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Vierter Aufzug

(Platz am Hafen. Zur einen Seite ein Palast, auf der andern eine Kirche, im Grund eine Reihe Bäume, durch die man nach dem Hafen hinab sieht.)

Erster Auftritt

Eugenie, in einen Schleier gehüllt, auf einer Bank im Grunde, mit dem Gesicht nach der See. Hofmeisterin, Gerichtsrat im Vordergrunde.

Hofmeisterin.
Drängt unausweichlich ein betrübt Geschäft
Mich aus dem Mittelpunkt des Reiches, mich
Aus dem Bezirk der Hauptstadt an die Grenze
Des festen Lands zu diesem Hafenplatz,
So folgt mir streng die Sorge, Schritt vor Schritt,
Und deutet mir bedenklich in die Weite.
Wie müssen Rat und Anteil eines Manns,
Der allen edel, zuverlässig gilt,
Mir als ein Leitstern wonniglich erscheinen!
Verzeih daher, wenn ich mit diesem Blatt,
Das mich zu solcher schweren Tat berechtigt,
Zu dir mich wendend komme, den so lange
Man im Gericht, wo viel Gerechte wirken,
Erst pries als Beistand, nun als Richter preist.

Gerichtsrat (der indessen das Blatt nachdenkend angesehen).
Nicht mein Verdienst, nur mein Bemühen war
Vielleicht zu preisen. Sonderbar jedoch
Will es mich dünken, dass du eben diesen,
Den du gerecht und edel nennen willst,
In solcher Sache fragen, ihm getrost
Solch ein Papier vors Auge dringen magst,
Worauf er nur mit Schauder blicken kann.
Nicht ist von Recht, noch von Gericht die Rede;
Hier ist Gewalt! Entsetzliche Gewalt,
Selbst wenn sie klug, selbst wenn sie weise handelt.
Anheim gegeben ward ein edles Kind,
Auf Tod und Leben, sag’ ich wohl zu viel?
Anheim gegeben deiner Willkür. Jeder,
Sei er Beamter, Kriegsmann, Bürger, alle
Sind angewiesen, dich zu schützen, sie
Nach deines Worts Gesetzen zu behandeln.

(Er gibt das Blatt zurück.)

Hofmeisterin.
Auch hier beweise dich gerecht und lass
Nicht dies Papier allein als Kläger sprechen,
Auch mich, die hart Verklagte, höre nun
Und meinen offnen Vortrag günstig an.
Aus edlem Blut entspross die Treffliche;
Von jeder Gabe, jeder Tugend schenkt’
Ihr die Natur den allerschönsten Teil,
Wenn das Gesetz ihr andre Rechte weigert.
Und nun verbannt! Ich sollte sie dem Kreise
Der Ihrigen entführen, sie hierher,
Hinüber nach den Inseln sie geleiten.

Gerichtsrat.
Gewissem Tod entgegen, der im Qualm
Erhitzter Dünste schleichend überfällt.
Dort soll verwelken diese Himmelsblume,
Die Farbe dieser Wange dort verbleichen!
Verschwinden die Gestalt, die sich das Auge
Mit Sehnsucht immer zu erhalten wünscht.

Hofmeisterin.
Bevor du richtest, höre weiter an!
Unschuldig ist, bedarf es wohl Beteurung?
Doch vieler Übel Ursach’ dieses Kind.
Sie als des Haders Apfel warf ein Gott
Erzürnt ins Mittel zwischen zwei Parteien,
Die sich, auf ewig nun getrennt, bekämpfen.
Sie will der eine Teil zum höchsten Glück
Berechtigt wissen, wenn der andre sie
Hinabzudrängen strebt. Entschieden beide! –
Und so umschlang ein heimlich Labyrinth
Verschmitzten wirkens doppelt ihr Geschick,
So schwankte List um List im Gleichgewicht,
Bis ungeduld’ge Leidenschaft zuletzt
Den Augenblick entschiedenen Gewinns
Beschleunigte. Da brach von beiden Seiten
Die Schranke der Verstellung, drang Gewalt,
Dem Staate selbst gefährlich, drohend los,
Und nun, sogleich der Schuld’gen Schuld zu hemmen,
Zu tilgen, trifft ein hoher Götterspruch
Des Kampfs unschuld’gen Anlass, meinen Zögling,
Und reißt, verbannend, mich mit ihm dahin.

Gerichtsrat.
Ich schelte nicht das Werkzeug, rechte kaum
Mit jenen Mächten, die sich solche Handlung
Erlauben können. Leider sind auch sie
Gebunden und gedrängt. Sie wirken selten
Aus freier Überzeugung. Sorge, Furcht
Vor größerm Übel nötiget Regenten
Die nützlich ungerechten Taten ab.
Vollbringe, was du musst, entferne dich
Aus meiner Enge rein gezognem Kreis.

