Goethe

www.wissen-im-Netz.info

Goethe - Werke

Homepage
   Literatur
      Goethe
         Gedichte
            1. Lieder
            2. Gesellige Lieder
            3. Balladen
            4. Elegien
            5. Episteln
            6. Epigramme
            7. Weissagungen des Bakis
            8. Vier Jahreszeiten
            9. Sonette
            10. Kantaten
            11. Vermischte Gedichte
            12. Aus Wilhelm Meister
            13. Antiker Form sich nähernd
            14. An Personen
            15. Kunst
            16. Parabolisch
            17. Gott, Gemüt und Welt
            18. Sprichwörtlich
            19. Epigrammatisch
            20. Lyrisches
            21. Loge
            22. Gott und Welt
            23. Aus fremden Sprachen
            24. Zahme Xenien
            25. Inschriften, D.-, S.-Blätter

23. Aus fremden Sprachen

Byrons Don Juan

   Mir fehlt ein Held! - "Ein Held, er sollte fehlen,
Da Jahr und Monat neu vom Neusten spricht?"
Ein Zeitungsschreiber mag sich schmeichelnd quälen,
So sagt die Zeit: Es sei der rechte nicht.
Von solchen mag ich wahrlich nichts erzählen,
Da nehm' ich mir Freund Juan ins Gesicht;
Wir haben in der Oper ihn gesehen,
Früher, als billig war, zum Teufel gehen.

   Vernon, der Metzger Cumberland und Wolf so mit,
Auch Hawke, Prinz Ferdinand, Burgoin aufs beste,
Keppel und Howe, sie hatten ihre Feste,
Wie Wellesley jetzt - der Könige Schattenschritt
Vom Stamme Bancos - Raben aus einem Neste! -
Der Ruhm, die Lust zu herrschen reißt sie mit.
Dumouriez', Bonapartes Kampfgewinsten,
Die Zeitung steht den Herren gleich zu Diensten.

   Barnave kennt und Brissot die Geschichte,
Condorcet, Mirabeau und Pétion auch;
Cloots, Danton, Marat litten viel Gerüchte,
Selbst Lafayette, er ging beinahe in Rauch,
Dann Joubert, Hoche, vom Militärverpflichte,
Lannes, Desaix, Moreau. Es war der Brauch
Zu ihrer Zeit an ihnen viel zu preisen;
Doch will das nichts für meine Lieder heißen.

   Nelson war unser Kriegsgott, ohne Frage,
Und ist es noch dem herzlichsten Bekenntnis;
Doch von Trafalgar tönet kaum die Sage,
Und so ist Flut und Ebbe wetterwendisch.
Denn die Armee ist popular zu Tage
Und mit dem Seevolk nicht im Einverständnis;
Der Prinz ist für den Landdienst, und indessen
Sind Duncan, Nelson, Howe, sie sind vergessen.

   Vor Agamemnon lebten manche Braven,
So wie nachher, von Sinn und hoher Kraft;
Sie wirkten viel, sind unberühmt entschlafen,
Da kein Poet ihr Leben weiter schafft.
Von unsern Helden möcht' ich niemand strafen,
Da jeder sich am Tag zusammenrafft;
Für mein Gedicht wüsst' ich mir aber keinen
Und nenne so Don Juan mein, den Meinen.


Monolog aus Byrons Manfred

Manfred allein.

   Der Zeit, des Schreckens Narren sind wir! Tage,
Bestehlend stehlen sie sich weg. Wir leben
In Lebens Überdruss, in Scheu des Todes.
In all den Tagen der verwünschten Posse -
Lebendige Last auf widerstrebendem Herzen,
IN Sorgen stockt es, heftig schlägt's in Pein,
Der Freud' ein End' ist Todeskampf und Ohnmacht
In all den Tagen, den vergangnen, künftigen -
Im Leben ist nichts Gegenwart - du zählst
Wie wenig - weniger als wenig, - wo die Seele
Nicht nach dem Tod verlangt und doch zurück
Wie vor dem Winterstorme schreckt. Das Frösteln
Wär' nur ein Augenblick. - Ich hab' ein Mittel
In meiner Willenskraft: Die Toten ruf' ich
Und frage sie: Was ist denn, das wir fürchten?
Der Antwort ernsteste ist, doch das Grab.
Und das ist nichts, antworten sie mir nicht. -

