Goethe

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Goethe - Werke

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XXIII.

1195. Die Kunst ruht auf einer Art religiösem Sinn, auf einem tiefen, unerschütterlichen Ernst; deswegen sie sich auch so gern mit der Religion vereinigt. Die Religion bedarf keines Kunstsinnes, sie ruht auf ihrem eigenen Ernst; sie verleiht aber auch keinen, so wenig sie Geschmack gibt.

1196. Realität in der höchsten Nützlichkeit (Zweckmäßigkeit) wird auch schön sein.

1197. Vollkommenheit ist schon da, wenn das Notwendige geleistet wird, Schönheit, wenn das Notwendige geleistet, doch verborgen ist.

1198. Vollkommenheit kann mit Disproportion bestehen, Schönheit allein mit Proportion.

1199. Jeder große Künstler reißt uns weg, steckt uns an. Alles, was in uns von eben der Fähigkeit ist, wird rege, und da wir eine Vorstellung vom Großen und einige Anlage dazu haben, so bilden wir uns gar leicht ein, der Keim davon stecke in uns.

1200. Raphaelin von Reggio malte mit solcher Leichtigkeit die Außenseiten der Häuser in Fresko, dass alle Kinder Kalk auf Ziegeln strichen und das gleiche zu tun gedachten.

1201. Es ist eine Tradition, Dädalus, der erste Plastiker, habe die Erfindung der Drehscheibe des Töpfers beneidet. Von Neid möchte wohl nichts vorgekommen sein; aber der große Mann hat wahrscheinlich vorempfunden, dass die Technik zuletzt in der Kunst verderblich werden müsse.

1202. Bei Gelegenheit der berlinischen Vorbilder für Fabrikanten kam zur Sprache, ob so großer Aufwand auf die höchste Ausführung der Blätter wäre nötig gewesen. Wobei sich ergab, dass gerade den talentvollen jungen Künstler und Handwerker die Ausführung am meisten reizt, und dass er durch Beachtung und Nachbildung derselben erst befähigt wird, das Ganze und den Wert der Formen zu begreifen.

1203. Die Technik im Bündnis mit dem Abgeschmackten ist die fürchterlichste Feindin der Kunst.

1204. „An meinen Bildern müsst ihr nicht schnuffeln, die Farben sind ungesund.“ Rembrandt.

1205. In Rembrandts trefflicher Radierung, der Austreibung der Käufer und Verkäufer aus den Tempelhallen, ist die Glorie, welche gewöhnlich des Herrn Haupt umgibt, in die vorwärts wirkende Hand gleichsam gefahren, welche nun in göttlicher Tat Glanz umgeben derb zuschlägt. Um das Haupt ist’s, wie auch das Gesicht, dunkel.

1206. Chodowiecky ist ein sehr respektabler und wir sagen idealer Künstler.
   Seien guten Werke zeugen durchaus von Geist und Geschmack. Mehr Ideales war in dem Kreise, in dem er arbeitete, nicht zu fordern.

1207. Ein edler Philosoph sprach von der Baukunst als einer erstarrten Musik und musste dagegen manches Kopfschütteln gewahr werden. Wir glauben diesen schönen Gedanken nicht besser nochmals einzuführen, als wenn wir die Architektur eine verstummte Tonkunst nennen.
   Man denke sich den Orpheus, der, als ihm ein großer wüster Bauplatz angepriesen war, sich weislich an den schicklichsten Ort niedersetzte und durch die belebenden Töne seiner Leier den geräumigen Marktplatz um sich her bildete. Die von kräftig gebietenden, freundlich lockenden Tönen schnell ergriffenen, aus ihrer massenhaften Ganzheit gerissenen Felssteine mussten, indem sie sich enthusiastisch herbeibewegten, sich kunst- und handwerksgemäß gestalten, um sich sodann in rhythmischen Schichten und Wänden gebührend hinzuordnen. Und so mag sich Straße zu Straße anfügen! An wohl schützenden Mauern wird’s auch nicht fehlen.
   Die Töne verhallen, aber die Harmonie bleibt. Die Bürger einer solchen Stadt wandeln und weben zwischen ewigen Melodien; der Geist kann nicht sinken, die Tätigkeit nicht einschlafen, das Auge übernimmt Funktion, Gebühr und Pflicht des Ohres, und die Bürger am gemeinsten Tage fühlen sich in einem ideellen Zustand: Ohne Reflexion, ohne nach dem Ursprung zu fragen, werden sie das höchsten sittlichen und religiösen Genusses teilhaftig. Man gewöhne sich, in Sankt Peter auf und ab zu gehen, und man wird ein Analogon desjenigen empfinden, was wir auszusprechen gewagt.
   Der Bürger dagegen in einer schlecht gebauten Stadt, wo der Zufall mit leidigem Besen die Häuser zusammenkehrte, lebt unbewusst in der Wüste eines düsteren Zustandes; dem fremden Eintretenden jedoch ist es zumute, als wenn er Dudelsack, Pfeifen und Schellentrommeln hörte und sich bereiten müsste, Bärentänzen und Affensprüngen beizuwohnen.

1208. Antike Tempel konzentrieren den Gott im Menschen; des Mittelalters Kirchen streben nach dem Gott in der Höhe.

1209. Werke der Kunst werden zerstört, sobald der Kunstsinn verschwindet.

1210. Die Allegorie verwandelt die Erscheinung in einen Begriff, den Begriff in ein Bild, doch so, dass der Begriff im Bilde immer noch begrenzt und vollständig zu halten und zu haben und an demselben auszusprechen sei.

1211. Die Symbolik verwandelt die Erscheinung in Idee, die Idee in ein Bild, und so, dass die Idee im Bild immer unendlich wirksam und unerreichbar bleibt und, selbst in allen Sprachen ausgesprochen, doch unaussprechlich bliebe.

1212. Die Kunst soll das Penible nicht vorstellen.

1213. Ursache des Dilettantismus: Flucht vor der Manier, Unkenntnis der Methode, törichtes Unternehmen, gerade immer das Unmögliche leisten zu wollen, welches die höchste Kunst erforderte, wenn man sich ihm je nähern könnte.

1214. Fehler der Dilettanten: Phantasie und Technik unmittelbar verbinden zu wollen.

1215. Gemüt hat jedermann, Naturell manche, Kunstbegriffe sind selten.

1216. Die Alten vergleichen die Hand der Vernunft.
   Die Vernunft ist die Kunst der Künste, die Hand die Technik alles Handwerks.

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