Hofmeisterin.
Den eben such’ ich auf! Da dring’ ich hin!
Dort hoff’ ich Heil! Du wirst mich nicht verstoßen.
Den werten Zögling wünscht’ ich lange schon
Vom Glück zu überzeugen, das im Kreise
Des Bürgerstandes hold genügsam weilt.
Entsagte sie der nicht gegönnten Höhe,
Ergäbe sich des biedern Gatten Schutz
Und wendete von jenen Regionen,
Wo sie Gefahr, Verbannung, Tod umlauern,
Ins Häusliche den liebevollen Blick;
Gelöst wär’ alles, meiner strengen Pflicht
Wär’ ich entledigt, könnt’ im Vaterland
Vertrauter Stunden mich verweilend freuen.

Gerichtsrat.
Ein sonderbar Verhältnis zeigst du mir!

Hofmeisterin.
Dem klug entschlossnen Manne zeig’ ich’s an.

Gerichtsrat.
Du gibst sie frei, wenn sich ein Gatte findet?

Hofmeisterin.
Und reichlich ausgestattet geb’ ich sie.

Gerichtsrat.
So übereilt, wer dürfte sich entschließen?

Hofmeisterin.
Nur übereilt bestimmt die Neigung sich.

Gerichtsrat.
Die Unbekannte wählen wäre Frevel.

Hofmeisterin.
Dem ersten Blick ist sie gekannt und wert.

Gerichtsrat.
Der Gattin Feinde drohen auch dem Gatten.

Hofmeisterin.
Versöhnt ist alles, wenn sie Gattin heißt.

Gerichtsrat.
Und ihr Geheimnis, wird man’s ihm entdecken?

Hofmeisterin.
Vertrauen wird man dem Vertrauenden.

Gerichtsrat.
Und wird sie frei solch einen Bund erwählen?

Hofmeisterin.
Ein großes Übel dränget sie zur Wahl.

Gerichtsrat.
In solchem Fall zu werben, ist es redlich?

Hofmeisterin.
Der Rettende fasst an und klügelt nicht.

Gerichtsrat.
Was forderst du vor allen andern Dingen?

Hofmeisterin.
Entschließen soll sie sich im Augenblick.

Gerichtsrat.
Ist euer Schicksal ängstlich so gesteigert?

Hofmeisterin.
Im Hafen regt sich emsig schon die Fahrt.

Gerichtsrat.
Hast du ihr früher solchen Bund geraten?

Hofmeisterin.
Im allgemeinen deutet’ ich dahin.

Gerichtsrat.
Entfernte sie unwillig den Gedanken?

Hofmeisterin.
Noch war das alte Glück ihr allzu nah.

Gerichtsrat.
Die schönen Bilder, werden sie entweichen?

Hofmeisterin.
Das hohe Meer hat sie hinweggeschreckt.

Gerichtsrat.
Sie fürchtet, sich vom Vaterland zu trennen?

Hofmeisterin.
Sie fürchtet’s, und ich fürcht’ es wie den Tod.
O lass uns, Edler, glücklich Aufgefundner,
Vergebne Worte nicht bedenklich wechseln!
Noch lebt in dir, dem Jüngling, jede Tugend,
Die mächt’gen Glaubens, unbedingter Liebe
Zu nie genug geschätzter Tat bedarf.
Gewiss umgibt ein schöner Kreis dich auch
Von Ähnlichen! Von Gleichen sag’ ich nicht!
O seih dich um in deinem eignen Herzen,
In deiner Freunde Herzen sieh umher,
Und findest du ein überfließend Maß
Von Liebe, von Ergebung, Kraft und Mut,
So werde dem Verdientesten dies Kleinod
Mit stillem Segen heimlich übergeben!

Gerichtsrat.
Ich weiß, ich fühle deinen Zustand, kann
Und mag nicht mit mir selbst bedächtig erst.
Wie Klugheit forderte, zu Rate gehen!
Ich will sie sprechen.

Hofmeisterin (tritt zurück gegen Eugenie).

Gerichtsrat.
Was geschehen soll,
Es wird geschehn! In ganz gemeinen Dingen
Hängt viel von Wahl und Wollen ab; das Höchste,
Was uns begegnet, kommt wer weiß woher.


Zweiter Auftritt

Eugenie. Gerichtsrat.

