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Goethe
Werke
Zur
Farbenlehre
Zueignung
Vorwort
Inhalt
Didaktischer Theil
Polemischer Theil
Einleitung
Zwischenrede
Optik 1. B. 1. T.
1. P. 1. T.
Beweis
2. P. 2. T.
3. P. 3. T.
4. P. 1. P.
5. P. 4. T.
6. P. 5. T.
7. P. 6. T.
8. P. 2. P.
Optik 1. B. 2. T.
1. P. 1. T.
2. P. 2. T.
3. P. 1. P.
4. P. 3. T.
5. P. 4. T.
6. P. 2.
P.
7. P. 5.
T.
8. P. 3.
P.
9. P. 4.
P.
10. P. 5. P.
11. P. 6. P.
Abschluß
Tafeln |
Enthüllung
der
Theorie Newtons.
Dico ego, tu dicis, sed denique dixit et ille,
Dictaque ost toties non nisi dicta vides.
Des Ersten Bandes
Zweiter, polemischer Theil.
Einleitung.
1.
Wenn wir in dem ersten Theile den didaktischen
Schritt so viel als möglich gehalten und jedes eigentlich Polemische
vermieden haben, so konnte es doch hie und da an mancher Mißbilligung der
bis jetzt herrschenden Theorie nicht fehlen. Auch ist jener Entwurf
unserer Farbenlehre, seiner innern Natur nach, schon polemisch, indem wir
eine Vollständigkeit der Phänomene zusammenzubringen und diese dergestalt
zu ordnen gesucht haben, daß jeder genöthigt sei, sie in ihrer wahren
Folge und in ihren eigentlichen Verhältnissen zu betrachten, daß ferner
künftig denjenigen, denen es eigentlich nur darum zu thun ist, einzelne
Erscheinungen herauszuheben, um ihre hypothetischen Aussprüche dadurch
aufzustutzen, ihr Handwerk erschwert werde.
2.
Denn so sehr man auch bisher geglaubt, die Natur der
Farbe gefaßt zu haben, so sehr man sich einbildete, sie durch eine sichre
Theorie auszusprechen; so war dieß doch keinesweges der Fall, sondern man
hatte Hypothesen an die Spitze gesetzt, nach welchen man die Phänomene
künstlich zu ordnen wußte, und eine wunderlicher Lehre kümmerlichen
Inhalts mit großer Zuversicht zu überliefern verstand.
3.
Wie der Stifter dieser Schule, der außerordentliche
Newton, zu einem solchen Vorurtheile gelangt, wie er es bei sich
festgesetzt und andern verschiedentlich mitgetheilt, davon wird uns die
Geschichte künftig unterrichten. Gegenwärtig nehmen wir sein Werk vor, das
unter dem Titel der Optik bekannt ist, worin er seine Überzeugungen
schließlich niederlegte, indem er dasjenige, was er vorher geschrieben,
anders zusammenstellte und aufführte. Dieses Werk, welches er in späten
Jahren herausgab, erklärt er selbst für eine vollendete Darstellung seiner
Überzeugungen. Er will davon kein Wort ab, keins dazu gethan wissen, und
veranstaltet die lateinische Übersetzung desselben unter seinen Augen.
4.
Der Ernst, womit diese Arbeit unternommen, die
Umständlichkeit, womit sie ausgeführt war, erregte das größte Zutrauen.
Eine Überzeugung, daß dieses Buch unumstößliche Wahrheit enthalte, machte
sich nach und nach allgemein; und noch gilt es unter den Menschen für ein
Meisterstück wissenschaftlicher Behandlung der Naturerscheinungen.
5.
Wir finden daher zu unserm Zwecke dienlich und
nothwendig, dieses Werk theilweise zu übersetzen, auszuziehen und mit
Anmerkungen zu begleiten, damit denjenigen, welche sich künftig mit dieser
Angelegenheit beschäftigen, ein Leitfaden gesponnen sei, an dem sie sich
durch ein solches Labyrinth durchwinden können. Ehe wir aber das Geschäft
selbst antreten, liegt uns ob, einiges vorauszuschicken.
6.
Daß bei einem Vortrag natürlicher Dinge der Lehrer
die Wahl habe, entweder von den Erfahrungen zu den Grundsätzen, oder von
den Grundsätzen zu den Erfahrungen seinen Weg zu nehmen, versteht sich von
selbst; daß er sich beider Methoden wechselsweise bediene, ist wohl auch
vergönnt, ja manchmal nothwendig. Daß aber Newton eine solche gemischte
Art des Vortrags zu seinem Zweck advocatenmäßig mißbraucht, indem er das,
was erst eingeführt, abgeleitet, erklärt, beiwesen werden sollte, schon
als bekannt annimmt, und sodann aus der großen Masse der Phänomene nur
diejenigen heraussucht, welche scheinbar und nothdürftig zu dem einmal
Ausgesprochenen passen, dieß liegt uns ob, anschaulich zu machen, und
zugleich darzuthun, wie er diese Versuche, ohne Ordnung, nach Belieben
anstellt, sie keinesweges rein vorträgt, ja sie vielmehr nur immer
vermannichfaltigt und über einander schichtet, so daß zuletzt der beste
Kopf ein solches Chaos lieber gläubig verehrt, als daß er sich zur
unabsehlichen Mühe verpflichtete, jene streitenden Elemente versöhnen und
ordnen zu wollen. Auch würde dieses völlig unmöglich sein, wenn man nicht
vorher, wie von uns mit Sorgfalt geschehen, die Farbenphänomene in einer
gewissen natürlichen Verknüpfung nach einander aufgeführt und sich dadurch
in den Stand gesetzt hätte, eine künstliche und willkürliche Stellung und
Entstellung derselben anschaulicher zu machen. Wir können uns nunmehr auf
einen natürlichen Vortrag sogleich beziehen, und so in die größte
Verwirrung und Verwicklung ein heilsames Licht verbreiten. Dieses ganz
allein ist’s, wodurch die Entscheidung eines Streites möglich wird, der
schon über hundert Jahre dauert, und so oft er erneuert worden, von der
triumphirenden Schule als verwegen, frech, ja als lächerlich und
abgeschmackt weggewiesen und unterdrückt wurde.
