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      Johann Wolfgang von Goethe
         Die Wette
            Personen
            1. Akt

Erster Auftritt

Dorn, nachher Förster.

Dorn.
Habe ich es doch so oft gesagt, und wem ist es nicht bekannt, dass man etwas leicht unternimmt und nachher mit großer Unbequemlichkeit ausführt. Was hilft es, wenn man noch so verständig denkt und spricht! Nun lass’ ich mich wieder in einen Handel ein, der mich ganz aus dem Geschicke bringt. Zur schönsten Jahrszeit verlasse ich meinen Landsitz; ich eile in die Stadt, dort wird mir die Zeit lang, und die Ungeduld treibt mich wieder hierher. Nun sehe ich aus den Fenstern dieses schlechten Wirtshauses mein Schloss, meine Gärten und darf nicht hin. Wenn’s nur hier nicht gar zu unbequem wäre. Jeder Stuhl wackelt, auf den ich mich setzen will; ich finde für meinen Hut keinen Haken und wahrhaftig kaum eine Ecke für meinen Stock. Doch alles mag hingehen, wenn ich nur meine Absicht erreiche, wenn das junge Paar glücklich wird!

Förster (außen).
Kann man hier unterkommen? Ist niemand vom Hause da?

Dorn.
Hör’ ich recht? Förster! Da finde ich doch wenigstens einen Gefährten in meiner seltsamen Lage.

Förster (eintretend).
Dorn! Ist’s möglich, bist du’s? Warum nicht auf dem Schlosse? Warum hier im Wirtshause? Man sagte mir, du seist in der Stadt. In deinem Schlosse fand ich alles einsam und öde.

Dorn.
Nicht so öde, als du glaubst. Die Liebenden sind drinnen.

Förster.
Wer!

Dorn.
Leonore und Eduard, fest gebannt.

Förster.
Die zwei jungen Leute? Zusammen?

Dorn.
Zusammen oder getrennt, wie du willst.

Förster.
Erkläre mir das Rätsel.

Dorn.
So höre denn. Es gilt eine Wette: Sie müssen eine Probe bestehn, die ihr künftiges Glück befestigen soll.

Förster.
Du machst mich immer neugieriger.

Dorn.
Eduard und Leonore lieben sich, und ich nährte gern diese keimenden Gefühle, da eine engere Verbindung mir sehr willkommen wäre.

Förster.
Ich gab hierzu von jeher meinen Beifall.

Dorn.
Eduard ist ein edler Junge, voll Geist und Fähigkeiten, sehr gebildet, vom besten Herzen, vom lebhaftesten Gefühl, doch etwas rasch und eigendünklig.

Förster
Gesteh’s nur: Diese Zusammensetzung macht einen ganz liebenswürdigen jungen Mann.

Dorn.
Nun, wir hatten auch etwas davon. Leonore ist sanft und gefühlvoll, dabei tätig, häuslich, doch nicht ohne Eitelkeit; sie liebt ihn wahrhaft, doch überlässt sie sich manchmal einem Hang zur üblen Laune; sie zeigt ein mürrisches Wesen, das mit der Hastigkeit Eduards nicht vereinbarlich ist, und so entstand in der angenehmen Liebes- und Brautzeit öfters Zwietracht, Widerwärtigkeit und gegenseitige Unzufriedenheiten.

Förster.
Das wird sich nach der Trauung schon geben.

Dorn.
Ich wollte, es gäbe sich vorher, und das ist gerade die Absicht dieser wunderlichen Anstalt. Oft machte ich die jungen Leute auf ihre Fehler aufmerksam und verlangte, dass jeder Teil den seinigen anerkennen, dass sie sich nachgeben, sich wechselseitig ausgleichen sollten. Ich predigte in die Luft. Und doch konnte ich’s nichtlassen, meine Ermahnungen zu wiederholen, und vor acht Tagen, da ich sie hartnäckiger fand als sonst, erklärte ich ihnen ernstlich die Unart und Unschicklichkeit ihres Betragens, da sie doch ein für allemal ohne einander nicht sein und leben könnten. Dies nahmen sie etwas hoch auf und versicherten, es dürfte doch wohl möglich sein, auch ohne einander zu existieren und auch abgesondert für sich zu leben.

Förster.
Dergleichen Reden kommen wohl vor; so trotzt man aber nicht lange.

