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         Triumph der Empfindsamkeit
            Personen
            1. Aufzug

Erster Akt

(Saal, im guten Geschmack dekoriert.)

Mana und Sora begegnen einander.

Mana.
Wo willst du hin, Sora?

Sora.
In den Garten, Mana.

Mana.
Hast du so viel Zeit? Wir erwarten den König jeden Augenblick; verliere dich nicht vom Schlosse.

Sora.
Ich kann es unmöglich aushalten; ich bin den ganzen Tag noch nicht an die freie Luft gekommen.

Mana.
Wo ist die Prinzessin?

Sora.
In ihrem Zimmer. Sie probiert mit der kleinen Mela einen Tanz und läuft jeden Augenblick ans Fenster, zu sehen, ob der Bruder kommt.

Mana.
Es ist eine rechte Not, seitdem die großen Herren auf das Inkognito gefallen sind. Man weiß gar nicht mehr, woran man ist. Sonst wurden sie monatelang voraus angekündigt, und wenn sie sich näherten, war alles in Bewegung; die Kuriere sprengten herbei, man konnte sich schicken und richten. Jetzo, eh’ man sich’s versieht, sind sei einem auf dem Nacken. Wahrhaftig, das letzte Mal hat er mich in der Nachtmütze überrascht.

Sora.
Darum warst du heut so früh fertig?

Mana.
Ich finde keine Lust daran. – Wenn wir ein Fremder auf der Treppe begegnet, wird mir’s immer bang; ich denke gleich, es ist wieder einmal ein König oder ein Kaiser, der seinen gnädigen Spaß mit uns zu treiben kommt.

Sora.
Diesmal ist er nun gar zu Fuße. Andre lassen sich doch ins Gebirge zum Orakel in Sänften tragen, er nicht so; allein, mit einem tüchtigen Stabe in der Hand, trat er seine Reise an.

Mana.
Schade, dass er nicht zu Theseus’ Zeiten gelebt hat!

Feria tritt auf, mit ihr Mela.

Feria.
Seht ihr noch niemand? Wenn ihm nur kein Unglück begegnet ist!

Sora.
Seid ruhig, meine Fürstin! Die Gefahren und der üble Humor scheinen sich beide vor ihm zu fürchten.

Feria.
Er will mich nur einen Augenblick sprechen und dann gleich wieder fort.

Lato (tritt auf).
Der König kommt.

Feria.
Wohl! Sehr wohl!

Lato.
Ich sah hinüber in das Tal und erblickte ihn eben, als er über den Bach schritt.

Feria.
Lasst uns ihm entgegengehen.

Sora.
Da ist er.

Andrason kommt.

Feria.
Sei uns willkommen! Herzlich willkommen!

Alle.
Willkommen!

Andrason.
Ich umarme dich, meine Schwester! Ich grüße euch, meine Kinder! Eure Freude macht mich glücklich, eure Liebe tröstet mich.

Feria.
Mein Bruder, bedarfst du noch Trostes? Hat das Orakel dir keinen gegeben? Möchtest du doch immer vergnügt sein! Möchte dir doch immer wohl sein! Wir waren, seit du uns ehegestern verließest, voller Hoffnung für dich und dein Anliegen.

Mana.
Majestät! –

Andrason.
Schönheit!

Sora.
Herr!

Andrason.
Gebieterin!

Lato.
Wie soll man Euch denn nennen?

Andrason.
Ihr wisst, dass ihr keine Umstände mit mir machen sollt.

Mana (für sich).
Nur damit er auch keine mit uns zu machen braucht.

Lato.
Wir möchten von dem Orakel hören.

Sora.
Hat das Orakel nichts Gutes gesagt?

Mela.
Habt Ihr das Orakle nicht unsertwegen gefragt?

Andrason.
Liebe Kinder, das Orakel ist eben ein Orakel.

Lato.
Sonderbar!

Andrason.
Dass ein zartes Herz, voller Gefühle, Hoffnungen und Ahnungen, das einer ungewissen Zukunft sehnsuchtsvoll entgegenlebt, nach Würfeln hascht, den Becher schüttelt, Wurf über Wurf versucht und in dem Glückstäfelchen sorgfältig forscht, was ihm die Würfe bedeuten, und dann fröhlich oder traurig einen halben Tag verlebt, das mag hingehen, mag recht gut sein.

Lato (für sich).
Woher er alles weiß? Damit habe ich mich erst heute beschäftigt.

Andrason.
Dass ein schönes Kind Punkte über Punkte tüpfelt, nachschlägt und sucht, was ihr für ein Gatte werden möchte? Ob der Liebhaber treu ist? Und so weiter, das find’ ich wohlgetan.

Mela (für sich).
Er ist ein Hexenmeister! Wenn wir allein sind, wissen wir uns nichts Bessers.

Andrason.
Aber wer ein positives Übel, Zahnweh oder Unfrieden im Hause hat, der frage keinen Arzt und kein Orakel! Ihr Wissen und ihre Kunst fällt zu kurz: Dies und jenes Mittelchen und vorzüglich Geduld ist, was sie euch empfehlen.

Feria.
Kannst du, darfst du uns sagen? Hat’s dir eine Antwort gegeben? Darfst du sie entdecken?

Andrason.
Ich will sie in vier Sprachen übersetzen und an allen Landstraßen aufhängen lassen, es weiß doch kein Mensch, was es soll.

Feria.
Wie?

Andrason.
Da ich ankomme und eingeführt werde –

Sora.
Wie sieht’s im Tempel aus?

Mana.
Ist der recht prächtig?

Feria.
Ruhe, ihr Mädchen!

Andrason.
Wie mich die Priester zur heiligen Höhle bringen –

Mela.
Die ist wohl schwarz und dunkel?

Andrason.
Wie deine Augen. – Ich trete vor die Tiefe und sage klar und vernehmlich: „Geheimnisvolle Weisheit! Hier tritt ein Mann auf, der sich bisher für den Glücklichsten hielt: Denn es geht ihm nichts ab; alles, was die Götter einem Menschen Gutes zueignen können, schenkten sie mir, selbst das köstlichste aller Besitztümer versagten sie mir nicht: Ein treffliches Weib. Aber – ach! Dass Aber und Aber sich immer zu dem Danke gesellen, den wir den Göttern zu bringen haben! – Diese Frau, diese Muster der Liebe und Treue, nimmt seit kurzem unglücklicherweise an einem Menschen teil, der sich ihr aufdringt, und der mir verhasst ist. Dir, hohe Weisheit, der alles bekannt ist, sag’ ich nichts weiter und bitte: Enthülle mir mein Schicksal! Gib mir Rat und, was mehr ist, Hilfe!“ – Ich dächte, das hieße sich deutlich erklären?

Lato.
Wir verstehn es wohl.

Feria.
Und die Antwort?

Andrason.
Wer sagen könnte: „Ich verstehe sie!“

Sora.
Ich bin höchst neugierig – Haben wir doch manches Rätsel erraten!

Mela.
Geschwinde!

Andrason.
Ich steh’ und horche, und es fängt von unten auf an – erst leise – dann vernehmlich – dann vernehmlicher:
   „Wenn wird ein greiflich Gespenst von schönen Händen entgeistert“ –

Alle.
Oh!

Andrason.
Gebt mir ein Licht. Das greifliche Gespenst soll entgeistert werden.

Lato.
Von schönen Händen.

Andrason.
Die fänden sich allenfalls. Ein greiflich Gespenst, das ist etwas aus der neuen Poesie, die mir immer unbegreiflich gewesen ist.

Feria.
Es ist arg.

Andrason.
Wartet nur und merkt; es kommt noch besser:
   „Wenn wird ein greiflich Gespenst von schönen Händen entgeistert,
   Und der leinene Sack seine Geweide verleiht“ –

Alle.
O! Oh! Ei! O! Ah! Ha! Ha!

Andrason.
Seht! Ein leinen Gespenst und ein greiflicher Sack und Eingeweide von schönen Händen! Nein, was zu viel ist, bleibt zu viel! Was so ein Orakel nicht alles sagen darf!

Mana.
Wiederholt es uns!

Andrason.
Nicht wahr, ihr hört gar zu gerne, was erhaben klingt, wenn ihr’s gleich nicht versteht?
   „Wenn wird ein greiflich Gespenst von schönen Händen entgeistert,
   Und der leinene Sack seine Geweide verleiht“ –
Seid ihr nun klüger, meine Lieben? Nun aber merkt auf:
   „Wird die geflickte Braut mit dem Verliebten vereinet:
   Dann kommt Ruhe und Glück, Fragender, über dein Haus.“

Sora.
Nein, das ist nicht möglich!

Andrason.
O ja; die Götter haben sich diesmal sehr ihrer poetischen Freiheit bedient.

Lato.
Habt Ihr es nicht aufgeschrieben?

Andrason.
Freilich! Hier ist die Rolle, wie ich sie aus den Händen der Priester erhielt.

Lato.
Lasst es uns lesen, vielleicht wird es uns klärer.

(Andrason bringt eine Rolle aus dem Gürtel und wickelt sie auf. Die Frauenzimmer drängen sich wechselweise zu, lesen, lachen und machen ihre Anmerkungen. Es kommt auf den guten Humor der Schauspielerinnen an, dieses munter und angenehm vorzustellen; deswegen ihnen überlassen bleibt, hier zu extemporieren. Die Hauptabsicht dieser Wiederholung ist, dass das Publikum mit dem Orakelspruch recht bekannt werde.)

Feria.
Das ist höchst sonderbar und unbegreiflich! Wie ist es dir weiter ergangen? Hast du nicht irgendeine Aufklärung gefunden?

Andrason.
Nicht Aufklärung, aber Hoffnung. Verwundert über die unverschämte Dunkelheit der Antwort, aber nicht außer Fassung gebracht, trat ich aus der Höhle. Ich sah den ältesten Priester auf einem goldenen Sessel sitzen. Ich nahte mich ihm, und indem ich einige Edelsteine in seinen Schoß legte, rief ich aus: „O, welche Fülle der Weisheit kommt uns von den Göttern! Wie erleuchtet werden wir, die wir auf dunkeln Wegen irren, durch ihre Offenbarungen! Aber nicht raten allein, helfen müssen die Unsterblichen. Der Jüngling, über den ich mich beklage, der mir das Leben verbittert, wird ehstens hier erscheinen, voll Zutrauens und Gehorsams. Möge die alles durchdringende Stimme der Götter ihn ergreifen, sein Herz fassen und ihm gebieten, nie wieder einen Fuß über meine Schwelle zu setzen! Mein Dank würde ohne Grenzen bleiben.“ – Der Alte nickte mit dem Kopfe, sein weißer Bart bewegte sich murmelnd; ich ging mit wechselnder Hoffnung und Sorgen zurück und bin nun hier.

Feria.
Möge alles zum besten ausschlagen! – Du verzeihst, Bruder: Ich muss vor Tafel mit meinen Räten, die schon lange warten, noch einige Geschäfte abtun; ich lasse dir die Kinder; unterhalte dich mit meinem muntern Geschlechte.

Andrason.
Ich danke dir, Schwester. Wenn ich dich missen soll, weiß ich nichts bessers als diese freundlichen Augen.

Feria.
Bald seh’ ich dich wieder. (Ab.)

Sora.
Sagt uns nun, Herr, was Ihr denkt.

Andrason.
Von der geflickten Braut?

Sora.
Ich meine, was Ihr tun wollt.

Andrason.
Tun, als ob das Orakle nichts gesagt hätte, mit meinem Übel beladen wieder nach Hause gehen und nach meiner Frau sehen, die ich in wunderbaren Zuständen anzutreffen fürchte.

Sora.
Was macht sie denn indessen?

Andrason.
Sie geht im Mondscheine spazieren, schlummert an Wasserfällen und hält weitläufige Unterredungen mit den Nachtigallen. Denn seitdem der Prinz weg ist, einen Zug durch seine Provinzen und hiernächst zum Orakel zu tun, ist’s nicht anders, als ob ihre Seele in einen langen Faden gezogen wäre, der bis zu ihm hinüberreichte. Eins noch, an dem sie großes Vergnügen findet, ist, dass sie Monodramen aufführt.

