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Fragmente eines Romans in BriefenAriane an Wetty. Ich kann Waltern nicht widerlegen, Wetty, aber ich wollte schwören, dass er unrecht hat; ihm mögen seine Gedanken genug tun; wenn ich damit zufrieden wäre, so wäre ich Walter. Nein, Wetty, unsere Empfindungen liegen tiefer, als dass man sie mit einer superfiziellen Erkenntnis, so kavalierement durch Stolz und Eigennutz erklären könnte. Es ist mit der Liebe wie mit dem Leben, wie mit dem Atemholen. Freilich zeihe ich die Luft in mich; willst du das auch Eigennutz nennen? Aber ich hauche sie wieder aus und sage mir, wenn du in der Frühlingssonne sitzest und für Wonne dein Busen stärker atmet, ist das Hauchen nicht eine größere Wonne als das Atemholen? Denn das ist Mühe, jenes ist Ruhe; und wenn uns die Entzückung manchmal aus voller Brust die Frühlingsluft einziehen macht, so ist es doch nur, um sie von ganzem Herzen wieder ausgeben zu dürfen. Und ebenso ist’s mit der Liebe, und ihr meint, leben und nicht leben wäre eins. O, meine Freundin, was nicht lebt, hat keine anziehende Kraft, es fließt keine Atmosphäre von ihm aus, deren Wirbel uns hinreißen könnten. Der kälteste Sinn ist das Sehen, Erkenntnis ist sein Gefühl, und drum behaupte ich, dass man das nie mit einem zärtlichen Herzen lieben kann, was allein Ansprache macht, unsern Augen zu gefallen. Ein Edelstein ist das herrlichste Werk der toten Natur, aber er ist tot; und die eifrigste Betrachtung davon ist doch immer kalt; man muss ein Holländer sein, um mit einer Tulpe zu sympathisieren, und dann ist auch die Sympathie dieser Wassermänner sehr phlegmatisch. Ich habe heute früh eine sonderliche Erfahrung hierüber gehabt. Und so, meine Liebe, halt’ ich das Sehen für eine Vorbereitung der übrigen Sinne, denn der Geruch ist Genuss und das Gehör und der Geschmack, das Sehen nicht. Aber das Habenwollen, wovon ich rede, ist nicht Geiz; der wäre geizig, der eine Tulpe, ein Edelgestein oder Dukaten lieben könnte. Ich, was mir nicht antwortet, damit rede ich nicht. Grüße deinen Walter, und sag’ ihm, wir wollten Freunde bleiben. Leb’ wohl. Auf einer Stube mit Ihrem W., an einem Tische sogar, in einerlei Beschäftigung, an Sie zu schreiben, aber wahrhaftig nicht mit gleicher Empfindung. Einen Brief, ohne Zweifel mit Gedanken, mit Worten, die ungefähr sein werden, was man Vorwürfe nennt, werden Sie von seiner Feder zu erwarten haben, die mit aufgebrachter Eilfertigkeit über das Papier schnorrt. Ich weiß nicht, was er schreibt, aber ich kann’s raten; ein Brief wie der Ihrige – Sie konnten vermuten, dass er mir kommuniziert werden würde – ist eben nicht dasjenige Dessert, das unserm Gaumen sonderlich gefällt und unsern Kopf und unser Blut in Ruhe lässt. Er empfindet, was ich auch empfunden habe. Ich habe Mitleiden mit ihm, Mitleiden, wie man es mit einem Kranken hat, dem man, um größere Schmerzen zu lindern, Blasen ziehen muss. Ich bin ruhig, wie er bewegt ist, und doch war eine Zeit, da ich bewegter war, als er ist. Eh nun, die Zeit wird auch den Sturm in seinem Herzen legen; die Zeit – und – wenn er klug ist – ein ander Mittel, das noch probater gefunden wird als das. Es ist bitter, sehr bitter, meine zärtliche Freundin, eine so liebliche Aussicht empfindungsvoller Hoffnungen so verfinstert zu sehen. Verfinstert? O, da wäre noch Hoffnung, dass es wieder Tag werden könnte. Verschwunden! Unwiederbringlicher verschwunden als die Jahre der Jugend und die Blüten der Schönheit. Und doch muss man einmal erfahren, dass Mädchen – Mädchen sind, und dass ihnen ein Mann ein Mann ist. Lieber Gott, fühlte Ihr armer Liebhaber diese Wahrheit so lebendig als ich, er würde über Ihren Brief so wenig erstaunt sein als ich. Er ist ein guter Mensch und wudnert sich sehr, da seine Co – o Beständigkeit, wir kennen einander. Ich bin auch verlassen worden. Manche Träne, manches Lied hat mich mein Unglück gekostet. Aber wie viel Dank bin ich Ihnen schuldig, dass Sie mich an Ihrem Busen allen Trost finden ließen, den ein Verlassner wünschen kann. Denn was konnte ich velroren haben, da die liebenswürdige ***, in die feurigsten Umarmungen versunken, auf meinem Schoß zitterte. Nelly war mein süßes Mädchen, das einzige, das ich je geliebt habe, aber gewiss, meine Freundin, unsre gestohlnen freundschaftlichen Augenblicke in der dämmernden kleinen Stube haben mich überzeugt, dass ich Netten verzeihen muss, wenn sie mich in den Armen eines andern vergisst. Und Sie hatten mich auch so vergessen, das war natürlich; mein Freund war mein Nachfolger, das war mir angenehm; aber leid war mir’s, dass Sie ihm eine ewige Liebe hoffen ließen, ich dächte doch, Sie hätten Ihr Herz besser kennen sollen. Nun, das ist vorbei; Ihr Liebhaber rast, aber das wird sich geben. Sie werden sehen, wie er ehstens in einen sitt- und tugendsamen Freund verwandelt sein und auf dem Fuß mit Ihnen stehen wird, wie ich jetzt stehe. Unverbrüchlich und heilig wird das schöne Bündnis sein, denn abgedankte Liebhaber sind die besten Freunde, wenn man sie menagieren kann. Nun, an Freunden kann es Ihnen nicht fehlen. Nur hüten Sie sich, es sind nicht alle Liebhaber so geduldig. Und ich bitte Sie, erinnern Sie sich oft des Vergangnen, um auf die Zukunft nichts zu versprechen. Und wenn Ihr kleines Stübchen, das so oft der Zeuge unsrer seligen Trunkenheit war, das, wie ich nicht zweifle, auch meinen Freund oft glücklich gesehen hat, wenn diese liebe romantische Höhle nun auch künftig den Schauplatz der Freuden eines neuen Liebhabers abgibt; o, möchte sich der betrogne Glückliche nicht schmeicheln, ein Frauenzimmer könne uns mehr gewähren als den gegenwärtigen Genuss. Leben Sie wohl, meine liebste Freundin. |
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Jürgen Kühnle
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