Dorn.
So nahm ich’s auch, scherzte darüber, drohte, ihre Neigung auf die Probe zu setzen, um zu sehen, wer das andere am ersten aufsuchen, sich dem andern am ersten wieder nähern würde? Nun kam die Eitelkeit ins Spiel, und jedes versicherte in einem solchen Fall die stärkste Beharrlichkeit.

Förster.
Worte, nichts als Worte.

Dorn.
Um nun zu erfahren, ob es etwas mehr wäre, tat ich folgenden Vorschlag: „Ihr kennt“, sagte ich, „die beiden aneinander stoßenden Zimmer, die ich mit meiner sel’gen Frau bewohnte; eine Türe, die beide verbindet, hat ein Gitter, welches durch einen Vorhang bedeckt ist, der sowohl hüben als drüben aufgezogen werden kann; wenn wir Eheleute uns sprechen wollten, so zog bald das eine, bald das andere diesen Vorhang. Nun sollt ihr Brautleute diese beiden Zimmer bewohnen, und es gilt eine Wette, welcher von beiden Teilen die Entbehrung schmerzlicher fühlt, das andere mehr vermisst und den ersten Schritt zum wieder Sehn tut.“ – Nun wurde mit gegenseitiger Einwilligung zur Probe geschritten; sie zogen ein, ich zog den Vorhang zu. So steht die Sache.

Förster.
Und wie lange?

Dorn.
Seit acht Tagen.

Förster.
Und noch nichts vorgefallen?

Dorn.
Ich glaube nicht. Denn Johann und Friederike, welche ihre Herrschaften aufmerksam bewachen, hatten Befehl, mir es gleich in die Stadt melden zu lassen. Ich hörte nichts, und nun komm’ ich aus Ungeduld zurück, um in der Nähe das Weitere zu vernehmen.

Förster.
Und ich komme grade recht zu diesem wunderlichen Abenteuer und lasse mir wegen der Sonderbarkeit gern gefallen, mit dir in einem schlechten Wirtshause anstatt in einem wohl eingerichteten Schlosse zu verweilen.

Dorn.
Ich hoffe, die Unbequemlichkeit soll nicht lange dauern; richte dich ein, so gut du kannst! Indessen werden wohl auch unsere Aufpasser herankommen.

Förster.
Ich bin selbst neugierig auf den Ausgang; denn im ganzen will mir der Spaß nicht recht gefallen. Es lassen sich ja wohl bedenkliche Folgen erwarten.

Dorn.
Keineswegs! Ich bin überzeugt, dass alles zum Vorteil beider Liebenden enden muss. Welcher Teil sich auch als der schwächste zeigt, verliert nichts; denn er beweist zugleich die Stärke seiner Liebe. Bildet sich der Stärkere etwas ein, so wird er sich bei einigem Nachdenken durch den schwächern beschämt halten. Sie werden fühlen, wie liebenswürdig es sei, nachzugeben und sich ineinander zu finden; sie werden sich tief überzeugen, wie sehr man eines gegenseitigen Umgangs, einer wahren Seelenvertraulichkeit bedarf, und wie töricht es ist zu glauben, dass Beschäftigungen, Unterhaltungen ein liebevolles Herz entschädigen könnten. Man wird ihnen eindringlicher vorstellen dürfen, wie sehr üble Laune das häusliche Glück stört, allzu große Raschheit trübe Stunden nach sich zieht. Sind diese Fehler beseitigt, so wird jedes den Wert des andern rein erkennen und schätzen und gewiss jede Gelegenheit zu ernsteren Trennungen vermeiden.

Förster.
Wir wollen das Beste hoffen. Indessen bleibt das Mittel immer sonderbar, doch vielleicht lernen wir alten Welterfahrnen auch etwas dabei. Wir wollen sehen, welcher Teil den Druck der Langenweile und des unbefriedigten Gefühls am längsten aushält.

Dorn.
Da poltern sie mit deinen Sachen die Treppe herauf; komm, ich muss dich einrichten helfen. (Beide ab.)


Zweiter Auftritt

Johann. Friederike.

Johann.
Auch hier ist der gnäd’ge Herr nicht! Nicht im Garten, und wo denn? Ich habe ihm manches Drollige zu erzählen.

Friederike.
Vom jungen Paar? Nun gut, wenn du gesprochen hast, kommt die Reihe an mich. Das Fräulein macht mir viel Kummer.