Mana.
Was sind das für Dinge?

Andrason.
Wenn ihr Griechisch könntet, würdet ihr gleich wissen, dass das ein Schauspiel heißt, wo nur eine Person spielt.

Lato.
Mit wem spielt sie denn?

Andrason.
Mit sich selbst, das versteht sich.

Lato.
Pfui, das muss ein langweilig Spiel sein!

Andrason.
Für den Zuschauer wohl. Denn eigentlich ist die Person nicht allein, sie spielt aber doch allein; denn es können noch mehr Personen dabei sein, Liebhaber, Kammerjungfern, Najaden, Oreaden, Hamadryaden, Ehemänner, Hofmeister; aber eigentlich spielt sie für sich, es bleibt ein Monodrama. Es ist eben eine von den neusten Erfindungen; es lässt sich nichts darüber sagen. Solche Dinge finden großen Beifall.

Sora.
Und das spielt sie ganz allein für sich?

Andrason.
O ja! Oder, wenn etwa Dolch oder Gift zu bringen ist – denn es geht meistens etwas bunt her –, wenn eine schreckliche Stimme aus dem Felsen oder durchs Schlüsselloch zu rufen hat, solche wichtige Rollen nimmt der Prinz über sich, wenn er da ist, oder in seiner Abwesenheit ihr Kammerdiener, ein sehr alberner Bursche; aber das ist eins.

Mela.
Wir wollen auch einmal so spielen.

Andrason.
Lasst’s doch gut sein und dankt Gott, dass es noch nicht bis zu euch gekommen ist! Wenn ihr spielen wollt, so spielt zu zweien wenigstens; das ist seit dem Paradiese her das Üblichste und das Gescheiteste gewesen. Nun noch eins, meine Besten, – dass wir die Zeit nicht mit fremden Dingen verplappern – meine Hoffnung, wieder glücklich zu werden, ruht nicht allein bei den Göttern, sondern auch auf euch, ihr Mädchen.

Sora.
Auf uns?

Andrason.
Ja auf euch! Und ich hoffe, ihr werdet das eure tun.

Mana.
Wie soll das werden?

Andrason.
Der Prinz, wenn er nach dem Orakel geht, wird hier vorbeikommen, euch seine Ehrerbietung zu bezeigen, wie Fremde gewöhnlich tun, die diesen Weg nehmen. Meine Schwester wird ratig sein und ihm Quartier anbieten; ihm anbieten, dass sie seine Leute, sein Gepäcke beherbergen will, indes er sich ins Gebirge nach dem Orakel tragen lässt, wo jeder, er sei, wer er wolle, allein, ohne Gefolge anlangen muss. Wenn er nun kommt, meine Besten, so sucht sein Herz zu rühren. – Ihr seid liebenswürdig. Ich will die als eine Göttin verehren, die ihn an sich zieht und mich von ihm befreit.

Sora.
Gut! Euch ist er unerträglich, und uns wollt Ihr ihn zuschieben! Wenn er uns nun auch unerträglich ist?

Andrason.
Seid ruhig, Kinder! Das findet sich. Ihr andern liebt meistenteils an den Männern, was Männer an sich untereinander nicht leiden können. Und gewiss, er ist so übel nicht und wäre, denk’ ich, noch zu kurieren.

Mela.
Wie sollen wir es denn anfangen?

Andrason.
Bravo, liebes Kind! Du zeigst doch guten Willen! Ich muss erst eure Anlagen ein wenig kennen lernen. Lasst sehn! Stellt euch vor, ich sei der Prinz; ich will ankommen, schmachtend und traurig tun – wie wollt ihr mich empfangen?

(Sie beginnen einen lebhaften Tanz.)

Andrason.
Nicht doch, Kinder, nicht doch! Meint ihr, dass alles Wild nach einer Witterung geht? Mit einem solchen Bauerntanz wollt ihr meinen sublimierten Helden gewinnen? Nein! Seht auf mich! Das muss in einem andern Geiste traktiert werden.

(Sanfte Musik.)

(Er macht ihnen die hergebrachten Bewegungen vor, womit die Schauspieler gewöhnlich die Empfindungen auszudrücken denken.)

Andrason.
Habt ihr wohl Acht gegeben, Kinder? Erstlich, immer den Leib vorwärts gebogen und mit den Knien geknickt, als wenn ihr kein Mark in den Knochen hättet! Hernach immer eine Hand an der Stirne und eine am Herzen, als wenn’s euch in Stücken springen wollte; mitunter tief Atem geholt, und so weiter. Die Schnupftücher nicht vergessen!

(Die Musik geht fort, und die Fräulein befolgen seine Vorschrift. Er stellt den Prinzen vor; bald korrigiert er sie, bald nimmt er die Person des Prinzen wieder an; endlich hört man eine Trompete in der Ferne.)

Andrason.
Aha!

Lato.
Es wird aufgetragen.

Andrason.
Es heißt zu Pferde und zu Tische! Beides eine schöne Einladung. Kommt! Diese Empfindsamkeit zuletzt hat mich hungriger gemacht als meine Reisen bisher.


Zweiter Akt

(Saal, in chinesischem Geschmack, der Grund gelb mit bunten Figuren.)

Mana und Sora.

Mana.
Nun, das heiß’ ich ein Gepäcke! Der ganze Hof ist voll Kisten, Kasten, Mantelsäcke und ungeheurer Verschläge.

Sora (läuft ans Fenster).
Wir werden ihm den ganzen Flügel des Palastes geben müssen, nur seine Sachen unterzubringen.

Mana.
Es ist abscheulich, wenn Mannspersonen reisen, als ob sie Wöchnerinnen wären. Über uns halten sie sich auf, dass, wenn wir doch auf vier Wochen ins Bad gehn, der Schachteln, Kästchen, Pappen und Wachstücher kein Ende werden will; und sich erlauben sie’s!

Sora.
Wie mehr Sachen, liebes Kind, die sie uns übel nehmen.

Ein Bedienter (kommt).
Der Kavalier des Prinzen lässt sich melden.

Mana.
Führt ihn herein. (Bedienter ab.) Sieh zu, es hat sich doch nichts an meinem Kopfputze verschoben?

Sora.
Halte! – Die Locke hier! – Er kommt.

Merkulo (tritt herein).
Vollkommene Damen! Es sind nicht viel Augenblicke meines Lebens, worin ich mich so glücklich fühlte als in dem gegenwärtigen. Sonst werden wir arme Diener meistenteils mit verdrießlichen Angelegenheiten vorgeschoben, bei angenehmen Ereignissen stehen wir zurück; aber diesmal erhebt mich mein Prinz über sich selbst, indem er mich voraus in die Wohnung des Vergnügens und der Reize sendet.

Mana.
Sie sind sehr gütig.

Sora.
Und recht willkommen. Wir haben so viel Gutes von dem Prinzen gehört, dass wir vor Neugierde brennen, ihn zu sehen.

Merkulo.
Mein Fürst ist glücklich, dass er schon in der Entfernung Ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen können; und wenn er, wie ich nicht anders hoffe, durch seine Gegenwart Ihre Gunst erhalten sollte: So kann er sich als den glücklichsten der Menschen preisen. Dürfte ich nicht indes Ihrer Prinzessin aufwarten, an die er mir eine Unzahl Verbindlichkeiten aufgetragen hat?

Mana.
Sie werden ihr bald vorgestellt werden können. Sie hat uns befohlen, Ihnen diese und die anstoßenden Zimmer anzuweisen. Bedienen Sie sich davon, soviel und wie Sie’s nötig finden.

Merkulo.
Wollen Sie mir erlauben, dass ich unsere Gerätschaften, deren freilich nicht wenige sind, herein und in Ordnung bringen lasse?

Mana.
Nach Ihrer Bequemlichkeit.

(Merkulo mit einer Verbeugung ab.)

Sora.
Wir wollen bleiben. Ich bin gar zu neugierig, was sie alles mitbringen.

(Es lässt sich ein lebhafter Marsch hören, und es kommt ein Zug. Merkulo voraus, der Oberste, die Wache, sodann Trabanten, welche Kasten von verschiedener Größe tragen, vier Mohren, die eine Laube bringen, und Gefolge. Sie umgehen das Theater. Die Kasten werden auf beiden Seiten, die Laube in den Grund und ein großer Kasten auf die Laube gesetzt. Die stummen Personen gehn alle ab, der Marsch hört auf.) Es bleiben

Sora. Mana. Merkulo.

Sora.
Wer sind denn die hübschen bewaffneten jungen Leute, und wer ist der Herr, der uns salutierte?

Merkulo.
Das ist der Oberste über des Prinzen Kriegsvolk, und die andern sind junge Edelleute, militärische Edelknaben meines gnädigsten Herrn, und lose Vögel.

Mana.
Wir erstaunen, mein Herr! Sie führen Dekorationen mit sich! Wollen Sie etwa eine Komödie spielen? Vermutlich ist die Theatergarderobe in diesen Kasten?

Merkulo.
Verzeihen Sie, meine Damen! – Eigentlich sollte ich den Finger auf den Mund legen und Sie mit guter Art bitten, diesen Saal, der von nun an ein Platz der Geheimnisse wird, zu verlassen: Allein wie vermag ich das gegen Ihre Güte und gegen Ihre Reize! Nur vor unheiligen fremden Augen bewahren wir unsere heiligen Empfindungen, nicht vor so angenehmen Seelen, deren Teilnehmung wir wünschen.

Sora.
Sagen Sie uns um’s Himmels willen, was soll die Laube?

Merkulo.
An diesem Zug, meine schönen Kinder, können Sie einen großen Teil des Charakters meines liebenswürdigen Prinzen erkennen. Er, der empfindsamste Mann von allen Männern, der für die Schönheiten der Natur ein gefühlvolles Herz trägt, der Rang und Hoheit nicht so sehr schätzt als den zärtlichen Umgang mit der Natur –

Sora.
Ach, das ist ein Mann für uns! Wir gehen auch gar zu gern im Mondschein spazieren und hören die Nachtigallen lieber als alles.

Merkulo.
Da ist eins zu bedauern, meine vortrefflichen Damen! Mein Prinz ist von so zärtlichen, äußerst empfindsamen Nerven, dass er sich gar sehr vor der Luft und vor schnellen Abwechselungen der Tageszeiten hüten muss. Freilich unter freiem Himmel kann man’s nicht immer so temperiert haben, wie man wünscht. Die Feuchtigkeit des Morgen- und Abendtaues halten die Leibärzte für höchst schädlich, den Duft des Mooses und der Quellen bei heißen Sommertagen für nicht minder gefährlich. Die Ausdünstungen der Täler, wie leicht geben die einen Schnupfen! Und in den schönsten, wärmsten Mondnächten sind die Mücken just am unerträglichsten. Hat man sich auf dem Rasen seinen Gedanken überlassen, gleich sind die Kleider voll Ameisen, und die zärtlichste Empfindung in einer Laube wird oft durch eine herab fahrende Spinne gestört. Der Prinz hat durch seine Akademien Preise ausgesetzt, um zu erfahren, ob diesen Beschwerden, zum Besten der zärtlichen Welt, nicht abgeholfen werden könne. Es sind auch verschiedene Abhandlungen gekrönt worden; die Sache aber ist bis jetzo noch um kein Haar weiter.

Sora.
O, wenn je ein Mittel gegen die Mücken und Spinnen erfunden werden sollte, machen Sie es doch ja gemeinnützig! Denn wenn man oft in himmlischen Entzückungen aufgefahren ist, erinnert einen das leidige Geziefer mit seinen Stacheln und krabbligen Füßen gleich wieder an die Sterblichkeit.

Merkulo.
Inzwischen, meine schönen Damen, hat der Prinz, der seinen Genuss weder verschoben noch unterbrochen haben will, den Entschluss gefasst, durch tüchtige Künstler sich eine Welt in der Stube zu verschaffen. Sein Schloss ist daher auf die angenehmste Weise ausgeziert, seine Zimmer gleichen Lauben, seine Säle Wäldern, seine Kabinette Grotten, so schön und schöner als in der Natur; und dabei alle Bequemlichkeiten, die Stahlfedern und Ressorts nur geben können.

