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Fünfter Aufzug

(Platz am Hafen.)

Erster Auftritt

Eugenie. Hofmeisterin.

Eugenie.
Mit welchen Ketten führst du mich zurück?
Gehorch! Ich wider Willen diesmal auch!
Fluchwürdige Gewalt der Stimme, die
Mich einst so glatt zur Folgsamkeit gewöhnte,
Die meines ersten bildsamen Gefühls
Im ganzen Umfang sich bemeisterte!
Du warst es, der ich dieser Worte Sinn
Zuerst verdanke, dieser Sprache Kraft
Und künstliche Verknüpfung; diese Welt
Hab’ ich aus deinem Munde, ja, mein eignes Herz.
Nun brauchst du diesen Zauber gegen mich,
Du fesselst mich, du schleppst mich hin und wider,
Mein Geist verwirrt sich, mein Gefühl ermattet,
Und zu den Toten sehn’ ich mich hinab.

Hofmeisterin.
O hätte diese Zauberkraft gewirkt,
Von jenen hohen Plänen abzustehn.

Eugenie.
Du ahntest solch ungeheures Übel
Und warntest nicht den allzu sichern Mut?

Hofmeisterin.
Wohl durft’ ich warnen, aber leise nur;
Die ausgesprochne Silbe trug den Tod.

Eugenie.
Und hinter deinem Schweigen lag Verbannung!
Ein Todeswort, willkommner war es mir.

Hofmeisterin.
Dies Unglück, vorgesehen oder nicht,
Hat mich und dich in gleiches Netz verschlungen.

Eugenie.
Was kann ich wissen, welch ein Lohn dir wird,
Um deinen armen Zögling zu verderben.

Hofmeisterin.
Er wartet wohl am fremden Strande mein!
Das Segel schwillt und führt uns beide hin.

Eugenie.
Noch hat das Schiff in seine Kerker nicht
Mich aufgenommen. Sollt’ ich willig gehen?

Hofmeisterin.
Und riefst du nicht das Volk zur Hilfe schon?
Es staunte nur dich an und schwieg und ging.

Eugenie.
Mit ungeheurer Not im Kampfe, schien
Ich dem gemeinen Blick des Wahnsinns Beute.
Doch sollst du mir mit Worten, mit Gewalt
Den mut’gen Schritt nach Hilfe nicht verkümmern.
Die Ersten dieser Stadt erheben sich
Aus ihren Häusern dem Gestadte zu,
Die Schiffe zu bewundern, die gereiht,
Uns unerwünscht das hohe Meer gewinnen.
Schon regt sich am Palast des Gouverneurs
Die Wache. Jener ist es, der die Stufen,
Von mehreren begleitet, niedersteigt.
Ich will ihn sprechen, ihm den Fall erzählen!
Und ist er wert, an meines Königs Platz
Den wichtigsten Geschäften vorzustehn,
So weist er mich nicht unerhört von hinnen.

Hofmeisterin.
Ich hindre dich an diesem Schritte nicht,
Doch nennst du keinen Namen, nur die Sache.

Eugenie.
Den Namen nicht, bis ich vertrauen darf.

Hofmeisterin.
Es ist ein edler junger Mann und wird,
Was er vermag, mit Anstand gern gewähren.


Zweiter Auftritt

Die Vorigen. Der Gouverneur. Adjutanten.

Eugenie.
Dir in den Weg zu treten, darf ich’s wagen?
Wirst du der kühnen Fremden auch verzeihn?

Gouverneur (nachdem er sie aufmerksam betrachtet).
Wer sich wie du dem ersten Blick empfiehlt,
Der ist gewiss des freundlichsten Empfangs.

Eugenie.
Nicht froh und freundlich ist es, was ich bringe,
Entgegen treibt mich dir die höchste Not.

Gouverneur.
Ist, sie zu heben, möglich, sei mir’s Pflicht;
Ist sie auch nur zu lindern, soll’s geschehn.

Eugenie.
Von hohem Haus entspross die Bittende;
Doch leider ohne Namen tritt sie auf.

Gouverneur.
Ein Name wird vergessen; dem Gedächtnis
Schreibt solch ein Bild sich unauslöschlich ein.

Eugenie.
Gewalt und List entreißen, führen, drängen
Mich von des Vaters Brust ans wilde Meer.

Gouverneur.
Wer durfte sich an diesem Friedensbild
Mit ungeweihter Feindeshand vergreifen?