Johann.
Wieso?

Friederike.
Ja, sieh einmal! Die ersten Tage ihres neuen Lebenswandels, da ging es still und ruhig zu; sie schien vergnügt, beschäftigte sich, frohlockte, des jungen Herrn nicht zu bedürfen, um fröhlich zu sein, glaubte sich gegen Leibesanfälle wohl gerüstet; auch hätt’ ich nie merken können, welches Gefühl sie für ihn hegt, wenn sie nicht auf künstliche Weise das Gespräch auf dich gelenkt hätte.

Johann.
Nun, was braucht es da viel Kunst? Ich find’ es vielmehr ganz natürlich, dass man an mich denkt und gelegentlich von mir spricht.

Friederike.
Sei nur ruhig; diesmal gehst du leer aus, diesmal zielte sie nur dahin, um unbemerkt zu erfahren, ob du viel um deinen Herrn seist, und wie es ihm gehe. Wenn ich nicht darauf zu achten schien, so wurde sie anfangs anhaltender im Fragen; schien ich Liebe zu vermuten, einen Wunsch nach Wiedersehn zu ahnden, so schwieg sie rasch, ward mürrisch und sprach kein Wort.

Johann.
Die schöne Unterhaltung!

Friederike.
So vergingen die ersten Tage. Jetzt spricht sie gar nichts, isst und schläft ebenso wenig, verlässt eine Beschäftigung um die andere und sieht so krank aus, dass sie einen ängstet.

Johann.
Geh, was wird es nun wieder sein? Launen! Nichts als Launen! Da schienen die Weiber immer krank. Sie sind alle so.

Friederike.
Meinst du mich auch, Johann? Ich will nicht hoffen!

Johann.
Sei nicht böse, ich spreche nur von den vornehmen Frauen: Die haben alle solche Grillen, wenn man ihren Eitelkeiten nicht recht schmeichelt.

Friederike.
Nein! Mein Fräulein ist nicht unter dieser Zahl; es ist nur zu wahrscheinlich, dass die Liebe an ihr zehrt.

Johann.
Die Liebe! Warum verbirgt sie selbe?

Friederike.
Ja! Es gilt aber eine Wette.

Johann.
Was Wette! Wenn man sich einmal liebt.

Friederike.
Aber die Eitelkeit!

Johann.
Die taugt bei der Liebe nichts. Da sind wir gemeinen Leute weit glücklicher; wir kennen jenes Raffinement nicht. Ich sage: „Friederike, liebst du mich?“ Du sagst: „Ja!“ und nun bin ich dein –

(Er umarmt sie.)

Friederike.
Wenn das Schicksal unsrer jungen Herrschaft entscheiden ist, wenn das Heiratsgut ausgezahlt ist, das wir durch die Aufmerksamkeit auf unsere jungen Liebenden verdienen sollen.


Dritter Auftritt

Dorn. Förster. Die Vorigen.

Dorn.
Willkommen, ihr Leute! Sprecht, was ist vorgefallen?

Johann.
Nichts Besonderes, gnäd’ger Herr! Nur ist mein Gefangener bald bewegt und aufbrausend, bald nachdenkend und in sich gekehrt. Jetzt bleibt er still, sinnt, scheint sich zu entschließen, eilt gegen die verschlossene Türe; jetzt kehrt er wieder zurück und verschmäht den Gedanken.

Dorn.
Förster, hörst du?

Förster.
Nur weiter!

Dorn.
Erzählt uns, Johann, wie’s ging, seit ich abreiste!

Johann.
Ach Gott, wie sollt’ ich mir das alles merken! Die hundertfältigen Sachen, die ich gesehen, gehört – ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Wenn das Lieben heißt! Wenn das bei vornehmen Leuten Gebrauch ist, so gelobe ich, der arme Johann immer und ewig zu bleiben und meiner Friederike ganz einfach zu beteuern, dass ich sie lieb habe.

Dorn.
Nun, was gab’s denn für Wunderdinge?

Förster.
Erkläre dich!

