was du mir gesagt hast, und du sollst sehen, wie ich es anstellen
werde." Beide schwiegen nach dieser Unterredung, von welcher der Kaufmann
kein Wort verloren hatte.
Am nächsten Morgen ganz früh kam der Bauer,
nahm den Ochsen, spannte ihn in den Pflug, und trieb ihn zu der gewöhnlichen
Arbeit. Der Ochs, welcher den Rath des Esels nicht vergessen hatte, war
widerspenstig; und am Abend, als der Bauer ihn wieder an die Krippe führte, und
ihn wie gewöhnlich anbinden wollte, so sträubte sich das boshafte Vieh,
anstatt die Hörner von selber darzubieten, drängte zurück, und brüllte, ja
drohte sogar seinem Pfleger mit den Hörnern; kurz, er trieb es ganz so, wie der
Esel ihn unterrichtet hatte.
Am folgenden Morgen kam der Bauer, ihn wieder
an die Arbeit zu spannen; als er aber die Krippe noch voll Bohnen und Stroh fand,
die er am Abend eingeschüttet hatte, und der Ochs mit ausgestreckten Beinen auf
der Erde lag und auf ungewöhnliche Weise schnob, so hielt er ihn für krank; er
hatte Mitleid, und hielt es für unnütz, ihn zur Arbeit zu treiben; er ging
sogleich zu dem Herrn, ihn davon zu benachrichtigen.
Der Kaufmann sah wohl, dass die bösen
Rathschläge des Vaters der Wachsamkeit waren befolgt worden; und um ihn zu
strafen, wie er es verdiente, sagte er zu dem Bauer: "Geh hin, und nimm den
Esel anstatt des Ochsen, und unterlass nicht, ihn scharf einzuüben." Der
Bauer gehorchte. Der Esel war genötigt, diesen ganzen Tag den Pflug zu ziehen;
was ihn um so mehr ermüdete, je weniger er an dergleichen Arbeit gewöhnt war.
Überdies empfing er dabei so viel Stockschläge, dass er sich kaum aufrecht
erhalten konnte, als er zurück kam.
Der Ochs war indessen sehr zufrieden: Er
hatte alles aufgefressen, was in seiner Krippe war, und sich den ganzen Tag
geruht. Er freute sich im Herzen, den Rath des Vaters der Wachsamkeit befolgt zu
haben; er segnete ihn tausendmal für das Glück, welches er ihm verschafft
hatte, und ermangelte nicht, ihm dafür Dank abzustatten, als er ihn ankommen
sah.
Der Esel antwortete dem Ochsen nicht, so voll
Verdruss war er, so misshandelt zu sein. "Durch meine Unklugheit,"
sprach er bei sich selber, "habe ich mir dieses Unglück zugezogen; ich
lebte glücklich, alles lachte mich an, ich hatte alles, was ich nur wünschen
konnte: es ist meine eigene Schuld, dass ich nun in diesem jammervollen Zustande
bin; und wenn ich mit meinem Witze nicht irgend eine List ersinne, mich wieder
herauszuziehen, so ist mein Verderben gewiss." Indem er dieses sagte, waren
seine Kräfte dermaßen erschöpft, dass er halb tot vor seiner Krippe
niedersank.
Hier hielt der Großwesir inne, und wandte
sich zu Scheherasade: "Meine Tochter, du tust, wie dieser Esel: durch
deinen Fürwitz setzest du dich der Gefahr des Verderbens aus. Folge mir, bleib
in Ruhe, und suche nicht deinen Tod zu beschleunigen." - "Mein
Vater," antwortete Scheherasade, "das Beispiel, welches Ihr mir
erzählt hat, ist nicht im Stande, mich in meinem Entschlusse wankend zu machen;
und ich werde nicht aufhören, in euch zu dringen, als bis ihr mir gewähret
habt, mich dem Sultan zur Gemahlin vorzustellen."