Eugenie.
Ich selbst vermute nur! Mich überrascht
Aus meinem eignen Hause dieser Schlag.
Von Eigennutz und bösem Rat geleitet,
Sann mir ein Bruder dies Verderben aus,
Und diese hier, die mich erzogen, steht,
Mir unbegreiflich, meinen Feinden bei.

Hofmeisterin.
Ihr steh’ ich bei und mildre großes Übel,
Das ich zu heilen leider nicht vermag.

Eugenie.
Ich soll zu Schiffe steigen, fordert sie!
Nach jenen Ufern führt sie mich hinüber!

Hofmeisterin.
Geb’ ich auf solchem Weg ihr das Geleit,
So zeigt es Liebe, Muttersorgfalt an.

Gouverneur.
Verzeiht, geschätzte Frauen, wenn ein Mann,
Der, jung an Jahren, manches in der Welt
Gesehn und überlegt, im Augenblick,
Da er euch sieht und hört, bedenklich stutzt.
Vertrauen scheint ihr beide zu verdienen,
Und ihr misstraut einander beide selbst,
So scheint es wenigstens. Wie soll ich nun
Des wunderbaren Knotens Rätselschlinge,
Die euch umstrickt, zu lösen übernehmen?

Eugenie.
Wenn du mich hören willst, vertrau’ ich mehr.

Hofmeisterin.
Auch ich vermöchte manches zu erklären.

Gouverneur.
Dass uns mit Fabeln oft ein Fremder täuscht,
Muss auch der Wahrheit schaden, wenn wir sie
In abenteuerlicher Hülle sehn.

Eugenie.
Misstraust du mir, so bin ich ohne Hilfe.

Gouverneur.
Und traut’ ich auch, ist doch zu helfen schwer.

Eugenie.
Nur zu den Meinen sende mich zurück.

Gouverneur.
Verlorne Kinder aufzunehmen, gar
Entwendete, verstoßne zu beschützen,
Bringt wenig Dank dem wohl gesinnten Mann.
Um Gut und Erbe wird sogleich ein Streit,
Um die Person, ob sie die rechte sei,
Gehässig aufgeregt, und wenn Verwandte
Ums Mein und dein gefühllos hadern, trifft
Den Fremden, der sich eingemischt, der Hass
Von beiden Teilen, und nicht selten gar,
Weil ihm der strengere Beweis nicht glückt,
Steht er zuletzt auch vor Gericht beschämt.
Verzeih mir also, wenn ich nicht sogleich
Mit Hoffnung dein Gesuch erwidern kann.

Eugenie.
Ziemt eine solche Furcht dem edlen Mann,
Wohin soll sich ein Unterdrückter wenden?

Gouverneur.
Doch wenigstens entschuldigst du gewiss
Im Augenblick, wo ein Geschäft mich ruft,
Wenn ich auf morgen frühe dich hinein
In meine Wohnung lade, dort genauer
Das Schicksal zu erfahren, das dich drängt.

Eugenie.
Mit Freuden werd’ ich kommen. Nimm voraus
Den lauten Dank für meine Rettung an!

Hofmeisterin (die ihm ein Papier überreicht).
Wenn wir auf deine Ladung nicht erscheinen,
So ist dies Blatt Entschuldigung genug.

Gouverneur (der es aufmerksam eine Weile angesehn, es zurückgebend).
So kann ich freilich nur beglückte Fahrt,
Ergebung ins Geschick und Hoffnung wünschen.


Dritter Auftritt

Eugenie. Hofmeisterin.

Eugenie.
Ist dies der Talisman, mit dem du mich
Entführst, gefangen hältst, der alle Guten,
Die sich zu Hilfe mir bewegen, lähmt?
Lass mich es ansehn, dieses Todesblatt!
Mein Elend kenn’ ich, nun, so lass mich auch,
Wer es verhängen konnte, lass mich’s wissen.

Hofmeisterin (die das Blatt offen darzeigt).
Hier! Sieh herein.

Eugenie (sich weg wendend).
Entsetzliches Gefühl!
Und überlebt’ ich’s, wenn des Vaters Name,
Des Königs Name mir entgegen blitzte?
Noch ist die Täuschung möglich, dass verwegen
Ein Kronbeamter die Gewalt missbraucht
Und, meinem Bruder frönend, mich verletzt.
Da bin ich noch zu retten. Eben dies
Will ich erfahren! Zeige her!

Hofmeisterin (wie oben).
Du siehst’s!

