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Literatur
Johann Wolfgang von Goethe
Zur
Farbenlehre
Zueignung
Vorwort
Inhalt
Didaktischer Theil
Einleitung
1. Physiologische Farben
2. Physische Farben
3. Chemische Farben
4. Allgemeine Ansichten
5. Nachbarliche
Verhältnisse
6. Sinn.-sitt. Wirkung
Zugabe
Schlusswort |
Schlusswort.
Indem ich diese Arbeit, welche mich lange genug
beschäftigt, doch zuletzt nur als Entwurf gleichsam aus dem Stegreife
herauszugeben im Falle bin, und nun die vorstehenden gedruckten Bogen
durchblättere, so erinnere ich mich des Wunsches, den ein sorgfältiger
Schriftsteller vormals geäußert, daß er seine Werke lieber zuerst in’s
Concept gedruckt sähe, um alsdann auf’s neue mit frischem Blick an das
Geschäft zu gehen, weil alles Mangelhafte uns im Drucke deutlicher
entgegen komme, als selbst in der saubersten Handschrift.
Um wie lebhafter mußte bei mir dieser Wunsch
entstehen, da ich nicht einmal eine völlig reinliche Abschrift vor dem
Druck durchgehen konnte, da die successive Redaction dieser Blätter in
eine Zeit fiel, welche eine ruhige Sammlung des Gemüths unmöglich machte.
Wie vieles hätte ich daher meinen Lesern zu sagen,
wovon sich doch manches schon in der Einleitung findet. Ferner wird man
mir vergönnen, in der Geschichte der Farbenlehre auch meiner Bemühungen
und der Schicksale zu gedenken, welche sie erduldeten.
Hier aber stehe wenigstens eine Betrachtung
vielleicht nicht am unrechten Orte, die Beantwortung der Frage, was kann
derjenige, der nicht im Fall ist, sein ganzes Leben den Wissenschaften zu
widmen, doch für die Wissenschaften leisten und wirken? was kann er als
Gast in einer fremden Wohnung zum Vortheile der Besitzer ausrichten?
Wenn man die Kunst in einem höhern Sinne betrachtet,
so möchte man wünschen, daß nur Meister sich damit abgäben, daß die
Schüler auf das strengste geprüft würden, daß Liebhaber sich in einer
ehrfurchtsvollen Annäherung glücklich fühlten. Denn das Kunstwerk soll aus
dem Genie entspringen, der Künstler soll Gehalt und Form aus der Tiefe
seines eigenen Wesens hervorrufen, sich gegen den Stoff beherrschend
verhalten, und sich der äußern Einflüsse nur zu seiner Ausbildung
bedienen.
Wie aber dennoch aus mancherlei Ursachen schon der
Künstler den Dilettanten zu ehren hat, so ist es bei wissenschaftlichen
Gegenständen noch weit mehr der Fall, daß der Liebhaber etwas Erfreuliches
und Nützliches zu leisten im Stande ist. Die Wissenschaften ruhen weit
mehr auf der Erfahrung als die Kunst, und zum Erfahren ist gar mancher
geschickt. Das Wissenschaftliche wird von vielen Seiten zusammengetragen,
und kann vieler Hände, vieler Köpfe nicht entbehren. Das Wissen läßt sich
überliefern, diese Schätze können vererbt werden; und das von Einem
Erworbene werden manche sich zueignen. Es ist daher niemand, der nicht
seinen Beitrag den Wissenschaften anbieten dürfte. Wie vieles sind wir
nicht dem Zufall, dem Handwerk, einer augenblicklichen Aufmerksamkeit
schuldig. Alle Naturen, die mit einer glücklichen Sinnlichkeit begabt
sind, Frauen, Kinder sind fähig, uns lebhafte und wohlgefaßte Bemerkungen
mitzutheilen.
In der Wissenschaft kann also nicht verlangt werden,
daß derjenige, der etwas für sie zu leisten gedenkt, ihr das ganze Leben
widme, sie ganz überschaue und umgehe; welches überhaupt auch für den
Eingeweihten eine hohe Forderung ist. Durchsucht man jedoch die Geschichte
der Wissenschaften überhaupt, besonders aber die Geschichte der
Naturwissenschaft; so findet man, daß manches Vorzüglichere von Einzelnen
in einzelnen Fächern, sehr oft von Laien geleistet worden.
Wohin irgend die Neigung, Zufall oder Gelegenheit
den Menschen führt, welche Phänomene besonders ihm auffallen, ihm einen
Antheil abgewinnen, ihn festhalten, ihn beschäftigen, immer wird es zum
Vortheil der Wissenschaft sein. Denn jedes neue Verhältniß, das an den Tag
kommt, jede neue Behandlungsart, selbst das Unzulängliche, selbst der
Irrthum ist brauchbar, oder aufregend und für die Folge nicht verloren.
In diesem Sinne mag der Verfasser denn auch mit
einiger Beruhigung auf seine Arbeit zurücksehen; in dieser Betrachtung
kann er wohl einigen Muth schöpfen zu dem, was zu thun noch übrig bleibt,
und, zwar nicht mit sich selbst zufrieden, doch in sich selbst getrost,
das Geleistete und zu Leistende einer theilnehmenden Welt und Nachwelt
empfehlen.
Multi pertransibunt et augebitur
sciontia.
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