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Goethe
Werke
Zur
Farbenlehre
Zueignung
Vorwort
Inhalt
Didaktischer Theil
Einleitung
1. Physiol. F.
2. Phys. F.
3. Chem. F.
4. Allg. Ans.
5. Verhältnisse
6. Wirkung
Zugabe
Schlusswort
Polemischer Theil
Einleitung
Zwischenrede
New. Optik 1.
New. Optik 2.
Abschluß
Tafeln |
Entwurf
einer
Farbenlehre.
Si vera nostra sum aut falsa, erunt talia, licet
nostra per vitam defendimus. Post fata nostra pueri qui nunc ludunt nostri
judices erunt.
Des Ersten Bandes
Erster, didaktischer Theil.
Einleitung.
Die Lust zum Wissen wird bei dem Menschen zuerst
dadurch angeregt, daß er bedeutende Phänomene gewahr wird, die seine
Aufmerksamkeit an sich ziehen. Damit nun diese dauernd bleibe, so muß sich
eine innigere Theilnahme finden, die uns nach und nach mit den
Gegenständen bekannter macht. Alsdann bemerken wir erst eine große
Mannichfaltigkeit, die uns als Menge entgegendringt. Wir sind genöthigt,
zu sondern, zu unterscheiden und wieder zusammenzustellen; wodurch zuletzt
eine Ordnung entsteht, die sich mit mehr oder weniger Zufriedenheit
übersehen läßt.
Dieses in irgend einem Fache nur einigermaßen zu
leisten, wird eine anhaltende strenge Beschäftigung nöthig. Deßwegen
finden wir, daß die Menschen lieber durch eine allgemeine theoretische
Ansicht, durch irgend eine Erklärungsart die Phänomene bei Seite bringen,
anstatt sich die Mühe zu geben, das Einzelne kennen zu lernen und ein
Ganzes zu erbauen.
Der Versuch, die Farbenerscheinungen auf- und
zusammenzustellen ist nur zweimal gemacht worden, das erstemal von
Theophrast, sodann von Boyle. Dem gegenwärtigen wird man die dritte Stelle
nicht streitig machen.
Das nähere Verhältniß erzählt uns die Geschichte.
Hier sagen wir nur so viel, daß in dem verflossenen Jahrhundert an eine
solche Zusammenstellung nicht gedacht werden konnte, weil Newton seiner
Hypothese einen verwickelten und abgeleiteten Versuch zum Grund gelegt
hatte, auf welchen man die übrigen zudringenden Erscheinungen, wenn man
sie nicht verschweigen und beseitigen konnte, künstlich bezog und sie in
ängstlichen Verhältnissen umherstellte; wie etwa ein Astronom verfahren
müßte, der aus Grille den Mond in die Mitte unseres Systems setzen möchte.
Er wäre genöthigt, die Erde, die Sonne mit allen übrigen Planeten um den
subalternen Körper herum zu bewegen, und durch künstliche Berechnungen und
Vorstellungsweisen das Irrige seines ersten Annehmens zu verstecken und zu
beschönigen.
Schreiten wir nun in Erinnerung dessen, was wir oben
vorwortlich beigebracht, weiter vor. Dort setzten wir das Licht als
anerkannt voraus, hier thun wir ein Gleiches mit dem Auge. Wir sagten: die
ganze Natur offenbare sich durch die Farbe dem Sinne des Auges. Nunmehr
behaupten wir, wenn es auch einigermaßen sonderbar klingen mag, daß das
Auge keine Form sehe, indem Hell, Dunkel und Farbe zusammen allein
dasjenige ausmachen, was den Gegenstand vom Gegenstand, die Theile des
Gegenstandes von einander, für’s Auge unterscheidet. Und so erbauen wir
aus diesen dreien die sichtbare Welt und machen dadurch zugleich die
Mahlerei möglich, welche auf der Tafel eine weit vollkommner sichtbare
Welt, als die wirkliche sein kann, hervorzubringen vermag.
Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken. Aus
gleichgültigen thierischen Hülfsorganen ruft sich das Licht ein Organ
hervor, das seines Gleichen werde; und so bildet sich das Auge am Lichte
für’s Licht, damit das innere Licht dem äußeren entgegentrete.
Hierbei erinnern wir uns der alten ionischen Schule,
welche mit so großer Bedeutsamkeit immer wiederholte: nur von Gleichem
werde Gleiches erkannt; wie auch der Worte eines alten Mystikers, die wir
in deutschen Reimen folgendermaßen ausdrücken möchten:
Wär’ nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?
Lebt’ nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt’ uns Göttliches entzücken?