   Antworte begrabner Priester Gottes
Dem Weib zu Endor! Spartas König zog
Aus griech'scher Jungfrau nie entschlafnem Geist
Antwort und Schicksal. Das Geliebteste
Hatt' er gemordet, wusste nicht, wen er traf;
Starb ungesühnt. Wenn er auch schon zu Hilfe
Den milden Zeus berief, Phigaliens
Arkadische Beschwörer aufrief, zu gewinnen
Vom aufgebrachten Schatten sein Verzeihen,
Auch eine Grenze nur des Rächens. Die versetzte
Mit zweifelhaftem Wortsinn; doch erfüllt ward's.

   Und hätt' ich nie gelebt! Das, was ich liebe,
Wäre noch lebendig; hätt' ich nie geliebt!
Das, was ich leibe, wär' noch immer schön
Und glücklich, glückverspendend. Und was aber,
Was ist sie jetzt? Für meine Sünden büßt sie -
Ein Wesen? Denk' es nicht - Vielleicht ein Nichts.
In wenig Stunden frag' ich nicht umsonst,
In dieser Stunde fürcht' ich nicht umsonst,
In dieser Stunde schreckte mich kein Schauen
Der Geister, guter, böser. Zittr' ich nun?
Und fühl' am Herzen fremden kalten Tau!
Doch kann ich tun, was mich im Tiefsten widert,
Der Erde Schrecken ruf' ich auf. - Es nachtet!


Aus Byrons Manfred

Bannfluch

   Wenn der Mond ist auf der Welle,
Wenn der Glühwurm ist im Gras
Und ein Scheinlicht auf dem Grabe,
Irres Licht auf dem Morast,
Wenn die Sterne fallend schießen,
Eule der Eul' erwidernd heult
Und die Blätter schweigend ruhen
An des dunkeln Hügels Wand,
Meine Seel' sei auf der deinen
Mit Gewalt und Zeichenwink!

   Ist dein Schlummer noch so tief,
Kommt dein Geist doch nie zum Schlaf.
Da sind Schatten, die nicht schwinden,
Da Gedanken, die nicht bannest.
Die Gewalt, die du nicht kennest,
Lässt dich nimmermehr allein.
Bist ins Leichentuch gewindelt,
Eingehüllt in einer Wolke,
Und für immer, immer wohnst du
In dem Geiste dieses Spruchs.

   Siehst mich nicht vorübergehen,
Fühlst mich doch in deinem Auge
Als ein Ding, das ungesehen
Nah dir sein muss, wie es war,
Und wenn du, geheim durchschaudert,
Deinen Kopf umwendend blickest,
Sollst dich wundern, dass nicht etwa
Wie ein Schatten bin zur Stelle;
Nein! Die Kraft, die du empfunden,
Ist, was sich in dir verbirgt.

   Und ein Zauberwort und Lied
Taufte dich mit einem Fluch,
Und schon hat ein Geist der Luft
Dich umgarnt mit einer Schlinge.
In dem Wind ist eine Stimme,
Die verbeut dir, dich zu freuen.
Und wenn dir die Nacht versagt
Ihres reinen Himmels Ruhe,
Bringt der Tag eine Sonn' herauf,
Wär' sie nieder! Wünschest du.

   Deinen falschen Tränen zog ich
Tödlichste Essenzen aus,
Deinem eignen Herzen sog ich
Blut, das schwärzeste, vom Quell,
Deinem Lächeln lockt' ich Schlangen,
Dort geheim geringelt, ab,
Deinem Lippenpaar entsaugt' ich
Allerschlimmstes aller Gifte.
Jedem Gift, das ich erprobet,
Schlimmer ist dein eignes doch.