Johann.
Ich will erzählen, so gut ich’s vermag. Als Sie abreisten, versperrte sich der junge Herr, las und schrieb und beschäftigte sich. Nur fand ich ihn sehr gespannt; er ging in der Gegend spazieren, kam spät nach Hause, war fröhlich, und so zog sich’s einige Tage. Nun ging er auf die Jagd und wechselte mit Beschäftigungen. Da konnt’ ich leicht bemerken, dass er bei keiner verblieb. Er schritt im Zimmer auf und ab, warf ein Buch weg und holte das andere, und wenn er schmälte, so mochte es wohl manchmal mit Grund geschehen. Aber gewiss und wahrhaftig: Oft ohne Grund; er wollte nur den heftigen Empfindungen Raum schaffen, die in ihm vorgingen.

Dorn.
Schon gut.

Johann.
So verstrichen die Tage. Vom Spaziergang sehnt’ er sich nach dem Schlosse; er kürzte die Jagd ab und kam nach Hause, aber auch da zauderte er auf dem Wege, ward immer unbestimmter und sprach mit sich allein; er machte Gesichter, die mich erschreckten; nun stand er starr, nun schien er im Zweifel – nähert sich dem gefährlichen Vorhang, schnell kehrt er wieder zurück, über sich selbst erzürnt, Ungeduld und Ungewissheit foltern ihn, er wird kleinmütig, und ich besorge Wahnsinn.

Dorn.
Genug, genug!

Johann.
Was! Soll ich nicht mehr erzählen?

Dorn.
Für diesmal bedarf’s nicht mehr. Gehe und besorge den Jüngling und melde ferner, was vorgeht.

Johann.
Ich hätte noch gar viel zu sagen.

Dorn.
Ein andermal, gehe!

Johann.
Wenn’s nicht anders ist. Ich kam soeben recht in Zug und glaube, dass, wenn ich solche Dinge oft sehe und oft erzähle, so könnte ich selbst so wunderlich werden. Was meinst du, Friederike?

Friederike.
Wir wollen’s beim alten belassen.

Johann.
Topp!

(Er reicht ihr die Hand und zieht sie, indem er abgeht, in den Hintergrund, wo sie stehen bleibt.)

Dorn.
Nun, Förster, was sagen Sie zu diesem Anfang?

Förster.
Nicht viel. Es lässt sich nichts Bestimmtes sagen.

Dorn.
Verzeihen Sie, mein Freund, wir sind dem Ziele näher, als Sie glauben. Eduard scheint seinen Stolz gemäßigt zu haben, das Gefühl bemeistert sich seiner: Es wird bald die Oberhand behalten.

Förster.
Woraus schließen Sie das?

Dorn.
Aus allem, was Johann erzählt, aus dem Einzelnen wie dem Ganzen.

Förster.
Er wird gewiss derjenige nicht sein, der den ersten Schritt tut; ich kenne ihn zu gut, er ist zu eitel dazu. Er hat einen zu hohen Begriff von seinem Wert und gibt nicht nach.

Dorn.
Das wäre mir leid; er müsste meine Tochter wenig lieben, wenig Seele und lebhaftes Gefühl, keine Energie haben, um länger in diesem peinlichen Zustande zu verharren.

Förster.
Und Leonore, könnte sie nicht gleichfalls? –

Dorn.
Nein, mein Bester! Die Frauen haben eine gewisse Zurückhaltung aus Bescheidenheit, die ihre größte Zierde ist; sie hindert sie, ihre Gefühle frei zu äußern, und diese werden sie am wenigsten zutage legen, wenn Eitelkeit im Spiel ist, wie bei dieser Wette. Sie können das Äußerste dulden, ehe sie diesen Stolz beseitigen; sie finden es unter ihrer Würde, einem Manne zu zeigen, wie sehr sei an ihm hängen, ihn zärtlich leiben; sie fühlen im verborgenen ebenso lebhaft wie wir, vielleicht anhaltender, aber sie sind ihrer Neigung mehr Meister.

Förster.
Du kannst Recht haben; aber lass uns erst erfahren, was Leonore macht, dann können wir in unsern Vermutungen schon sicherer fortschreiten.

Dorn.
Sprich also, Friederike.

Friederike.
Gnädige Herren, ich fürchte sehr für die Gesundheit der Fräulein.

Dorn (rasch).
Ist sie krank?

Friederike.
Das nicht gerade, aber sie kann weder essen noch schlafen, sie schleicht herum wie ein Halbgespenst, verschmäht ihre Lieblingsbeschäftigungen, rührt die Gitarre nicht an, auf der sie Eduard sonst akkompagnierte, singt auch nicht wie sonst ein freies Liedchen vor sich hin.

Dorn.
Spricht sie was?

