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Literatur
Johann Wolfgang von Goethe
Zur
Farbenlehre
Zueignung
Vorwort
Inhalt
Didaktischer Theil
Einleitung
1. Physiologische Farben
2. Physische Farben
3. Chemische Farben
4. Allgemeine Ansichten
5. Nachbarliche
Verhältnisse
6. Sinn.-sitt. Wirkung
Zugabe
Schlusswort |
Zugabe.
Das Bedürfniß des Mahlers, der in der bisherigen
Theorie keine Hülfe fand, sondern seinem Gefühl, seinem Geschmack, einer
unsichern Überlieferung in Absicht auf die Farbe völlig überlassen war,
ohne irgend ein physisches Fundament gewahr zu werden, worauf er seine
Ausübung hätte gründen können, dieses Bedürfniß war der erste Anlaß, der
den Verfasser vermochte, in eine Bearbeitung der Farbenlehre sich
einzulassen. Da nichts wünschenswerther ist, als daß diese theoretische
Ausführung bald im Praktischen genutzt und dadurch geprüft und schnell
weiter geführt werde; so muß es zugleich höchst willkommen sein, wenn wir
finden, daß Künstler selbst schon den Weg einschlagen, den wir für den
rechten halten.
Ich lasse daher zum Schluß, um hiervon ein Zeugniß
abzugeben, den Brief eines talentvollen Mahlers, des Herrn Philipp Otto
Runge, mit Vergnügen abdrucken, eines jungen Mannes, der ohne von meinen
Bemühungen unterrichtet zu sein, durch Naturell, Übung und Nachdenken sich
auf die gleichen Wege gefunden hat. Man wird in diesem Briefe, den ich
ganz mittheile, weil seine sämmtlichen Glieder in einem innigen
Zusammenhange stehen, bei aufmerksamer Vergleichung gewahr werden, daß
mehrere Stellen genau mit meinem Entwurf übereinkommen, daß andere ihre
Deutung und Erläuterung aus meiner Arbeit gewinnen können, und daß dabei
der Verfasser in mehreren Stellen mit lebhafter Überzeugung und wahrem
Gefühle mir selbst auf meinem Gange vorgeschritten ist. Möge sein schönes
Talent praktisch bethätigen, wovon wir uns beide überzeugt halten, und
möchten wir bei fortgesetzter Betrachtung und Ausübung mehrere gewogene
Mitarbeiter finden.
Wolgast, den 3. Julii 1806.
Nach einer kleinen Wanderung, die ich durch unsere
anmuthige Insel Rügen gemacht hatte, wo der stille Ernst des Meeres von
den freundlichen Halbinseln und Thälern, Hügeln und Felsen, auf
mannichfaltige Art unterbrochen wird, fand ich zu dem freundlichen
Willkommen der Meinigen, auch noch Ihren werthen Brief; und es ist eine
große Beruhigung für mich, meinen herzlichen Wunsch in Erfüllung gehen zu
sehen, daß meine Arbeiten doch auf irgend eine Art ansprechen möchten. Ich
empfinde es sehr, wie Sie ein Bestreben, was auch außer der Richtung, die
Sie der Kunst wünschen, liegt, würdigen; und es würde eben so albern sein,
Ihnen meine Ursachen, warum ich so arbeite, zu sagen, als wenn ich bereden
wollte, die meinige wäre die rechte.
Wenn die Praktik für jeden mit so großen
Schwierigkeiten verbunden ist, so ist sie es in unsern Zeiten im höchsten
Grade. Für den aber, der in einem Alter, wo der Verstand schon eine große
Oberhand erlangt hat, erst anfängt, sich in den Anfangsgründen zu üben,
wird es unmöglich, ohne zu Grunde zu gehen, aus seiner Individualität
heraus sich in ein allgemeines Bestreben zu versetzen.
Derjenige, der, indem er sich in der unendlichen
Fülle von Leben, die um ihn ausgebreitet ist, verliert, und
unwiderstehlich dadurch zum Nachbilden angereizt wird, sich von dem
totalen Eindrucke eben so gewaltig ergriffen fühlt, wird gewiß auf eben
die Weise, wie er in das Charakteristische der Einzelnheiten eingeht, auch
in das Verhältniß, die Natur und die Kräfte der großen Massen einzudringen
suchen.
Wer in dem beständigen Gefühl, wie alles bis in’s
kleinste Detail lebendig ist, und auf einander wirkt, die großen Massen
betrachtet, kann solche nicht ohne eine besondere Connexion oder
Verwandtschaft sich denken, noch viel weniger darstellen, ohne sich auf
die Grundursachen einzulassen. Und thut er dieß, so kann er nicht eher
wieder zu der ersten Freiheit gelangen, wenn er sich nicht gewissermaßen
bis auf den reinen Grund durchgearbeitet hat.