Jene unmittelbare Verwandtschaft des Lichts und des
Auges wird niemand läugnen, aber sich beide zugleich als eins und dasselbe
zu denken, hat mehr Schwierigkeit. Indessen wird es faßlicher, wenn man
behauptet, im Auge wohne ein ruhendes Licht, das bei der mindesten
Veranlassung von innen oder von außen erregt werde. Wir können in der
Finsterniß durch Forderungen der Einbildungskraft uns die hellsten Bilder
hervorrufen. Im Traume erscheinen uns die Gegenstände wie am vollen Tage.
Im wachenden Zustande wird uns die leiseste äußere Lichteinwirkung
bemerkbar; ja wenn das Organ einen mechanischen Anstoß erleidet, so
springen Licht und Farben hervor.
Vielleicht aber machen hier diejenigen, welche nach
einer gewissen Ordnung zu verfahren pflegen, bemerklich, daß wir ja noch
nicht einmal entschieden erklärt, was denn Farbe sei? Dieser Frage möchten
wir gar gern hier abermals ausweichen und uns auf unsere Ausführung
berufen, wo wir umständlich gezeigt, wie sie erschiene. Denn es bleibt uns
auch hier nichts übrig, als zu wiederholen: die Farbe sei die gesetzmäßige
Natur in Bezug auf den Sinn des Auges. Auch hier müssen wir annehmen, daß
jemand diesen Sinn habe, daß jemand die Einwirkung der Natur auf diesen
Sinn kenne: denn mit dem Blinden läßt sich nicht von der Farbe reden.
Damit wir aber nicht gar zu ängstlich eine Erklärung
zu vermeiden scheinen, so möchten wir das Erstgesagte folgendermaßen
umschreiben. Die Farbe sei ein elementares Naturphänomen für den Sinn des
Auges, das sich, wie die übrigen alle, durch Trennung und Gegensatz, durch
Mischung und Vereinigung, durch Erhöhung und Neutralisation, durch
Mittheilung und Vertheilung und so weiter manifestirt, und unter diesen
allgemeinen Naturformeln am besten angeschaut und begriffen werden kann.
Diese Art sich die Sache vorzustellen, können wir
niemand aufdringen. Wer sie bequem findet, wie wir, wird sie gern in sich
aufnehmen. Eben so wenig haben wir Lust, sie künftig durch Kampf und
Streit zu vertheidigen. Denn es hatte von jeher etwas gefährliches, von
der Farbe zu handeln, dergestalt daß einer unserer Vorgänger gelegentlich
gar zu äußern wagt: Hält man dem Stier ein rothes Tuch vor, so wird er
wüthend; aber der Philosoph, wenn man nur überhaupt von Farbe spricht,
fängt an zu rasen.
Sollen wir jedoch nunmehr von unserem Vortrag, auf
den wir uns berufen, einige Rechenschaft geben, so müssen wir vor allen
Dingen anzeigen, wie wir die verschiedenen Bedingungen, unter welchen die
Farbe sich zeigen mag, gesondert. Wir fanden dreierlei Erscheinungsweisen,
dreierlei Arten von Farben, oder wenn man lieber will, dreierlei Ansichten
derselben, deren Unterschied sich aussprechen läßt.
Wir betrachteten also die Farben zuerst, in sofern
sie dem Auge angehören und auf einer Wirkung und Gegenwirkung desselben
beruhen; ferner zogen sie unsere Aufmerksamkeit an sich, indem wir sie an
farblosen Mitteln oder durch deren Beihülfe gewahrten; zuletzt aber wurden
sie uns merkwürdig, indem wir sie als den Gegenständen angehörig denken
konnten. Die ersten nannten wir physiologische, die zweiten physische, die
dritten chemische Farben. Jene sind unaufhaltsam flüchtig, die andern
vorübergehend, aber allenfalls verweilend, die letzten festzuhalten bis
zur spätesten Dauer.
Indem wir sie nun in solcher naturgemäßen Ordnung,
zum Behuf eines didaktischen Vortrags, möglichst sonderten und aus
einander hielten, gelang es uns zugleich, sie in einer stetigen Reihe
darzustellen, die flüchtigen mit den verweilenden und diese wieder mit den
dauernden zu verknüpfen, und so die erst sorgfältig gezogenen Abtheilungen
für ein höheres Anschauen wieder aufzuheben.
Hierauf haben wir in einer vierten Abtheilung
unserer Arbeit, was bis dahin von den Farben unter mannichfaltigen
besonderen Bedingungen bemerkt worden, im Allgemeinen ausgesprochen und
dadurch eigentlich den Abriß einer künftigen Farbenlehre entworfen.