Eugenie (wie oben).
Der Mut verlässt mich! Nein, ich wag’ es nicht.
Sei’s, wie es will, ich bin verloren, bin
Aus allem Vorteil dieser Welt gestoßen;
Entsag’ ich denn auf ewig dieser Welt!
O dies vergönnst du mir! Du willst es ja,
Die Feinde wollen meinen Tod, sie wollen
Mich lebend eingescharrt. Vergönne mir,
Der Kirche mich zu nähern, die begierig
So manch unschuldig Opfer schon verschlang.
Hier ist der Tempel; diese Pforte führt
Zu stillem Jammer, wie zu stillem Glück.
Lass diesen Schritt mich ins Verborgne tun!
Was mich daselbst erwartet, sei mein Los.

Hofmeisterin.
Ich sehe, die Äbtissin steigt, begleitet
Von zwei der Ihren, zu dem Platz herab;
Auch sie ist jung, von hohem Haus entsprossen;
Entdeck’ ihr deinen Wunsch, ich hindr’ es nicht.


Vierter Auftritt

Die Vorigen. Äbtissin. Zwei Nonnen.

Eugenie.
Betäubt, verworren, mit mir selbst entzweit
Und mit der Welt, verehrte heil’ge Jungfrau,
Siehst du mich hier. Die Angst des Augenblicks,
Die Sorge für die Zukunft treiben mich
In deine Gegenwart, in der ich Lindrung
Des ungeheuren Übels hoffen darf.

Äbtissin.
Wenn Ruhe, wenn Besonnenheit und Friede
Mit Gott und unserm eigenen Herzen sich
Mitteilen lässt, so soll es, edle Fremde,
Nicht fehlen an der Lehre treuem Wort,
Dir einzuflößen, was der Meinen Glück
Und meins für heut’ sowie auf ewig fördert.

Eugenie.
Unendlich ist mein Übel, schwerlich möcht’
Es durch der Worte göttliche Gewalt
Sogleich zu heilen sein. O nimm mich auf
Und lass mich weilen, wo du weilst, mich erst
In Tränen lösen diese Bangigkeit
Und mein erleichtert Herz dem Troste weihen!

Äbtissin.
Wohl hab’ ich oft im heiligen Bezirk
Der Erde Tränen sich in göttlich Lächeln
Verwandeln sehn, in himmlisches Entzücken,
Doch drängt man sich gewaltsam nicht herein;
Gar manche Prüfung muss die neue Schwester
Und ihren ganzen Wert uns erst entwickeln.

Hofmeisterin.
Entschiedner Wert ist leicht zu kennen, leicht,
Was du bedingen möchtest, zu erfüllen.

Äbtissin.
Ich zweifle nicht am Adel der Geburt,
Nicht am Vermögen, dieses Hauses Rechte,
Die groß und wichtig sind, dir zu gewinnen.
Drum lasst mich bald vernehmen, was ihr denkt.

Eugenie.
Gewähre meine Bitte, nimm mich auf!
Verbirg mich vor der Welt im tiefsten Winkel.
Und meine ganze Habe nimm dahin.
Ich bringe viel und hoffe mehr zu leisten.

Äbtissin.
Kann uns die Jugend, uns die Schönheit rühren,
Ein edles Wesen, spricht’s an unser Herz,
So hast du viele Rechte, gutes Kind.
Geliebte Tochter! Komm an meine Brust!

Eugenie.
Mit diesem Wort, mit diesem Herzensdruck
Besänftigst du auf einmal alles Toben
Der aufgeregten Brust. Die letzte Welle
Umspielt mich weichend noch. Ich bin im Hafen.

Hofmeisterin (dazwischen tretend).
Wenn nicht ein grausam Schicksal widerstünde!
Betrachte dieses Blatt, uns zu beklagen.

(Sie reicht der Äbtissin das Blatt.)

Äbtissin (die gelesen).
Ich muss dich tadeln, dass du wissentlich
So manch vergeblich Wort mit angehört.
Ich beuge vor der höheren Hand mich tief,
Die hier zu walten scheint.


Fünfter Auftritt

Eugenie. Hofmeisterin.