Um es deutlicher zu machen, wie ich es meine: ich
glaube, daß die alten deutschen Künstler, wenn sie etwas von der Form
gewußt hätten, die Unmittelbarkeit und Natürlichkeit des Ausdrucks in
ihren Figuren würden verloren haben, bis sie in dieser Wissenschaft einen
gewissen Grad erlangt hätten.
Es hat manchen Menschen gegeben, der aus freier
Faust Brücken und Hängewerke und gar künstliche Sachen gebaut hat. Es geht
auch wohl eine Zeit lang, wann er aber zu einer gewissen Höhe gekommen und
er von selbst auf mathematische Schlüsse verfällt, so ist sein ganzes
Talent fort, er arbeite sich denn durch die Wissenschaft durch wieder in
die Freiheit hinein.
So ist es mir unmöglich gewesen, seit ich zuerst
mich über die besondern Erscheinungen bei der Mischung der drei Farben
verwunderte, mich zu beruhigen, bis ich ein gewisses Bild von der ganzen
Farbenwelt hatte, welches groß genug wäre, um alle Verwandlungen und
Erscheinungen in sich zu schließen.
Es ist ein sehr natürlicher Gedanke für einen
Mahler, wenn er zu wissen begehrt, indem er eine schöne Gegend sieht, oder
auf irgend eine Art von einem Effect in der Natur angesprochen wird, aus
welchen Stoffen gemischt dieser Effect wieder zu geben wäre. Dieß hat mich
wenigstens angetrieben, die Eigenheiten der Farben zu studiren, und ob es
möglich wäre, so tief einzudringen in ihre Kräfte, damit es mir deutlicher
würde, was sie leisten, oder was durch sie gewirkt wird, oder was auf sie
wirkt. Ich hoffe, daß Sie mit Schonung einen Versuch ansehen, den ich bloß
aufschreibe, um Ihnen meine Ansicht deutlich zu machen, die, wie ich doch
glaube, sich praktisch nur ganz auszusprechen vermag. Indeß hoffe ich
nicht, daß es für die Mahlerei unnütz ist, oder nur entbehrt werden kann,
die Farben von dieser Seite anzusehen; auch wird diese Ansicht den
physikalischen Versuchen, etwas Vollständiges über die Farben zu erfahren,
weder widersprechen, noch sie unnöthig machen.
Da ich Ihnen hier aber keine unumstößlichen Beweise
vorlegen kann, weil diese auf eine vollständige Erfahrung begründet sein
müssen, so bitte ich nur, daß Sie auf Ihr eignes Gefühl sich reduciren
möchten, um zu verstehen, wie ich meinte, daß ein Mahler mit keinen andern
Elementen zu thun hätte, als mit denen, die Sie hier angegeben finden.
1) Drei Farben, Gelb, Roth und Blau, gibt es
bekanntlich nur, wenn wir diese in ihrer ganzen Kraft annehmen, und
stellen sie uns wie einen Cirkel vor, z. B. (siehe die Tafeln)
Roth
Orange
Violett
Gelb
Blau
Grün
so bilden sich aus den drei Farben Gelb, Roth und
Blau drei Übergänge, Orange, Violett und Grün (ich heiße alles Orange, was
zwischen Gelb und Roth fällt, oder was von Gelb oder Roth aus sich nach
diesen Seiten hinneigt) und diese sind in ihrer mittleren Stellung am
brillantesten und die reinen Mischungen der Farben.
2) Wenn man sich ein bläuliches Orange, ein
röthliches Grün oder ein gelbliches Violett denken will, wird einem so zu
Muthe wie bei einem südwestlichen Nordwinde. Wie sich aber ein warmes
Violett erklären läßt, gibt es im Verfolg vielleicht Materie.
3) Zwei reine Farben wie Gelb und Roth geben eine
reine Mischung Orange. Wenn man aber zu solcher Blau mischt, so wird sie
beschmutzt, also daß wenn sie zu gleichen Theilen geschieht, alle Farbe in
ein unscheinendes Grau aufgehoben ist.
Zwei reine Farben lassen sich mischen, zwei
Mittelfarben aber heben sich einander auf oder beschmutzen sich, da ein
Theil von der dritten Farbe hinzugekommen ist.
