Goethe

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Fünfter Akt

(Stellas Kabinett. Im Mondenschein.)

Stella (Sie hat Fernandos Porträt und ist im Begriff, es von dem Blendrahmen loszumachen).
Fülle der Nacht, umgib mich! Fasse mich! Leite mich! Ich weiß nicht, wohin ich trete! – – Ich muss! Ich will hinaus in die weite Welt! Wohin? Ach, wohin? – Verbannt aus deiner Schöpfung! Wo du, heiliger Mond, auf den Wipfeln meiner Bäume dämmerst, wo du mit furchtbar lieben Schatten das Grab meiner holden Mina umgibst, soll ich nicht mehr wandeln? Von dem Ort, wo alle Schätze meines Lebens, alle selige Erinnerungen aufbewahrt sind? – Und du, worüber ich so oft mit Andacht und Tränen gewohnt habe, Stätte meines Grabes! Die ich mir weihte; wo umher alle Wehmut, alle Wonne meines Lebens dämmert; wo ich noch abgeschieden umzuschweben und die Vergangenheit allschmachtend zu genießen hoffte – von dir auch verbannt sein? – Verbannt sein! – Du bist stumpf! Gott sei Dank! Dein Gehirn ist verwüstet; du kannst ihn nicht fassen, den Gedanken: Verbannt sein! Du würdest wahnsinnig werden! – – – Nun! – O mir ist schwindlig! – Leb’ wohl! – Lebt wohl! – – Nimmer wieder sehen? – Es ist ein dumpfer Totenblick in dem Gefühl! Nicht wieder sehn? – Fort! Stella! (Sie ergreift Messer und fängt an, die Nägel loszubrechen.) O dass ich ohne Gedanken wäre! Dass ich in dumpfem Schlaf, dass ich in hinreißenden Tränen mein Leben hingäbe! – – Das ist, und wird sein: – Du bist elend! – (Das Gemälde nach dem Monde wendend.) Ha, Fernando! Da du zu mir tratst und mein Herz dir entgegen sprang, fühltest du nicht das Vertrauen auf deine Treue, deine Güte? – Fühltest du nicht, welch Heiligtum sich dir eröffnete, als sich mein Herz gegen dich aufschloss? – Und du bebtest nicht vor mir zurück? Versankst nicht? Entflohst nicht? – – Du konntest meine Unschuld, mein Glück, mein Leben so zum Zeitvertreib pflücken, und zerpflücken, und am Wege gedankenlos hinstreuen? – Edler! – Ha, Edler! – Meine Jugend! – Meine goldnen Tage! – Und du trägst die tiefe Tücke im Herzen! – Dein Weib! – Deine Tochter! – Und mir war’s frei in der Seele, rein wie ein Frühlingsmorgen! – Alles, alles eine Hoffnung! – – Wo bist du, Stella? – (Das Porträt anschauend.) So groß! So schmeichelnd! – Der Blick war’s, der mich ins Verderben riss! – – Ich hasse dich! Weg! Wende dich weg! – So dämmernd! So lieb! – Nein! Nein! – Verderber! – Mich? – Mich? – Du? – Mich? – (Sie zuckt mit dem Messer nach dem Gemälde.) Fernando! – (Sie wendet sich ab, das Messer fällt, sie stürzt mit einem Ausbruch von Tränen vor dem Stuhl nieder.) – Liebster! Liebster! – Vergebens! Vergebens! –

Bedienter (kommt).
Gnädige Frau! Wie Sie befahlen, die Pferde sind an der hintern Gartentür. Ihre Wäsche ist aufgepackt. Vergessen Sie nicht Geld!

Stella.
Das Gemälde! (Bedienter nimmt das Messer auf und schneidet das Gemälde von dem Rahmen und rollt’s.) – Hier ist Geld.

Bedienter.
Aber warum –

Stella (einen Moment stillstehend, auf- und umherblickend).
Komm! (Ab.)


(Saal.)

