Goethe

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Reise der Söhne Megaprazons

(Fragmente)

Die Söhne Megaprazons überstehen eine harte Prüfung.

   Die Reise ging glücklich vonstatten, schon mehrere Tage schwellte ein günstiger Wind die Segel des kleinen wohl ausgerüsteten Schiffes, und in der Hoffnung, bald Land zu sehen, beschäftigten sich die trefflichen Brüder ein jeder nach seiner Art. Die Sonne hatte den größten Teil ihres täglichen Laufes zurückgelegt; Epistemon saß an dem Steuerruder und betrachtete mit Aufmerksamkeit dien Windrose und die Karten; Panurg strickte Netze, mit denen er schmackhafte Fische aus dem Meere hervorzuziehen hoffte; Euphemon hielt seine Schreibtafel und schrieb, wahrscheinlich eine Rede, die er bei der ersten Landung zu halten gedachte; Alkides lauerte am Vorderteil mit dem Wurfspieß in der Hand Delphinen auf, die das Schiff von Zeit zu Zeit begleiteten; Alciphron trocknete Meerpflanzen, und Eutyches, der jüngste, lag auf einer Matte in sanftem Schlafe.

   „Weckt den Bruder“, rief Epistemon, „und versammelt euch bei mir! Unterbrecht einen Augenblick eure Geschäfte, ich habe euch etwas Wichtiges vorzutragen. Eutyches, erwache! Setzt euch nieder, schließt einen Kreis.“

   Die Brüder gehorchten dem Wort des Ältesten und schlossen einen Kreis um ihn. Eutyches, der Schöne, war schnell auf den Füßen, öffnete seine großen blauen Augen, schüttelte seine blonden Locken und setzte sich mit in die Reihe.

   „Der Kompass und die Karte“, fuhr Epistemon fort, „deuten mir einen wichtigen Punkt unsrer Fahrt an; wir sind auf die Höhe gelangt, die unser Vater beim Abschied anzeichnete, und ich habe nun einen Auftrag auszurichten, den er mir damals anvertraute.“ – „Wir sind neugierig, zu hören“, sagten die Geschwister untereinander.

   Epistemon eröffnete den Busen seines Kleides und brachte ein zusammengefaltetes buntes seidnes Tuch hervor. Man konnte bemerken, dass etwas darein gewickelt war; an allen Seiten hingen Schnüre und Fransen herunter, künstlich genug in viele Knoten geschlungen, farbig, prächtig und lieblich anzusehen.

   „Es eröffne jeder seinen Knoten“, sagte Epistemon, „wie es ihn der Vater gelehrt hat.“ Und so ließ er das Tuch herumgehen; jeder küsst es, jeder öffnete den Knoten, den er allein zu lösen verstand; der Älteste küsste es zuletzt, zog die letzte Schleife auseinander, entfaltete das Tuch und brachte einen Brief hervor, den er auseinander schlug und las.

   „Megaprazon an seine Söhne. Glück und Wohlfahrt, guten Mut und frohen Gebrauch eurer Kräfte! Die großen Güter, mit denen mich der Himmel gesegnet hat, würden mir nur eine Last sein ohne die Kinder, die mich erst zum glücklichen Manne machen. Jeder von euch hat, durch den Einfluss eines eignen günstigen Gestirns, eigne Gaben von der Natur erhalten. Ich habe jeden nach seiner Art von Jugend auf gepflegt, ich habe es auch an nichts fehlen lassen, ich habe den ältesten zur rechten Zeit eine Frau gegeben, ihr seid wackre und brave Leute geworden. Nun habe ich euch zu einer Wanderschaft ausgerüstet, die euch und eurem Hause Ehre bringen muss. Die merkwürdigen und schönen Inseln und Länder sind berühmt, die mein Urgroßvater Pantagruel teils besucht, teils entdeckt hat, als da ist die Insel der Papimanen, Papefiguen, die Laterneninsel und das Orakel der heiligen Flasche, dass ich von den übrigen Ländern und Völkern schweige. Denn sonderbar ist es: Berühmt sind jene Länder, aber unbekannt, und scheinen jeden Tag mehr in Vergessenheit zu geraten. Alle Völker Europas schiffen aus, Entdeckungsreisen zu machen, alle Gegenden des Ozeans sind durchsucht, und auf keiner Karte finde ich die Inseln bezeichnet, deren erste Kenntnis wir meinem unermüdlichen Urgroßvater schuldig sind; entweder also gelangten die berühmtesten neuen Seefahrer nicht in jene Gegenden, oder sie haben, uneingedenk jener ersten Entdeckungen, die Küsten mit neuen Namen belegt, die Inseln umgetauft, die Sitten der Völker nur obenhin betrachtet und die Spuren veränderter Zeiten unbemerkt gelassen. Euch ist es vorbehalten, meine Söhne, eine glänzende Nachlese zu halten, die Ehre eures Ältervaters wieder aufzufrischen und euch selbst einen unsterblichen Ruhm zu erwerben. Euer kleines, künstlich gebautes Schiff ist mit allem ausgerüstet, und euch selbst kann es an nichts fehlen; denn vor eurer Abreise gab ich einen jeden zu bedenken, dass man sich auf mancherlei Art in der Fremde angenehm machen, dass man sich die Gunst der Menschen auf verschiedenen Wegen erwerben könne; ich riet euch daher, wohl zu bedenken, womit ihr außer dem Proviant, der Munition, den Schiffsgerätschaften euer Fahrzeug beladen, was für Waren ihr mitnehmen, mit was für Hilfsmitteln ihr euch versehen wolltet. Ihr habt nachgedacht, ihr habe mehr als eine Kiste auf das Schiff getragen, ich habe nicht gefragt, was sie enthalten. – – Zuletzt verlangtet ihr Geld zur Reise, und ich ließ euch sechs Fässchen einschiffen; ihr nahmt sie in Verwahrung und furht unter meinen Segenswünschen, unter den Tränen eurer Mutter und eurer Frauen, in Hoffnung glücklicher Rückkehr, mit günstigem Wind davon.