Eugenie.
Wie? Höhre Hand?
Was meint die Heuchlerin? Versteht sie Gott?
Der himmlisch Höchste hat gewiss nicht hier
Mit dieser Freveltat zu tun. Versteht
Sie unsern König? Wohl! Ich muss es dulden,
Was dieser über mich verhängt. Allein
Ich will nicht mehr in Zweifel, zwischen Furcht
Und Liebe schweben, will nicht weibisch mehr,
Indem ich untergehe, noch des Herzens
Und seiner weichlichen Gefühle schonen.
Es breche, wenn es brechen soll, und nun
Verlang’ ich, dieses Blatt zu sehen, sei
Von meinem Vater, sei von meinem König
Das Todesurteil unterzeichnet. Jener
Gereizten Gottheit, die mich niederschmettert,
Will ich getrost ins Auge schauend stehn.
O dass ich vor ihr stünde! Fürchterlich
Ist der bedrängten Unschuld letzter Blick.

Hofmeisterin.
Ich hab’ es nie verweigert, nimm es hin.

Eugenie (das Papier von außen ansehend).
Das ist des Menschen wunderbar Geschick,
Dass bei dem größten Übel noch die Furcht
Vor feinerem Verlust ihm übrig bleibt.
Sind wir so reich, ihr Götter, dass ihr uns
Mit einem Schlag nicht alles rauben könnt?
Des Lebens Glück entriss mir dieses Blatt,
Und lässt mich größeren Jammer noch befürchten.

(Sie entfaltet’s.)

Wohlan! Getrost, mein Herz, und schaudre nicht,
Die Neige dieses bittren Kelchs zu schlürfen.

(Blickt hinein.)

Des Königs Hand und Siegel!

Hofmeisterin (die ihr das Blatt abnimmt).
Gutes Kind,
Bedaure mich, indem du dich bejammerst.
Ich übernahm das traurige Geschäft,
Der Allgewalt Befehl vollzieh’ ich nur,
Um dir in deinem Elend beizustehn,
Dich keiner fremden Hand zu überlassen.
Was meine Seele peinigt, was ich noch
Von diesem schrecklichen Ereignis kenne,
Erfährst du künftig. Jetzt verzeihe mir,
Wenn mich die eiserne Notwendigkeit,
Uns unverzüglich einzuschiffen, zwingt.


Sechster Auftritt

Eugenie allein, hernach Hofmeisterin im Grunde.

Eugenie.
So ist mir denn das schönste Königreich,
Der Hafenplatz, von Tausenden belebt,
Zur Wüste worden, und ich bin allein.
Hier sprechen edle Männer nach Gesetzen,
Und Krieger lauschen auf gemessnes Wort.
Hier flehen heilig Einsame zum Himmel;
Beschäftigt strebt die Menge nach Gewinn.
Und mich verstößt man ohne Recht und Urteil,
Nicht eine Hand bewaffnet sich für mich,
Man schließt mir die Asyle, niemand mag
Zu meinen Gunsten wenig Schritte wagen.
Verbannung! Ja, des Schreckensworts Gewicht
Erdrückt mich schon mit allen seinen Lasten.
Schon fühl’ ich mich ein abgestorbnes Glied,
Der Körper, der gesunde, stößt mich los.
Dem selbstbewussten Toten gleich’ ich, der,
Ein Zeuge seiner eigenen Bestattung,
Gelähmt, in halbem Träume, grausend liegt.
Entsetzliche Notwendigkeit! Doch wie?
Ist mir nicht eine Wahl verstattet? Kann
Ich nicht des Mannes Hand ergreifen, der
Mir, einzig edel, seine Hilfe beut? –
Und könnt’ ich das? Ich könnte die Geburt,
Die mich so hoch hinaufgerückt, verleugnen!
Von allem Glanze jener Hoffnung mich
Auf ewig trennen! Das vermag ich nicht!
O fasse mich, Gewalt, mit ehrnen Fäusten!
Geschick, du blindes, reiße mich hinweg!
Die Wahl ist schwerer als das Übel selbst,
Die zwischen zweien Übeln schwankend bebt.

(Hofmeisterin, mit Leuten, welche Gepäcke tragen, geht schweigend hinten vorbei.)

Sie kommen! Tragen meine Habe fort,
Das Letzte, was von köstlichem Besitz
Mir übrig blieb. Wird es mir auch geraubt?
Man bringt’s hinüber, und ich soll ihm nach.
Ein günst’ger Wind bewegt die Wimpel seewärts,
Bald werd’ ich alle Segel schwellen sehn.
Die Flotte löset sich vom Hafen ab!
Und nun das Schiff, das mich Unsel’ge trägt.
Man kommt! Man fordert mich an Bord. O Gott!
Ist denn der Himmel ehern über mir?
Dringt meine Jammerstimme nicht hindurch?
So sei’s! Ich gehe! Doch mich soll das Schiff
In seines Kerkers Räume nicht verschlingen.
Das letzte Brett, das mich hinüberführt,
Soll meiner Freiheit erste Stufe werden.
Empfangt mich dann, ihr Wellen, fasst mich auf,
Und, fest umschlingend, senket mich hinab
In eures tiefen Friedens Grabesschoß.
Und wenn ich dann vom Unbill dieser Welt
Nichts mehr zu fürchten habe, spült zuletzt
Mein bleiches Gebein dem Ufer zu,
Dass eine fromme Seele mir das Grab
Auf heim’schem Boden wohlgesinnt bereite.