Gerichtsrat.
Indem du mir, verehrte Schöne, nahst,
So zweifl’ ich fast, ob man mich treu berichtet.
Du bist unglücklich, sagt man; doch du bringst,
Wohin du wandelst, Glück und Heil heran.

Eugenie.
Find’ ich den ersten, dem aus tiefer Not
Ich Blick und Wort entgegen wenden darf,
So mild und edel, als du mir erscheinst;
Dies Angstgefühl, ich hoffe, wird sich lösen.

Gerichtsrat.
Ein viel Erfahrner wäre zu bedauern,
Wär’ ihm das Los gefallen, das dich trifft;
Wie ruft nicht erst bedrängter Jugend Kummer
Die Mitgefühle hilfsbedürftig an!

Eugenie.
So hob ich mich vor kurzem aus der Nacht
Des Todes an des Tages Licht herauf,
Ich wusste nicht, wie mir geschehn! Wie hart
Ein jäher Sturz mich lähmend hingestreckt.
Da rafft’ ich mich empor, erkannte wieder
Die schöne Welt, ich sah den Arzt bemüht,
Die Flamme wieder anzufachen, fand
In meines Vaters liebevollem Blick,
An seinem Ton mein Leben wieder. Nun
Zum zweiten Mal, von einem jähern Sturz,
Erwach’ ich! Fremd und schattengleich erscheint
Mir die Umgebung, mir der Menschen Wandeln,
Und deine Milde selbst ein Traumgebild.

Gerichtsrat.
Wenn Fremde sich in unsre Lage fühlen,
Sind sie wohl näher als die Nächsten, die
Oft unsern Gram als wohlbekanntes Übel
Mit lässiger Gewohnheit übersehn.
Dein Zustand ist gefährlich! Ob er gar
Unheilbar sei, wer wagt es zu entscheiden!

Eugenie.
Ich habe nichts zu sagen! Unbekannt
Sind mir die Mächte, die mein Elend schufen.
Du hast das Weib gesprochen, jene weiß;
Ich dulde nur dem Wahnsinn mich entgegen.

Gerichtsrat.
Was auch der Obermacht gewalt’gen Schluss
Auf dich herab gerufen, leichte Schuld,
Ein Irrtum, den der Zufall schädlich leitet;
Die Achtung bleibt, die Neigung spricht für dich.

Eugenie.
Des reinen Herzens traulich mir bewusst,
Sinn’ ich der Wirkung kleiner Fehler nach.

Gerichtsrat.
Auf ebnem Boden straucheln ist ein Scherz,
Ein Fehltritt stürzt vom Gipfel dich herab.

Eugenie.
Auf jenen Gipfeln schwebt’ ich voll Entzücken,
Der Freunde Übermaß verwirrte mich.
Das nahe Glück berührt’ ich schon im Geist,
Ein köstlich Pfand lag schon in meinen Händen.
Nur wenig Ruhe! Wenige Geduld!
Und alles war, so darf ich glauben, mein.
Doch übereilt’ ich’s, überließ mich rasch
Zudringlicher Versuchung. – War es das? –
Ich sah, ich sprach, was mir zu sehn, zu sprechen
Verboten war. Wird ein so leicht Vergehn
So hart bestraft? Ein lässlich scheinendes,
Scherzhafter Probe gleichendes Verbot,
Verdammt’s den Übertreter ohne Schonung?
O, so ist’s wahr, was uns der Völker Sagen
Unglaublich überliefern! Jenes Apfels
Leichtsinnig augenblicklicher Genuss
Hat aller Welt unendlich Weh verschuldet.
So ward auch mir ein Schlüssel anvertraut!
Verbotne Schätze wagt’ ich aufzuschließen,
Und aufgeschlossen hab’ ich mir das Grab.

Gerichtsrat.
Des Übels Quelle findest du nicht aus,
Und aufgefunden fließt sie ewig fort.

Eugenie.
In kleinen Fehlern such’ ich’s, gebe mir
Aus eitlem Wahn die Schuld so großer Leiden.
Nur höher, höher wende den Verdacht!
Die beiden, denen ich mein ganzes Glück
Zu danken hoffte, die erhabnen Männer,
Zum Scheine reichten sie sich Hand um Hand.
Der innre Zwist unsicherer Parteien,
Der nur in düstern Höhlen sich geneckt,
Er bricht vielleicht ins Freie bald hervor!
Und was mich erst als Furcht und Sorg’ umgeben,
Entscheidet sich, indem es mich vernichtet,
Und droht Vernichtung aller Welt umher.

Gerichtsrat.
Du jammerst mich! Das Schicksal einer Welt
Verkündest du nach deinem Schmerzgefühl.
Und schien dir nicht die Erde froh und glücklich,
Als du, ein heitres Kind, auf Blumen schrittest?