   Bei deiner kalten Brust, dem Schlangenlächeln,
Der Arglist unergründlichem Schlund,
Bei dem so tugendsam scheinenden Auge,
Bei der verschlossenen Seele Trug,
Bei der Vollendung deiner Künste,
Dem Wahn, du tragest ein menschliches Herz,
Bei deinem Gefallen an anderer Pein,
Bei deiner Kains-Bruderschaft
Beschwöre ich dich und nötige
Dich, selbst dir eigene Hölle zu sein!

   Auf dein Haupt gieß' ich die Schale,
Die dich solchem Urteil widmet:
Nicht zu schlafen, nicht zu sterben,
Sei dein dauernd Missgeschick;
Scheinbar soll der Tod sich nahen
Deinem Wunsch, doch nur als Grauen.
Schau! Der Zauber wirkt umher dir,
Dich geklirrlos fesselt Kette;
Über Herz und Hirn zusammen
Ist der Spruch ergangen - schwinde!


Der fünfte Mai

Ode von Alexander Manzoni.

   Er war - und wie, bewegungslos,
Nach letztem Hauche-Seufzer,
Die Hülle lag, uneingedenk,
Verwaist von solchem Geiste:
So tief getroffen, starr erstaunt,
Die Erde steht der Botschaft.

   Stumm, sinnend nach der letztesten
Stunde des Schreckensmannes,
Sie wüsste nicht, ob solcherlei
Fußtapfen Menschenfußes
Nochmals den blutgefärbten Staub
Zu stempeln sich erkühnten.

   Ihn wetterstrahlend auf dem Thron
Erblickte die Muse schweigend,
Sodann im Wechsel immerfort
Ihn fallen, stiegen, liegen;
Zu tausend Stimmen Klang und Ruf
Vermischte sie nicht die ihre.

   Jungfräulich, keiner Schmeichelei
Noch frevler Schmähung schuldig,
Erhebt sie sich plötzlich aufgeregt,
Da solche Strahlen schwinden,
Die Urne kränzend mit Gesang,
Der wohl nicht sterben möchte.

   Zu Pyramiden von Alpen her,
Vom Manzanar zum Rheine,
Des sichern Blitzes Wetterschlag
Aus leuchtenden Donnerwolken,
Er traf von Scylla zum Tanais,
Von einem zum andern Meere.

   Mit wahren Ruhm? - Die künft'ge Welt
Entscheide dies! Wir beugen uns,
Die Stirne tief, dem Mächtigsten,
Erschaffenden, der sich einmal
Von allgewalt'ger Geisteskraft
Grenzlose Spur beliebte.

   Das stürmische, doch bebende
Erfreun an großen Planen,
Die Angst des Herzens, das ungezähmt
Dienend nach dem Reiche gelüstet
Und es erlangt, zum höchsten Lohn,
Den's törig war zu hoffen -

   Das ward ihm all: Der Ehrenruhm,
Vergrößert nach Gefahren,
Sodann die Flucht und wieder Sieg,
Kaiserpalast, Verbannung;
Zweimal zum Staub zurückgedrängt
Und zweimal auf dem Altar.

   Er trat hervor: Gespaltne Welt,
Bewaffnet gegeneinander,
Ergeben wandte sich zu ihm,
Als lauschten sie dem Schicksal;
Gebietend Schweigen, Schiedesmann
Setzt' er sich mitten inne;

   Verschwand! - Die Tage Müßiggangs,
Verschlossen im engen Raume,
Zeugen von grenzenlosem Neid
Und tiefem, frommen Gefühle,
Von unauslöschlichem hass zugleich
Und unbezwungener Liebe.