   Ihr habt, hoffe ich, den langweiligsten Teil eurer Fahrt durch das hohe Meer glücklich zurückgelegt; ihr naht euch den Inseln, auf denen ich euch freundlichen Empfang, wie meinem Urgroßvater, wünsche.

   Nun aber verzeiht mir, meine Kinder, wenn ich euch einen Augenblick betrübe – es ist zu eurem Besten.“

   Epistemon hielt inne, die Brüder horchten auf.

   „Dass ich euch nicht mit Ungewissheit quäle, so sei es gerade herausgesagt: es ist kein Geld in den Fässchen.“ – „Kein Geld!“, reifen die Brüder wie mit einer Stimme. – „Es ist kein Geld in den Fässchen“, wiederholte Epistemon mit halber Stimme und ließ das Blatt sinken. Stillschweigend sahen sie einander an, und jeder wiederholte in seinem eignen Akzent: „Kein Geld! Kein Geld?“

   Epistemon nahm das Blatt wieder auf und las weiter: „‚Kein Geld!’, ruft ihr aus, ‚und kaum halten eure Lippen einen harten Tadel eures Vaters zurück. Fasst euch! Geht in euch, und ihr werdet die Wohltat preisen, die ich euch erzeige. Es steht Geld genug in meinen Gewölben; da mag es stehen, bis ihr zurückkommt und der Welt gezeigt habt, dass ihr der Reichtümer wert seid, die ich euch hinterlasse.’“

   Epistemon las wohl noch eine halbe Stunde, denn der Brief war lang; er enthielt die trefflichsten Gedanken, die richtigsten Bemerkungen, die heilsamsten Ermahnungen, die schönsten Aussichten; aber nichts war imstande, die Aufmerksamkeit der Geschwister an die Worte des Vaters zu fesseln; die schöne Beredsamkeit ging verloren, jeder kehrte in sich selbst zurück, jeder überlegte, was er zu tun, was er zu erwarten habe.

   Die Vorlesung war noch nicht geendigt, als schon die Absicht des Vaters erfüllt war: Jeder hatte schon bei sich die Schätze gemustert, womit ihn die Natur ausgerüstet, jeder fand sich reich genug, einige glaubten sich mit Waren und andern Hilfsmitteln wohl versehen; man bestimmte schon den Gebrauch voraus, und als nun Epistemon den Brief zusammenfaltete, ward das Gespräch laut und allgemein; man teilte einander Pläne, Projekte mit, man widersprach, man fand Beifall, man erdachte Märchen, man ersann Gefahren und Verlegenheiten, man schwätzte bis tief in die Nacht, und eh’ man sich niederlegte, musste man gestehen, dass man sich auf der ganzen Reise noch nicht so gut unterhalten hatte.


Man entdeckt zwei Inseln; es entsteht ein Streit, der durch Mehrheit der Stimmen beigelegt wird.