Fernando.
Lass mich! Lass mich! Sieh! Da fasst’s mich wieder mit all der schrecklichen Verworrenheit! – So kalt, so graß liegt alles vor mir – als wär’ die Welt nichts – ich hätte drin nichts verschuldet – – Und sie! – Ha! Bin ich nicht elender als ihr? Was habt ihr an mich zu fordern? – – – Was ist nun des Sinnens Ende? – Hier! Und hier! Von einem Ende zum andern! Durchgedacht! Und wieder durchgedacht! Und immer quälender! Immer schrecklicher! – – (Sich die Stirn haltend.) Wo’s zuletzt widerstößt! Nirgends vor, nicht hinter sich! Nirgends Rat und Hilfe! – Und diese zwei? Diese drei besten weiblichen Geschöpfe der Erde – elend durch mich! – Elend ohne mich! – Ach! Noch elender mit mir! – Wenn ich klagen könnte, könnte verzweifeln, könnt’ um Vergebung bitten – könnt’ in stumpfer Hoffnung nur eine Stunde hinbringen – zu ihren Füßen liegen und in teilnehmendem Elend Seligkeit genießen! – Wo sind sie? – Stella! Du liegst auf deinem Angesichte, blickst sterbend nach dem Himmel und ächzest: „Was hab’ ich Blume verschuldet, dass mich dein Grimm so niederknickt? Was hatte ich Arme verschuldet, dass du diesen Bösewicht zu mir führtest?“ – – Cäcilie! Mein Weib! O mein Weib! – – Elend! Elend! Tiefes Elend! – Welche Seligkeiten vereinigen sich, um mich elend zu machen! Gatte! Vater! Geliebter! – Die besten, edelsten weiblichen Geschöpfe! – Dein! Dein? – Kannst du das fassen, die dreifache, unsägliche Wonne? – Und nur die ist’s, die dich so ergreift, die dich zerreißt! – Jede fordert mich ganz – – Und ich? – Hier ist’s zu! – Tief! Unergründlich! – – Sie wird elend sein! – Stella! Bist elend! – Was hab’ ich dir geraubt? Das Bewusstsein deiner selbst, dein junges Leben! – Stella! – Und ich bin so kalt? – (Er nimmt eine Pistole vom Tisch.) Dolch, auf alle Fälle! – (Er ladet.)

Cäcilie kommt.

Cäcilie.
Mein Bester! Wie ist uns? – (Sie sieht die Pistolen.) Das sieht ja reisefertig aus! (Fernando legt sie nieder.) Mein Freund! Du scheinst mir gelassener. Kann man ein Wort mit dir reden?

Fernando.
Was willst du, Cäcilie? Was willst du, mein Weib?

Cäcilie.
Nenne mich nicht so, bis ich ausgeredet habe. Wir sind nun wohl sehr verworren; sollte das nicht zu lösen sein? Ich hab’ viel gelitten, und darum nichts von gewaltsamen Entschlüssen. Vernimmst du mich, Fernando?

Fernando.
Ich höre!

Cäcilie.
Nimm’s zu Herzen! Ich bin nur ein Weib, ein kummervolles, klagendes Weib; aber Entschluss ist in meiner Seele. – Fernando – ich bin entschlossen – ich verlasse dich!

Fernando (spottend).
Kurz und gut?

Cäcilie.
Meinst du, man müsse hinter der Tür Abschied nehmen, um zu verlassen, was man liebt?

Fernando.
Cäcilie.

Cäcilie.
Ich werfe dir nichts vor; und glaube nicht, dass ich dir so viel aufopfere. Bisher beklagte ich deinen Verlust, ich härmte mich ab über das, was ich nicht ändern konnte. Ich finde dich wieder; deine Gegenwart flößt mir neues Leben, neue Kraft ein. Fernando, ich fühle, dass meine Liebe zu dir nicht eigennützig ist, nicht die Leidenschaft einer Liebhaberin, die alles dahingäbe, den erflehten Gegenstand zu besitzen. Fernando! Mein Herz ist warm und voll für dich; es ist das Gefühl einer Gattin, die, aus Liebe, selbst ihre Liebe hinzugeben vermag.

Fernando.
Nimmer! Nimmer!

Cäcilie.
Du fährst auf?

Fernando.
Du marterst mich!

Cäcilie.
Du sollst glücklich sein! Ich habe meine Tochter – und einen Freund an dir. Wir wollen scheiden, ohne getrennt zu sein. Ich will entfernt von dir leben und ein Zeuge deines Glücks bleiben. Deine Vertraute will ich sein; du sollst Freude und Kummer in meinen Busen ausgießen. Deine Briefe sollen mein einziges Leben sein, und die meinen sollen dir als ein lieber Besuch erscheinen – Und so bleibst du mein, bist nicht mit Stella verbannt in einen Winkel der Erde, wir leiben uns, nehmen teil aneinander! Und so, Fernando, gib mir deine Hand drauf.