Wenn die drei reinen Farben sich einander aufheben
in Grau, so thun die drei Mischungen, Orange, Violett und Grün dasselbe in
ihrer mittlern Stellung, weil die drei Farben wieder gleich stark darin
sind.
Da nun in diesem ganzen Kreise nur die reinen
Übergänge der drei Farben liegen und sie durch ihre Mischung nur den
Zusatz von Grau erhalten, so liegt außer ihnen zur größern
Vervielfältigung noch Weiß und Schwarz.
4) Das Weiß macht durch seine Beimischung alle
Farben matter, und wenn sie gleich heller werden, so verlieren sie doch
ihre Klarheit und Feuer.
5) Schwarz macht alle Farben schmutzig, und wenn es
solche gleich dunkler macht, so verlieren sie eben so wohl ihre Reinheit
und Klarheit.
6) Weiß und Schwarz mit einander gemischt gibt Grau.
7) Man empfindet sehr leicht, daß in dem Umfang von
den drei Farben nebst Weiß und Schwarz der durch unsre Augen empfundene
Eindruck der Natur in seinen Elementen nicht erschöpft ist. Da Weiß die
Farben matt, und Schwarz sie schmutzig macht, werden wir daher geneigt,
ein Hell und Dunkel anzunehmen. Die folgenden Betrachtungen werden uns
aber zeigen, in wiefern sich hieran zu halten ist.
8) Es ist in der Natur außer dem Unterschied von
Heller und Dunkler in den reinen Farben noch ein andrer wichtiger
auffallend. Wann wir z. B. in einer Helligkeit und in einer Reinheit
rothes Tuch, Papier, Taft, Atlas oder Sammet, das Rothe des Abendroths
oder rothes durchsichtiges Glas annehmen, so ist da noch ein Unterschied,
der in der Durchsichtigkeit oder Undurchsichtigkeit der Materie liegt.
9) Wenn wir die drei Farben Roth, Blau und Gelb
undurchsichtig zusammen mischen, so entsteht ein Grau, welches Grau eben
so aus Weiß und Schwarz gemischt werden kann.
10) Wenn man diese drei Farben durchsichtig also
mischt, daß keine überwiegend ist, so erhält man eine Dunkelheit, die
durch keine von den andern Theilen hervorgebracht werden kann.
11) Weiß sowohl als Schwarz sind beide
undurchsichtig oder körperlich. Man darf sich an den Ausdruck weißes Glas
nicht stoßen, womit man klares meint. Weißes Wasser wird man sich nicht
denken können, was rein ist, so wenig wie klare Milch. Wenn das Schwarze
bloß dunkel machte, so könnte es wohl klar sein, da es aber schmutzt, so
kann es solches nicht.
12) Die undurchsichtigen Farben stehen zwischen dem
Weißen und Schwarzen; sie können nie so hell wie Weiß und nie so dunkel
wie Schwarz sein.
13) Die durchsichtigen Farben sind in ihrer
Erleuchtung wie in ihrer Dunkelheit gränzenlos, wie Feuer und Wasser als
ihre Höhe und ihre Tiefe angesehen werden kann.
14) Das Product der drei undurchsichtigen Farben,
Grau, kann durch das Licht nicht wieder zu einer Reinheit kommen, noch
durch eine Mischung dazu gebracht werden; es verbleicht entweder zu Weiß
oder verkohlt sich zu Schwarz.
15) Drei Stücken Glas von den drei reinen
durchsichtigen Farben würden auf einander gelegt eine Dunkelheit
hervorbringen, die tiefer wäre als jede Farbe einzeln, nämlich so: Drei
durchsichtige Farben zusammen geben eine farblose Dunkelheit, die tiefer
ist, als irgend eine von den Farben. Gelb ist z. E. die hellste und
leuchtendste unter den drei Farben, und doch, wenn man zu ganz dunklem
Violett so viel Gelb mischt, bis sie sich einander aufheben, so ist die
Dunkelheit in hohem Grade verstärkt.
16) Wenn man ein dunkles durchsichtiges Glas, wie es
allenfalls bei den optischen Gläsern ist, nimmt, und von der halben Dicke
eine polirte Steinkohle, und legt beide auf einen weißen Grund, so wird
das Glas heller erscheinen; verdoppelt man aber beide, so muß die
Steinkohle stille stehen, wegen der Undurchsichtigkeit; das Glas wird aber
bis in’s Unendliche sich verdunkeln, obwohl für unsre Augen nicht
sichtbar. Eine solche Dunkelheit können eben sowohl die einzelnen
durchsichtigen Farben erreichen, so daß Schwarz dagegen nur wie ein
schmutziger Fleck erscheint.