Eugenie.
Wer hat es reizender als ich gesehn,
Der Erde Glück mit allen seinen Blüten.
Ach, alles um mich her, es war so reich,
So voll und rein, und was der Mensch bedarf,
Es schien zur Lust, zum Überfluss gegeben.
Und wem verdankt’ ich solch ein Paradies?
Der Vaterliebe dankt’ ich’s, die, besorgt
Ums Kleinste, wie ums Größte, mich verschwendrisch
Mit Prachtgenüssen zu erdrücken schien
Und meinen Körper, meinen Geist zugleich,
Ein solches Wohl zu tragen, bildete.
Wenn alles weichlich Eitle mich umgab,
Ein wonniges Behagen mir zu schmeicheln,
So rief mich ritterlicher Trieb hinaus,
Zu Ross und Wagen, mit Gefahr zu kämpfen.
Oft sehnt’ ich mich in ferne Weiten hin,
Nach fremder Lande seltsam neuen Kreisen.
Dorthin versprach der edle Vater mich,
Ans Meer versprach er mich zu führen, hoffte
Sich meines ersten Blicks ins Unbegrenzte
Mit liebevollem Anteil zu erfreun –
Da steh’ ich nun und schaue weit hinaus,
Und enger scheint mich’s, enger zu umschließen.
O Gott, wie schränkt sich Welt und Himmel ein,
Wenn unser Herz in seinen Schranken banget!

Gerichtsrat.
Unselige! Die mir aus deinen Höhen,
Ein Meteor, verderblich niederstreifst
Und meiner Bahn Gesetz berührend störst!
Auf ewig hast du mir den heitren Blick
Ins volle Meer getrübt. Wenn Phöbus nun
Ein feuerwallend Lager sich bereitet,
Und jedes Auge von Entzücken tränt,
Da werd’ ich weg mich wenden, werde dich
Und dein Geschick beweinen. Fern am Rande
Des nachtumgebnen Ozeans erblick’ ich
Mit Not und Jammer deinen Pfad umstrickt!
Entbehrung alles nötig lang Gewohnten,
Bedrängnis neuer Übel, ohne Flucht.
Der Sonne glühendes Geschoss durchdringt
Ein feuchtes, kaum der Flut entrissnes Land.
Um Niederungen schwebet, gift’gen Brodens,
Blaudunst’ger Streifen angeschwollne Pest.
Im Vortod seh’ ich, matt und hingebleicht,
von Tag zu Tag ein Kummerleben schwanken.
O die so blühend, heiter vor mir steht,
Sie soll so früh langsamen Tods verschwinden!

Eugenie.
Entsetzen rufst du mir hervor! Dorthin?
Dorthin verstößt man mich! In jenes Land,
Als Höllenwinkel mir von Kindheit auf
In grauenvollen Zügen dargestellt.
Dorthin, wo sich in Sümpfen Schlang’ und Tiger
Durch Rohr und Dorngeflechte tückisch drängen,
Wo, peinlich quälend, als belebte Wolken
Um Wandrer sich Insektenscharen ziehn,
Wo jeder Hauch des Windes, unbequem
Und schädlich, Stunden raubt und Leben kürzt.
Zu bitten dacht’ ich; flehend siehst du nun
Die Dringende. Du kannst, du wirst mich retten.

Gerichtsrat.
Ein mächtig ungeheurer Talisman
Liegt in den Händen deiner Führerin.

Eugenie.
Was ist Gesetz und Ordnung? Können sie
Der Unschuld Kindertage nicht beschützen?
Wer seid denn ihr, die ihr mit leerem Stolz
Durchs Recht Gewalt zu bänd’gen euch berühmt?

Gerichtsrat.
In abgeschlossnen Kreisen lenken wir
Gesetzlich streng das in der Mittelhöhe
Des Lebens wiederkehrend Schwebende.
Was droben sich in ungemessnen Räumen
Gewaltig seltsam hin und her bewegt,
Belebt und tötet ohne Rat und Urteil,
Das wird nach anderm Maß, nach andrer Zahl
Vielleicht berechnet, bleibt uns rätselhaft.

Eugenie.
Und ist das alles? Hast du weiter nichts
Zu sagen, zu verkünden?

Gerichtsrat.
Nichts!

Eugenie.
Ich glaub’ es nicht!
Ich darf’s nicht glauben.