Als der Wesir sah, dass sie durchaus auf
ihrer Bitte beharrte, erwiderte er: "Wohlan denn, weil du deinen Starrsinn
nicht beugen willst, so bin ich genötigt, dich ebenso zu behandeln, wie der
Kaufmann, von welchem ich eben erzählte, bald darauf seine Frau behandelte;
höre, wie:
Als dieser Kaufmann den kläglichen Zustand
des Esels vernommen hatte, war er neugierig zu wissen, was weiter zwischen ihm
und dem Ochsen vorgehen würde. Deshalb ging er nach dem Abendessen hinaus in
den Mondschein, und setzte sich mit seiner Frau neben ihnen nieder. Bei seiner
Ankunft hörte er den Esel zum Ochsen sagen: "Gevatter, ich bitte dich,
sage mir, was gedenkst du zu tun, wenn der Bauer dir morgen wieder das Futter
bringt?" - "Was ich tun werde?" antwortete der Ochs, "ich
werde fortfahren zu tun, was du mich gelehrt hast: ich werde sogleich auf die
Seite springen, und meine Hörner weisen, wie gestern, ich werde den Kranken
spielen und mich stellen, als wenn ich in den letzten Zügen läge." -
"Hüte Dich wohl, das zu tun," unterbrach ihn der Esel, "das
wäre das Mittel dich zu verderben; denn als ich diesen Abend zurückkam hörte
ich den Kaufmann, unsern Herrn, etwas sagen, was mich für dich zittern
macht." - "He! Was hast du denn gehört?" fragte der Ochs.
"Verhehle mir ja nichts, mein lieber Vater der Wachsamkeit." -
"Unser Herr," fuhr der Esel fort, "sagte zu dem Bauer diese
betrübten Worte: "Weil der Ochs nicht frisst, und sich nicht aufrecht
halten kann, so soll er gleich morgen geschlachtet werden. Wir wollen, um Gottes
willen, sein Fleisch den Armen zum Almosen geben: und seine Haut, die wir
brauchen können, tragt zum Gerber; vergiss also nicht, den Schlächter zu
bestellen." Das ist es, was ich dir mitteilen musste," fügte der Esel
hinzu; "meine Teilnahme an deiner Erhaltung, und meine Freundschaft zu dir,
verpflichten mich, dich hiervon zu benachrichtigen, und dir einen neuen Rath
geben. Sobald man dir deine Bohnen und dein Stroh bringt, steh auf, und wirf
dich mit Gier darüber her; der Herr wird daran erkennen, dass du wieder genesen
bist, und wird ohne Zweifel das Todesurteil widerrufen: Wenn du dagegen anders
handelst, so ist es um dich geschehen."
Diese Rede brachte die Wirkung hervor, welche
der Esel erwartet hatte. Der Ochs ward dadurch sehr beunruhigt und brüllte vor
Angst.
Der Kaufmann, welcher sie beide mit großer
Aufmerksamkeit angehört hatte, lachte jetzt so laut auf, dass seine Frau sehr
verwundert darüber war. "Sage mir," sprach sie zu ihm, "warum du
so laut lachst, damit ich mit dir lachen kann." - "Liebe Frau,"
antwortete ihr der Kaufmann, "begnüge dich, dass du mich lachen
hörst." - "Nein," wiederholte sie, "ich will die Ursache
davon wissen." - "Ich kann dir hierin nicht Genüge leisten," erwiderte
der Mann; "so viel nur magst du wissen, dass ich über das lache, was unser
Esel eben zu unserm Ochsen gesagt hat; das übrige ist ein Geheimnis, das ich
dir nicht enthüllen darf." - "Und wer hindert dich, mir dies Geheimnis
zu entdecken?" versetzte sie. - "Wisse, wenn ich dir es sagte,"
antwortete er, "dass es mich das Leben kosten würde." - "Du hältst
mich zum Besten!" rief die Frau aus; "was du mir da sagst, ist gewiss
nicht wahr. Wenn du mir nicht auf der Stelle gestehst, worüber du gelacht hast,
und mir nicht sagen willst, was der Esel und der Ochs gesprochen haben, so
schwöre ich, bei dem großen Gott im Himmel, dass wir fortan nicht mehr
zusammen leben werden."