17) Wenn wir ein solches durchsichtiges Product der
drei durchsichtigen Farben auf die Weise verdünnen und das Licht
durchscheinen ließen, so wird es auch eine Art Grau geben, die aber sehr
verschieden von der Mischung der drei undurchsichtigen Farben sein würde.
18) Die Helligkeit an einem klaren Himmel bei
Sonnenaufgang dicht um die Sonne herum, oder vor der Sonne her kann so
groß sein, daß wir sie kaum ertragen können. Wenn wir nun von dieser dort
vorkommenden farblosen Klarheit als einem Product von den drei Farben auf
diese schließen wollten, so würden diese so hell sein müssen, und so sehr
über unsere Kräfte weggerückt, daß sie für uns dasselbe Geheimniß blieben,
wie die in der Dunkelheit versunkenen.
19) Nun merken wir aber auch, daß die Helligkeit
oder Dunkelheit nicht in den Vergleich oder Verhältniß zu den
durchsichtigen Farben zu setzen sei, wie das Schwarz und Weiß zu den
undurchsichtigen. Sie ist vielmehr eine Eigenschaft und eins mit der
Klarheit und mit der Farbe. Man stelle sich einen reinen Rubin vor, so
dick oder so dünn man will, so ist das Roth eins und dasselbe, und ist
also nur ein durchsichtiges Roth, welches hell oder dunkel wird, je
nachdem es vom Licht erweckt oder verlassen wird. Das Licht entzündet
natürlich eben so das Product dieser Farben in seiner Tiefe und erhebt es
zu einer leuchtenden Klarheit, die jede Farbe durchscheinen läßt. Diese
Erleuchtung, der sie fähig ist, indem das Licht sie zu immer höherem Brand
entzündet, macht, daß sie oft unbemerkt um uns wogt und in tausend
Verwandlungen die Gegenstände zeigt, die durch eine einfache Mischung
unmöglich wären, und alles in seiner Klarheit läßt und noch erhöht. So
können wir über die gleichgültigsten Gegenstände oft einen Reiz verbreitet
sehen, der meist mehr in der Erleuchtung der zwischen uns und dem
Gegenstand befindlichen Luft liegt, als in der Beleuchtung seiner Formen.
20) Das Verhältniß des Lichts zur durchsichtigen
Farbe ist, wenn man sich darein vertieft, unendlich reizend, und das
Entzünden der Farben und das Verschwimmen in einander und Wiederentstehen
und Verschwinden ist wie das Odemholen in großen Pausen von Ewigkeit zu
Ewigkeit vom höchsten Licht bis in die einsame und ewige Stille in den
allertiefsten Tönen.
21) Die undurchsichtigen Farben stehen wie Blumen
dagegen, die es nicht wagen, sich mit dem Himmel zu messen, und doch mit
der Schwachheit von der einen Seite, dem Weißen, und dem Bösen, dem
Schwarzen, von der andern zu thun haben.
22) Diese sind aber gerade fähig, wenn sie sich
nicht mit Weiß noch Schwarz vermischen, sondern dünn darüber gezogen
werden, so anmuthige Variationen und so natürliche Effecte
hervorzubringen, daß sich an ihnen gerade der praktische Gebrauch der
Ideen halten muß, und die durchsichtigen am Ende nur wie Geister ihr Spiel
darüber haben, und nur dienen, um sie zu heben und zu erhöhen in ihrer
Kraft.
Der feste Glaube an eine bestimmte geistige
Verbindung in den Elementen kann dem Mahler zuletzt einen Trost und
Heiterkeit mittheilen, den er auf keine andre Art zu erlangen im Stande
ist; da sein eignes Leben sich so in seiner Arbeit verliert und Materie,
Mittel und Ziel in eins zuletzt in ihm eine Vollendung hervorbringt, die
gewiß durch ein stets fleißiges und getreues Bestreben hervorgebracht
werden muß, so daß es auch auf andere nicht ohne wohlthätige Wirkung
bleiben kann.
Wenn ich die Stoffe, womit ich arbeite, betrachte,
und ich halte sie an den Maßstab dieser Qualitäten, so weiß ich bestimmt,
wo und wie ich sie anwenden kann, da kein Stoff, den wir verarbeiten, ganz
rein ist. Ich kann mich hier nicht über die Praktik ausbreiten, weil es
erstlich zu weitläuftig wäre, auch ich bloß im Sinne gehabt habe, Ihnen
den Standpunct zu zeigen, von welchem ich die Farben betrachte.
Ü
Þ |