Gerichtsrat.
Lass, o lass mich fort!
Soll ich als feig, als unentschlossen gelten?
Bedauern, jammern? Soll nicht irgendhin
Mit kühner Hand auf deine Rettung deuten?
Doch läge nicht in dieser Kühnheit selbst
Für mich die grässlichste Gefahr, von dir
Verkannt zu werden? Mit verfehltem Zweck
Als frevelhaft unwürdig zu erscheinen?

Eugenie.
Ich lasse dich nicht los, den mir das Glück,
Mein altes Glück, vertraulich zugesendet.
Mich hat’s von Jugend auf gehegt, gepflegt,
Und nun im rauen Sturme sendet mir’s
Den edlen Stellvertreter seiner Neigung.
Sollt’ ich nicht sehen, fühlen, dass du teil
An mir und meinem Schicksal nimmst? Ich stehe
Nicht ohne Wirkung hier: Du sinnst! Du denkst! –
Im weiten Kreise rechtlicher Erfahrung
Schaust du zu meinen Gunsten um dich her.
Noch bin ich nicht verloren! Ja, du suchst
Ein Mittel, mich zu retten; hast es wohl
Schon ausgefunden! Mir bekennt’s dein Blick,
Dein tiefer, ernster, freundlich trüber Blick.
O kehre dich nicht weg! O sprich es aus,
Ein hohes Wort, das mich zu heilen töne!

Gerichtsrat.
So wendet voll Vertrauen zum Arzte sich
Der tief Erkrankte, fleht um Linderung,
Fleht um Erhaltung schwer bedrohter Tage;
Als Gott erscheint ihm der erfahrne Mann.
Doch ach! Ein bitter, unerträglich Mittel
Wird nun geboten. Ach! Soll ihm vielleicht
Der edlen Glieder grausame Verstümmlung,
Verlust statt Heilung angekündigt werden?
Gerettet willst du sein! Zu retten bist du,
Nicht herzustellen. Was du warst, ist hin,
Und was du sein kannst, magst du’s übernehmen?

Eugenie.
Um Rettung aus des Todes Nachtgewalt,
Um dieses Lichts erquickenden Genuss,
Um Sicherheit des Daseins ruft zuerst
Aus tiefer Not ein Halbverlorner noch.
Was dann zu heilen sei, was zu erstatten,
Was zu vermissen, lehre Tag um Tag.

Gerichtsrat.
Und nächst dem Leben, was erflehst du dir?

Eugenie.
Des Vaterlandes vielgeliebten Boden!

Gerichtsrat.
Du forderst viel im einz’gen, großen Wort!

Eugenie.
Ein einzig Wort enthält mein ganzes Glück.

Gerichtsrat.
Den Zauberbann, wer wagt’s, ihn aufzulösen?

Eugenie.
Der Tugend Gegenzauber siegt gewiss!

Gerichtsrat.
Der obern Macht ist schwer zu widerstehen.

Eugenie.
Allmächtig ist sie nicht, die obre Macht.
Gewiss! Dir gibt die Kenntnis jener Formen,
Für Hohe wie für Niedre gleich verbindlich,
Ein Mittel an. Du lächelst. Ist es möglich!
Das Mittel ist gefunden! Sprich es aus!

Gerichtsrat.
Was hilf’ es, meine Beste, wenn ich dir
Von Möglichkeiten spräche! Möglich scheint
Fast alles unsern Wünschen; unsrer Tat
Setzt sich von innen wie von außen viel,
Was sie durchaus unmöglich macht, entgegen.
Ich kann, ich darf nicht reden, lass mich los!

Eugenie.
Und wenn du täuschen solltest! – Wäre nur
Für Augenblicke meiner Phantasie
Ein zweifelhafter, leichter Flug vergönnt!
Ein Übel um das andre biete mir!
Ich bin gerettet, wenn ich wählen kann.

Gerichtsrat.
Ein Mittel gibt es, dich im Vaterland
Zurückzuhalten. Friedlich ist’s und manchem
Erschien’ es auch erfreulich. Große Gunst
Hat es vor Gott und Menschen. Heil’ge Kräfte
Erheben’s über alle Willkür. Jedem,
Der’s anerkennt, sich’s anzueignen weiß,
Verschafft es Glück und Ruhe. Vollbestand
Erwünschter Lebensgüter sind wir ihm,
So wie der Zukunft höchste Bilder schuldig.
Als allgemeines Menschengut verordnet’s
Der Himmel selbst und ließ dem Glück, der Kühnheit
Und stiller Neigung Raum, sich’s zu erwerben.

Eugenie.
Welch Paradies in Rätseln stellst du dar?

Gerichtsrat.
Der eignen Schöpfung himmlisch Erdenglück.

Eugenie.
Was hilft mein Sinnen! Ich verwirre mich!