   Des andern Morgens war Eutyches kaum erwacht und hatte seinen Brüdern einen Guten Morgen geboten, als er ausrief: „Ich sehe Land!“ – „Wo?“, riefen die Geschwister. – „Dort“, sagte er, „dort!“, und deutete mit dem Finger nach Nordosten. Der schöne Knabe war vor seinen Geschwistern, ja vor allen Menschen mit scharfen Sinnen begabt, und so machte er überall, wo er war, ein Fernrohr entbehrlich. „Bruder“, versetzte Epistemon, „du siehst recht; erzähle uns weiter, was du gewahr wirst.“ – „Ich sehe zwei Inseln“, fuhr Eutyches fort, „eine rechts, lang, flach, in der Mitte scheint sie gebirgig zu sein; die andere links zeigt sich schmäler und hat höhere Berge.“ – „Richtig!“, sagte Epistemon und rief die übrigen Brüder an die Karte. „Seht, diese Insel rechter Hand ist die Insel der Papimanen, eines frommen, wohltätigen Volkes. Möchten wir bei ihnen eine so gute Aufnahme als unser Ältervater Pantagruel erleben. Nach unsers Vaters Befehl landen wir zuerst daselbst, erquicken uns mit frischem Obst, Feigen, Pfirsichen, Trauben, Pomeranzen, die zu jeder Jahreszeit daselbst wachsen; wir genießen des guten frischen Wassers, des köstlichen Weines; wir verbessern unsre Säfte durch schmackhafte Gemüse: Blumenkohl, Broccoli, Artischocken und Karden; denn ihr müsst wissen, dass durch die Gnade des göttlichen Statthalters auf Erden nicht allein alle gute Frucht von Stunde zu Stunde reift, sondern dass auch Unkraut und Disteln eine zarte und saftige Speise werden.“ – „Glückliches Land! Glückliche Reisende, die in diesem irdischen Paradies eine gute Aufnahme finden!“ – „Haben wir uns nun völlig erholt und wiederhergestellt, alsdann besuchen wir im Vorbeigehn die andre, leider auf ewig verwünschte und unglückliche Insel der Papefiguen, wo wenig wächst und das wenige noch von bösen Geistern zerstört oder verzehrt wird.“ – „Sagt uns nichts von dieser Insel!“, rief Panurg, „nichts von ihren Kohlrüben und Kohlrabis, nichts von ihren Weibern, ihr verderbt uns den Appetit, den ihr uns soeben erregt habt.“

   Und so lenkte sich das Gespräch wieder auf das selige Wohlleben, das sie auf der Insel der Papimanen zu finden hofften; sie lasen in den Tagebüchern ihres Ältervaters, was ihm dort begegnet, wie er fast göttlich verehrt worden war, und schmeichelten sich ähnlicher glücklicher Begebenheiten.

   Indessen hatte Eutyches von Zeit zu Zeit nach den Inseln hingeblickt, und als sie nun auch den andern Brüdern sichtbar waren, konnte er schon die Gegenstände genau und immer genauer darauf unterscheiden, je näher man ihnen kam. Nachdem er beide Inseln lange genau betrachtet und miteinander verglichen, rief er aus: „Es muss ein Irrtum obwalten, meine Brüder. Die beiden Landstrecken, die ich vor mir sehe, kommen keineswegs mit der Beschreibung überein, die Bruder Epistemon davon gemacht hat; vielmehr finde ich gerade das umgekehrte, und mich dünkt, ich sehe gut.“

   „Was meinst du das, Bruder?“, sagte einer und der andere.

   „Die Insel zur rechten Seite, auf die wir zuschiffen“, fuhr Eutyches fort, ist ein langes flaches Land mit wenigen Hügeln und scheint mir gar nicht bewohnt; ich sehe weder Wälder auf den Höhen, noch Bäume in den Gründen; keine Dörfer, keine Gärten, keine Saaten, keine Herden an den Hügeln, die doch der Sonne so schön entgegen liegen.“

   „Ich begreife das nicht“, sagte Epistemon.

   Eutyches fuhr fort: „Hie und da seh’ ich ungeheure Steinmassen, von denen ich mich nicht zu sagen unterfange, ob es Städte oder Felsenwände sind. Es tut mir herzlich leid, dass wir nach einer Küste fahren, die so wenig verspricht.“

   „Und jene Insel zur Linken?“, rief Alkides. – „Sie scheint ein kleiner Himmel, ein Elysium, ein Wohnsitz der zierlichsten häuslichsten Götter. Alles ist grün, alles gebaut, jedes Eckchen und Winkelchen genutzt. Ihr solltet die Quellen sehen, die aus den Felsen sprudeln, Mühlen treiben, Wiesen wässern, Teiche bilden. Büsche auf den Felsen, Wälder auf den Bergrücken, Häuser in den Gründen, Gärten, Weinberge, Äcker und Ländereien in der Breite, wie ich nur sehen und sehen mag.