7.
Wie nun eine solche Hartnäckigkeit möglich war, wird
sich unsern Lesern nach und nach aufklären. Newton hatte durch eine
künstliche Methode seinem Werk ein dergestalt strenges Ansehn gegeben, daß
Kenner der Form es bewunderten und Laien davor erstaunten. Hiezu kam noch
der ehrwürdige Schein einer mathematischen Behandlung, womit er das Ganze
aufzustutzen wußte.
8.
An der Spitze nämlich stehen Definitionen und
Axiome, welche wir künftig durchgehen werden, wenn sie unsern Lesern nicht
mehr imponiren können. Sodann finden wir Propositionen, welche das immer
wiederholt festsetzen, was zu beweisen wäre; Theoreme, die solche Dinge
aussprechen, die niemand schauen kann; Experimente, die unter veränderten
Bedingungen immer das Vorige wiederbringen, und sich mit großem Aufwand in
einem ganz kleinen Kreise herumdrehen; Probleme zuletzt, die nicht zu
lösen sind, wie das alles in der weiteren Ausführung umständlich darzuthun
ist.
9.
Im Englischen führt das Werk den Titel: Opticks, or
a Treatise of the Reflections, Refractions, Inflections and Colours of
Light. Obgleich das englische Wort Optics ein etwas naiveres Ansehen haben
mag, als das lateinische Optice und das deutsche Optik; so drückt es doch,
ohne Frage, einen zu großen Umfang aus, den das Werk selbst nicht
ausfüllt. Dieses handelt ausschließlich von Farbe, von farbigen
Erscheinungen. Alles übrige, was das natürliche oder künstliche Sehen
betrifft, ist beinahe ausgeschlossen, und man darf es nur in diesem Sinne
mit den optischen Lectionen vergleichen, so wird man die große Masse
eigentlich mathematischer Gegenstände, welche sich dort findet, vermissen.
10.
Es ist nöthig, hier gleich zu Anfang diese Bemerkung
zu machen: denn eben durch den Titel ist das Vorurtheil entstanden, als
wenn der Stoff und die Ausführung des Werkes mathematisch sei, da jener
bloß physisch ist und die mathematische Behandlung nur scheinbar; ja,
bei’m Fortschritt der Wissenschaft hat sich schon längst gezeigt, daß,
weil Newton als Physiker seine Beobachtungen nicht genau anstellte, auch
seine Formeln, wodurch er die Erfahrungen aussprach, unzulänglich und
falsch befunden werden mußten; welches man überall, wo von der Entdeckung
der achromatischen Fernröhre gehandelt wird, umständlich nachlesen kann.
11.
Diese sogenannte Optik, eigentlicher Chromatik,
besteht aus drei Büchern, von welchen wir gegenwärtig nur das erste, das
in zwei Theile getheilt ist, polemisch behandeln. Wir haben uns bei der
Übersetzung meistens des englischen Originals in der vierten Ausgabe,
London 1730, bedient, das in einem natürlichen naiven Stil geschrieben
ist. Die lateinische Übersetzung ist sehr treu und genau, wird aber durch
die römische Sprachweise etwas pomphafter und dogmatischer.
12.
Da wir jedoch nur Auszüge liefern, und die
sämmtlichen Newtonischen Tafeln nachstechen zu lassen keinen Beruf fanden,
so sind wir genöthigt, uns öfters auf das Werk selbst zu beziehen, welches
diejenigen unserer Leser, die bei der Sache wahrhaft interessirt sind,
entweder im original oder in der Übersetzung zur Seite haben werden.
13.
Die wörtlich übersetzten Stellen, in denen der
Gegner selbst spricht, haben wir mit kleinerer Schrift, unsre Bemerkungen
aber mit der größern, die unsre Leser schon gewohnt sind, abdrucken
lassen.
14.
Übrigens haben wir die Sätze, in welche unsre Arbeit
sich theilen ließ, mit Nummern bezeichnet. Es geschieht dieses hier, so
wie im Entwurf der Farbenlehre, nicht um dem Werke einen Schein höherer
Consequenz zu geben, sondern bloß um jeden Bezug, jede Hinweisung zu
erleichtern, welches dem Freunde sowohl als dem Gegner angenehm sein kann.
Wenn wir künftig den Entwurf citiren, so setzen wir ein E. vor die Nummer
des Paragraphen.
Ü
Þ |
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