Gerichtsrat.
Errätst du’s nicht, so liegt es fern von dir.

Eugenie.
Das zeige sich, sobald du ausgesprochen.

Gerichtsrat.
Ich wage viel! Der Ehstand ist es!

Eugenie.
Wie?

Gerichtsrat.
Gesprochen ist’s, nun überlege du.

Eugenie.
Mich überrascht, mich ängstet solch ein Wort.

Gerichtsrat.
Ins Auge fasse, was dich überrascht.

Eugenie.
Mir lag es fern in meiner frohen Zeit,
Nun kann ich seine Nähe nicht ertragen;
Die Sorge, die Beklemmung mehrt sich nur.
Von meines Vaters, meines Königs Hand
Musst’ ich dereinst den Bräutigam erwarten.
Voreilig schwärmte nicht mein Blick umher,
Und keine Neigung wuchs in meiner Brust.
Nun soll ich denken, was ich nie gedacht,
Und fühlen, was ich sittsam weg gewiesen;
Soll mir den Gatten wünschen, eh’ ein Mann
Sich liebenswert und meiner wert gezeigt,
Und jenes Glück, das Hymen uns verspricht,
Zum Rettungsmittel meiner Not entweihen.

Gerichtsrat.
Dem wackern Mann vertraut ein Weib getrost,
Und wär’ er fremd, ein zweifelhaft Geschick.
Der ist nicht fremd, wer teilzunehmen weiß,
Und schnell verbindet ein Bedrängter sich
Mit seinem Retter. Was im Lebensgange
Dem Gatten seine Gattin fesselnd eignet,
Ein Sicherheitsgefühl, ihr werd’ es nie
An Rat und Trost, an Schutz und Hilfe fehlen,
Das flößt im Augenblick ein kühner Mann
Dem Busen des Gefahr umgebnen Weibes
Durch Wagetat auf ew’ge Zeiten ein.

Eugenie.
Und mir, wo zeigte sich ein solcher Held?

Gerichtsrat.
Der Männer Schar ist groß in dieser Stadt.

Eugenie.
Doch allen bin und bleib’ ich unbekannt.

Gerichtsrat.
Nicht lange bleibt ein solcher Blick verborgen!

Eugenie.
O täusche nicht ein leicht betrognes Hoffen!
Wo fände sich ein Gleicher, seine Hand
Mir, der Erniedrigten, zu reichen? Dürft’ ich
Dem Gleichen selbst ein solches Glück verdanken?

Gerichtsrat.
Ungleich erscheint im Leben viel, doch bald
Und unerwartet ist es ausgeglichen.
In ew’gem Wechsel wiegt ein Wohl das Weh
Und schnelle Leiden unsre Freuden auf.
Nichts ist beständig! Manches Missverhältnis
Löst unbemerkt, indem die Tage rollen,
Durch Stufenschritte sich in Harmonie.
Und ach! Den größten Abstand weiß die Liebe,
Die Erde mit dem Himmel, auszugleichen.

Eugenie.
In leere Träume denkst du mich zu wiegen.

Gerichtsrat.
Du bist gerettet, wenn du glauben kannst.

Eugenie.
So zeige mir des Retters treues Bild.

Gerichtsrat.
Ich zeig’ ihn dir, er bietet seine Hand!

Eugenie.
Du! Welch ein Leichtsinn überraschte dich?

Gerichtsrat.
Entschiedne bleibt auf ewig mein Gefühl.

Eugenie.
Der Augenblick, vermag er solche Wunder?

Gerichtsrat.
Das Wunder ist des Augenblicks Geschöpf.

Eugenie.
Und Irrtum auch der Übereilung Sohn.

Gerichtsrat.
Ein Mann, der dich gesehen, irrt nicht mehr.

Eugenie.
Erfahrung bleibt des Lebens Meisterin.

Gerichtsrat.
Verwirren kann sie, doch das Herz entscheidet.
O lass dir sagen: Wie vor wenig Stunden,
Ich mit mir selbst zu Rate ging und mich
So einsam fühlte, meine ganze Lage,
Vermögen, Stand, Geschäft ins Auge fasste
Und um mich her nach einer Gattin sann,
Da regte Phantasie mir manches Bild,
Die Schätze der Erinnrung sichtend, auf,
Und wohlgefällig schwebten sie vorüber.
Zu keiner Wahl bewegte sich mein Herz.
Doch du erscheinest, ich empfinde nun,
Was ich bedurfte. Dies ist mein Geschick.