Sora.
Das muss scharmant sein!

Merkulo.
Und weil der Prinz so sehr dran gewöhnt ist, wie er denn in jedem Lustschloss seine Natur hat, so haben wir auch eine Reisenatur, die wir auf unsern Zügen überall mit herumführen. Unser Hofetat ist mit einem sehr geschickten Manne vermehrt worden, dem wir den Titel als Naturmeister, Directeur de la nature, gegeben haben. Er hat eine große Anzahl von Künstlern unter sich. Ein würdiger Schüler von ihm ist dieser Mann hier, der unsere Natur auf der Reise besorgt, und den ich die Ehre habe Ihnen in dieser Qualität zu präsentieren. Was uns allein noch abgeht, das sind die kühlen Lüftchen. Die Versuche davon sind immer noch unvollkommen; wir hoffen aber, aus Frankreich auch diesem Mangel nächstens abgeholfen zu sehen.

Sora.
Um Vergebung, was ist in den Kasten da? Darf man’s wissen?

Merkulo.
Geheimnisse, meine schönen Fräulein, Geheimnisse! Aber Sie haben das Geheimnis gefunden, die Geheimnisse meines Herzens aufzulösen, so dass Ihnen eben weiter nichts verborgen bleibt. Hier führen wir die vorzüglichsten Glückseligkeiten empfindsamer Seelen bei uns. In diesem Kasten sind sprudelnde Quellen.

Mana.
O!

Merkulo.
Hier in diesem ist der Gesang, der lieblichste Gesang der Vögel verborgen.

Mana.
Warum nicht gar?

Merkulo.
Und hier in diesem größern ist Mondschein eingepackt.

Sora.
Es ist nicht möglich! Lassen Sie’s uns doch sehn.

Merkulo.
Es steht nicht in meiner Gewalt. Der Prinz allein weiß diese Herrlichkeiten in Bewegung und Leben zu setzen. Er ganz allein darf sie fühlen; ich könnte Ihnen nur den groben Stoff sichtbar machen.

Mana.
O, wir müssen den Prinzen bitten, dass er uns die Maschinen einmal spielen lässt.

Merkulo.
Um’s Himmels willen, lassen Sie sich nichts merken! Und besonders unter dem Titel von Spielen würde der Prinz seine Liebhabereien nicht erkennen. Jeder Mensch, meine schönen Fräulein, treibt seine Liebhabereien sehr ernsthaft, meistens ernsthafter als seine Geschäfte. Indessen halte ich für Schuldigkeit, Ihr Vergnügen, soviel an mir ist, zu befördern, und wollte Ihnen gern unsre Raritäten, wenngleich nur leblos, vorzeigen, wäre nur die Dekoration des Saales einigermaßen mit dieser eingeschlossnen Natur übereinstimmend.

Mana.
So vollkommen muss man die Illusion nicht verlangen.

Sora.
Dem ist leicht abzuhelfen. Wir haben ja die gewirkten Tapeten, die nichts als Wälder und Gegenden vorstellen.

Merkulo.
Das wird allerliebst sein.

Sora.
He! (Ein Bedienter kommt.) Sagt dem Hoftapezier, er soll die gewirkte Waldtapete gleich herunterlassen!

Merkulo.
An mir soll’s auch nicht fehlen.

(Musik.)

(Er gibt ein Zeichen, und in dem Augenblicke, als sich die Szene in Wald verwandelt, verwandeln sich die Kasten in Rasenbänke, Felsen, Gebüsche und so weiter, der Kasten über der Laube in Wolken. Der Dekorateur wird sorgen, dass das Ganze übereinstimmend und reizend sei und mit der verschwindenden Dekoration einen recht fühlbaren Kontrast mache.)

Merkulo.
Brav! Bravo!

Sora.
O, wie schön!

(Sie besehen alles auf das emsigste, solange die Musik fortdauert.)

Mana.
Die Dekoration ist allerliebst.

Merkulo.
Um Vergebung, nicht Dekoration, sondern künstliche Natur nennen wir das; denn das Wort Natur, merken Sie wohl, muss überall dabei sein.

Sora.
Scharmant! Allerliebst!

Merkulo.
Da muss ich Sie noch ein Kunstwort lehren, mit dem weit zu reichen ist. Scharmant! Allerliebst! Das könnten Sie allenfalls auch von einer Florschürze, von einem Häubchen sagen. Nein, wenn Sie etwas erblicken, es sei, was es wolle, sehen Sie es steif an und rufen: „Ach! Was das für einen Effekt auf mich macht!“ – Es weiß zwar kein Mensch, was Sie eigentlich sagen wollen; denn Sonne, Mond, Fels und Wasser, Gestalten und Gesichter, Himmel und Erde und ein Stück Glanzleinewand, jedes macht seinen eigenen Effekt; was für einen, das ist ein bisschen schwerer auszudrücken. Halten Sie sich aber nur ans allgemeine: „Ach! Was das für einen besondern Effekt auf mich macht!“ – Jeder, der dabeisteht, sieht auch hin und stimmt in den besondern Effekt mit ein; und dann ist’s ausgemacht – dass die Sache einen besondern Effekt macht.

Mana.
Mit allem dem scheint mir Ihr Prinz Liebhaber vom Theater.

Merkulo.
Sehr! Sehr! Das Theater und unsere Natur sind freilich nahe miteinander verwandt. Dabei ist er ein trefflicher Schauspieler. Wenn Sie ihn bereden könnten, etwas vor Ihnen aufzuführen!

Sora.
Haben Sie denn eine Truppe bei sich?

Merkulo.
Das nicht! Wir sind aber alle eine Art von Komödianten. Und dann agiert der Prinz, wenn’s dazu kommt, meistenteils allein.

Sora.
Ach! Davon haben wir schon gehört.

Merkulo.
Ei! – Sehen Sie, meine Damen, das ist eine Erfindung oder vielmehr eine Wiederauffindung, die unsern erleuchteten Zeiten aufbehalten war. Denn in den alten Zeiten, schon auf dem römischen Theater, waren die Monodramen vorzüglich eingeführt. So lesen wir zum Exempel vom Nero –

Mana.
Das war der böse Kaiser?

Merkulo.
Es ist wahr, er taugte von Haus aus nichts, war aber drum doch ein exzellenter Schauspieler. Er spielte bloß Monodramen. Denn erstlich sagt Suetonius – Nun das werden Sie alles in der trefflich gelehrten Schrift eines unserer Akademisten über diese Schauspielart lesen! Sie wird auf Befehl unsers Prinzen geschrieben und auf seine Kosten gedruckt. Wir führen aber auch die neusten Werke auf, wie man sie von der Messe kriegt: Monodramen zu zwei Personen, Duodramen zu dreien, und so weiter.

Sora.
Wird denn auch drin gesungen?

Merkulo.
Ei, gesungen und gesprochen! Eigentlich weder gesungen noch gesprochen. Es ist weder Melodie noch Gesang drin, deswegen es auch manchmal Melodram genannt wird.

Sora.
Wie ist das?

Merkulo.
Gelegentlich, meine Fräulein! Gelegentlich!

Sora.
Nun, wir hoffen, der Prinz soll gut Freund mit uns werden. Wir hoffen, Sie sollen recht lange bei uns bleiben. Sie bleiben doch recht lange bei uns?

Merkulo.
Gar zu gütig! – Ach! Wer glauben könnte, dass so eine Einladung aus einem so schönen Herzen käme! Es ist aber leider eins der gewöhnlichen Hofkomplimente, womit man einen Fremden bewillkommt, nur um sich zu versichern, dass er bald wieder weggehen werde.

Mana.
Warten Sie nur, wir haben dem Prinzen schon allerlei Scherze von unsrer Art zugedacht, die ihn gewiss unterhalten sollen.

Merkulo.
Meine Fräulein, ich wünsche Ihnen Glück und uns allen! Möchten Sie sein Herz, sein zärtlich Herz gewinnen und ihn durch Ihren Liebreiz aus der sanften Traurigkeit ziehen, in der er verschmachtet!

Sora.
Ach! Wir haben auch zärtliche Herzen, das ist just recht unsre Sache.

Mana.
Bringen Sie uns nicht auch neue Liedchen mit?

Sora.
Ja, wir haben’s in der Art; wenn wir eine hübsche Melodie finden, singen wir sie meist tot, dass sie kein Mensch mehr hören mag.

Mana.
Kein Liedchen an den Mond?

Merkulo.
O, deren haben wir verschiedene. Ich kann gleich mit einem aufwarten.

Sora.
Tun Sie’s ja!

Merkulo (singt).
   Du, gedrechselte Laterne,
   Überleuchtest alle Sterne,
   Und an deiner kühlen Schnuppe
   Trägst du der Sonne mildesten Glanz.

Sora.
O pfui, das ist gar nichts Empfindsames!

Merkulo.
Schönes Kind, um’s Himmels willen, es ist aus dem Griechischen!

Mana.
Es gefällt mir ganz und gar nicht.

Merkulo.
Daran ist wohl die Melodie schuld, ich hab’ es immer gedacht. Das Lied an sich selbst ist gewiss vortrefflich; hören Sie nur!

(Er singt’s auf die Melodie: Monseigneur, voyez nos larmes, und die Fräulein fangen an, mitzusingen.)

Bediente.
Der Prinz kommt! Man eilt ihm entgegen!

(Merkulo und die Fräulein gehen singend ab.)


Dritter Akt

(Wald, die Laube im Grunde wie zu Ende des vorigen Akts.)

Die vier Fräulein führen den Prinzen unter einer sanften Musik herein. Merkulo folgt ihnen. Die Frauenzimmer bemühen sich in einem gefälligen Tanze um den nachdenklichen und in sich selbst versunkenen Ankömmling; er antwortet ihren Freundlichkeiten nur gezwungen. Da die Musik einen Augenblick pausiert, spricht

Merkulo (für sich).
Das sind recht homerische Sitten, wo die schönen Töchter des Hauses sich um die Fremden bemühen. Ich hätte wohl Lust, mich ins Bad zu setzen und mich abreiben zu lassen.

(Die Musik geht fort; endlich, da die Fräulein ihre Bemühungen ganz vergeblich sehn, eilen sie verdrießlich davon, und es bleiben Prinz und Merkulo.)

Prinz.
Gesegnet seist du, liebe Einsamkeit! Wie erbärmlich habe ich mich seit dem Eintritt in dieses Haus zwingen müssen!

Merkulo.
Das muss ich Eurer Durchlaucht bekennen, dass mir’s manchmal unbegreiflich gewesen ist, wie Sie sich an einer wohl besetzten Tafel und zwischen liebenswürdigen Frauen ennuyieren können.

Prinz.
Es ist nicht Langeweile, es ist die Gefälligkeit dieser angenehmen Geschöpfe, die mich ängstet. Ach! Warum muss ich dem weiblichen Geschlechte zur Qual geschaffen sein? Denn nur eine kann mein Herz besitzen, und die übrigen – Ach! – –

Merkulo.
Die hab’ ich schon oft bedauer! Und ich hab’ ihnen auch gelegentlich mein Mitleiden auf eine so überzeugende Art zu verstehn gegeben, dass ich wirklich sagen kann: Ich habe das Glück gehabt, einigen das Leben zu fristen, die auf dem Sprunge standen, durch Ihre Grausamkeit in die elysischen Felder vertrieben zu werden.

Prinz.
Rede davon nicht! Vermehre nicht meinen Kummer!

Merkulo.
Ich sage nichts! Denn wenn man Ihren hohen Stand und Ihre trefflichen Qualitäten zusammennimmt, so ist’s evident, dass einer Ihrer Blicke ganz unglaubliche Bewegungen in einem schönen Herzen hervorbringen muss.

Prinz.
Meinen Stand erwähnst du, Unglücklicher? Was ist mein Stand gegen dieses Herz?

Merkulo.
Halten Sie mir’s zu Gnaden. Wir wollen der Sache ihr Recht antun. Eine wahre Liebe ist zum Exempel was Vortreffliches; aber eine wahre Liebe mit einem wohl gespickten Beutel, darüber geht gar nichts. So auch, was den Stand betrifft –

Prinz.
Rede nur nicht immer! Nicht solche Dinge!