(Mit einigen Schritten.)

Wohlan denn!

(Hält inne.) Will mein Fuß nicht mehr gehorchen?
Was fesselt meinen Schritt, was hält mich hier?
Unsel’ge Liebe zum unwürd’gen Leben!
Du führest mich zum harten Kampf zurück.
Verbannung, Tod, Entwürdigung umschließen
Mich fest und ängsten mich einander zu.
Und wie ich mich von einem schaudernd wende,
So grinst das andre mir mit Höllenblick.
Ist denn kein menschlich, ist kein göttlich Mittel,
Von tausendfacher Qual mich zu befreien?
O dass ein einzig ahnungsvolles Wort
Zufällig aus der Menge mir ertönte!
O dass ein Friedensvogel mir vorbei
Mit leisem Fittich leitend sich bewegte!
Gern will ich hin, wohin das Schicksal ruft;
Es deute nur! Und ich will gläubig folgen.
Es winke nur! Ich will dem heil’gen Winke,
Vertrauend, hoffend, ungesäumt mich fügen.


Siebenter Auftritt

Eugenie. Mönch.

Eugenie (die eine Zeitlang vor sich hingesehen, indem sie die Augen aufhebt und den Mönch erblickt).
Ich darf nicht zweifeln, ja! Ich bin gerettet!
Ja! Dieser ist’s, der mich bestimmen soll.
Gesendet auf mein Flehn, erscheint er mir,
Der Würdige, Bejahrte, dem das Herz
Beim ersten Blick vertraut entgegen flieht.

(Ihm entgegen gehend.)

Mein Vater! Lass den ach! Mir nun versagten,
Verkümmerten, verbotnen Vaternamen
Auf dich, den edlen Fremden, übertragen.
Mit wenig Worten höre meine Not.
Nicht als dem weisen, wohl bedächt’gen Mann,
Dem Gott begabten Greise leg’ ich sie
Mit schmerzlichem Vertraun dir an die Brust.

Mönch.
Was dich bedrängt, eröffne freien Mutes.
Nicht ohne Schickung trifft der Leidende
Mit dem zusammen, der als höchste Pflicht
Die Linderung der Leiden üben soll.

Eugenie.
Ein Rästel statt der Klagen wirst du hören,
Und ein Orakel fordr’ ich, keinen Rat.
Zu zwei verhassten Zielen liegen mir
Zwei Wege vor den Füßen, einer dorthin,
Hierhin der andre; welchen soll ich wählen?

Mönch.
Du führst mich in Versuchung! Soll ich nur
Als Los entscheiden?

Eugenie.
Als ein heilig Los.

Mönch.
Begreif’ ich dich, so hebt aus tiefer Not
Zu höhern Regionen sich dein Blick.
Erstorben ist im Herzen eigner Wille,
Entscheidung hoffst du dir vom Waltenden.
Ja wohl! Das ewig Wirkende bewegt,
Uns unbegreiflich, dieses oder jenes
Als wie von ungefähr zu unserm Wohl,
Zum Rate, zur Entscheidung, zum Vollbringen,
Und wie getragen werden wir ans Ziel.
Dies zu empfinden, ist das höchste Glück,
Es nicht zu fordern, ist bescheidne Pflicht,
Es zu erwarten, schöner Trost im Leiden.
O wär’ ich doch gewürdigt, nun für dich,
Was dir am besten frommte, vorzufühlen!
Allein die Ahnung schweigt in meiner Brust,
Und kannst du mehr nicht mir vertraun, so nimm
Ein fruchtlos Mitleid hin zum Lebewohl.

Eugenie.
Schiffbrüchig fass’ ich noch die letzte Planke!
Dich halt’ ich fest und sage wider Willen
Zum letzten Mal das hoffnungslose Wort:
Aus hohem Haus entsprossen, werd’ ich nun
Verstoßen, übers Meer verbannt und könnte
Mich durch ein Ehebündnis retten, das
ZU niedren Sphären mich herunterzieht.
Was sagt nun dir das Herz? Verstummt es noch?