   Man stutzte, man zerbrach sich den Kopf. Endlich rief Panurg: „Wie können sich ein Halbdutzend kluge Leute so lang bei einem Schreibfehler aufhalten! Weiter ist es nichts. Der Kopist hat die Namen der beiden Inseln auf der Karte verwechselt; jenes ist Papimanie, diese da ist Papefigue, und ohne das gute Gesicht unseres Bruders waren wir im Begriff, einen schnöden Irrtum zu begehen. Wir verlangen nach der gesegneten Insel und nicht nach der verwünschten; lasst uns also den Lauf dahin richten, wo uns Fülle und Fruchtbarkeit zu empfangen verspricht.

   Epistemon wollte nicht sogleich seine Karten eines so groben Fehlers beschuldigen lassen, er brachte viel zum Beweise ihrer Genauigkeit vor; die Sache war aber den übrigen zu wichtig, es war die Sache des Gaumens und des Magens, die jeder verteidigte. Man bemerkte, dass man mit dem gegenwärtigen Wind noch bequem nach beiden Inseln kommen könne, dass man aber, wenn er anhielte, nur schwer von der ersten zur zweiten segeln würde. Man bestand darauf, dass man das Sichre für das Unsichre nehmen und nach der fruchtbaren Insel fahren müsse.

   Epistemon gab der Mehrheit der Stimmen nach, ein Gesetz, das ihnen der Vater vorgeschrieben hatte.

   „Ich zweifle gar nicht“, sagte Parnurg, „dass meine Meinung die richtige ist und dass man auf der Karte die Namen verwechselt hat. Lasst uns fröhlich sein! Wir schiffen nach der Insel der Papimanen. Lasst uns vorsichtig sein und die nötigen Anstalten treffen.“

   Er ging nach einem Kasten, den er öffnete und allerlei Kleidungsstücke daraus hervorholte. Die Brüder sahen ihm mit Verwunderung zu und konnten sich das Lachens nicht erwehren, als er sich auskleidete und, wie es schien, Anstalt zu einer Maskerade machte. Er zog ein paar violettseidne Strümpfe an, und als er die Schuhe mit großen silbernen Schnallen geziert hatte, kleidete er sich übrigens ganz in schwarze Seide. Ein kleiner Mantel flog um seine Schultern, einen zusammengedrückten Hut mit einem violett und goldnen Bande nahm er in die Hände, nachdem er seine Haare in runde Locken gekräuselt hatte. Er begrüßte die Gesellschaft ehrbietig, die in ein lautes Gelächter ausbrach.

   Ohne sich aus der Fassung zu geben, besuchte er den Kasten zum zweiten Mal. Er brachte eine rote Uniform hervor mit weißen Kragen, Aufschlägen und Klappen; ein großes weißes Kreuz sah man auf der linken Brust. Er verlangte, Bruder Alkides solle diese Unform anziehen, und da sich dieser weigerte, fing er folgendergestalt zu reden an: „Ich weiß nicht, was ihr übrigen in den Kasten gepackt und verwahrt haltet, die ihr von Hause mitnahmt, als der Vater unsrer Klugheit überließ, womit wir uns den Völkern angenehm machen wollten; so viel kann ich euch gegenwärtig sagen, dass meine Ladung vorzüglich in alten Kleidern besteht, die, hoffe ich, uns nicht geringe Dienste leisten sollen. Ich habe drei bankrutte Schauspielunternehmer, zwei aufgehobene Klöster, sechs Kammerdiener und sieben Trödler ausgekauft, und zwar habe ich mit den letzten nur getauscht und meine Doubletten weggeben. Ich habe mit der größten Sorgfalt meine Garderobe komplettiert, ausgebessert, gereinigt und geräuchert – –“


Der Papimane erzählt, was in ihrer Nachbarschaft vorgegangen.