Merkulo.
Nein, ich müsste undankbar sein, wenn ich es nicht gestände, nicht bekennte! In Ihrer Nähe, mein Gebieter, bin ich ohnehin sicher. Ihre fürstliche Gegenwart zieht, wie ein Gewitterableiter, alle Elektrizität zärtlicher Herzen an sich, dass wir andern vorm Einschlagen ganz gesichert sind.

Prinz.
Ist es bald Elfe?

Merkulo.
Es wird gleich sein, und ich gehe, um Sie Ihren Empfindungen in der feierlichen Stunde der Mitternacht allein zu überlassen. Es ist eine vortreffliche neuere Erfindung, dass jeder Stunde, jeder Tagszeit ihre eignen Gefühle gewidmet sind. Darin waren die Alten rechte Tröpfe. In ihren Schauspielen konnte das Feierlichste, Schrecklichste bei hellem Tage und unter freiem Himmel vorgehn; unter Elfe und Zwölfe tun wir’s aber gar nicht, und ohne Särge, Kirchhöfe und schwarze Tücher lässt sich nichts Rechts ausrichten.

Prinz.
Sind meine Pistolen geladen?

Merkulo.
Auf Ihren Befehl, wie immer. Aber ich bitte Sie um Gottes willen, erschießen Sie sich nicht einmal!

Prinz.
Sei ruhig! (Es schlägt Elf.) Es schlägt!

Merkulo.
Sie haben hier eine Glocke, die gar keinen feierlichen Ton hat. Es klingt, als wenn man auf Blech hämmerte; mich könnte nun so etwas gleich vollkommen aus meiner zärtlichesten Fassung bringen.

(Die Musik gibt einige Laute und entfernte Melodien zum folgenden an.)

Prinz.
Schweig, Unheiliger! Und entflieh!

Merkulo.
Ab! (Ab.)


Prinz.
Vergebens sucht ihr mich durch eure Schönheit, durch euer einschmeichelndes Wesen abzuzeihen, von den Gedanken weg zu wenden, die ich immer mit den Armen meiner Seele umschlungen halte. Fahrt wohl, ihr sterbliche Mädchen! Das Unsterbliche umschwebt meine Stirne, und die Geister steigen herab, meine Wohnung zu beleben und mein Herz zu beseligen.

(Die feierliche Musik geht fort, die Wasserfälle fangen an zu rauschen, die Vögel zu singen, der Mond zu scheinen.)

Prinz.
   Dich eh’ ich, heiliges Licht,
   Reiner, hoher Gefühle Freund!
   Du, der du mir
   Der Liebe stockende Schmerzen
   Im Busen auf zu sanften Tränen lösest!
   Ach, welche Seligkeiten säuselst du mir
   Ins tiefe Heiligtum der Nacht
   Und deutest mir
   Auf der geheimnisvollen Liebe Ruhestätte!
   Ach, verzeih! Ach, mein Herz
   Fühlt nicht immer gleich!
   Verzeih dem trüben Blick auf deine Schönheit!
   Verzeih dem flüchtigen!

(Nach der Laube gekehrt.)

   Hier, hier wohnt meine Gottheit,
   Die ganz mein Herz nach ihrem Herzen zieht!
   Dies Pochen und dies Zittern!
   Ha! Es schlägt dem Augenblick entgegen,
   Wo die Zauberei
   Die Seligkeit des Wahren überflügelt!
   O, den Genuss, ihr Götter, gabt ihr mir!
   O, den Genuss bewahret mir, ihr Götter!

(Die Laube tut sich auf, man sieht ein Frauenzimmer darin sitzen: Sie muss vollkommen an Gestalt und Kleidung der Schauspielerin gleichen, die nachher als Mandandane auftritt.)

   Himmel, sie ist’s! Himmel, sie ist’s!
   Seligkeit tauet herab. – –
   Deine Hand an dieses Herz,
   Geleibte, süße Freundin!
   Du ganz für mich Geschaffne,
   Ganz durch Sympathie Gefundene,
   Gewählte!
   In dieser schönen Stimmung unsrer Herzen
   Wird mir ein Glück, das nur die Götter kennen.

      Ach, in hohen Himmelsfreuden
   Fühl’ ich schaudernd mich verschweben!
   Ha! Vor Wonne stockt mein Leben,
   Stockt der Atem in der Brust!

      Ach, umweht mich, Seligkeiten!
   Lindert dieses heiße Streben,
   Und in wonnevolles Leben
   Löset auf die schöne Lust!

(Während der letzten Kadenz, da die Instrumente die Stimme zu lange nachahmen, setzt sich der Prinz auf eine Rasenbank und schläft endlich ein. Man gibt ihm verschiedne Mal den Ton an, damit er einfallen und schließen möge; allein er rührt sich nicht, und es entsteht eine Verlegenheit im Orchester; endlich sieht sich die erste Violine genötigt, die Kadenz zu schließen, die Instrumente fallen ein, die Laube geht zu, der mittlere Vorhang fällt nieder, und es zeigt sich ein Vorsaal.)

Feria und die vier Fräulein.

Feria.
Mich dünkt, der Prinz pflegt seiner Ruhe ziemlich lange. Es soll nicht gesagt sein, dass ein Mann in unserm Schlosse ungestraft die Morgenröte herbei geschlafen habe! Sind die Klappern bei der Hand und die Rasseln? Wir wollen ihm ein Schariwari machen und die fatale Schläfrigkeit, unsre verhasste Nebenbuhlerin, von seinen Augen peitschen.

(Lebhafter Tanz zu fünfen mit Kastagnetten und Metallbecken; mitunter tanzt Feria solo. Der Oberste kommt, die Prinzessin zu bitten, dass sie des Prinzen Ruhe nicht stören möge, indem die Wache die Fräulein aufhalten will. Diese machen immer ärgern Lärm. Der hintere Vorhang geht auf; das Theater ist wieder wie zu Anfang des Akts; Merkulo tritt zu gleicher Zeit herein, der Prinz fährt bewegt von seiner Rasenbank in die Höhe, ergrimmt und singt:)

   Ja ihr seid’s, Erinnyen, Mänaden!
   Ohne Gefühl für Liebe,
   Ohne Gefühl für Schmerz!
   Ich hofft’, im Arm der Grazien zu baden,
   Und ihr zerreißt mein Herz!
   Mein Herz! Mein Herz!
   Zerreißt mein leidend Herz!

(Während der Arie begibt sich Feria, die Fräulein und die Wache, eins nach dem andern, auf die Seite; es bleiben allein Prinz und Merkulo.)

Merkulo.
Mein Prinz, fassen Sie sich!

Prinz.
Mein Freund, welche tödliche Wunde!

Merkulo.
Gnädiger Herr, nur Schariwari!

Prinz.
Ich will weg! Diesen Augenblick mich in die Einsamkeit des Gebirgs verlieren!

Merkulo.
Was wird die Prinzessin, was werden die Damen denken?

Prinz.
Denken sie doch auch nicht, wen sie vor sich haben. Ohne das mindeste Gefühl für das Hohe, Überirdische meiner Stimmung rasseln sie mit knirschenden Tönen der Vorhölle drein. Ach, ihr goldnen Morgenträume, wo seid ihr hin? Auf ewig! Auf ewig!

Merkulo.
Es war nicht böse gemeint. Schon vor Sonnenaufgang waren die Mädchen geschäftig, ein Dejeuner im Garten zurechtzumachen; wir haben auch wirklich den Morgenstern mit Bratwürsten in der Hand und einem vortrefflichen Glas Zyperwein bewillkommt. Man fürchtete, es möchte alles kalt werden, verderben, und wir wollten Ihr angenehmes Gesicht im Glanz der ersten Morgensonne genießen.

Prinz.
Ja, mit Schellen und Klapperblechen genießt man den Morgen! – Fort! – Leb’ wohl!

Merkulo.
Gnädiger Herr!

Prinz.
Du weißt, meine Entschließungen sind rasch und fest.

Merkulo (für sich).
Leider!

Prinz.
Ich gehe nach dem Orakel! Lass aufs schärfste dieses Heiligtum bewachen, dass unter keinem Vorwand eine lebendige Seele einen Fuß hereinsetze!

Merkulo.
Bleiben Sie beruhigt.

Prinz.
Leb’ wohl! (Ab.)


Vierter Akt

(Andrasons Schloss, eine raue und felsige Gegen, Höhle im Grunde.)

Mandandanens Kammerdiener als Askalaphus tritt auf mit einem Reverenz und spricht den Prologus.

      Herrn und Frauen allzu gleich,
   Merkt wohl, das hier ist Plutos Reich,
   Und ich, wie ich mich vor euch stelle,
   Das ich zuerst bedeuten muss,
   Ich nenne mich Askalaphus
   Und bin Hofgärtner in der Hölle.

      Die Charge ist hier unten neu:
   Denn ehmals war Elysium dadrüben,
   Die rauen Wohnungen dahüben,
   Man ließ es eben so dabei.

      Nun aber kam ein Lord herunter,
   Der fand die Hölle gar nicht munter,
   Und eine Lady fand Elysium zu schön.
   Man sprach so lang, bis dass der seltne Gusto siegte,
   Und Pluto selbst den hohen Einfall kriegte,
   Sein altes Reich als einen Park zu sehn.

      Da schleppen nun Titanen ohne Zahl,
   Den alten Sisyphus mit eingeschlossen,
   Rastlos geschunden und verdrossen,
   Gar manches schöne Berg und Tal
   Zusammen.
   Aus den flutenden Flammen
   Des Acherons herauf
   Müssen die ewigen Felsen jetzt!
   Und gält’s tausend Hände,
   Sie werden an irgendeinem Ende
   Als Point de vue zurechtgesetzt.

      Um eins nur ist es jammerschade,
   Ums schöne Erdreich in Elysium!
   Aber es ist keine Gande,
   Wir gehen damit ganz sündlich um.
   Sonst dankt man Gott, wenn man die Steine
   Vom Acker hat;
   Aber hier! Sechs Meilen herum sind keine
   Zu finden mehr, und wir haben es noch nicht satt;
   Damit verschütten wir den Boden,
   Wo das weichste Gras,
   Die liebsten Blümchen blühen, und warum das?
   Alles um des Mannigfaltigen willen.
   Ein frischer Wald, eine feine Wiese,
   Das ist uns alles alt und klein;
   Es müssen in unserm Paradiese
   Dorn und Disteln sein.

      Dafür aber auch graben wir in den Hainen
   Elysiums die schönsten Bäume aus
   Und setzen sie, wo wir es eben meinen,
   An manche leere Stelle
   Herüber in die Hölle
   Um des Zerberus Hundehaus
   Und formieren das zu einer Kapelle.

      Denn, notabene! In einem Park
   Muss alles Ideal sein,
   Und salva venia jeden Quark
   Wickeln wir in eine schöne Schal’ ein.
   So verstecken wir zum Exempel
   Einen Schweinstall hinter einen Tempel;
   Und wieder ein Stall, versteht mich schon,
   Wird geradeswegs ein Pantheon.
   Die Sach’ ist, wenn ein Fremder drin spaziert,
   Dass alles wohl sich präsentiert;
   Wenn’s dem denn hyperbolisch dünkt,
   Posaunt er’s hyperbolisch weiter aus.
   Freilich der Herr vom Haus
   Weiß meistens, wo es stinkt.