Mönch.
Es schweige, bis der prüfende Verstand
Sich als ohnmächtig selbst bekennen muss.
Du hast nur Allgemeines mir vertraut,
Ich kann dir nur das Allgemeine raten.
Bist du zur Wahl genötigt unter zwei
Verhassten Übeln, fasse sie ins Auge
Und wähle, was dir noch den meisten Raum
Zu heil’gem Tun und wirken übrig lässt,
Was deinen Geist am wenigsten begrenzt,
Am wenigsten die frommen Taten fesselt.

Eugenie.
Die Ehe, merk’ ich, rätst du mir nicht an.

Mönch.
Nicht eine solche, wie sie dich bedroht.
Wie kann der Priester segnen, wenn das Ja
Der holden Braut nicht aus dem Herzen quillt.
Er soll nicht Widerwärt’ges aneinander
Zu immer neu erzeugtem Streite ketten;
Den Wunsch der Liebe, die zum All das Eine,
Zum Ewigen das Gegenwärtige,
Das Flüchtige zum Dauernden erhebt,
Den zu erfüllen, ist kein göttlich Amt.

Eugenie.
Ins Elend übers Meer verbannst du mich.

Mönch.
Zum Troste jener drüben ziehe hin.

Eugenie.
Wie soll’ ich trösten, wenn ich selbst verzweifle?

Mönch.
Ein reines Herz, wovon dein Blick mir zeugt,
Ein edler Mut, ein hoher, freier Sinn
Erhaltne dich und andre, wo du auch
Auf dieser Erde wandelst. Wenn du nun,
In frühen Jahren ohne Schuld verbannt,
Durch heil’ge Fügung fremde Fehler büßest,
So führst du wie ein überirdisch Wesen
Der Unschuld Glück und Wunderkräfte mit.
So ziehe denn hinüber! Trete frisch
In jenen Kreis der Traurigen. Erheitre
Durch dein Erscheinen jene trübe Welt.
Durch mächt’ges Wort, durch kräft’ge Tat errege
Der tief gebeugten Herzen eigne Kraft;
Vereine die Zerstreuten um dich her,
Verbinde sie einander, alle dir;
Erschaffe, was du hier verliern sollst,
Dir Stamm und Vaterland und Fürstentum.

Eugenie.
Getraust du zu tun, was du gebietest?

Mönch.
Ich tat’s! – Als jungen Mann entführte schon
Zu wilden Stämmen mich der Geist hinüber.
Ins rohe Leben bracht’ ich milde Sitte,
Ich brachte Himmelshoffnung in den Tod.
O hätt’ ich nicht, verführt von treuer Neigung,
Dem Vaterland zu nützen, mich zurück
Zu dieser Wildnis frechen Städtelebens,
Zu diesem Wust verfeinerter Verbrechen,
Zu diesem Pfuhl der Selbstigkeit gewendet!
Hier fesselt mich des Alters Unvermögen,
Gewohnheit, Pflichten; ein Geschick vielleicht,
Das mir die schwerste Prüfung spät bestimmt.
Du aber, jung, von allen Banden frei,
Gestoßen in das Weite, dringe vor
Und rette dich! Was du als Elend fühlst,
Verwandelt sich in Wohltat! Eile fort!

Eugenie.
Eröffne klarer! Was befürchtest du?

Mönch.
Im Dunklen drängt das Künft’ge sich heran,
Das künftig Nächste selbst erscheinet nicht
Dem offnen Blick der Sinne, des Verstands.
Wenn ich beim Sonnenschein durch diese Straßen
Bewundernd wandle, der Gebäude Pracht,
Die felsengleich getürmten Massen schaue,
Der Plätze Kreis, der Kirchen edlen Bau,
Des Hafens masterfüllten Raum betrachte;
Das scheint mir alles für die Ewigkeit
Gegründet und geordnet; diese Menge
Gewerksam Tätiger, die hin und her
In diesen Räumen wogt, auch die verspricht,
Sich unvertilgbar ewig herzustellen.
Allein wenn dieses große Bild bei Nacht
In meines Geistes Tiefen sich erneut,
Da stürmt ein Brausen durch die düstre Luft,
Der feste Boden wankt, die Türme schwanken,
Gefugte Steine lösen sich herab,
Und so zerfällt in ungeformten Schutt
Die Prachterscheinung. Wenig Lebendes
Durchklimmt bekümmert neu entstanden Hügel,
Und jeder Trümmer deutet auf ein Grab.
Das Element zu bändigen, vermag
Ein tief gebeugt, vermindert Volk nicht mehr,
Und rastlos wiederkehrend, füllt die Flut
Mit Sand und Schlamm des Hafens Becken aus,

Eugenie,
Die Nacht entwaffnet erst den Menschen, dann
Bekämpft sie ihn mit nichtigem Gebild.