Als sie dies gesprochen hatte, ging sie
wieder ins Haus, und setzte sich in einen Winkel, wo sie die ganze Nacht
hindurch mit aller Macht weinte. Der Mann schlief allein; und als er sie am
Morgen immer noch wehklagen hörte, sprach er zu ihr: "Du bist töricht,
dich dermaßen zu betrüben; die Sache ist nicht der Mühe wert, und ist dir
eben so unwichtig zu wissen, als wichtig für mich, sie geheim zu halten. Denke
also nicht mehr daran, ich beschwöre dich darum." - "Ich denke noch
sehr daran," antwortete die Frau, "dass ich nicht aufhören werde zu
weinen, als bis du meine Neugier befriedigt hast." - "Aber ich sage
dir in allem Ernste," versetzte er, "dass es mich das Leben kostet,
wenn ich deinen unzeitigen Bitten nachgebe." - "Mag daraus entstehen,
was Gott will," erwiderte sie, "ich werde nicht davon ablassen."
-
"Ich sehe wohl," sagte hierauf der
Mann, "dass es kein Mittel gibt, dich zur Vernunft zu bringen; und da ich
voraussehe, dass du durch deine Hartnäckigkeit dich selber umbringen wirst, so
will ich nur deine Kinder rufen, damit sie noch den Trost haben, dich vor deinem
Tode zu sehen."
Er ließ nun seine Kinder kommen, und
schickte auch nach dem Vater und der Mutter und den übrigen Verwandten der
Frau. Als alle versammelt waren, und er ihnen kund getan hatte, wovon die Rede
wäre, so versuchten Alle ihre Beredsamkeit, um der Frau begreiflich zu machen,
dass sie Unrecht hätte, auf ihrem Starrsinn zu beharren. Sie aber wies alle
zurück, und sagte, dass sie lieber sterben wollte, als hierin ihrem Manne
nachgeben. Was auch der Vater und die Mutter insgeheim mit ihr redeten, und ihr
vorstellten, dass die Sache, welche sie zu wissen wünschte, durchaus von keiner
Wichtigkeit für sie wäre, sie vermochten nichts über ihren Starrsinn, weder
durch ihr Ansehen, noch durch ihr Zureden.
Als ihre Kinder sahen, dass sie so
hartnäckig alle vernünftigen Vorstellungen verwarf, so fingen sie bitterlich
an zu weinen.
Der Mann selber wusste kaum noch, wo er war.
Er saß allein vor der Tür seines Hauses, und überlegte schon, ob er sein
Leben aufopfern sollte, um das Leben seiner Frau zu retten, welche er zärtlich
liebte.
Nun, meine Tochter, fuhr der Wesir fort,
hatte dieser Kaufmann fünfzig Hühner mit einem Hahn, und einen wachsamen
Hofhund. Während er nun so saß, wie ich gesagt habe, und in tiefen Gedanken
war, welchen Ausweg er ergreifen sollte, sah er den Hund auf den Hahn zulaufen,
der sich auf eine Henne gesetzt hatte, und hörte, dass er also zu ihm sprach:
"O Hahn! Der Himmel wird dich gewiss nicht lange leben lassen! Schämst du
dich nicht, heute das zu tun, was du tust?" Der Hahn erhob sich auf seinen
Sporen, drehte sich gegen den Hund um, und antwortete stolz: "Warum sollte
es mir heute mehr verboten sein, als an anderen Tagen?" - "Weil du es
nicht weißt," antwortete der Hund, "so höre denn, dass unser Herr
heute in großer Trauer ist. Seine Frau verlangt, dass er ihr ein Geheimnis
entdecke, welches von der Art ist, dass es ihm das Leben kostet, wenn er es
offenbart. So stehen die Sachen; und es ist zu fürchten, dass er nicht
Festigkeit genug habe, um der Hartnäckigkeit der Frau zu widerstehen; denn er
liebt sie, und ist gerührt von ihren Tränen, die sie unaufhörlich vergießt.
Er geht vielleicht zu Grunde. wir alle im Hause sind dadurch sehr beunruhigt. Du
allein spottest unserer Trauer und hast die Unverschämtheit, Dich mit Deinen
Hennen lustig zu machen."