      Wie ich also sagte: Unsre elysischen Bäume
   Schwinden wie elysische Träume,
   Wenn man sie verpflanzen will.
   Ich bin zu allen Sachen still:
   Denn in einem Park ist alles Prunk;
   Verdorrt ein Baum und wird ein Strunk,
   Ha, sagen sie, da seht die Spur,
   Wie die Kunst auch hinterdrein der Natur
   Im Dürren ist. – Ja, leider stark!
   Was ich sagen wollte: Zum vollkommnen Park
   Wird uns wenig mehr abgehn.
   Wir haben Tiefen und Höhn,
   Eine Musterkarte von allem Gesträuche,
   Krumme Gänge, Wasserfälle, Teiche,
   Pagoden, Höhlen, Wieschen, Felsen und Klüfte,
   Eine Menge Reseda und andres Gedüfte,
   Weimutsfichten, babylonische Weiden, Ruinen,
   Einsiedler in Löchern, Schäfer im Grünen,
   Moscheen und Türme mit Kabinetten,
   Von Moos sehr unbequeme Betten,
   Obelisken, Labyrinthe, Triumphbogen, Arkaden,
   Fischerhütten, Pavillons zum Baden,
   Chinesisch-gotische Grotten, Kiosken, Tings,
   Maurische Tempel und Monumente,
   Gräber, ob wir gleich niemand begraben –
   Man muss es alles zum Ganzen haben.

      Ein einziges ist noch zurücke,
   Und drauf ist jeder Lord so stolz:
   Das ist eine ungeheure Brücke
   Von Holz
   Und einem Bogen von Hängewerk,
   Das ist unser ganzes Augenmerk.
   Denn erstlich kann kein Park bestehn
   Ohne sie, wie wir auf jedem Kupfer sehn.
   Auch in unsern toleranten Tagen
   Wird immer mehr drauf angetragen,
   Auf Kommunikation, wie bekannt,
   Dem man sich auch gleich stellen muss;
   Elysium und Erebus
   Werden vice versa tolerant.

      Wir freuten uns der Brücke schon;
   Doch, leider, Acheron und Pyriphlegethon
   Speien ewige Flammen,
   Da fehlt’s uns an gescheiten Leuten;
   Und bringen wir die Brücke nicht zusammen,
   So will der ganze Park nichts bedeuten:
   Das Kostüme leidet weder Erz noch Stein,
   Von Holz muss so eine Brücke sein.

      Aber warum ich komme! Ohne Zeit zu verlieren:
   Plutos schönes junges Weib
   Geht gewöhnlich hierher spazieren;
   Denn drin ist nicht viel Zeitvertreib.
   Da sucht sie bei den armen Toten
   So schöne Gegenden wie auf Siziliens Boden;
   Wir haben’s aber nur in Gedichten.
   Dann fragt sie täglich nach herrlichen Früchten;
   Wir haben aber keine zu reichen:
   Pfirschen, Trauben, darnach liefen wir weit;
   Holzbirn, Schlehen, rote Beerchen und dergleichen
   Ist alles, was bei uns gedeiht.

(Zwei höllische Geister bringen einen Granatenbaum in einem Kübel.)

      Drum hab’ ich zu einem Treibhaus geraten
   Und brüte, zum Exempel, diese Granaten
   In einem Frost bedeckten Haus
   Mit unterirdischem Feuer aus;
   Den will ich in die Erde kleben.

(Er macht alles zurechte, wie er’s sagt.)

   Mit Felsen, Rasen, Moos umgeben,
   Dass meine Königin vermeine,
   Es wüchse alles aus dem Steine,
   Und, wenn sie den Betrug verspürt,
   Den Künstler lobe, wie sich’s gebührt. (Ab.)


(Vorbereitende Musik, ahnend seltene Gefühle.)

Mandandane als Proserpina.

      Halte! Halt einmal, Unselige! Vergebens
   Irrst du in diesen rauen Wüsten hin und her!
   Endlos liegen vor dir die Trauergefilde,
   Und was du suchst, liegt immer hinter dir.

      Nicht vorwärts,
   Aufwärts auch soll dieser Blick nicht steigen!
   Die schwarze Höhle des Tartarus
   Verwölbt die lieben Gegenden des Himmels,
   In die ich sonst
   Nach meines Ahnherrn froher Wohnung
   Mit Liebesblick hinaufsah!
   Ach! Tochter du des Jupiters,
   Wie tief bist du verloren! –

      Gespielinnen!
   Als jene blumenreiche Täler
   Für uns gesamt noch blühten,
   Als an dem himmelklaren Storm des Alpheus
   Wir plätschernd noch im Abnedstrahle scherzten,
   Einander Kränze wanden
   Und heimlich an den Jüngling dachten,
   Dessen Haupt unser Herz sie widmete:
   Da war uns keine Nacht zu tief zum Schwätzen,
   Keine Zeit zu lang,
   Um freundliche Geschichten zu wiederholen,
   Und die Sonne
   Riss leichter nicht aus ihrem Silberbette
   Sich auf, als wir, voll Lust zu leben,
   Früh im Tau die Rosenfüße badeten. –

      O Mädchen! Mädchen!
   Die ihr, einsam nun,
   Zerstreut an jenen Quellen schleicht,
   Die Blumen auflest,
   Die ich, ach, Entführte!
   Aus meinem Schoße fallen ließ,
   Ihr steht und seht mir nach, wohin ich verschwand!

      Weggerissen haben sie mich,
   Die raschen Pferde des Orkus;
   Mit festen Armen
   Hielt mich der unerbittliche Gott!
   Amor! Ach, Amor floh lachend auf zum Olymp –
   Hast du nicht, Mutwilliger,
   Genug an Himmel und Erde?
   Musst du die Flammen der Hölle
   Durch deine Flammen vermehren? –

      Heruntergerissen
   In diese endlose Tiefen!
   Königin hier!
   Königin?
   Vor der nur Schatten sich neigen!

      Hoffnungslos ist ihr Schmerz!
   Hoffnungslos der Abgeschiedenen Glück,
   Und ich wend’ es nicht.
   Den ernsten Gerichten
   Hat das Schicksal sie übergeben;
   Und unter ihnen wandl’ ich umher,
   Göttin! Königin!
   Selbst Sklavin des Schicksals!

      Ach! Das fliehende Wasser
   Möchte’ ich dem Tantalus schöpfen,
   Mit lieblichen Früchten ihn sättigen!
   Armer Alter!
   Für gereiztes Verlangen gestraft! –
   In Ixions Rad möchte’ ich greifen,
   Einhalten seinen Schmerz!
   Aber was vermögen wir Götter
   Über die ewigen Qualen!
   Trostlos für mich und für sie,
   Wohn’ ich unter ihnen und schaue
   Der armen Danaiden Geschäftigkeit!
   Leer und immer leer,
   Wie sie schöpfen und füllen!
   Leer und immer leer!
   Nicht einen Tropfen Wassers zum Munde,
   Nicht einen Tropfen Wassers in ihre Wannen!
   Leer und immer leer!
   Ach, so ist’s mit dir auch, mein Herz!
   Woher willst du schöpfen? – Und wohin? –

      Euer ruhiges Wandeln, Selige,
   Streicht nur vor mir vorüber;
   Mein Weg ist nicht mit euch!
   In euern leichten Tänzen,
   In euern tiefen Hainen,
   In eurer lispelnden Wohnung
   Rauscht’s nicht von Leben wie droben,
   Schwankt nicht von Schmerz zu Lust
   Der Seligkeit Fülle. –

      Ist’s auf seinen düstern Augenbraunen,
   Im verschlossenen Blicke?
   Magst du ihn Gemahl nennen?
   Und darfst du ihn anders nennen?
   Liebe! Liebe!
   Warum öffnetest du sein Herz
   Auf einen Augenblick?
   Und warum nach mir,
   Da du wusstest,
   Es werde sich wieder auf ewig verschließen?
   Warum ergriff er nicht eine meiner Nymphen
   Und setzte sie neben sich
   Auf seinen kläglichen Thron?
   Warum mich, die Tochter der Ceres?

      O Mutter! Mutter!
   Wie dich deine Gottheit verlässt
   Im Verlust deiner Tochter,
   Die du glücklich glaubtest,
   Hinspielend, hintändelnd ihre Jugend!

      Ach, du kamst gewiss
   Und fragtest nach mir,
   Was ich bedürfte.
   Etwa ein neues Kleid
   Oder goldene Schuhe?
   Und du fandest die Mädchen
   An ihre Weiden gefesselt,
   Wo sie mich verloren,
   Nicht wieder fanden,
   Ihre Locken zerrauften,
   Erbärmlich klagten,
   Meine lieben Mädchen! –

      „Wohin ist sie? Wohin?“, rufst du;
   „Welchen Weg nahm der Verruchte?
   Soll er ungestraft Jupiters Stamm entweihen?
   Wohin geht der Pfad seiner Rosse?
   Fackeln her!
   Durch die Nacht will ich ihn verfolgen!
   Will keine Stunde ruhen, bis ich sie finde,
   Will keinen Gang scheuen,
   Hierhin und dorthin.“ –

      Dir blinken deine Drachen mit klugen Augen zu,
   Aller Pfade gewohnt folgen sie deinem Lenken:
   In der unbewohnten Wüste treibt dich’s irre –

      Ach nur hierher, hierher nicht!
   Nicht in die Tiefe der Nacht,
   Unbetreten den Ewiglebenden,
   Wo, bedeckt von beschwerendem Graus,
   Deine Tochter ermattet!

      Wende aufwärts,
   Aufwärts den geflügelten Schlangenpfad,
   Aufwärts nach Jupiters Wohnung!
   Der weiß es,
   Der weiß es allein, der Erhabene,
   Wo deine Tochter ist! –

      Vater der Götter und Menschen!
   Ruhst du noch oben auf deinem goldenen Stuhle,
   Zu dem du mich Kleine
   So oft mit Freundlichkeit aufhubst,
   In deinen Händen mich scherzend
   Gegen den endlosen Himmel schwenktest,
   Dass ich kindisch droben zu verschweben bebte?
   Bist du’s noch, Vater? –

      Nicht zu deinem Haupte,
   In dem ewigen Blau
   Des Feuer durchwebten Himmels,
   Hier! Hier! – –

      Leite sie her!
   Dass ich auf mit ihr
   Aus diesem Kerker fahre!
   Dass mir Phöbus wieder
   Seine lieben Strahlen bringe,
   Luna wieder
   Aus den Silberlocken lächle!

      O, du hörst mich,
   Freundlichlieber Vater,
   Wirst mich wieder,
   Wieder aufwärts heben,
   Dass, befreit von langer schwerer Plage,
   Ich an deinem Himmel wieder mich ergötze!

      Letze dich, verzagtes Herz!
   Ach! Hoffnung!
   Hoffnung gießt
   In Sturmnacht Morgenröte!

      Dieser Boden
   Ist nicht Fels, nicht Moos mehr;
   Diese Berge
   Nicht voll schwarzen Grauses!
   Ach, hier find’ ich wieder eine Blume!
   Dieses welke Blatt,
   Es lebt noch,
   Harrt noch,
   Dass ich seiner mich erfreue!

      Seltsam! Seltsam!
   Find’ ich diese Frucht hier?
   Die mir in den Gärten droben
   Ach! So lieb war – (Sie bricht den Granatapfel ab.)

      Lass dich genießen,
   Freundliche Frucht!
   Lass mich vergessen
   Alle den Harm!
   Wieder ich wähnen
   Droben in Jugend,
   In der vertaumelten
   Lieblichen Zeit,
   In den umduftenden
   Himmlishcen Blüten,
   In den Gerüchen
   Seliger Wonne,
   Die der Entzückten,
   Der Schmachtenden ward! – (Sie isst einige Körner.)
   Labend! Labend!

      Wie greift’s auf einmal
   Durch diese Freuden,
   Durch diese offne Wonne
   Mit entsetzlichen Schmerzen,
   Mit eisernen Händen
   Der Hölle durch! – –
   Was hab’ ich verbrochen,
   Dass ich genoss?
   Ach, warum schafft
   Die erste Freude hier mir Qual?
   Was ist’s? Was ist’s? –
   Ihr Felsen scheint hier schrecklicher herabzuwinken,
   Mich fester zu umfassen!
   Ihr Wolken tiefer mich zu drücken!
   Im fernen Schoße des Abgrunds
   Dumpfe Gewitter tosend sich zu erzeugen!
   Und ihr weiten Reiche der Parzen
   Mir zuzurufen:
   „Du bist unser!“

Die Parzen (unsichtbar).
   Du bist unser!
   Ist der Ratschluss deines Ahnherrn:
   Nüchtern solltest wiederkehren.
   Und der Biss des Apfels macht dich unser!
   Königin, wir ehren dich!