Fernando.
Als Scherz wär’s zu grausam; als Ernst ist’s unbegreiflich! – Wie’s nun will, Beste! – Der kalte Sinn löst den Knoten nicht. Was du sagst, klingt schön, schmeckt süß. Wer nicht fühlte, dass darunter weit mehr verborgen liegt; dass du dich selbst betrügst, indem du die marterndsten Gefühle mit einem blendenden eingebildeten Troste schweigen machst. Nein, Cäcilie! Mein Weib, nein! – Du bist mein – ich bleibe dein. – Was sollen hier Worte? Was soll ich die Warums dir vortragen? Die Warums sind so viel Lügen. Ich bleibe dein, oder –

Cäcilie.
Nun denn! – Und Stella? – (Fernando fährt auf und geht wild auf und ab.) Wer betrügt sich? Wer betäubt seine Qualen durch einen kalten, ungefühlten, ungedachten, vergänglichen Trost? Ja, ihr Männer kennt euch.

Fernando.
Überhebe dich nicht deiner Gelassenheit! – Stella! Sie ist elend! Sie wird ihr Leben fern von mir und dir ausjammern. Lass sie! Lass mich!

Cäcilie.
Wohl, glaube ich, würde ihrem Herzen die Einsamkeit tun, wohl ihrer Zärtlichkeit, uns wieder vereinigt zu wissen. Jetzo macht sie sich bittere Vorwürfe. Sie würde mich immer für unglücklicher halten, wenn ich dich verließ’, als ich wäre; denn sie berechnete mich nach sich. Sie würde nicht ruhig leben, nicht lieben können, der Engel! Wenn sie fühlte, dass ihr Glück Raub wäre. Es ist ihr besser –

Fernando.
Lass sie fliehen! Lass sie in ein Kloster!

Cäcilie.
Wenn ich nun aber wieder so denke: Warum soll sie denn eingemauert sein? Was hat sie verschuldet, um eben die blühendsten Jahre, die Jahre der Fülle, der reifenden Hoffnung hinzutrauern, verzweifelnd am Abgrund hinzujammern? Geschieden sein von ihrer lieben Welt! – Von dem, den sie so glühend liebt? – Von dem, der sie – Nicht wahr, du liebst sie, Fernando?

Fernando.
Ha! Was soll das? Bist du ein böser Geist, in Gestalt meines Weibes? Was kehrst du mein Herz um und um? Was zerreißest du das zerrissene? Bin ich nicht zerstört, zerrüttet genug? Verlass mich! Überlass mich meinem Schicksal! – Und Gott erbarme sich euer! (Er wirft sich in einen Sessel.)

Cäcilie (tritt zu ihm und nimmt ihn bei der Hand).
Es war einmal ein Graf – (Fernando will aufspringen, sie hält ihn), ein deutscher Graf. Den trieb ein Gefühl frommer Pflicht von seiner Gemahlin, von seinen Gütern, nach dem gelobten Lande –

Fernando.
Ha!

Cäcilie.
Er war ein Biedermann; er liebte sein Weib, nahm Abschied von ihr, empfahl ihr sein Hauswesen, umarmte sie und zog. Er zog durch viele Länder, kriegte und ward gefangen. Seiner Sklaverei erbarmte sich seines Herrn Tochter; sie löste seine Fesseln, sie flohen. Sie geleitete ihn aufs Neue durch alle Gefahren des Kriegs – Der liebe Waffenträger! – Mit Sieg bekrönt, ging’s nun zur Rückreise – zu seinem edeln Weibe! – Und sein Mädchen? – Er fühlte Menschheit! – Er glaubte an Menschheit und nahm sie mit. – Sieh da, die wackre Hausfrau, die ihrem Gemahl entgegeneilt, sieht all ihre Treue, all ihr Vertrauen, ihre Hoffnungen belohnt, ihn wieder in ihren Armen. Und dann daneben seine Ritter, mit stolzer Ehre von ihren Rossen sich auf den vaterländischen Boden schwingend; seine Knechte, abladend die Beute, sie zu ihren Füßen legend; und sie schon in ihrem Sinn das all in ihren Schränken aufbewahrend, schon ihr Schloss mit auszierend, ihre Freunde mit beschenkend – „Edles teures Weib, der größte Schatz ist noch zurück!“ – Wer ist’s, die dort verschleiert mit dem Gefolge naht? Sanft steigt sie vom Pferde – – „Hier!“ – rief der Graf, sie bei der Hand fassend, sie seiner Frau entgegenführend – „hier! Sieh das alles – und sie! Nimm’s aus ihren Händen – nimm mich aus ihren wieder! Sie hat die Ketten von meinem Halse geschlossen, sie hat den Winden befohlen, sie hat mich erworben – hat mir gedient, mein gewartet! – – Was bin ich ihr schuldig? – Da hast du sie! – Belohn’ sie.“ (Fernando liegt schluchzend, mit den Armen übern Tisch gebreitet.) An ihrem Halse rief das treue Weib, in tausend Tränen rief sie: „Nimm alles, was ich dir geben kann! Nimm die Hälfte des, der ganz dein gehört – Nimm ihn ganz! Lass mir ihn ganz! Jede soll ihn haben, ohne der andern was zu rauben – Und“, rief sie an seinem Halse, zu seinen Füßen, „wir sind dein!“ – – – Sie fassten seine Hände, hingen an ihm – Und Gott im Himmel freute sich der Liebe, und sein heiliger Statthalter sprach seinen Segen dazu. Und ihr Glück und ihre Liebe fasste selig eine Wohnung, ein Bett und ein Grab.