   Wie übers Haupt Schiffbrüchigem
Die Welle sich wälzt und lastet,
Die Welle, die den Armen erst
Emporhob, vorwärts rollte,
Dass es entfernte Gegenden
Umsonst zuletzt erblickte;

   So ward's dem Geist, der wogenhaft
Hinaufstieg in der Erinnrung.
Ach! Wie so oft den Künftigen
Wollt' er sich selbst erzählen.
Und kraftlos auf das ewige Blatt
Sank die ermüdete Hand hin.

   O! Wie so oft beim schweigsamen
Sterbend es Tags, des leeren,
Gesenkt den blitzenden Augenstrahl,
Die Arme übergefaltet,
Stand er, von Tagen, vergangnen,
Bestürmt' ihn die Erinnrung.

   Da schaut' er die beweglichen
Zelten, durchwimmelte Täler,
Das Wetterleuchten der Waffen zu Fuß,
Die Welle reitender Männer,
Die aufgeregteste Herrscherschaft
Und das allerschnellste Gehorchen.

   Ach, bei so schrecklichem Schmerzgefühl
Sank ihm der entatmete Busen,
Und er verzweifelte! - Nein, die Kraft
Der ewigen Hand von oben
In Lüfte, leichter atembar,
Liebherzig trug ihn hinüber.

   Und leitet' ihn auf blühende
Fußpfade, die hoffnungsreichen,
Zu ewigen Feldern, zum höchsten Lohn,
Der alle Begierden beschämet;
Er sieht, wie auf Schweigen und Finsternis,
Auf den Ruhm, den er durchdrungen.

   Schönste, unsterblich wohltätige
Glaubenskraft, immer triumphend!
Sprich es aus! Erfreue dich,
Dass stolzer-höheres Wesen
Sich dem berüchtigten Golgatha
Wohl niemals niedergebeugt hat.

   Und also von müder Asche denn
Entferne jedes widrige Wort!
Der Gott, der niederdrückt und hebt,
Der Leiden fügt und Tröstung auch,
Auf der verlassnen Lagerstatt
Ihm ja zur Seite sich fügte.


Das Sträußchen

Altböhmisch.

   Wehet ein Lüftchen
Aus fürstlichen Wäldern;
Da läufet das Mädchen,
Da läuft es zum Bach,
Schöpft in beschlagne
Eimer das Wasser.

   Vorsichtig, bedächtig
Versteht sie zu schöpfen.
Am Flusse zum Mädchen
Schwimmet ein Sträußchen,
Ein duftiges Sträußchen
Von Veilchen und Rosen.

   "Wenn ich, du holdes
Blümchen, es wüsste,
Wer dich gepflanzet
In lockeren Boden;
Wahrlich! Dem gäb' ich
Ein goldnes Ringlein.

   Wenn ich, du holdes
Sträußchen, es wüsste,
Wer dich mit zartem
Baste gebunden;
Wahrlich! Dem gäb' ich
Die Nadel vom Haare.

   Wenn ich, du holdes
Blümchen, es wüsste,
Wer in den kühlen
Bach dich geworfen;
Wahrlich! Dem gäb' ich
Mein Kränzlein vom Haupte."

   Und so verfolgt sie
Das eilende Sträußchen,
Sie eilet vorauf ihm,
Versucht es zu fangen:
Da fällt, ach! Da fällt sie
Ins kühlige Wasser.


Klaggesang

Irisch.

   So singet laut den Pillalu
Zu mancher Träne Sorg' und Not:
Och orro orro ollalu,
O weh, des Herren Kind ist tot!

   Zu Morgen, als es tagen wollt',
Die Eule kam vorbeigeschwingt,
Rohrdommel abends tönt im Rohr.
Ihr nun die Totensänge singt:
   Och orro orro ollalu.

   Und sterben du? Warum, Warum
Verlassen deiner Eltern Lieb'?
Verwandten Stammes weiten Kreis?
Den Schrei des Volkes hörst du nicht:
   Och orro orro ollalu.

   Und scheiden soll die Mutter, wie,
Von ihrem Liebchen schön und süß?
Warst du nicht ihres Herzens Herz,
Der Puls, der ihm das Leben gab?
   Och orro orro ollalu.