Proserpina.
   Hast du’s gesprochen, Vater?
   Warum? Warum?
   Was tat ich, dass du mich verstößest?
   Warum rufst du mich nicht
   Zu deinem lichten Thron auf!
   Warum den Apfel?
   O, verflucht die Früchte!
   Warum sind Früchte schön,
   Wenn sie verdammen?

Parzen.
   Bist nun unser!
   Warum trauerst du?
   Sieh, wir ehren dich,
   Unsre Königin!

Proserpina.
   O, wäre der Tartarus nicht eure Wohnung,
   Dass ich euch hin verwünschen könnte!
   O, wäre der Kozyt nicht euer ewig Bad,
   Dass ich für euch
   Noch Flammen übrig hätte!
   Ich Königin
   Und kann euch nicht vernichten!
   In ewigem Hass sei ich mit euch verbunden! –
      So schöpfet, Danaiden!
   Spinnt, Parzen! Wütet, Furien!
   In ewig gleich elendem Schicksal!
   Ich beherrsche euch
   Und bin darum elender als ihr alle.

Parzen.
   Du bist unser!
   Wir neigen uns dir!
   Bist unser! Unser!
   Hohe Königin!

Proserpina.
   Fern! Weg von mir
   Sei eure Treu’ und eure Herrlichkeit!
   Wie hass’ ich euch!
   Und dich, wie zehnfach hass’ ich dich –
   Weh mir! Ich fühle schon
   Die verhassten Umarmungen!

Parzen.
   Unser! Unsre Königin!

Proserpina.
   Warum reckst du sie nach mir?
   Recke sie nach dem Avernus!
   Rufe die Qualen aus stygischen Nächten empor!
   Sie steigen deinem Wink entgegen,
   Nicht meine Liebe.
   Wie hass’ ich dich,
   Abscheu und Gemahl,
   O Pluto! Pluto!
   Gib mir das Schicksal deiner Verdammten!
   Nenn’ es nicht Liebe! –
   Wirf mich mit diesen Armen
   In die zerstörende Qual!

Parzen.
   Unser! Unser! Hohe Königin!

(Andrason erscheint bei den Worten: Abscheu und Gemahl etc. Mandandane richtet die Apostrophe an ihn und flieht vor ihm mit Entsetzen. Er erstaunt, sieht sich um und folgt ihr voller Verwunderung.)


Fünfter Akt

(Vorsaal.)

Mana. Sora. Lato. Mela.

Sora.
Liebe Schwestern, es koste, was es wolle, wir müssen in des Prinzen Zimmer.

Mana.
Aber die Wache?

Sora.
Die hindert uns nicht; es sind Männer. Wir wollen ihnen schön tun und Wein geben; damit führen wir sie, wie wir wollen.

Lato.
Lass sehn!

Sora.
Ich habe vom süßen Wein genommen und ihn mit Schlaftrunk gemischt. Denn, ihr Kinder, es liegt viel dran.

Mela.
Wieso?

Sora.
Wer nicht neugierig ist, erfährt nichts. Mir brannt’ es auf dem Herzen, zu wissen, wie’s im Zimmer wohl sein möchte, wenn die schönen Sachen alle spielten. Gegen Mitternacht schlich ich mich hinan und guckte durch einen Ritz in der Tür, den ich von alters her wohl kenne.

Mana.
Was sahst du?

Sora.
Was ihr nicht denkt! Nun glaub’ ich wohl, dass der Prinz gegen uns so unempfindlich blieb, so verachtend von uns wegging!

Lato.
Ach! Er ist ein schöner Geist von der neuen Sorte, die sind alle grob.

Sora.
Das nicht allein. Er führt seine Geliebte mit sich herum.

Mana.
Nicht möglich!

Lato.
Ei wie?

Sora.
Wenn ich euch nichts aufspürte! In dem verfluchten Kasten, in der geheimnisvollen Laube sitzt sie. Mich wundert nur, wie sie sich mag so herumschleppen lassen, so stille sitzen!

Mana.
Drum wurde das Ding von Mauleseln getragen!

Mela.
Wie sieht sie aus?

Sora.
Ich habe nur einen Zipfel vom Kleide sehen können, und dass der Prinz ihre Hand nahm und küsste. Gar nichts weiter. Hernach entstand ein Geräusche; da ruscht’ ich fort.

Lato.
O, lasst uns sehen!

Mana.
Wenn sich’s nur schickte!

Sora.
Es ist ja Nacht, kein Mensch wird es erfahren. Ich habe schon den Hauptschlüssel. Nun spielt mit der Wache hübsch die Mädchen.

(Musik.)

(Die Frauenzimmer spielen unter sich kleine Spiele. Die von der Wache kommen einzeln herein und sehen zu; sie rufen einander herbei, endlich mischen sie sich in die Spiele. Die Fräulein tun erst fremd, dann freundlich, endlich bringen sie Wein und Früchte; die Jünglinge lassen sich’s wohl schmecken, Tanz und Scherz geht fort, bis die Wache anfängt, schläfrig zu werden; sie taumeln hin und her, zuletzt in die Kulissen, und die Mädchen behalten das Feld.)

Sora.
Nun frisch ohne Zeitverlust ins Zimmer! Lasst uns die Verwegene aus ihrer Dunkelheit reißen, ihre Schande zu unserm Triumph offenbaren! (Alle ab.)

(Der hintere Vorhang geht auf, das Theater verändert sich in die Waldszene. Nacht ohne Mondschein. Um die Laube ist alles düster und stille. Die vier Fräulein kommen mit Fackeln: Pantomime und Tanz, worin sie Neugierde und Verdruss ausdrücken. Sie eröffnen die Laube, leuchten starrend hinein und fahren zurück.)

Sora.
Was ist das? Mandandane!

Lato.
Ein Gespenst oder Andrasons Gemahlin!

Mela.
Eine Maske. Was steckt darunter?

(Sie nähern sich wieder allmählich.)

Mana.
Wir wollen sie anrufen.

Lato.
Heda, junge Dame!

Sora.
Sie rührt sich nicht.

Mela.
Ich dächte, wir blieben aus dem Spiele; ich fürchte, es steckt Zauberei dahinter.

Sora.
Ich muss es doch näher besehn.

Mana.
Nimm dich in acht! Wenn’s auffährt –

Lato.
Sie wird dich nicht beißen.

Mela.
Ich gehe meiner Wege.

Sora (die es anrührt und zurückfährt).
Ha!

Mana.
Was gibt’s?

Mela.
Es ist wahrlich lebendig! Sollt’ es denn Mandandane selbst sein? Es ist nicht möglich!

Lato (indem sie sich immer weiter entfernt).
Wir müssen’s doch heraus haben.

Mela.
So redet es doch an!

Sora (die sich furchtsam nähert).
Wer du auch seist, seltsame unbekannte Gestalt, rede! Rühre dich! Und gib uns Rechenschaft von deinem abenteuerlicen Hiersein!

Mana.
Es will sich nicht rühren.

Lato.
Geh’ eins hinund nehm’ ihr die Maske ab!

Sora.
Ich will einen Anlauf nehmen! Kommt alle mit!

(Sie halten sich aneinander, und es zerrt eine die andre nach sich bis zur Laube.)

Mana.
Wir wollen am Sessel ziehen, ob’s leicht oder schwer ist.

(Sie ziehen am Sessel und bringen ihn mit leichter Mühe bis ganz hervor ans Theater; sie gehen drum herum, machen allerlei Versuche, die Maske fällt herunter, und sie tun einen allgemeinen Schrei.)

Mana.
Eine Puppe!

Sora.
Eine ausgestopfte Nebenbuhlerin!

Lato.
O, ein schönes Gehirn!

Sora.
Wenn sie ebenso ein Herz hat?

Mana.
Die soll uns nicht umsonst vexiert haben! Auskleiden soll man sie und in den Garten stellen, die Vögel damit zu scheuchen.

Lato.
So was ist mir in meinem Leben nicht vorgekommen.

Mela.
Es ist doch ein schönes Kleid.

Mana.
Man sollte schwören, es gehöre Mandandane.

Mela.
Ich begreife nicht, was der Prinz mit der Puppe will.

(Sie versuchen an der Puppe verschiednes, endlich bringen sie aus der Brust einen Sack hervor und erheben ein lautes Geschrei.)

Sora.
Was ist in dem Sack? Lasst sehn, was ist in dem Sack?

Mana.
Häckerling ist drin, wie sich’s anfühlen lässt.

Sora.
Es ist doch zu schwer –

Lato.
Es ist auch etwas Festes drin.

Mela.
Bindet ihn auf! Lasst sehn!

Andrason (kommt).
Ihr Kinder, wo seid ihr? Ich such’ euch überall, ihr Kinder.

Mana.
Du kommst eben zur gelegenen Zeit! Da sieh!

Andrason.
Was Teufel ist das? Meiner Frauen Kleider? Meiner Frauen Gestalt?

Mana (ihm den Sack zeigend).
Mit Häckerling ausgestopft.

Sora.
Sieh dich um! Das ist die Natur, worin der Prinz lebt, und das ist seine Geliebte.

Andrason (auffahrend).
Ihr großen Götter!

Sora.
Mach! Nur den Sack auf!

Andrason (aus tiefen Gedanken).
Halt!

Mana.
Was ist dir, Andrason?

Andrason.
Mir ist, als wenn mir in dieser Finsternis ein Licht vom Himmel käme.

Sora.
Du bist verzückt.

Andrason.
Seht ihr nichts, ihr Mädchen? Begreift ihr nichts?

Mana.
Ja, ja! Das Gespenst, das uns geängstet hat, ist begreiflich genug, und der Sack, den ich in meinen Armen habe, dazu.

Andrason.
Verehre die Götter!

Sora.
Du machst mich mit deinem Ernst zu lachen.

Andrason.
Seht ihr nicht die Hälfte des mir Glück weissagenden Orakels erfüllt? –

Mana.
Dass wir nicht darauf gefallen sind!

Andrason.
   „Wenn wird ein greiflich Gespenst von schönen
   Händen entgeistert,“ –

Sora.
Nichts kann klärer sein!

Andrason.
„Und der leinene Sack seine Geweide verleiht!“ Nun aufgemacht, ihr Kinder! Lasst uns vor allem sehn, was der enthält!

(Sie binden ihn auf, und wie sie ihn umschütteln, fällt eine ganze Partie Bücher, mit Häckerling vermischt, heraus.)

Andrason.
Gebt acht, das werden Zauberbücher sein. (Er hebt eins auf.) Empfindsamkeiten!

Mana.
O, gebt’s her!

(Die andern haben indessen die übrigen Bücher aufgehoben.)

Andrason.
Was hast du? Siegwart, eine Klostergeschichte, in drei Bänden.

Mana.
O, das muss scharmant sein! Gib her, das muss ich lesen. – Der gute Jüngling!

Lato.
Den müssen wir kennen lernen!

Sora.
Da ist ja auch ein Kupfer dabei!

Mela.
Das ist gut! Da weiß man doch, wie er ausgesehen hat.

Lato.
Er hat wohl recht traurig, recht interessant ausgesehn.

(Es bleibt den Schauspielern überlassen, sich hier auf gute Art über ähnliche Schriften lustig zu machen.)

Andrason.
Eine schöne Gesellschaft unter einem Herzen!

Mela.
Wie kommen die Bücher nur da herein?

Andrason.
Lasst sehn! Ist das alles? (Er wendet den Sack völlig um, es fallen noch einige Cüher und viel Häckerling heraus.) Da kommt erst die Grundsuppe!

Sora.
O, lasst sehn!

Andrason.
Die neue Heloise! – Weiter! – Die Leiden des jungen Werthers! – Armer Werther!

Sora.
O, gebt’s! Das muss ja wohl traurig sein.

Andrason.
Ihr Kinder, da sei Gott vor, dass ihr in ds Zeug nur einen Blick tun solltet! Gebt her! (Er packt die Bücher wieder in den Sack zusammen, tut den Häckerling dazu und bindet’s ein.)

Mana.
Es ist nicht artig von Euch, dass Ihr uns den Spaß verderben wollt! Wir hätten da manche schöne Nacht lesen können, wo wir ohnedem nicht schlafen.