Gegenwärtig sagen wir nur so viel voraus, daß zur Erzeugung der Farbe
Licht und Finsterniß, helles und Dunkles, oder, wenn man sich einer
allgemeineren Formel bedienen will, Licht und Nichtlicht gefordert werde.
Zunächst am Licht entsteht uns eine Farbe, die wir Gelb nennen, eine
andere zunächst an der Finsterniß, die wir mit dem Worte Blau bezeichnen.
Diese beiden, wenn wir sie in ihrem reinsten Zustand dergestalt
vermischen, daß sie sich völlig das Gleichgewicht halten, bringen eine
dritte hervor, welche wir Grün heißen. Jene beiden ersten Farben können
aber auch jede an sich selbst eine neue Erscheinung hervorbringen, indem
sie sich verdichten oder verdunkeln. Sie erhalten ein röthliches Ansehen,
welches sich bis auf einen so hohen Grad steigern kann, daß man das
ursprüngliche Blau und Geld kaum darin mehr erkennen mag. Doch läßt sich
das höchste und reine Roth, vorzüglich in physischen Fällen, dadurch
hervorbringen, daß man die beiden Enden des Gelbrothen und Blaurothen
vereinigt. Dieses ist die lebendige Ansicht der Farbenerscheinung und
–Erzeugung. Man kann aber auch zu dem specificirt fertigen Blauen und
Gelben ein fertiges Roth annehmen, und rückwärts durch Mischung
hervorbringen, was wir vorwärts durch Intensiren bewirkt haben. Mit diesen
drei oder sechs Farben, welche sich bequem in einen Kreis einschließen
lassen, hat die Elementare Farbenlehre allein zu thun. Alle übrigen in’s
Unendliche gehenden Abänderungen gehören mehr in das Angewandte, gehören
zur Technik des Mahlers, des Färbers, überhaupt in’s Leben.
Sollen wir sodann noch eine allgemeine Eigenschaft
aussprechen, so sind die Farben durchaus als Halblichter, als Halbschatten
anzusehen, weßhalb sie denn auch, wenn sie zusammengemischt ihre
specifischen Eigenschaften wechselseitig aufheben, ein Schattiges, ein
Graues hervorbringen.
In unserer fünften Abtheilung sollten sodann jene
nachbarlichen Verhältnisse dargestellt werden, in welchen unsere
Farbenlehre mit dem übrigen Wissen, Thun und Treiben zu stehen wünschte.
So wichtig diese Abtheilung ist, so mag sie vielleicht gerade eben
deßwegen nicht zum besten gelungen sein. Doch wenn man bedenkt, daß
eigentlich nachbarliche Verhältnisse sich nicht eher aussprechen lassen,
als bis sie sich gemacht haben, so kann man sich über das Mißlingen eines
solchen ersten Versuches wohl trösten. Denn freilich ist erst abzuwarten,
wie diejenigen, denen wir zu dienen suchten, denen wir etwas Gefälliges
und Nützliches zu erzeigen dachten, das von uns möglichst Geleistete
aufnehmen werden, ob sie sich es zueignen, ob sie es benutzen und weiter
führen, oder ob sie es ablehnen, wegdrängen und nothdürftig für sich
bestehen lassen. Indessen dürfen wir sagen, was wir glauben und was wir
hoffen.
Vom Philosophen glauben wir Dank zu verdienen, daß
wir gesucht die Phänomene bis zu ihren Urquellen zu verfolgen, bis
dorthin, wo sie bloß erschienen und sind, und wo sich nichts weiter an
ihnen erklären läßt. Ferner wird ihm willkommen sein, daß wir die
Erscheinungen in eine leicht übersehbare Ordnung gestellt, wenn er diese
Ordnung selbst auch nicht ganz billigen sollte.
Den Arzt, besonders denjenigen, der das Organ des
Auges zu beobachten, es zu erhalten, dessen Mängeln abzuhelfen und dessen
Übel zu heilen berufen ist, glauben wir uns vorzüglich zum Freunde zu
machen. In der Abtheilung von den physiologischen Farben, in dem Anhange,
der die pathologischen andeutet, findet er sich ganz zu Hause. Und wir
werden gewiß durch die Bemühungen jener Männer, die zu unserer Zeit dieses
Fach mit Glück behandeln, jene erste, bisher vernachlässigte und man kann
wohl sagen wichtigste Abtheilung der Farbenlehre ausführlich bearbeitet
sehen.