   Den Knaben lässt sie weg von sich,
Der bleibt und west für sich allein,
Das Frohgesicht, sie sieht's nicht mehr,
Sie saugt nicht mehr den Jugendhauch.
   Och orro orro ollalu.

   Da sehet hin an Berg und Steg,
Den Uferkreis am reinen See,
Von Waldesecke, Saatenland,
Bis nah heran zu Schloss und Wall!
   Och orro orro ollalu.

   Die Jammernachbarn dringen her
Mit hohlem Blick und Atem schwer;
Sie halten an und schlängeln fort
Und singen Tod im Totenwort:
   Och orro orro ollalu.

   So singet laut den Pillalu
Und weinet, was ihr weinen wollt!
Och orro orro ollalu,
Des Herren einz'ger Sohn ist fort.


Neugriechisch-epirotische Heldenlieder

I.
Sind Gefilde türkisch worden,
Sonst Besitz der Albanesen;
Stergios ist noch am Leben,
Keines Paschas achtet er.
Und so lang es schneit hier oben,
Beugen wir den Türken nicht.
Setzet eure Vorhut dahin,
Wo die Wölfe nistend hecken!
Sei der Sklave Stadtbewohner;
Stadtbezirk ist unsern Braven
Wüster Felsen Klippenspalte.
Eh' als mit den Türken leben,
Lieber mit den wilden Tieren!

II.
Schwarzes Fahrzeug teilt die Welle
Nächst der Küste von Kassandra,
Über ihm die schwarzen Segel,
Über ihnen Himmelsbläue.
Kommt ein Türkenschiff entgegen,
Scharlachwimpel wehen glänzend.
"Streich die Segel unverzüglich,
Nieder lass die Segel du!" -
"Nein, ich streiche nicht die Segel,
Nimmer lass' ich sie herab;
Droht ihr doch, als wär' ich Bräutchen,
Bräutchen, das zu schrecken ist.
Jannis bin ich, Sohn des Stada,
Eidam des Bukovalas.
Frisch, Gesellen, frisch zur Arbeit!
Auf, zum Vorderteil des Schiffes:
Türkenblut ist zu vergießen,
Schont nicht der Ungläubigen."
Und mit einer klugen Wendung
Beut das Türkenschiff die Spitze;
Jannis aber schwingt hinauf sich
Mit dem Säbel in der Faust,
Das Gebälke trieft vom Blute,
Und gerötet sind die Wellen.
"Allah! Allah!", schrien um Gnade
Die Ungläubigen auf den Knien.
"Traurig Leben," ruft der Sieger,
"Bleibe den Besiegten nun!"

III.
Beuge, Liakos, dem Pascha,
Beuge dem Wesire dich!
Warst du vormals Armatole,
Landgebieter wirst du nun.
"Bleibt nur Liakos am Leben,
Wird er nie ein Beugender.
Nur sein Schwert ist ihm der Pascha,
Ist Wesir das Schießgewehr."
Ali Pascha, das vernehmend,
Zürnt dem Unwillkommenen,
Schreibt die Briefe, die Befehle;
So bestimmt er, was zu tun.
"Veli Guekas, eile kräftig
Durch die Städte, durch das Land,
Bring' mir Liakos zur Stelle,
Lebend sei er oder tot!"
Guekas streift nun durch die Gegend,
Auf die Kämpfer macht er Jagd,
Forscht sie aus und überrascht sie,
An der Vorhut ist er schon.
Kontogiakupis, der schreit nun
Von des Bollwerks hohem Stand:
"Herzhaft, Kinder mein! Zur Arbeit,
Kinder mein, zum Streit hervor!"
Liakos erscheint behende,
Hält in Zähnen fest das Schwert.
Tag und Nacht ward nun geschlagen,
Tage drei, der Nächte drei.
Albaneserinnen weinen,
Schwarz in Trauerkleid gehüllt;
Veli Guekas kehrt nur wieder
Hingewürgt im eignen Blut.