Der Hahn erwiderte folgendergestalt auf den
Verweis des Hundes: "Was unser Herr für ein Thor ist! Er hat nur eine Frau
und kann damit nicht fertig werden, während ich ihrer fünfzig habe, welche nur
tun, was ich will. Möge er wieder zur Besinnung kommen, so wird er bald ein
Mittel finden, sich aus dieser Verlegenheit zu ziehen." - "He, was
meinst du denn, dass er tun soll?" fragte der Hund. "Er soll in die
Kammer zu seiner Frau gehen," antwortete der Hahn, "und nachdem er
sich mit ihr eingeschlossen hat, einen guten Stock nehmen, und sie tüchtig
durchprügeln: ich bin versichert, sie wird wieder klug werden, und ihn fortan
nicht mehr plagen, ihr zu sagen, was er ihr nicht entdecken darf."
Kaum hatte der Kaufmann vernommen, was der
Hahn sagte, so erhob er sich von seinem Sitze, nahm einen dicken Stock, und ging
damit zu seiner Frau, welche noch immer weinte; er schloss sich mit ihr ein, und
bläute sie so wacker, dass sie endlich laut schrie: "Es ist genug, lieber
Mann, es ist genug, lass mich los; ich will dich nie wieder etwas fragen!"
Auf diese Worte, und da er sah, dass sie ihre
unzeitige Neugier bereute, hörte er auf sie zu schlagen; er öffnete die Tür,
die ganze Verwandtschaft trat hinein. Alle freuten sich, die Frau von ihrem
Starrsinne zurückgekommen zu sehen, und wünschten ihm Glück, dass er ein
Mittel gefunden, wodurch er sie wieder zur Vernunft gebracht hätte.
"Meine Tochter," fügte der Wesir
hinzu, "du verdientest, auf dieselbe Weise behandelt zu werden, wie die
Frau dieses Kaufmanns."
"Mein Vater," sagte hierauf
Scheherasade, "ich bitte, deute es mir nicht übel, dass ich auf meinem
Sinne beharre. Die Geschichte dieser Frau kann mich darin nicht wankend machen.
Ich könnte euch viele andere Geschichten erzählen, euch zu überreden, dass
Ihr euch meinem Vorhaben nicht widersetzen solltet. Übrigens, verzeihet mir,
wenn ich euch zu erklären wage, dass Ihr euch vergeblich widersetzen würdet;
und wenn die väterliche Zärtlichkeit die Bitte versagen sollte, welche ich an
euch tue, so würde ich hingehen und selber mich dem Sultan vorstellen."
Der Vater, durch die Standhaftigkeit seiner
Tochter bis aufs Äußerste getrieben, ergab sich endlich ihren dringenden
Bitten; und zwar sehr betrübt, dass er sie von einem so unseligen Entschlusse
nicht abzuwenden vermochte, ging er auf der Stelle zu dem Sultan, und kündigte
ihm an, dass er ihm die nächste Nacht seine Tochter Scheherasade zuführen
würde.
Der Sultan war sehr erstaunt über das Opfer,
das sein Großwesir ihm darbrachte. "Wie hast du dich entschließen
können," fragte er ihn, "mir deine einzige Tochter zu
überliefern?" - "Herr," antwortete ihm der Wesir, "sie hat
sich von selber dazu erboten. Das traurige Schicksal, das sie erwartet, hat sie
nicht abschrecken können, und höher als das Leben achtet sie die Ehre, eine
einzige Nacht die Gemahlin Eurer Majestät zu sein."
"Aber täusche dich nicht, Wesir," versetzte der Sultan: "Morgen
früh überliefere ich Scheherasade deinen Händen, und fordere, dass du ihr das
Leben nehmest. Wenn du es unterlässt, so schwöre ich, dich selber töten zu
lassen." - "Herr," erwiderte der Wesir, "mein Herz wird ohne
Zweifel bluten, indem ich euch gehorche, aber die Natur mag immerhin murren: Obwohl
ich Vater bin, so stehe ich euch doch für einen getreuen Arm."
Schachriar nahm das Erbieten seines Ministers
an, und sagte ihm, dass er nur seine Tochter bringen möchte, wann er wollte.
Der Großwesir ging, und brachte Scheherasade
diese Nachricht, welche sie mit so viel Freuden empfing, als wenn es ihr die
angenehmste von der Welt gewesen wäre. Sie dankte ihrem Vater, sie so höchlich
verpflichtet zu haben; und als sie ihn von Schmerz überwältigt sah, sagte sie,
ihn zu trösten, sie hoffte, dass es ihn nicht gereuen würde, sie mit dem
Sultan vermählt zu haben: dass er im Gegenteil Ursache haben würde, sich sein
ganzes übriges Leben darüber zu freuen."