Andrason.
Es ist zu euerm Besten, ihr Kinder! Ihr glaubt’s nicht, aber es ist wahrlich zu euerm Besten. Nur isn Feuer damit!

Mana.
Lasst sie nur erst der Prinzessin sehn!

Andrason.
Ohne Barmherzigkeit! (Nach einer Pause.) Aber was erscheinen mir für neue Lichter auf dem dunkeln Pfade der Hoffnung! Ich seh’! Ich seh’, die Götter nehmen sich meiner an.

Sora.
Was habt Ihr für Erscheinungen?

Andrason.
Hört mich! Diese Bücher sollen nicht ins Feuer!

Mana.
Das ist mir sehr lieb.

Andrason.
Und ihr sollt sie auch nicht haben!

Sora.
Warum?

Andrason.
Hört, was das Orakle ferner gesagt hat:
„Wird die geflickte Braut mit dem Verliebten vereinet:
   Dann kommt Ruhe und Glück, Fragender, über dein Haus.“
Dass von dieser lieblichen Braut die Rede sei, das ist wohl keine Frage mehr. Wie wir sie aber mit dem lieben Prinzen vereinen sollen, das seh’ ich noch nicht ein. Ich will auch nicht darüber nachdenken: Das ist der Götter Sache! Aber geflickt muss sie zuerst werden, das ist klar, und das ist unsere Sache!

(Er tut den Sack wieder an den vorigen Ort; die Mädchen helfen dazu, und man bittet, dass alles mit der größten Dezenz geschehe. Darauf wird die Maske wieder vorgebunden und die Puppe in gehörige Positur gesetzt.)

Sora.
Ich verstehe noch von allem dem kein Wort; und das, was mir an dem Orakel nicht gefällt, ist, dass es von so gemeinen Sachen und in so niedrigen Ausdrücken spricht.

Andrason.
Liebes Kind, die gemeinen Sachen haben auch ihr hohes Interesse, und ich verzeihe dir, dass du den tiefen Sinn des Orakels nicht einsiehst.

Mana.
Nun, so seid nicht so geheimnisvoll, erklärt einem was.

Andrason.
Ist es nicht deutlich, meine schönen Kinder, dass in diesen Papieren eine Art von Talisman steckt, dass in ihnen diese magische Gewalt liegt, die den Prinzen an eine abgeschmackte ausgestopfte Puppe fesselt, wozu er die Gestalt von eines ehrlichen Mannes Frau geborgt hat? Seht ihr nicht, dass, wenn wir diese Papiere verbrennten, der Zauber aufhören, und er seine Geliebte als ein hohles Bild der Phantasie gleich erkennen würde? Die Götter haben mir diesen Wink gegeben, und ich danke ihnen, dass ich sie nicht missverstanden habe. O, du liebliche, holde, geflickte Braut, möge die Kraft aller lügenhaften Träume auf dich herabsteigen! Möge dein papiernes Herz, deine leinenen Gedärme so viel Kraft haben, den hoch und fein empfindenden Prinzen an sich zu ziehen, wie sonst magische Zeichen, geweihte Kerzen, Alraune und Totenköpfe Geister und Schätze an sich zu zeihen pflegen! – Die Laube war wohl der Aufenthalt dieser himmlischen Nymphe? Kommt! Wir wollen sie verwahren, alles in Ordnung bringen, niemand etwas davon entdecken und der Mitwirkung der Götter fürs Folgende gewiss sein.

Mana.
Andrason, nun kommt mir’s erst wunderbar vor, dass Ihr da seid.

Andrason.
Ein Seltsames verdrängt die Empfindung des andern.

Sora.
Wie kommt Ihr so schnell wieder und in tiefer Nacht bei uns an?

Andrason.
Lasst’s euch sagen und klagen, meine lieben Kinder! Als ich von euch wegging, eilte ich gerade nach Hause. Ich machte den Weg in ziemlich kurzer Zeit; das Verlangen, mein Haus, meine liebe Frau wieder zu sehen, wurde immer größer bei mir. Ich fühlte mich schon in ihren Armen und letzte mich für die lange Abwesenheit recht herzlich. Wie ich in meinen Schlosshof hineintrete, ihr Kinder, höre ich oben ein Gebrause, ein Getöne, Rufen, hohles Anschlagen und eine Wirtschaft durcheinander, dass ich nicht anders dachte, als der wilde Jäger sei bei mir eingezogen. Ich gehe hinauf: Es wird immer ärger; die Stimmen werden unvernehmlicher und hohler, je näher ich komme; nur meine Frau höre ich schreien und rufen, als wenn sie unsinnig geworden wäre. Ganz verwundert tret’ ich in den Saal. Ich finde ihn finster wie eine Höhle, ganz zur Hölle dekoriert, und mein Weib fährt mir in ungeheurer Leidenschaft und mit entsetzlichem Fluchen auf den Hals, traktiert mich als Pluto, als Abscheu, und flieht endlich vor mir, dass ich eben wie versteint dastehe und kein Wort hervorzubringen weiß.

Mana.
Aber um Gottes willen, was war ihr denn?

Andrason.
Wie ich’s beim Licht besah, war’s ein Monodrama!

Mela.
Das muss doch ganz kurios sein.

Andrason.
Nun muss ich euch noch eine Neuigkeit sagen: Sie ist mit hier.

Mana.
Mit hier?

Sora.
O, lasst uns gleich zu ihr gehen! Wir haben sie doch alle recht lieb.

Mana.
Wie kommt’s denn aber, dass Ihr sie mit hierher bringt, da Ihr wisst, der Prinz wird wieder durchkommen?

Andrason.
Ihr kennt ja, lieben Kinder, meine alte Gutmütigkeit. Wie sie sich aus ihrer poetisch-theatralischen Wut ein bisschen erholt hatte, war sie wieder gefällig und gut gegen mich. Ich erzähle ihr allerlei, um sie zu zerstreuen, erzählte ihr allerhand von euch und meiner Schwester; sie sagte, sie hätte längst gewünscht, euch wieder einmal zu sehn; ich sagte ihr, dass eine Reise ihr sehr gut sein würde, und weil die schnellsten Entschlüsse die besten seien, sollte sie sich gleich in den Wagen setzen. Sie nahm’s an, und erst hinterdrein fiel mir ein, dass ich einen dummen Streich gemacht hatte, sie, ehe es nötig war, mit dem Prinzen wieder zusammenzubringen. Doch war’s gleich mein Trost, wie gewöhnlich, dass ich dachte, es entsteht vielleicht etwas Gutes daraus. Und wie ihr seht, gelegner hätten wir nicht kommen können.

Mandandane, Feria kommen.

Mana.
Sei uns willkommen, Mandandane!

Mandandane.
Willkommen, meine Freundinnen!

Feria.
Das war eine recht unvermutete Freude! – Was macht ihr in des Prinzen Zimmer?

Mandandane.
Ist das sein Zimmer?

Feria.
Was gibt’s denn da? Was ist das?

Mandandane.
Wie? Meine Gestalt? Meine Kleider?

Andrason (für sich).
Wie wird das ausgehn?

Mana.
Wir haben diese ausgestopfte Puppe in der Laube gefunden, die der Prinz mit sich herumschleppt.

Sora.
Dies ist die Göttin, die seine vollkommene Anbetung hat.

Mandandane.
Es ist Verleumdung! Der Mann, dessen Liebe ganz in geistigen Empfindungen schwebt, sollte sich mit so einem schalen Puppenwerk abgeben? Ich weiß, dass er mich liebt; aber es ist meine Gesellschaft, die Unterhaltung, die er für seinen Geist bei mir findet. – Ihn mit so einem kindischen Spiel im Verdacht haben, heißt ihn und mich beleidigen!

Sora.
Man könnte sagen, dass er Euer Andenken so wert hält und Euer Bild überall mit sich herumträgt, um sich mit ihm wie mit Euch selbst zu unterhalten.

Andrason (leise zu ihr).
Halte dein verwünschtes Maul!

Feria.
Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.

Mandandane.
Nein! Sollte sein Andenken so eine erlogene, abgeschmackte Nahrung brauchen, so müsste seine Liebe selbst von dieser kindischen Art sein; er würde nicht mich, sondern eine Wolke lieben, die er nur nach meiner Gestalt zu modeln Beleiben trüge.

Andrason.
Wenn du wüsstest, womit sie ausgestopft ist.

Mandandane.
Es ist nicht wahr!

Mana.
Wir beteuern’s. Wo sollten wir denn die Pupe her nehmen? Sieh hier noch den Platz, wo sie gesteckt hat.

Andrason.
Wenn du es nicht glauben willst, so ist das beste Mittel: Wenn wir merken, dass der Prinz wiederkommt, nimm die Maske vor, setze dich selbst in die Laube, tue, als seist du mit Häckerling ausgestopft, und sieh alsdann zu, ob wir wahr reden.

(Die Mädchen setzen indessen die Puppe wieder in die Laube.)

Mandandane.
Das ist ein seltsamer Vorschlag.

Feria.
Lasst uns gehen, eh’ der Tag und jemand von seinen Leuten uns überrascht.

(Alle ab bis auf Andrason, der Sora zurückhält.)

Andrason.
Sora!

Sora.
Herr!

Andrason.
Ich bin in der größten Verlegenheit.

Sora.
Wie?

Andrason.
Der fünfte Akt geht zu Ende, und wir sind erst recht verwickelt!

Sora.
So lasst den sechsten spielen!

Andrason.
Das ist außer aller Art.

Sora.
Ihr seid ein Teutscher, und auf dem teutschen Theater geht alles an.

Andrason.
Das Publikum dauert mich nur; es weiß noch kein Mensch, woran er ist.

Sora.
Das geschieht ihnen oft.

Andrason.
Sie könnten denken, wir wollten sie zum besten haben.

Sora.
Würden sie sich sehr irren?

Andrason.
Freilich! Denn eigentlich spielen wir uns selber.

Sora.
Ich habe so etwas gemerkt.

Andrason.
Mut gefasst! – O ihr Götter! Seht, wie ihr euerm Orakel Erfüllung, dem Zuschauer Geduld und diesem Stück eine Entwicklung gebt! Denn ohne ein Wunder weiß ich nicht, wie wir auf gute Art auseinander kommen sollen.


Sechster Akt

(Wald und Laube.)

Prinz und Merkulo.

Prinz (auf dem Rasen liegend).

Merkulo (für sich).
Der Besuch beim Orakel ist meinem Prinzen nicht wohl bekommen. War er vorher betrübt, so ist er jetzt außer sich. Könnt’ ich seinen Schmerz nur zu Worten bringen! (Zum Prinzen.) Teuerster Herr! Hat die kurze Abwesenheit Ihr Herz so gegen mich zugeschlossen, dass Sie mich nicht würdigen, der Vertraute Ihres Schmerzes zu sein, da ich so oft der Vertraute Ihres Entzückens gewesen bin?

Prinz.
Ich verstehe nicht, was sie sagen – und doch ist mir’s, als wenn die Götter etwas Großes über mich verhängten. Mein Gemüt ist von unbekannten Empfindungen durchdrungen.

Merkulo.
Wie lautet der Ausspruch des Orakels?

Prinz.
Seine Worte sind zweideutig, und was mich am meisten verdrießt, ihnen fehlt der Stempel der Ehrfurcht, den meine Fragen und mein Zustand selbst den Göttern einflößen sollten. Ich bat sie mit gerührtem Herzen, mir zu entwickeln: Wann denn diese stürmische Bewegung meines Herzens endlich aufhören, wann dieses tantalische Streben nach ewig fliehendem Genuss endlich ersättiget werden würde? Wann ich, für meine Mühseligkeiten und Leiden endlich belohnt, die Entzückungen mit der Ruhe und diese holde Traurigkeit mit einem bestätigten Herzen würde verbinden können? Und was gaben sie mir für eine Antwort! Ich mag sie meinem Gedächtnis nicht wieder zurückrufen! Nimm und lies!

(Er gibt ihm eine Rolle.)