IV.
Welch Getöse? Wo entsteht es?
Welch gewaltiges Erschüttern?
Sind es Stiere vor dem Schlachtbeil,
Wild Getier im grimmen Kampfe?
Nein! Bukovalas, zum Kriege
Fünfzehnhundert Kämpfer führend,
Streitet zwischen Kerasovon
Und dem großen Stadtbezirk.
Flinteschüsse, wie des Regens,
Kugeln, wie der Schlossen Schlag! -
Blondes Mädchen ruft herunter
Von dem Überpfortenfenster:
"Halte, Janni, das Gefecht an,
Dieses Laden, dieses Schießen!
Lass den Staub hernieder sinken,
Lass den Pulverdunst verwehen,
Und so zählet eure Krieger,
Dass ihr wisset, wer verloren!"
Dreimal zählte man die Türken,
Und vierhundert Tode lagen;
Und wie man die Kämpfer zählte,
Dreie nur verblichen da.

V.
Ausgeherrschet hat die Sonne,
Zu dem Führer kommt die Menge:
"Auf, Gesellen, schöpfet Wasser,
Teil euch in das Abendbrot!
Lamprakos du aber, Neffe,
Setze dich an meine Seite;
Trage künftig diese Waffen,
Du nun bist der Kapitan,
Und ihr andern braven Krieger,
Fasset den verwaisten Säbel,
Hauet grüne Fichtenzweige,
Flechtet sie zum Lager mir;
Führt den Beichtiger zur Stelle,
Dass ich ihm bekennen möge,
Ihm enthülle, welchen Taten
Ich mein Leben zugekehrt:
Dreißig Jahr bin Armotole,
Zwanzig Jahr ein Kämpfer schon;
Nun will mich der Tod erschleichen,
Das ich wohl zufrieden bin.
Frisch nur mir das Grab bereitet,
Dass es hoch sei und geräumig,
Aufrecht dass ich fechten könne,
Könne laden die Pistolen.
Rechts will ich ein Fenster offen,
Dass die Schwalbe Frühling künde,
Dass die Nachtigall vom Maien
Allerlieblichstes berichte."

VI.
Der Olympos, der Kissavos,
Die zwei Berge haderten;
Da entgegnend sprach Olympos
Also zu dem Kissavos:
"Nicht erhebe dich, Kissave,
Türken- du Getretener.
Bin ich doch der Greis Olympos,
Den die ganze Welt vernahm.
Zweiundsechzig Gipfel zähl' ich
Und zweitausend Quellen klar,
Jeder Brunn hat seinen Wimpel,
Seinen Kämpfer jeder Zweig.
Auf den höchsten Gipfel hat sich
Mir ein Adler aufgesetzt,
Fasst in seinen mächt'gen Klauen
Eines Helden blutend Haupt."
"Sage, Haupt! Wie ist's ergangen?
Fielest du verbrecherisch?" -
"Speise, Vogel, meine Jugend,
Meine Mannheit speise nur!
Ellenlänger wächst dein Flügel,
Deine Klaue spannenlang.
Bei Louron, in Xeromeron
Lebt' ich in dem Kriegerstand,
So in Chasia, auf'm Olympos
Kämpft' ich bis ins zwölfte Jahr.
Sechzig Agas ich erschlug sie,
Ihr Gefild verbrannt' ich dann;
Die ich sonst noch niederstreckte,
Türken, Albaneser auch,
Sind zu viele, gar zu viele,
Dass ich sie nicht zählen mag;
Nun ist meine Reihe kommen,
Im Gefechte fiel ich brav."


Charon

Neugriechisch.