   „So sehr uns diese Übel quälten, schienen wir sie doch eine Zeitlang über die wunderbaren und schrecklichen Naturbegebenheiten zu vergessen, die sich in unserer Nachbarschaft zutrugen. Ihr habt von der großen und merkwürdigen Insel der Monarchomanen gehört, die eine Tagreise von uns nordwärts gelegen war.“

   „Wir haben nichts davon gehört“, sagte Epistemon, „und es wundert mich umso mehr, als einer unserer Ahnherrn in diesem Meer auf Entdeckungen ausging. Erzählt uns von dieser Insel, was Ihr wisst, damit wir beurteilen, ob es der Mühe wert ist, selbst hinzusegeln und uns nach ihr und ihrer Verfassung zu erkundigen.“

   „Es wird schwer sein, sie zu finden“, versetzte der Papimane.

   „Ist sie versunken?“, fragte Alciphron.

   „Sie hat sich auf und davon gemacht“, versetzte jener.

   „Wie ist das zugegangen?“, fragten die Brüder fast mit einer Stimme.

   „Die Insel der Monarchomanen“, fuhr der Erzähler fort, „war eine der schönsten, merkwürdigsten und berühmtesten Inseln unsers Archipelagus; man konnte sie füglich in drei Teile teilen, auch sprach man gewöhnlich nur von der Residenz, der steilen Küste und dem Lande. Die Residenz, ein Wunder der Welt, war auf dem Vorgebirge angelegt, und alle Künste hatten sich vereinigt, dieses Gebäude zu verherrlichen. Saht ihr seine Fundamente, so wart ihr zweifelhaft, ob es auf Mauern oder auf Felsen stand: So oft und viel hatten Menschenhände der Natur nachgeholfen. Saht ihr seine Gebäude, so glaubtet ihr, alle Tempel der Götter wären hier symmetrisch zusammengestellt, um alle Völker zu einer Wallfahrt hierher einzuladen. Betrachtetet ihr seine Gipfel und Zinnen, so musstet ihr denken, die Riesen hätten hier zum zweiten Mal Anstalt gemacht, den Himmel zu ersteigen; man konnte es eine Stadt, ja man konnte es ein Reich nennen. Hier thronte der König in seiner Herrlichkeit, und niemand schien ihm auf der ganzen Erde gleich zu sein.

   Nicht weit von da fing die steile Küste an sich zu erstrecken; auch hier war die Kunst der Natur mit unendlichen Bemühungen zu Hilfe gekommen, auch hier hatte man Felsen gebaut, um Felsen zu verbinden, die ganze Höhe war terrassenweise eingeschnitten, man hatte fruchtbar Erdreich auf Maultieren hingeschafft. Alle Pflanzen, besonders der Wein, Zitronen und Pomeranzen, fanden ein glückliches Gedeihen, denn die Küste lag der Sonne wohl ausgesetzt. Hier wohnten die Vornehmen des Reichs und bauten Paläste; der Schiffer verstummte, der sich der Küste näherte.

   Der dritte Teil und der größte war meistenteils Ebene und fruchtbarer Boden, diesen bearbeitete das Landvolk mit vieler Sorgfalt.

   Es war ein altes Reichsgesetz, dass der Landmann für seine Mühe einen Teil der erzeugten Früchte, wie billig, genießen sollte; es war ihm aber bei schwerer Strafe untersagt, sich satt zu essen, und so war diese Insel die glücklichste von der Welt. Der Landmann hatte immer Appetit und Lust zur Arbeit. Die Vornehmen, deren Magen sich meist in schlechten Umständen befanden, hatten Mittel genug, ihren Gaumen zu reizen, und der König tat oder glaubte wenigstens immer zu tun, was er wollte.

   Diese paradiesische Glückseligkeit ward auf eine Weise gestört, die höchst unerwartet war, ob man sie gleich längst hätte vermuten sollen. Es war den Naturforschern bekannt, dass die Insel vor alten Zeiten durch die Gewalt des unterirdischen Feuers sich aus dem Meer emporgehoben hatte. Soviel Jahre auch vorüber sein mochten, fanden sich doch noch häufige Spuren ihres alten Zustandes: Schlacken, Bimsstein, warme Quellen und dergleichen Kennzeichen mehr; auch musste die Insel von innerlichen Erschütterungen oft vieles leiden. Man sah hier und dort an der Erde bei Tage Dünste schweben, bei Nacht Feuer hüpfen, und der lebhafte Charakter der Einwohner ließ auf die feurigen Eigenschaften des Bodens ganz natürlich schließen.

   Es sind nun einige Jahre, dass nach wiederholten Erdbeben an der Mittagsseite des Landes, zwischen der Ebene und der steilen Küste, ein gewaltsamer Vulkan ausbrach, der viele Monate die Nachbarschaft verwüstete, die Insel im Innersten erschütterte und sie ganz mit Asche bedeckte.