Eugenie.
Die Fremde, Schlechtumgebne, Missempfohlne,
Sie könnte frohen, stolzen Trost empfinden,
Sich so geschätzt, sich so geliebt zu sehn;
Bedächte sie nicht auch des Freundes Glück,
Des edlen Manns, der unter allen Menschen
Vielleicht zuletzt ihr Hilfe bieten mag.
Betrügst du dich nicht selbst? Und wagst du, dich
Mit jener Macht, die mich bedroht, zu messen?

Gerichtsrat.
Mit jener nicht allein! – Dem Ungestüm
Des rohen Drangs der Menge zu entgehn,
Hat uns ein Gott den schönsten Port bezeichnet.
Im Hause, wo der Gatte sicher waltet,
Da wohnt allein der Friede, den vergebens
Im Weiten du da draußen suchen magst.
Unruh’ge Missgunst, grimmige Verleumdung,
Verhallendes, parteiisches Bestreben,
Nicht wirken sie auf diesen heil’gen Kreis!
Vernunft und Liebe hegen jedes Glück,
Und jeden Unfall mildert ihre Hand.
Komm! Rette dich zu mir! Ich kenne mich!
Und weiß, was ich versprechen darf und kann.

Eugenie.
Bist du in deinem Hause Fürst?

Gerichtsrat.
Ich bin’s!
Und jeder ist’s, der Gute wie der Böse.
Reicht eine Macht denn wohl in jenes Haus,
Wo der Tyrann die holde Gattin kränkt,
Wenn er nach eignem Sinn verworren handelt,
Durch Launen, Worte, Taten jede Lust
Mit Schadenfreude sinnreich untergräbt?
Wer trocknet ihre Tränen? Welch Gesetz,
Welch Tribunal erreicht den Schuldigen?
Er triumphiert, und schweigende Geduld
Senkt nach und nach, verzweifelnd, sie ins Grab.
Notwendigkeit, Gesetz, Gewohnheit gaben
Dem Mann so grobe Rechte; sie vertrauten
Auf seine Kraft, auf seinen Biedersinn. –
Nicht Heldenfaust, nicht Heldenstamm, geliebte,
Verehrte Fremde, weiß ich dir zu bieten;
Allein des Bürgers hohen Sicherstand.
Und bist du mein, was kann dich mehr berühren?
Auf ewig bist du mein, versorgt, beschützt.
Der König fordre dich von mir zurück;
Als Gatte kann ich mit dem König rechten.

Eugenie.
Vergib! Mir schwebt noch allzu lebhaft vor,
Was ich verscherzte! Du, Großmütiger,
Bedenkest nur, was mir noch übrig blieb.
Wie wenig ist es! Dieses Wenige
Lehrst du mich schätzen, gibst mein eignes Wesen
Durch dein Gefühl belebend mir zurück.
Verehrung zoll’ ich dir. Wie soll ich’s nennen?
Dankbare, schwesterlich entzückte Neigung!
Ich fühle mich als dein Geschöpf und kann
Dir leider, wie du wünschest, nicht gehören.

Gerichtsrat.
So schnell versagst du dir und mir die Hoffnung?

Eugenie.
Das Hoffnungslose kündet schnell sich an!


Dritter Auftritt

Die Vorigen. Hofmeisterin.

Hofmeisterin.
Dem günst’gen Wind gehorcht die Flotte schon.
Die Segel schwellen, alles eilt hinab.
Die Scheidenden umarmen tränend sich,
Und von den Schiffen, von dem Strande wehn
Die weißen Tücher noch den letzten Gruß.
Bald lichtet unser Schiff die Anker auch!
Komm! Lass uns gehen! Uns begleitet nicht
Ein Scheidegruß, wir ziehen unbeweint.

Gerichtsrat.
Nicht unbeweint, nicht ohne bittern Schmerz
Zurückgelassner Freunde, die nach euch
Die Arme rettend strecken. O! Vielleicht
Erscheint, was ihr im Augenblick verschmäht,
Euch blad ein sehnsuchtswertes, fernes Bild.
(Zu Eugenie.) Vor wenigen Minuten nannt’ ich dich
Entzückt willkommen! Soll ein Lebewohl
Behend auf ewig unsre Trennung siegeln?

Hofmeisterin.
Der Unterredung Inhalt, ahn’ ich ihn?

Gerichtsrat.
Zum ew’gen Bunde siehst du mich bereit.

Hofmeisterin (zu Eugenie).
Und wie erkennst du solch ein groß Erbieten?

Eugenie.
Mit höchst gerührten Herzens reinstem Dank.

Hofmeisterin.
Und ohne Neigung, diese Hand zu fassen?

Gerichtsrat.
Zur Hilfe bietet sie sich dringend an.