Friederike.
Nur wenig Worte.

Dorn.
Was sagt sie denn?

Friederike.
Fast gar nichts. Manchmal fragt sie nach Johann, dabei denkt sie aber immer an Eduard, merk’ ich wohl.

Dorn.
War das die ganzen acht Tage so?

Friedericke.
O nein! Anfangs war sie fröhlich, mehr als sonst, beschäftigte sich mit häuslichen Arbeiten, mit Musik und dergleichen; sie entbehrte den Geliebten nicht, sie freute sich, ihm beweisen zu können, wie stark sie sei.

Dorn.
Siehst du, Förster, was ich sagte? Hier bestimmte sie der weibliche Stolz.

Förster.
Aber wie kommt’s, dass sie anfangs die Beschäftigung liebte und sie jetzt vernachlässigt?

Dorn.
Auch dies ist mir erklärbar. Frauen sind zur Arbeitsamkeit gewöhnt. Mit dem Bewusstsein, geliebt zu werden, scheuen sie die Einsamkeit nicht, ein einziger froher Augenblick der Gegenwart gewährt ihnen reichlichen Trost; nur der gänzliche Abgang eines Mitgefühls wird ihnen schwer und zehrt an ihnen; dann versinken sie in einen grämlichen, leidenden Zustand, der, je mehr sie ihn zu verbergen trachten, desto mehr an ihrer Existenz nagt. Sie verblühen.

Friederike.
Richtig, so wird es auch bei Fräulein Leonore sein. Denn dass Sie Eduard liebt, davon habe ich viele Beweise. Oft tritt sie wie zufällig an die Türe und zaudert schamhaft, sich wieder zu entfernen. Ihre Augen sind voll Tränen, sie scheint ihn zu behorchen, seine Schritte, seine Gedanken erraten zu wollen; sie kämpft zwischen Liebe und Festigkeit.

Förster.
Aber warum fragt sie dich nicht um ihn? Sagte nicht Johann, Eduard spreche sehr oft mit Heftigkeit von Leonore? Er liebt sie folglich mehr als sie ihn.

Dorn.
Da sieht man, dass du die Frauen wenig kennst. Wann nehmen sie Vertraute zu ihren Gefühlen? Sie wachen sorgfältig darüber und suchen dieselben vor allen Augen zu verbergen; über alles fürchten sie den eiteln Triumph der anmaßlichen männlichen Herrschkraft. Allem wollen sie lieber entsagen, als sich verraten. Im stillen können sie für sich allein lieben, und umso heftiger sind ihre Gefühle und um so dauerhafter. Die Männer hingegen sind rascher, keine Bescheidenheit verwehrt ihnen, laut zu denken; darum verbarg auch Eduard sich vor Johann nicht.

Friederike.
Wollen Sie noch einen Beweis, dass sie ihn liebt? Sie kennen das hübsche Gartenplätzchen, das Eduard zu Eleonores Namenstag ausschmückte. Dieses besucht sie täglich. Stillschweigend, die Augen an den Boden geheftet, bleibt sie stundenlang dort, und jede Kleinigkeit, die er ihr schenkte, liegt immer auf ihrem Tisch. Oft scheint sie in einiger Unruhe, die sich in Seufzern äußert. Ja! Sie ist aus Liebe krank, ich verharre dabei; und wird sie nicht aus dieser Lage befreit –

Dorn.
Lass es gut sein, Friederike! Es wird sich alles zur rechten Zeit auflösen.

Friederike.
Wär’ ich an der Stelle, es wäre schon lange aufgelöst. (Ab.)


Vierter Auftritt

Dorn. Förster.

Dorn.
Ich bin zufrieden, alles geht nach Wunsch.

Förster.
Aber wenn die Tochter erkrankt?

Dorn.
Glaub’ es nicht, es wird nicht lange mehr währen.

Förster.
Das meinst du?

Dorn.
Sie werden nachgeben, sich sehen, sich lieben, und geprüfter lieben.

Förster.
Ich möchte doch wissen, was dich so heiter stimmt!

Dorn.
Dass ich mein Werk vollendet sehe. Sie sind beide, wo ich sie wollte, wie ich sie wollte. Ihre wenigen Reden, alle ihre Handlungen sind ihrer Lage, ihren Gefühlen angemessen.

Förster.
Wie das?