Wir konnten von unserm Ufer bei Tag den Rauch, bei Nacht die Flamme gewahr werden. Es war entsetzlich anzusehen, wenn in der Finsternis ein brennender Himmel über ihrem Horizont schwebte; das Meer war in ungewöhnlicher Bewegung, und die Stürme sausten mit fürchterlicher Wut.

   Ihr könnt euch die Größe unsers Erstaunens denken, als wir eines Morgens, nachdem wir in der Nacht ein entsetzlich Geprass gehört und Himmel und Meer gleichsam in Feuer gesehen, ein großes Stück Land auf unsere Insel zuschwimmend erblickten, Es war, wie wir uns bald überzeugen konnten, die steile Küste selbst, die auf uns zukam. Wir konnten bald ihre Paläste, Mauern und Gärten erkennen, und wir fürchteten, dass sie an unsere Küste, die an jener Seite sehr sandig und untief ist, stranden und zugrunde gehen möchten. Glücklicherweise erhub sich ein Wind und trieb sie etwas mehr nordwärts. Dort lässt sie sich, wie ein Schiffer erzählt, bald da bald dorten sehen, hat aber noch keinen festen Stand gewinnen können.

   Wir erfuhren bald, dass in jener schrecklichen Nacht die Insel der Monarchomanen sich in drei Teile gespalten, dass sich diese Teile gewaltsam einander abgestoßen und dass die beiden andern Teile, die Residenz und das Land, nun gleichfalls auf dem offenen Meere herumschwämmen und von allen Stürmen wie ein Schiff ohne Steuer hin- und widergetrieben würden. Von dem Lande, wie man es nennt, haben wir nie etwas wieder gesehen; die Residenz aber konnten wir noch vor einigen Tagen im Nordosten sehr deutlich am Horizont erkennen.“

   Es lässt sich denken, dass unsere Reisenden durch diese Erzählung sehr ins Feuer gesetzt wurden. Ein wichtiges Land, das ihr Ahnherr unentdeckt gelassen, ob er gleich so nahe vorbeigekommen, in dem sonderbarsten Zustande von der Welt stückweise aufzusuchen, war ein wichtiges Unternehmen, das ihnen von mehr als einer Seite Nutzen und Ehre versprach. Man zeigte ihnen von weitem die Residenz am Horizont als große blaue Masse, und zu ihrer größten Freude ließ sich westwärts in der Entfernung ein hohes Ufer sehen, welches die Papimanen sogleich für die steile Küste erkannten, die mit günstigem Wind, obgleich langsam, gegen die Residenz zu ihre Richtung zu nehmen schien. Man fasste daher den Entschluss, gleichfalls dahin zu steuern, zu sehen, ob man nicht die schöne Küste unterwegs abschneiden und in ihrer Gesellschaft oder wohl gar in einem der schönen Paläste den Weg nach der Residenz vollenden könne. Man nahm von den Papimanen abschied, hinterließ ihnen einige Rosenkränze, Skapuliere und Agnus Die, die von ihnen, ob sie gleich deren genug hatten, mit großer Ehrfurcht und Dankbarkeit angenommen wurden.


   Die Brüder saßen friedlich beieinander, sie unterhielten sich von den neusten Begebenheiten, die sie erlebt, von den neusten Geschichten, die sie erfahren hatten. Das Gespräch wandte sich auf einen seltsamen Krieg der Kraniche mit den Pygmäen; jeder machte eine Anmerkung über die Ursachen dieser Händel und über die Folgen, welche aus der Hartnäckigkeit der Pygmäen entstehen könnten. Jeder ließ sich von seinem Eifer hinreißen, so dass in kurzer Zeit die Menschen, die wir bisher so einträchtig kannten, sich in zwei Parteien spalteten, die aufs heftigste gegeneinander zu Felde zogen. Alkides, Alciphron, Eutyches behaupteten: Die Zwerge seien eben ein so hässliches und unverschämtes Geschöpf; es sei in der Natur doch einmal eins für das andere geschaffen: Die Wiese bringe Gras und Kräuter hervor, damit sie der Stier genieße, und der Stier werde, wie billig, wieder vom edlern Menschen verzehrt. So sei es denn auch ganz wahrscheinlich, dass die Natur den Zwergen das Vermögen zum Heil des Kranichs hervorgebracht habe, welches sich umso weniger leugnen lasse, als der Kranich durch den Genuss des so genannten essbaren Goldes umso viel vollkommener werde.