   Die Bergeshöhn warum so schwarz?
Woher die Wolkenwoge?
Ist es der Sturm, der droben kämpft,
Der Regen, Gipfel peitschend?
Nicht ist's der Sturm, der droben kämpft,
Nicht Regen, Gipfel peitschend;
Nein, Charon ist's, er saust einher,
Entführet die Verblichnen;
Die Jungen treibt er vor sich hin,
Schleppt hinter sich die Alten;
Die Jüngsten aber, Säuglinge,
In Reih' gehenkt am Sattel.
Da riefen ihm die Greise zu,
Die Jünglinge, sie knieten:
"O Charon, halt! Halt am Geheg,
Halt an beim kühlen Brunnen!
Die Alten da erquicken sich,
Die Jugend schleudert Steine,
Die Knaben zart zerstreuen sich
Und pflücken bunte Blümchen."

   Nicht am Gehege halt' ich still,
Ich halte nicht am Brunnen;
Zu schöpfen kommen Weiber an,
Erkennen ihre Kinder,
Die Männer auch erkennen sie,
Das Trennen wird unmöglich.


Neugriechische Liebe-Skolien

1.
   Diese Richtung ist gewiss,
Immer schreite, schreite!
Finsternis und Hindernis
Drängt mich nicht zur Seite.

   Endlich leuchtest meinem Pfad,
Luna! Klar und golden;
Immer fort und immer grad
Geht mein Weg zur Holden.

   Nun der Fluss die Pfade bricht,
Ich zum Nachen schreite,
Leite, liebes Himmelslicht,
Mich zur andern Seite!

   Seh' ich doch das Lämpchen schon
Aus der Hütte schimmern,
Lass um deinen Wagenthron
Alle Sterne glimmern!

2.
   Immerhin und immerfort,
Allzu schön erscheinend,
Folgt sie mir von Ort zu Ort,
Und so hab' ich weinend

   Überall umsonst gefragt,
Feld und Flur durchmessen,
Auch hat Fels und Berg gesagt:
"Kannst sie nicht vergessen."

   Wiese sagte: "Geh nach Haus,
Lass dich dort bedauern;
Siehst mir gar zu traurig aus,
Möchte selber trauern."

   Endlich fasse dir ein Herz
Und begreif's geschwinder:
Lachen, Weinen, Lust und Schmerz
Sind Geschwisterkinder.

Einzelne

Hebe selbst die Hindernisse,
Neige dich herab, Zypresse!
Dass ich deinen Gipfel küsse
Und das Leben dran vergesse.


Eure Gärtnerei zu lernen,
Könnte nimmermehr verlangen;
Mein Jasmin ist fort gegangen,
Meine Rose weilt im fernen.


Die Nachtigall, sie war entfernt,
Der Frühling lockt sie wieder;
Was Neues hat sie nicht gelernt,
Singt alte, liebe Lieder.


Luna, solcher hohen Stelle
Weiten Umblick neid' ich dir,
Sei auch der Entfernten helle,
Aber äugle nicht mit ihr.


Liebevoll und frank und frei
Riefst du mich heran;
Langsam geh' ich nun vorbei,
Siehst du mich denn an?


Ringlein kauft! Geschwind, ihr Fraun!
Möcht' nicht weiter wandeln;
Gegen Aug' und Augenbraun
Wollt' ich sie verhandeln.


Ach, Zypresse, hoch zu schauen,
Mögest du dich zu mir neigen;
Habe dir was zu vertrauen,
Und dann will ich ewig schweigen.


Harre lieblich im Kyanenkranze,
Blondes Mädchen, bleib' er unverletzt,
Auch wenn Luna in Orions Glanze
Wechselscheinend sich ergetzt.


Weiß ich doch, zu welchem Glück
Mädchen mir emporblüht,
Wenn der feurig schwarze Blick
Aus der Milch hervorsieht.


Von der Rose meines Herzens
Pflücktest Blätter nach Gefallen,
Sind vor Glut des Scheideschmerzens
All die andern abgefallen.


Liebt' ich dich als Kleine, Kleine,
Jungfrau warst du mir versagt;
Wirst doch endlich noch die Meine,
Wenn der Freund die Witwe fragt.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.