Dorn.
Eduard, ein feuriger junger Mensch, zeigt sich noch unmutig, er kämpft zwischen Eitelkeit und Liebe, allein die Liebe wird siegen. Er fühlt die Pein des Alleinseins. Die Gestalt, die Reize Eleonores stellen sich lebhaft ihm vor die Augen, er duldet es nicht länger. Keiner Zerstreuung mehr fähig, wird er die Pforte öffnen, er wird als überwunden sich erklären.

Förster (vor sich).
Dies scheint mir noch nicht ganz gewiss.

Dorn.
Leonore, ein edles bescheidenes Mädchen, nur etwas launig, dachte anfangs durch Beschäftigung seiner zu vergessen, standhaft die Probezeit auszuharren; allein es verstrich ein Tag um den andern. Von Seiten ihres Geliebten musste sie Kälte besorgen, fragen wollte sie nicht, sie blieb also in sich gekehrt, der bangen Ungewissheit überlassen. Die Leere, den Abgang zärtlichen Mitgefühls empfand sie lebhaft; bei ihr ist kein Mittel vorhanden, wie sie den ersten Schritt beginne, Zurückhaltung verwehrt es ihr, und sie wählt zu leiden; daher entstehen Seufzer, Tränen, Mangel an Schlaf und Esslust; sie denkt, sich durch Betrachtung lebloser Sachen zu entschädigen, die den einzigen Gegenstand ihrer Sehnsucht zurückrufen. Leonore liebt Eduard vielleicht noch zärtlicher als vorher: Sie erwartet nur den Augenblick, um in ihre vorigen Rechte zurückzutreten.

Förster.
Das wird sich zeigen!

Dorn.
Nun, so lasst uns beide behorchen. An der Decke jener Zimmer ist eine geheime Öffnung: Lasst uns dahin gehen und uns selbst überzeugen! (Gehen ab.)


Fünfter Auftritt

(Geteilte Zimmer, wohl möbliert, mit allerlei Gegenständen zur Unterhaltung versehen, als: Pulte, Bücher, Instrumente und dergl. Tür, Gitter und Vorhang wie oben beschrieben.)

Eleonore an der rechten Seite, Eduard an der linken. Dorn und Förster in der Höhe. Zuletzt Johann und Friederike.

(Eduard geht schnell auf und ab, spricht heftig mit sich selbst, sieht bald verwirrt, bald unentschlossen aus. Leonore traurig, eine Arbeit in der Hand, blickt halb seufzend nach der Tür, dann besieht sie eine Brieftasche mit Eduards Chiffre und benutzt sie mit heißen Tränen.)

Eduard.
Nein, ich gehe nicht aus! Wo soll ich hin? Was anfangen? Nichts freut mich, alles ist mir zuwider – sie mangelt mir! Leonore, du, das edelste, wärmste, liebevollste Geschöpf! Wo sind die frohen Augenblicke, die ich bei ihr zubrachte? Wo sie mich durch ihre herrliche Gestalt, durch ihr sanftes Wesen ankettete? Sie war mein erster und letzter Gedanke, ihre Teilnahme, ihre Zärtlichkeit erhöhten mir jedes Vergnügen, bei ihr fand ich Erholung nach der Arbeit; jetzt bin ich unmutig! Wie oft erheiterte sie trübe Stunden durch lieblichen Gesang, und jedes Wort, das nach Liebe lautete, vereinigte sich wohltätig mit meinem Herzen. Welcher Wonne war ich fähig! Selbst ihre augenblicklichen Launen sind nicht so arg, als ich ungeduldig mir einbildete. Warum war ich so rasch, wie konnte ich aus Eitelkeit in die Probe willigen! – Nun, wer wird nachgeben? Sie nicht! – Ich? – Ja! (mit Heiterkeit) Und warum zögere ich? Die Türe geöffnet, zu ihr, der Göttlichen, an ihren Füßen ewige Liebe beschworen, gestehend, dass ich ohne sie nicht leben kann! – Doch was wird man sagen? Dich für feig und schwach halten? Diene Freunde werden sich über dich lustig machen – was tut’s! – Aber, Leonore, du selbst könntest frohlocken, mich für überwunden halten, herrschen wollen, und dann wehe mir, wenn ich will Mann sein! Ich kann es wohl – warum bleib’ ich müßig? Hier ist noch Arbeit genug!