Merkulo (liest).
„Wird nicht ein kindisches Spiel vom ernsten Spiele vertrieben,
   Wird dir lieb nicht und wert, was du besitzend nicht hast,
Gibst entschlossen dafür, was du nicht habend besitzest:
   Schwebt in ewigem Traum, Armer, dein Leben dahin.“
Ein witziges Orakel! Ein antithetisches Orakel!

(Er liest weiter.)

„Was du töricht geraubt, gib du dem Eigener wieder:
   Eigen werde dir dann, was du so ängstlich erborgst.
Oder fürchte den Zorn der überschwebenden Götter!
   Hier und über dem Fluss fürchte des Tantalus Los!“

(Merkulo kann nach Belieben den Orakelspruch wiederholen, Anmerkungen machen etc., bis er glaubt, das Publikum habe die Worte genugsam gehört.)

Prinz.
Warum musst’ ich Törichter fragen, da ich nunmehr wider meinen Willen folgen oder der Götter Zorn auf mich laden muss!

Merkulo.
Bei dieser Gelegenheit, dächt’ ich, könnten Sie sich immer mit der Unwissenheit entschuldigen; denn ich sehe wenigstens nicht, wie das Orakel prätendieren kann, dass man’s verstehen soll.

Prinz.
Ich versteh’ es nur zu wohl! Nicht die Worte, aber den Sinn. (Gegen die Laube gekehrt.) Dich soll ich weggeben! Dich soll ich aufopfern! Als wenn ich Ruhe der Seele und Glück erwerben könnte, wenn ich mich ganz zugrunde richte!

Merkulo.
Freilich lassen sich allenfalls die Worte des Orakels dahin deuten.

Prinz.
   Es ist allzu grausam!
   Wegzugehen, was ich habe,
   Götter, ach! Ist allzu viel.

Merkulo.
   Nennen doch die hohe Gabe
   Götter selbst ein Kinderspiel!

Prinz.
   Ich verliere diese Freuden!
   Mir verschwindet dieses Licht!

Merkulo (für sich).
   O, wahrhaftig! Zu beneiden
   Sind die Seligkeiten nicht.

Prinz.
   Götter neiden dies Entzücken,
   Und sie nennen es ein Spiel.

Merkulo.
   Uns weit besser zu erquicken,
   Gibt’s noch andrer Sachen viel.

Prinz.
Es ist ein entsetzlicher Entschluss, der in meiner Seele sich hin und her bewegt, und was für Empfindungen auf und ab steigen, die mir diesen Entschluss bald zu erleichtern, bald zu erschweren scheinen! – Lass mich allein und sei bereit, auf meinen Wink alle meine Leute, alle Bewohner dieses Hauses zusammenzurufen: Denn was ich tun will, ist eine große und männliche Tat und leidet den Anblick vieler Zeugen.

Merkulo.
Bester Herr, Sie machen mir bange.

Prinz.
Erfülle diene Pflicht!

Merkulo (im Weggehen umkehrend).
Noch eins! Andrason ist wieder hier; wollen Sie den auch zum Zeugen haben?

Prinz.
Himmel! Andrason!

Merkulo.
Er selbst. Ich hab’ ihn, wie ich aufstand, mit seiner Schwester am Fenster gesehen.

Prinz.
Lass mich allein! – Meine Sinnen verwirren sich; ich muss Luft haben, um die tausend Gedanken, die in mir durcheinander gehen, zurechtzulegen. (Merkulo ab.)

Prinz (allein, nach einer Pause).
Fasse dich! Entschließe dich: denn du musst! – Weggeben sollst du das, was dein ganzes Glück macht, aufgeben, was die Götter wohl Spiel nennen dürfen, eil ihnen die ganze Menschheit ein Spiel zu sein scheint. Dich weggeben! (Er macht die Laube auf. Mandandane mit einer Maske vor dem Gesicht sitzt drin.) Es ist ganz unmöglich! Es ist, als griff’ ich nach meinem eignen Herzen, um es herauszureißen! Und doch! (Er fährt zusammen und von der Laube weg.) Was ist das in mir? Wie unbegreiflich! Wollen mir die Götter meinen Entschluss erleichtern? Soll ich mir’s leugnen oder gestehn? Zum ersten Mal fühl’ ich den Zug, der mich nach dieser himmlischen Gestalt zeiht, sich verringern! Diese Gegenwart umfängt mich nicht mehr mit dem unendlichen Zauber, der mich sonst vor ihr mit himmlischen Nebeln bedeckte! Ist’s möglich? In meinem Herzen entwickelt, bestimmt sich das Gefühl: Du kannst, du willst sie weggeben! – Es ist mir unbegreiflich! (Er geht auf sie los.) Geliebteste! (Er wendet kurz wieder um.) Nein, ich belüge mich! Mein Herz ist nicht hier! In fremden Gegenden schwärmt’s herum und sucht nach voriger Seligkeit – Mir ist’s, als wenn du es nicht mehr wärest, als wenn eine Fremde mir untergeschoben wäre. O, ihr Götter, die ihr so grausam seid, welche seltsame Gnade erzeigt ihr mir wieder, dass ihr mir das so erleichtert, was ich auf euern Befehl tue! – Ja, lebe wohl! Von ungefähr ist Andrason nicht hier. Ich hatte ihm die beste Hälfte seines Eigentums geraubt; hier nehme er sie wieder! Und ihr, himmlische Geister, gebt euerm folgsamen Sohn aus den Weiten der Welt neues unbekanntes Glück! (Er ruft.) Merkulo!

Merkulo kommt.

Prinz.
Bringe sie zusammen, die Meinigen, das Haus: Könnt’ ich die Welt zusammenrufen, sie sollte Zeuge der wundervollen Tat sein! (Merkulo ab.)

(Der Prinz verschließt die Laube. Unter einer feierlichen Musik kommen der Oberste, die Wache, das ganze Gefolge, nach ihnen die Fräulein; alles stellt sich zu beiden Seiten, wie sie stehen müssen, um das Schlussballet anzufangen. Zuletzt kommen Feria und Andrason mit Merkulo. Die Musik hört auf.)

Prinz.
Tritt näher, Andrason, und höre mich einen Augenblick geruhig an. Bisher sind wir nicht die besten Freunde gewesen; nunmehr haben die Götter mir die Augen geöffnet. Das Unrecht, seh’ ich, war auf meiner Seite: Ich raubte dir die beste Hälfte des Weibes, das du liebst. Auf Befehl der Unsterblichen geb’ ich dir sie zurück. Nimm als ein Heiligtum wieder, was ich als ein Heiligtum bewahrt habe; und verzeih das Vergangne meiner Not, meinem Irrtum, meiner Jugend und meiner Liebe!

Andrason (laut).
Was soll das heißen? (Für sich.) Was wird das geben?

Prinz (eröffnet die Laube, man sieht Mandandane sitzen).
Hier, erkenne das Geheimnis und empfange sie zurück!

Andrason.
Meine Frau! Du entführst mir meine Frau? Schleppst sie mit dir herum? Beschimpfest mich öffentlich, da du sie mir vor den Augen aller Welt zruückgibst?

Prinz.
Dies sei dir ein Beweis der Heiligkeit meiner Gesinnungen, dass ich jetzt das Licht nicht scheue!

Andrason.
Himmel und Hölle! Ich will es rächen. (Er greift nach dem schwert, Feria hält ihn, er spricht leise zu ihr.) Lass sein! Ich muss ja so tun.

Prinz.
Entrüste dich nicht! Mein Schwert hat auch eine schärfe. Sei stille, gib der Vernunft Gehör! Du kannst nicht sagen: „Es ist mein Weib“; und es ist doch dein Weib.

Andrason.
Ich hasse die Rätsel! (Nach einem Augenblick stille für sich.) Ich erstaune! Wieder entbindet sich in meiner Seele ein neuer Verstand, eine Erklärung der letzten Worte des Orakels! Wär’ es möglich? O, helft mir, gütige Götter! (Laut.) Verzeih! Ich fühle, dass ich dir unrecht tue. Hierin ist Zauberei oder eine andere geheime Kraft, die der Menschen Sinne zwiespaltig mit sich selbsten macht. Was soll ich mit zwei Weibern tun? Ich verehre den Wink des Himmels und deinen Schwur. Diese nehm’ ich wieder an; aber gern geb’ ich dir jene dagegen, die ich gegenwärtig besitze.

Prinz.
Wie?

Andrason.
Bringt sie her! (Die Sklaven ab.)

Prinz.
Sollte ich nach so viel Leiden noch glücklich werden können?

Andrason.
Vielleicht tun hier die Himmlischen ein Wunder, um uns beide zur Ruhe zu bringen. Lass uns diese beide als Schwestern betrachten: Jeder darf eine besitzen, und jeder die seinige ganz.

Prinz.
Ich vergeh’ in Hoffnung!

Andrason.
Komm du auf mein Teil, immer gleich Geliebte!

(Die Mohren heben den Sessel aus der Laube und setzen ihn an die linke Seite des Grundes.)

Mandandane (im Begriff, die Maske abzuwerfen, an Andrasons Hals).
O Andrason!

Andrason (der sie nicht aufstehn noch die Maske abnehmen lässt).
Still, Püppchen! Stille, Liebchen! Es naht der entscheidende Augenblick!

(Die Sklaven bringen die Puppe, der Prinz auf sie los und fällt vor ihr nieder.)

Prinz.
   Himmel, sie ist’s! Himmel, sie ist’s!
   Seligkeit tauet herab!

(Die Puppe wird an die andere Seite des Theaters Mandandanen gegenübergesetzt. Hier muss die Ähnlichkeit beider dem Zuschauer noch Illusion machen, wie es überhaupt durchs ganze Stück darauf angesehen ist.)

Andrason.
Komm und gib mir deine Hand! Aller Groll höre unter uns auf, und feierlich entsag’ ich hier dieser zweiten Mandandane und vereine sie mit dir auf ewig! (Er legt ihre Hände zusammen.) Sei glücklich (für sich) mit deiner geflickten Braut!

Prinz.
Ich weiß nicht, wo mich die Trunkenheit der Wonne hinführt. Diese ist’s, ich fühl’ ihre Nähe, die mich so lang an sich zog, die so lang das Glück meines Lebens machte! Ich fühl's, ich bin wieder in dem Zauberstrudel fortgerissen, der unaufhörlich von ihr ausfließt. (Zu Mandandanen.) Verzeih und leb’ wohl! (Auf die Puppe deutend.) Hier, hier ist meine Gottheit, die ganz mein Herz nach ihrem Herzen zieht!

Mandandane (die die Maske abwirft, zu Andrason).
   Lass uns den Bund erneuen,
   Gib wieder diene Hand!
   Verzeih, dass ich den Treuen,
   So töricht dich verkannt!

Prinz (zur Puppe).
   Was, Menschen zu erfreuen,
   Die Götter je gesandt,
   Das Leben zu erneuen,
   Fühl’ ich an deiner Hand!

Merkulo.
   Wie mir’s ist, sag’ ich nicht!
   Als zögen uns die Wände ein Fratzengesicht!
   Himmel und Erde scheint uns Esel zu bohren,
   Wir sind unwiederbringlich verloren.

Mandandane (zu Andrason).
   Lass uns den Bund erneuen,
   Gib wieder deine Hand!
   Verzeih, dass ich den Treuen,
   So töricht dich verkannt!

Prinz (zur Puppe).
   Was, Menschen zu erfreuen,
   Die Götter je gesandt,
   Das Leben zu erneuen,
   Fühl’ ich an deiner Hand!

Andrason.
Wenn je ein seltsam Orakel buchstäblich erfüllt worden, so ist’s dieses, und alle meine Wünsche sind befriedigt, da ich dich so wieder in meinen Armen halte. Auf, Schwester, Kinder, Freunde! Lasst’s nun an Lustbarkeiten nicht fehlen! Wir wollen unsers stillen Betrachtungen anstellen (mehr hervortretend gegen die Zuschauer) und von hundert Lehren, die wir daraus ziehen könnten, uns besonders diese merken: Dass ein Tor erst dann recht angeführt ist, wenn er sich einbildet, er folge gutem Rat oder gehorche den Göttern.

(Ein großes Ballett zum Schluss.)

Ü

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