Mönch.
Ach! Bald genug steigt über unsern Jammer
Der Sonne trüb gedämpfter Blick heran.
Du aber fliehe, die ein guter Geist
Verbannend segnete. Leb’ wohl und eile!


Achter Auftritt

Eugenie (allein).
Vom eignen Elend leitet man mich ab,
Und fremden Jammer prophezeit man mir.
Doch wär’ es fremd, was deinem Vaterland
Begegnen soll? Dies fällt mit neuer Schwere
Mir auf die Brust! Zum gegenwärt’gen Übel
Soll ich der Zukunft Geistesbürden tragen?
So ist’s denn wahr, was in der Kindheit schon
Mir um das Ohr geklungen, was ich erst
Erhorcht, erfragt und nun zuletzt sogar
Aus meines Vaters, meines Königs Mund
Vernehmen musste! Diesem Reiche droht
Ein jäher Umsturz. Die zum großen Leben
Gefugten Elemente wollen sich
Nicht wechselseitig mehr mit Liebeskraft
Zu stets erneuter Einigkeit umfangen.
Sie fliehen sich, und einzeln tritt nun jedes
Kalt in sich selbst zurück. Wo blieb der Ahnherrn
Gewalt’ger Geist, der sie zu einem Zweck
Vereinigte, die feindlich kämpfenden?
Der diesem großen Volk als Führer sich,
Als König und als Vater dargestellt?
Er ist entschwunden! Was uns übrig bleibt,
Ist ein Gespenst, das mit vergebnem Streben
Verlorenen Besitz zu greifen wähnt.
Und solche Sorge nähm’ ich mit hinüber?
Entzöge mich gemeinsamer Gefahr?
Entflöhe der Gelegenheit, mich kühn
Der hohen Ahnen würdig zu beweisen,
Und jeden, der mich ungerecht verletzt,
In böser Stunde hilfreich zu beschämen?
Nun bist du, Boden meines Vaterlands,
Mir erst ein Heiligtum, nun fühl’ ich erst
Den dringenden Beruf, mich anzuklammern.
Ich lasse dich nicht los, und welches Band
Mich dir erhalten kann, es ist nun heilig.
Wo find’ ich jenen gut gesinnten Mann,
Der mir die Hand so traulich angeboten?
An ihn will ich mich schließen! Im Verborgnen
Verwahr’ er mich, als reinen Talisman.
Denn, wenn ein Wunder auf der Welt geschieht,
Geschieht’s durch liebevolle, treue Herzen.
Die Größe der Gefahr betracht’ ich nicht,
Und meine Schwäche darf ich nicht bedenken;
Das alles wird ein günstiges Geschick
Zu rechter Zeit auf hohe Zwecke leiten.
Und wenn mein Vater, mein Monarch mich einst
Verkannt, verstoßen, mich vergessen, soll
Erstaunt ihr Blick auf der Erhaltnen ruhn,
Die das, was sie im Glücke zugesagt,
Aus tiefem Elend zu erfüllen strebt.
Er kommt! Ich seh’ ihm freundiger entgegen,
Als ich ihn ließ. Er kommt. Er sucht mich auf!
Zu scheiden denkt er; bleiben werd’ ich ihm.


Neunter Auftritt

Eugenie. Gerichtsrat. Ein Knabe mit einem schönen Kästchen.

Gerichtsrat.
Schon ziehn die Schiffe nacheinander fort,
Und bald, so fürcht’ ich, wirst auch du berufen.
Empfange noch ein herzlich Lebewohl
Und eine frische Gabe, die auf langer Fahrt
Beklommnen Reisenden Erquickung atmet.
Gedenke mein! O dass du meiner nicht
Am bösen Tage sehnsuchtsvoll gedenkest!

Eugenie.
Ich nehme dein Geschenk mit Freuden an,
Es bürgt mir deine Neigung, deine Sorgfalt;
Doch send’ es eilig in dein Haus zurück!
Und wenn du denkst, wie du gedacht, empfindest,
Wie du empfunden, wenn dir meine Freundschaft
Genügen kann, so folg’ ich dir dahin.