   Die andern Brüder dagegen behaupteten, dass solche Beweise, aus der Natur und von ihren Absichten hergenommen, sehr ein geringes Gewicht hätten und dass deswegen ein Geschöpf nicht geradezu für das andere gemacht sei, weil eines bequem fände, sich des andern zu bedienen.

   Diese mäßigen Argumente wurden nicht lange gewechselt, als das Gespräch heftig zu werden anfing und man von beiden Seiten mit Scheingründen erst, dann mit anzüglichem bitern Spott die Meinung zu verteidigen suchte, welcher man zugetan war. Ein wilder Schwindel ergriff die Brüder, von ihrer Sanftmut und Verträglichkeit erschien keine Spur mehr in ihrem Betragen; sie unterbrachen sich, erhuben die Stimmen, schlugen auf den Tisch, die Bitterkeit wuchs, man enthielt sich kaum jählicher Schimpreden, und in wenigen Augenblicken musste man fürchten, das kleine Schiff als einen Schauplatz trauriger Feindseligkeiten zu erblicken.

   Sie hatten in der Lebhaftigkeit ihres Wortwechsels nicht bemerkt, dass ein anderes Schiff, von der Größe des ihrigen, aber von ganz verschiedener Form, sich nahe an sie gelegt hatte; sie erschraken daher nicht wenig, als ihnen, wie mitten aus dem Meere, eine ernsthafte Stimme zurief: „Was gibt’s, meine Herren? Wie können, Männer, die in einem Schiff wohnen, sich bis auf diesen Grad entzweien?“

   Ihre Streitsucht machte einen Augenblick Pause. Allein weder die seltsame Erscheinung, noch die ehrwürdige Gestalt dieses Mannes konnten einen neuen Ausbruch verhindern. Man ernannte ihn zum Schiedsrichter, und jede Partei suchte schon eifrig ihn auf ihre Seite zu ziehen, noch ehe sie ihm die Streitsache selbst deutlich gemacht hatten. Er bat sie alsdann lächelnd um einen Augenblick Gehör, und sobald er es erlangt hatte, sagte er zu ihnen: „Die Sache ist von der größten Wichtigkeit, und Sie werden mir erlauben, dass ich erst morgen früh meine Meinung darüber eröffne. Trinken Sie mit mir vor Schlafengehn noch eine Flasche Madeira, den ich sehr echt mit mir führe und der Ihnen gewiss wohl bekommen wird.“ Die Brüder, ob sie gleich aus einer Familie waren, die den Wein nicht verschmähen, hätten dennoch lieber Wein und Schlaf und alles entbehrt, um die Materie nochmals von vorn durchzusprechen; allein der Fremde wusste ihnen seinen Wein so artig aufzudringen, dass sie sich unmöglich erwehren konnten, ihm Bescheid zu tun. Kaum hatten sie die letzten Gläser von den Lippen gesetzt, als sie schon alle ein stilles Vergessen ihrer selbst ergriff und eine angenehme Hinfälligkeit sie auf die unbereiteten Lager ausstreckte. Sie verschliefen das herrliche Schauspiel der aufgehenden Sonne und wurden endlich durch den Glanz und die Wärme ihrer Strahlen aus dem Schlaf geweckt. Sie sahen ihren Nachbar beschäftigt, an seinem Schiffe etwas auszubessern, sie grüßten einander, und er erinnerte sie lächelnd an den Streit des vorigen Abends. Sie wussten sich kaum noch darauf zu besinnen und schämten sich, als er in ihrem Gedächtnis die Umstände, wie er sie gefunden, nach und nach hervorrief. „Ich will meiner Arznei“, fuhr er fort, „nicht mehr Wert geben, als sie hat, die ich Ihnen gestern in der Gestalt einiger Gläser Madeira beibrachte; aber Sie können von Glück sagen, dass Sie so schnell einer Sore los geworden sind, von der so viele Menschen jetzt heftig, ja bis zum Wahnsinn angegriffen sind.“

   „Sind wir krank gewesen?“, fragte einer; „das ist doch sonderbar.“ – „Ich kann Sie versichern, versetzte der fremde Schiffer, Sie waren vollkommen angesteckt, ich traf Sie in einer heftigen Krisis.

   „Und was für eine Krankheit wäre es denn gewesen?“, fragte Alciphron; „ich verstehe mich doch auch ein wenig auf die Medizin.“

   „Es ist das Zeitfieber“, sagte der Fremde, „das einige auch das Fieber der Zeit nennen und glauben sich noch bestimmter auszudrücken; andere nennen es das Zeitungsfieber, denen ich auch nicht entgegen sein will. Es ist eine böse ansteckende Krankheit, die sich sogar durch die Luft mitteilt; ich wollte wetten, Sie haben sie gestern Abend in der Atmosphäre der schwimmenden Inseln gefangen.“

   „Was sind denn die Symptome dieses Übels?“, fragte Alciphron.