Fernando.
Gott im Himmel! Welch ein Strahl von Hoffnung dringt herein!

Cäcilie.
Sie ist da! Sie ist unser! (Nach der Kabinettstüre.) Stella!

Fernando.
Lass sie, lass mich! (Im Begriff wegzugehen.)

Cäcilie.
Bleib! Höre mich.

Fernando.
Der Worte sind schon genug. Was werden kann, wird werden. Lass mich! In diesem Augenblick bin ich nicht vorbereitet, vor euch beiden zu stehen. (Ab.)

Cäcilie, hernach Lucie, dann Stella.

Cäcilie.
Der Unglückliche! Immer so einsilbig, immer dem freundlichen, vermittelnden Wort widerstrebend, und sie ebenso! Es muss mir doch gelingen. (Nach der Türe.) Stella! Höre mich, Stella!

Lucie.
Ruf ihr nicht! Sie ruht, von einem schweren Leiden ruht sie einen Augenblick. Sie leidet sehr; ich fürchte, meine Mutter, mit Willen; ich fürchte, sie stirbt.

Cäcilie.
Was sagst du?

Lucie.
Es war nicht Arznei, fürcht’ ich, was sie nahm.

Cäcilie.
Und ich hätte vergebens gehofft? O, dass du dich täuschtest! – Fürchterlich – Fürchterlich!

Stella (an der Türe).
Wer ruft mich? Warum weckt ihr mich? Welche Zeit ist’s? Warum so frühe?

Lucie.
Es ist nicht frühe, es ist Abend.

Stella.
Ganz recht, ganz wohl, Abend für mich.

Cäcilie.
Und so täuschest du uns!

Stella.
Wer täuschte dich? Du.

Cäcilie.
Ich brachte dich zurück, ich hoffte.

Stella.
Für mich ist kein Bleibens.

Cäcilie.
Ach, hätte ich dich ziehen lassen, reisen, eilen, ans Ende der Welt!

Stella.
Ich bin am Ende.

Cäcilie (zu Lucie, die indessen ängstlich hin und wider gelaufen ist).
Was zauderst du? Eile, rufe um Hilfe!

Stella (die Lucie anfasst).
Nein, verweile. (Sie lehnt sich auf beide, und sie kommen weiter hervor.) An eurem Arm dachte ich durchs Leben zu gehen; so führt mich zum Grabe. (Sie führen sie langsam hervor und lassen sie auf der rechten Seite auf einen Sessel nieder.)

Cäcilie.
Fort, Lucie! Fort! Hilfe! Hilfe! (Lucie ab.)

Stella, Cäcilie, hernach Fernando, hernach Lucie.

Stella.
Mir ist geholfen!

Cäcilie.
Wie anders glaubt’ ich! Wie anders hofft’ ich!

Stella.
Du Gute, Duldende, Hoffende!

Cäcilie.
Welch entsetzliches Schicksal!

Stella.
Tiefe Wunden schlägt das Schicksal, aber oft heilbare. Wunden, die das Herz dem Herzen schlägt, das Herz sich selber, die sind unheilbar, und so – lass mich sterben.

Fernando (tritt ein).
Übereile sich Lucie, oder ist die Botschaft wahr? Lass sie nicht wahr sein, oder ich fluche deiner Großmut, Cäcilie, deiner Langmut.

Cäcilie.
Mir wirft mein herz nichts vor. Guter Wille ist näher als aller Erfolg. Eile nach Rettung, sie lebt noch, sie gehört uns noch.