(Er setzt sich an den Schreibtisch, nimmt die Feder, doch statt zu schreiben, vertieft er sich in Gedanken.)

Leonore.
Schon wieder ein Tag verflossen, und Eduard erscheint nicht. O, welche Pein! Er hat mich vergessen, und er kann mich nicht so zärtlich lieben, als ich glaubte; fühlte er nur die Hälfte meiner Qualen, er würde eilen, die Wette zu verlieren, ich wäre ihm reiche Entschädigung für die gekränkte Eitelkeit. Und was ist dieses Gefühl im Vergleich mit warmer Liebe, mit Glückseligkeit, die man nur in der Gegenliebe findet? Da vergehen die Tage, die Stunden wie süße Träume; da fühlt’ ich mich glücklich, als nach geendigten häuslichen Geschäften ich durch sein Gespräch erheitert wurde. Grausamer Vater, wie konntest du mich durch eine probe so unglücklich machen! Wollt’ ich nicht lieber Eduards Anmaßungen dulden! Jetzt kann ich den ersten Schritt nicht tun. Mein Herz stimmt dafür, aber die Bescheidenheit, der Mädchen Zierde, lehrt es, und ich muss gehorchen, dulden – und wie lange noch!

(Sie lässt die Arbeit fallen und seufzt.)

Eduard (vom Pulte hastig aufstehend).
Schreiben kann ich nicht. Wo Sinn und Mut holen! Wenn nur Johann käme, dass ich von Leonore sprechen könnte. Freilich versteht er wenig von meinem Gefühl, aber er meint es doch gut, und Leonore verehrt er wie eine Gottheit, wie jeder, der sie kennt. Mir scheint, ich höre ihn!

Leonore (indem sie das Portefeuille mit Anmut ansieht und an ihr Herz drückt).
Ja, hier ist das Pfand deiner Liebe, hier dein Name, und du konntest mich vergessen, Eduard? – – Was soll ich machen, wie ihn zurückführen? – Ach, herrlich! Vielleicht wirkt es.

(Sie eilt, ihre Gitarre zu nehmen, setzt sich ganz nahe an die Wand, neben die Türe, so dass man sie aus dem Gitter nicht sehen kann. Eduard, tiefsinnig sitzend, belebt sich bei diesen Tönen, erkennt die Stimme, die ihn so oft bezaubert, lässt sich zum Denken keine Zeit, zieht den Vorhang, sucht sie zu erblicken, aber vergebens. Leonore geht zur Tür, um zu horchen; sie sieht den Vorhang weggezogen, erblickt den Geliebten; Schrecken, Entzücken spricht sie aus. Die Türe öffnet sich; sie ist in seinen Armen, ehe sie sich’s versieht.)

Beide.
Ich habe dich wieder, ich bleibe dein!

Dorn und Förster (herein tretend).
Bravo! Bravo!

(Leonore und Eduard stehen verzagt.)

Dorn.
Kinder, was hab’ ich gesagt!

Leonore.
Eduard war’s, der zu mir kam.

Eduard.
Nein, sie war es, die sehen wollte, ob ich horchte.

Dorn.
Ihr habt beide Recht. Keines hat im Grund die Wette verloren. Gleiches Gefühl hat euch beseelt, eure Handlungen waren einem Jüngling, einem Mädchen angemessen. Leonore suchte dich durch Feinheit dahin zu bewegen, dass du den Vorhang zogst; lebhafter hast du dem Gefühl angehört, Leonore wollte bloß im Verborgenen dich prüfen. Ihr habt bewiesen, dass bei edlen gefühlvollen Herzen gleiche Bewegungen vorgehn, nur äußern sich dieselben verschieben und angemessen. Ihr seid euch wert! Liebt euch! Und verzeiht und kleine Schwachheiten und trachtet, dass euch die gegenseitige Liebe alles ersetzt.

Leonore.
Dieser Tag soll uns heilig sein!

Eduard.
Du hast uns wirklich lieben gelehrt.

Förster.
Und ich habe heute mehr erfahren als durch mein ganzes Leben.

Friederike.
Und ich auch.

Johann.
Du! Und was hast du denn erfahren? Geh! Das ist alles zu erhaben und zu studiert für uns. Lass uns einfach lieben und glücklich – und dazu ist nichts Einfacheres in der Welt, gnädiger Herr, als ein hübsches Heiratsgut.

Dorn.
Das sollt ihr haben!

Ü

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