   „Sie sind sonderbar und traurig genug“, versetzte der Fremde; „der Mensch vergisst sogleich seine nächsten Verhältnisse, er misskennt seine wahrsten, seine klarsten Vorteile, er opfert alles, ja seine Neigungen und Leidenschaften einer Meinung auf, die nun zur größten Leidneschaft wird. Kommt man nicht bald zu Hilfe, so setzt sich die Meinung im Kopf fest und wird gleichsam die Achse, um die sich der blinde Wahnsinn herumdreht. Nun vergisst der Mensch die Geschäfte, die sonst den Seinigen und dem Staate nutzen, er sieht Vater und Mutter, Brüder und Schwestern nicht mehr. Ihr, die ihr so friedfertige, vernünftige Menschen schienet, ehe ihr in dem Falle waret – –


   Kaum befanden sich unsere Brüder in dem leidlichen Zustand, in welchem wir sie gesehen haben, als sie bald empfanden, dass ihnen gerade noch das Beste fehlte, um ihren Tag fröhlich hinzubringen und zu enden. Alkides erriet ihre Gesinnungen aus den seinigen und sagte: „So wohl es uns auch geht, meine Brüder, besser, als Reisende sich nur wünschen dürfen, so können wir doch nicht undankbar gegen das Schicksal und unsern Wirt genannt werden, wenn wir frei gestehn, dass wir in diesem königlichen Schloss, an dieser üppigen Tafel einen Mangel fühlen, der desto unleidlicher ist, je mehr uns die übrigen Umstände begünstigt haben. Auf Reisen, im Lager, bei Geschäften und Handelschaften, und was sonst den unternehmenden Geist der Männer zu beschäftigen pflegt, vergessen wir eine Zeitlang der liebenswürdigen Gespielinnen unsres Lebens, und wir scheinen die unentbehrliche Gegenwart der Schönen einen Augenblick nicht zu vermissen. Haben wir aber nur wieder Grund und Boden erreicht, bedeckt uns ein Dach, schließt uns ein Saal in seine vier Wände, gleich entdecken wir, was uns fehlt: Ein freundliches Auge der Gebieterin, eine Hand, die sich traulich mit der unsern zusammenschließt.“

   „Ich habe“, sagte Parnurg, „ den alten Wirt über diesen Punkt erst auf die feinste Weise sondiert und, da er nicht hören wollte, auf die gradeste Weise befragt, und ich habe nichts von ihm erfahren können. Er leugnet, dass ein weibliches Geschöpf in dem Palast sei. Die Geliebte des Königs sei mit ihm, ihre Frauen seien ihr gefolgt und die übrigen ermordet oder entflohen.“

   „Er redet nicht wahr“, versetzte Epistemon; „die traurigen Reste, die uns den Eingang der Burg verwehrten, waren die Leichname tapfrer Männer, und er sagte ja selbst, dass noch niemand weggeschafft oder begraben sei.“

   „Weit entfernt“, saget Parnurg, „seinen Worten zu trauen, habe ich das Schloss und seine vielen Flügel betrachtet und im Zusammenhang überlegt. Gegen die rechte Seite, wo die hohen Felsen senkrecht aus dem Meer hervorstehen, liegt ein Gebäude, das mir so prächtig als fest zu sein scheint; es hängt mit der Residenz durch einen Gang zusammen, der auf ungeheuern Bogen steht. Der Alte, da er uns alles zu zeigen schien, hat uns immer von dieser Seite weg gehalten, und ich wette, dort findet sich die Schatzkammer, an deren Eröffnung uns viel gelegen wäre.“

   Die Brüder wurden einig, dass man den Weg dahin suchen solle. Um kein Aufsehen zu erregen, ward Panurg und Alciphron abgesandt, die in weniger als einer Stunde mit glücklichen Nachrichten zurückkamen. Sie hatten nach jener Seite zu geheime Tapetentüren entdeckt, die ohne Schlüssel durch künstlich angewandten Druck sich eröffneten. Sie waren in einige große Vorzimmer gekommen, hatten aber Bedenken getragen, weiter zu gehen, und kamen nun, den Brüdern, was sie ausgerichtet, anzuzeigen.

Ü

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