Stella (die aufblickt und Fernandos Hand fasst).
Willkommen! Lass mir deine Hand, (zu Cäcilie) und du die deine. „Alles um Liebe“ war die Losung meines Lebens. Alles um Liebe, und so nun auch den Tod! In den seligsten Augenblicken schwiegen wir und verstanden uns (sucht die Hände beider Gatten zusammenzubringen), und nun lasst mich schweigen und ruhen. (Sie fällt auf ihren rechten Arm, der über den Tisch gelehnt ist.)

Fernando.
Ja, wir wollen schweigen, Stella, und ruhen. (Er geht langsam nach dem Tische linker Hand.)

Cäcilie (in ungeduldiger Bewegung).
Lucie kommt nicht, niemand kommt. Ist denn das Haus, ist denn die Nachbarschaft eine Wüste? Fasse dich, Fernando, sie lebt noch. Hunderte sind vom Todeslager aufgestanden, aus dem Grabe sind sie wieder aufgestiegen. Fernando, sie lebt noch. Und wenn uns alles verlässt, und hier kein Arzt ist, keine Arznei, so ist doch einer im Himmel, der uns hört. (Auf den Knien, in der Nähe von Stella.) Höre mich! Erhöre mich, Gott! Erhalte sie uns, lass sie nicht sterben!

Fernando (hat mit der linken Hand eine Pistole ergriffen und geht langsam ab).

Cäcilie (wie vorher, Stellas linke Hand fassend).
Ja, sie lebt noch; ihre Hand, ihre liebe Hand ist noch warm. Ich lasse dich nicht, ich fasse dich mit der ganzen Gewalt des Glaubens und der Liebe. Nein, es ist kein Wahn! Eifriges Gebet ist stärker denn irdische Hilfe. (Aufstehend und sich umkehrend.) Er ist hinweg, der Stumme, Hoffnungslose. Wohin? O, dass er nicht den Schritt wagt, wohin sein ganzes sturmvolles Leben sich hindrängte. Zu ihm! (Indem sie fort will, wendet sie sich nach Stella.) Und diese lass’ ich hilflos hier. Großer Gott! Und so stehe ich, im fürchterlichsten Augenblick, zwischen zweien, die ich nicht trennen und nicht vereinigen kann.

(Es fällt in der Ferne ein Schuss.)

Cäcilie.
Gott! (Will dem Schall nach.)

Stella (sich mühsam aufrichtend).
Was war das? Cäcilie, du stehst so fern, komm näher, verlass mich nicht. Es ist mir so bange. O meine Angst! Ich sehe Blut fließen. Ist’s denn mein Blut? Es ist nicht mein Blut. Ich bin nicht verwundet, aber todkrank – Es ist doch mein Blut.

Lucie (kommt).
Hilfe, Mutter, Hilfe! Ich renne nach Hilfe, nach dem Arzte, sprenge Boten fort; aber ach! Soll ich dir sagen? Ganz anderer Hilfe bedarf’s. Mein Vater fällt durch seine eigene Hand, er liegt im Blute. (Cäcilie will fort, Lucie hält sie.) Nicht dahin, meine Mutter! Der Anblick ist hilflos und erregt Verzweiflung.

Stella (die halb aufgerichtet aufmerksam zugehört hat, fasst Cäciliens Hand).
So wäre es geworden! (Sich aufrichtend und an Cäcilien und Lucien lehnend.) Kommt, ich fühle mich wieder stark, kommt zu ihm. Dort lasst mich sterben.

Cäcilie.
Du wankst, deine Knie tragen dich nicht. Wir tragen dich nicht. Auch mir ist das Mark aus den Gebeinen.

Stella (sinkt an den Sessel nieder).
Am Ziele denn. So gehe du hin, zu dem, dem du angehörst. Nimm seinen letzten Seufzer, sein letztes Röcheln auf. Er ist dein Gatte. Du zauderst? Ich bitte, ich beschwöre dich. Dein Bleiben macht mich unruhig. (Mit Bewegung, doch schwach.) Bedenke, er ist allein, und gehe! (Cäcilie mit Heftigkeit ab.)

Lucie.
Ich verlasse dich nicht, ich bleibe bei dir.

Stella.
Nein, Lucie! Wenn du mir wohl willst, so eile! Fort! Fort! Lass mich ruhen! Die Flügel der Liebe sind gelähmt, sie tragen mich nicht zu ihm hin. Du bist frisch und gesund. Die Pflicht sei tätig, wo die Liebe verstummt. Fort zu dem, dem du angehörst! Er ist dien Vater. Weißt du, was das heißt? Fort! Wenn du mich liebst, wenn du mich beruhigen willst. (Lucie entfernt sich langsam.)

Stella (sinkend).
Und ich sterbe allein.

Ü

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