Sie dachte jetzo nur daran, sich in
Bereitschaft zu setzen, um vor dem Sultan zu erscheinen. Aber bevor sie das
väterliche Haus verließ, nahm sie noch ihre Schwester Dinarsade beiseite, und
sagte zu ihr: "Meine liebe Schwester, ich bedarf deiner Hülfe in einer
höchst wichtigen Angelegenheit; ich bitte dich, sie mir nicht zu versagen. Mein
Vater wird mich zu dem Sultan führen, um mich mit ihm zu vermählen. Lass diese
Neuigkeit dich nicht verschrecken; höre mich nur ruhig an. Sobald ich bei dem
Sultan bin, werde ich ihn um die Erlaubnis bitten, dass du bei mir in der
Brautkammer schlafest, damit ich mich diese Nacht noch deiner Gesellschaft
erfreue. Wenn ich diese Gnade erlange, wie ich hoffe, so vergiss nicht, mich
morgen früh eine Stunde vor Tage aufzuwecken, mit folgenden Worten: "Liebe
Schwester, wenn du nicht schläfst, so bitte ich dich, bis der nahe Tag
anbricht, mir eins von den schönen Mährchen zu erzählen, die du weißt."
Sogleich werde ich dir eins erzählen, und ich schmeichle mir, durch dieses
Mittel das ganze Volk von der Bestürzung zu befreien, in welcher es sich
befindet." Dinarsade antwortete Ihrer Schwester, dass sie mit Vergnügen
alles tun würde, was sie von ihr verlangte.
Als endlich die Stunde des Beilagers gekommen
war, begleitete der Großwesir Scheherasade zum Palast, und zog sich zurück,
nachdem er sie in das Gemach des Sultans eingeführt hatte. Sobald dieser Fürst
sich mit ihr allein sah, befahl er ihr, das Antlitz zu enthüllen. Er fand sie
so schön, dass er ganz davon bezaubert wurde; als er sie aber in Tränen sah,
befragte er sie um die Ursache. "Gnädiger Herr," antwortete
Scheherasade, "ich habe eine Schwester, die ich so zärtliche liebe, wie
ich von ihr geliebt werde. Ich wünschte wohl, dass sie diese Nacht hier in der
Kammer schliefe, um noch einmal sie zu sehen und ihr Lebewohl zu sagen.
Gewährtet ihr mir wohl den Trost, ihr diesen letzten Beweis meiner Liebe zu
geben?" Schachriar willigte darin ein, und man ging, Dinarsade zu holen,
welche auch ungesäumt kam.
Der Sultan legte sich mit Scheherasade auf
einer hohen Bühne zu Bett, nach dem Brauch der Fürsten des Morgenlandes, und
für Dinarsade war ein Lager unten an derselben bereitet.
Eine Stunde vor Tage erwachte Dinarsade und
ermangelte nicht, zu tun, was ihre Schwester sie geheißen hatte. "Meine
liebe Schwester," rief sie aus, "wenn du nicht schläfst, so bitte ich
dich, mir, bis der nahe Tag anbricht, eins von den schönen Märchen zu
erzählen, die du weißt. Ach! Es ist vielleicht das letzte Mal, dass ich dieses
Vergnügen habe."
Scheherasade, anstatt ihrer Schwester zu
antworten, wandte sich an den Sultan, und sprach: "Gnädiger Herr, geruhet
Eure Majestät wohl, mir zu erlauben, dass ich diesem Wunsche meiner Schwester
genüge?" - "Sehr gern," antwortete der Sultan. Darauf sagte
Scheherasade zu ihrer Schwester, dass sie zuhören möchte; und indem sie die
Erzählung an Schachriar richtete, begann sie folgendermaßen:
Ü
Þ
1)
Abul-jaksân, Vater der Wachsamkeit, wird im arabischen der Esel und der Hahn
genannt, weil beide durch ihr Geschrei die Stunden ausrufen, und den Tag
verkündigen.
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