Goethe

www.wissen-im-Netz.info

Goethe - Werke

Homepage
   Literatur
      Johann Wolfgang von Goethe
         Unvollendetes
            Belsazer
            Tugendspiegel
            Cäsar
            Mahomet
            Prometheus
            Elpenor
            Nausikaa
            Falstaff
            Mädchen von Oberkirch
            Befreiung des Prometheus
            Bruchstücke einer Tragödie
            Löwenstuhl
            Feradeddin und Kolaila
            Schillers Totenfeier
            Cantate
            Roman in Briefen
           
Der Hausball
           
Söhne Megaprazons

Der Tugendspiegel

Erster Auftritt

Melly, Dodo, am Fuße eines Baumes sitzend. Nacht.

Melly.
Schweig von ihr!

Dodo.
Dir einen rechten Possen zu spielen, möcht’ ich fast. Topp, lass es uns versuchen, und wenn wir nicht gleich schlafen, wenn wir von ihr schweigen, so will ich in meinem Leben kein Auge wieder zutun.

Melly.
Eben als wenn in der Welt sonst nichts zu reden wäre.

Dodo.
Zu reden wohl, nur nicht für uns. Nelly ist seit einem Jahre deine Hauptleidenschaft und unsere Hauptgespräch, alles andre, was uns in Sinn kommen konnte, waren wie kleine Bächelchen, die am Ende doch in den großen Fluss liefen. Als Kaufleute redeten wir zwar oft von unserm Handel, das war wohl eins.

Melly.
Und von unsern Waren, zwei.

Dodo.
In meinem Lande gehören die Waren zum Handel. Du schienst sie nicht dazu zu rechnen, man sah’s aus deinem Verschenken aus deiner Wirtschaft.

Melly.
Leider.

Dodo.
Aber Wahrheit behauptet ihr Recht. Es ist kein Handel ohne Waren, dein Unglück –

Melly.
Freund, rede von deinem! Meins wäre mir erträglich, hätte ich nicht deins dazugehäuft. Deine Edelmut, für mich gutzusagen –

Dodo.
Reut mich nicht.

Melly.
Da sie dich doch ins Verderben riss, da sie dich mit mir zu fliehen zwang, dich nötigte, mein Elend zu teilen –

Dodo.
Reut mich nicht.

Melly.
Da sie dich doch ins Verderben riss, da sie dich mit mir zu fliehen zwang, dich nötigte, mein Elend zu teilen –

Dodo.
Und mich auf diese Art glücklich machte.

Melly.
Edler Freund.

Dodo.
Nicht so edel, wie du denkst. Was brauchte es Überwindung, mich mit dir zu verbannen, da ich entfernt von dir mitten in meiner Vaterstadt verbannt gewesen wäre.

Melly.
Du suchst mich zu entschuldigen, um mir verzeihen zu können. Du kannst’s, aber nie werde ich der vergeben, die schuld an unserm Elende war.

Dodo.
Meinst du Nelly? Da ist sie wieder, sagt’ ich’s nicht. Und Nelly war an deinem Unglücke nicht schuld. Diese Feste die du gabst, diese Bälle die du anstelltest –

Melly.
Stellte ich sie nicht für sie an, gab ich sie nicht für sie? Ich erschöpfte mich, weil ich sie liebte.

Dodo.
Sage närrisch liebte, und du wirst recht haben. Nelly liebte das Vergnügen und dich. Diese letzte Neigung stets zu unterhalten, glaubtest du es notwendig, der ersten beständige Nahrung zu geben. Darinne war’s versehn, du ruiniertest dich ohne Nutzen. Wie oft habe ich sie beobachtet, wenn du von Liebe trunken sie nicht beobachten konntest. Sie hatte ein gutes Herz. Der Gedanke, dich zu verderben, vergiftete ihr oft den Genuss des Aufwands, den du machtest.

Melly.
Warum litt sie ihn?

Dodo.
Anfangs aus Leichtsinn, Wollust und Stolz. Hernach aus Gefälligkeit, und zuletzt aus Gewohnheit. Weniger glänzende Vergnügen würden länger gedauert, sie zufriedner und dich glücklicher gemacht haben.

Melly.
Du irrst. Lärmende Freude war ihr unentbehrlich. Liebhaber sollte gegen seine Geliebte so sparsam mit Geschenken sein, als sie gegen ihn mit Gunstbezeugungen sein soll. Man erweitert sich den Magen vom vielen Essen.

Ü   Þ

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.