Gerichtsrat (nach einer Pause, den Knaben durch einen Wink entfernend).
Ist’s möglich? Hätte sich zu meiner Gunst
In kurzer Zeit dein Wille so verändert?

Eugenie.
Er ist verändert! Aber denke nicht,
Dass Bangigkeit mich dir entgegen treibe.
Ein edleres Gefühl, lass mich’s verbergen!
Hält mich am Vaterland, an dir zurück.
Nun sei’s gefragt: Vermagst du hohen Muts
Entsagung der Entsagenden zu weihen?
Vermagst du zu versprechen, mich als Bruder
Mit reiner Neigung zu empfangen? Mir,
Der liebevollen Schwester, Schutz und Rat
Und stille Lebensfreude zu gewähren?

Gerichtsrat.
Zu tragen glaub’ ich alles, nur das eine,
Dich zu verlieren, da ich dich gefunden,
Erscheint mir unerträglich. Dich zu sehen,
Dir nah zu sein, für dich zu leben, wäre
Mein einzig höchstes Glück. Und so bedinge
Dein Herz allein das Bündnis, das wir schließen.

Eugenie.
Von dir allein gekannt, muss ich fortan,
Die Welt vermeidend, im Verborgnen leben.
Besitzest du ein still entferntes Landgut,
So widm’ es mir und sende mich dahin.

Gerichtsrat.
Ein kleines Gut besitz’ ich, wohl gelegen;
Doch alt und halb verfallen ist das Haus.
Du kannst jedoch in jener Gegend bald
Die schönste Wohnung finden, sie ist feil.

Eugenie.
Nein! In das alt verfallne lass mich ziehn,
Zu meiner Lager stimmt es, meinem Sinn.
Und wenn er sich erheitert, find’ ich gleich
Der Tätigkeit bereiten Stoff und Raum.
Sobald ich mich die deine nenne, lass,
Von irgend einem alten zuverläss’gen Knecht
Begleitet, mich in Hoffnung einer künft’gen
Beglückung Auferstehung mich begraben.

Gerichtsrat.
Und zum besuch, wann darf ich dort erscheinen?

Eugenie.
Du wartest meinen Ruf geduldig ab.
Auch solch ein Tag wird kommen, uns vielleicht
Mit ernsten Banden enger zu verbinden.

Gerichtsrat.
Du legest mir zu schwere Prüfung auf.

Eugenie.
Erfülle deine Pflichten gegen mich;
Dass ich die meinen kenne, sei gewiss.
Indem du, mich zu retten, deine Hand
Mir bietest, wagst du viel. Werd’ ich entdeckt,
Werd’ ich’s zu früh, so kannst du vieles dulden.
Ich sage dir das tiefste Schweigen zu;
Woher ich komme, niemand soll’s erfahren,
Ja, die entfernten Leiben will ich nur
Im Geist besuchen, keine Zeile soll,
Kein Bote dort mich nennen, wo vielleicht
Zu meinem Heil ein Funke glühen möchte.

Gerichtsrat.
In diesem wicht’gen Fall, was soll ich sagen?
Uneigennütz’ge Liebe kann der Mund
Mit Frechheit oft beteuern, wenn im Herzen
Der Selbstsucht Ungeheuer lauschend grinst.
Die Tat allein beweist der Liebe Kraft.
Indem ich dich gewinne, soll ich allem
Entsagen, deinem Blick sogar! Ich will’s.
Wie du zum ersten Male mir erschienen,
Erscheinst du bleibend mir, ein Gegenstand
Der Neigung, der Verehrung. Deinetwillen
Wünsch’ ich zu leben, du gebietest mir.
Und wenn der Priester sich sein Leben lang
Der unsichtbaren Gottheit niederbeugt,
Die im beglückten Augenblick vor ihm
Als höchstes Musterbild vorüberging,
So soll von deinem Dienste mich fortan,
Wie du dich auch verhüllest, nichts zerstreun.

Eugenie.
Ob ich vertraue, dass dein Äußres nicht,
Nicht deiner Worte Wohllaut lügen kann;
Dass ich empfinde, welch ein Mann du bist,
Gerecht, gefühlvoll, tätig, zuverlässig,
Davon empfange den Beweis, den höchsten,
Den eine Frau besonnen geben kann!
Ich zaudre nicht, ich eile, dir zu folgen!
Hier meine Hand; wir gehen zum Altar.

Ü

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