Am Freundlichsten sollte der Physiker uns
entgegenkommen, da wir ihm die Bequemlichkeit verschaffen, die Lehre von
den Farben in der Reihe aller übrigen elementaren Erscheinungen
vorzutragen und sich dabei einer übereinstimmenden Sprache, ja fast
derselbigen Worte und Zeichen, wie unter den übrigen Rubriken, zu
bedienen. Freilich machen wir ihm, insofern er Lehrer ist, etwas mehr
Mühe: denn das Capitel von den Farben läßt sich künftig nicht wie bisher
mit wenig Paragraphen und versuchen abthun; auch wird sich der Schüler
nicht leicht so grugal, als man ihn sonst bedienen mögen, ohne Murren
abspeisen lassen. Dagegen findet sich späterhin ein anderer Vortheil. Denn
wenn die Newtonische Lehre leicht zu lernen war, so zeigten sich bei ihrer
Anwendung unüberwindliche Schwierigkeiten. Unsere Lehre ist vielleicht
schwerer zu fassen, aber alsdann ist auch alles gethan: denn sie führt
ihre Anwendung mit sich.
Der Chemiker, welcher auf die Farben als Kriterien
achtet, um die geheimern Eigenschaften körperlicher Wesen zu entdecken,
hat bisher bei Benennung und Bezeichnung der Farben manches Hinderniß
gefunden; ja man ist nach einer näheren und feineren Betrachtung bewogen
worden, die Farbe als ein unsicheres und trügliches Kennzeichen bei
chemischen Operationen anzusehen. Doch hoffen wir sie durch unsere
Darstellung und durch die vorgeschlagene Nomenclatur wieder zu Ehren zu
bringen, und die Überzeugung zu erwecken, daß ein Werdendes, Wachsendes,
ein Bewegliches, der Umwendung Fähiges nicht betrüglich sei, vielmehr
geschickt, die zartesten Wirkungen der Natur zu offenbaren.
Blicken wir jedoch weiter umher, so wandelt uns eine
Furcht an, dem Mathematiker zu mißfallen. Durch eine sonderbare
Verknüpfung von Umständen ist die Farbenlehre in das Reich, vor den
Gerichtsstuhl des Mathematikers gezogen worden, wohin sie nicht gehört.
Dieß geschah wegen ihrer Verwandtschaft mit den übrigen Gesetzen des
Sehens, welche der Mathematiker zu behandeln eigentlich berufen war. Es
geschah ferner dadurch, daß ein großer Mathematiker die Farbenlehre
bearbeitete, und da er sich als Physiker geirrt hatte, die ganze Kraft
seines Talents aufbot, um diesem Irrthum Consistenz zu verschaffen. Wird
beides eingesehen, so muß jedes Mißverständniß bald gehoben sein, und der
Mathematiker wird gern, besonders die physische Abtheilung der
Farbenlehre, mit bearbeiten helfen.
Dem Techniker, dem Färber hingegen, muß unsre Arbeit
durchaus willkommen sein. Denn gerade diejenigen, welche über die
Phänomene der Färberei nachdachten, waren am wenigsten durch die bisherige
Theorie befriedigt. Sie waren die ersten, welche die Unzulänglichkeit der
Newtonischen Lehre gewahr wurden. Denn es ist ein großer Unterschied, von
welcher Seite man sich einem Wissen, einer Wissenschaft nähert, durch
welche Pforte man herein kommt. Der echte Praktiker, der Fabricant, dem
sich die Phänomene täglich mit Gewalt aufdringen, welcher Nutzen oder
Schaden von der Ausübung seiner Überzeugungen empfindet, dem Geld- und
Zeitverlust nicht gleichgültig ist, der vorwärts will, von anderen
geleistetes erreichen, übertreffen soll; er empfindet viel geschwinder das
Hohle, das Falsche einer Theorie, als der Gelehrte, dem zuletzt die
hergebrachten Worte für baare Münze gelten, als der Mathematiker, dessen
Formel immer noch richtig bleibt, wenn auch die Unterlage nicht zu ihr
paßt, auf die sie angewendet worden. Und so werden auch wir, da wir von
der Seite der Mahlerei, von der Seite ästhetischer Färbung der
Oberflächen, in die Farbenlehre hereingekommen, für den Mahler das
Dankenswerthheste geleistet haben, wenn wir in der sechsten Abtheilung die
sinnlichen und sittlichen Wirkungen der Farbe zu bestimmen gesucht, und
sie dadurch dem Kunstgebrauch annähern wollen. Ist auch hierbei, wie
durchaus, manches nur Skizze geblieben, so soll ja alles Theoretische
eigentlich nur die Grundzüge andeuten, auf welchen sich hernach die That
lebendig ergehen und zu gesetzlichem Hervorbringen gelangen mag.
Ü
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