Eugenie.
Das Nächste steht oft unergreifbar fern.

Hofmeisterin.
Ach! Fern von Rettung stehn wir nur zu bald.

Gerichtsrat.
Und hast du künftig Drohendes bedacht?

Eugenie.
Sogar das letzte Drohende, den Tod.

Hofmeisterin.
Ein angebotnes Leben schlägst du aus?

Gerichtsrat.
Erwünschte Feier froher Bundestage?

Eugenie.
Ein Fest versäumt’ ich, keins erscheint mir wieder.

Hofmeisterin.
Gewinnen kann, wer viel verloren, schnell.

Gerichtsrat.
Noch glänzendem ein dauerhaft Geschick.

Eugenie.
Hinweg die Dauer, wenn der Glanz verlosch.

Hofmeisterin.
Der Mögliches bedenkt, lässt sich genügen.

Gerichtsrat.
Und wem genügte nicht an Lieb’ und Treue?

Eugenie.
Den Schmeichelworten widerspricht mein Herz,
Und widerstrebt euch beiden ungeduldig.

Gerichtsrat.
Ach, allzu lästig scheint, ich weiß es wohl,
Uns unwillkommne Hilfe! Sie erregt
Nur innern Zwiespalt. Danken möchten wir,
Und sind undankbar, da wir nicht empfangen.
Drum lasst mich scheiden! Doch des Hafenbürgers
Gebrauch und Pflicht vorher an euch erfüllen,
Aufs unfruchtbare Meer von Landesgaben
Zum Lebewohl Erquickungsvorrat widmen.
Dann werd’ ich stehen, werde starren Blicks
Geschwollne Segel ferner, immer ferner,
Und Glück und Hoffnung weichend schwinden sehn.


Vierter Auftritt

Eugenie. Hofmeisterin.

Eugenie.
In deiner Hand, ich weiß es, ruht mein Heil,
Sowie mein Elend. Lass dich überreden!
Lass dich erweichen! Schiffe mich nicht ein!

Hofmeisterin.
Du lenkest nun, was uns begegnen soll,
Du hast zu wählen! Ich gehorche nur
Der starken Hand, sie stößt mich vor sich hin.

Eugenie.
Und nennst du Wahl, wenn Unvermeidliches
Unmöglichem sich gegenüberstellt?

Hofmeisterin.
Der Bund ist möglich, wie der Bann vermeidlich.

Eugenie.
Unmöglich ist, was Edle nicht vermögen.

Hofmeisterin.
Für diesen biedern Mann vermagst du viel.

Eugenie.
In bessre Lagen führe mich zurück;
Und sein Erbieten lohn’ ich grenzenlos.

Hofmeisterin.
Ihm lohne gleich, was ihn allein belohnt:
Zu hohen Stufen heb’ ihn deine Hand!
Wenn Tugend, wenn Verdienst den Tüchtigen
Nur langsam fördern, wenn er, still entsagend
Und kaum bemerkt sich andern widmend, strebt,
So führt ein edles Weib ihn leicht ans Ziel.
Hinunter soll kein Mann die Blicke wenden;
Hinauf zur höchsten Frauen kehr’ er sich!
Gelingt es ihm, sie zu erwerben, schnell
Geebnet zeigt des Lebens Pfad sich ihm.

Eugenie.
Verwirrender, verfälschter Worte Sinn
Entwickl’ ich wohl aus deinen falschen Reden,
Das Gegenteil erkenn’ ich nur zu klar:
Der Gatte zieht sein Weib unwiderstehlich
In seines Kreises abgeschlossne Bahn.
Dorthin ist sie gebannt, sie kann sich nicht
Aus eigner Kraft besondre Wege wählen;
Aus niedrem Zustand führt er sie hervor,
Aus höhern Sphären lockt er sie hernieder.
Verschwundne ist die frühere Gestalt,
Verloschen jede Spur vergangner Tage.
Was sie gewann, wer will es ihr entreißen?
Was sie verlor, wer gibt es ihr zurück?

Hofmeisterin.
So bricht du grausam dir und mir den Stab.

Eugenie.
Noch forscht mein Blick nach Rettung hoffnungsvoll.

Hofmeisterin.
Der Liebende verzweifelt; kannst du hoffen?

Eugenie.
Ein kalter Mann verlieh’ uns bessern Rat.

Hofmeisterin.
Von Rat und Wahl ist keine Rede mehr;
Du stürzest mich ins Elend, folge mir!

Eugenie.
O dass ich dich noch einmal freundlich hold
Vor meinen Augen sähe, wie du stets
Von früher Zeit herauf mich angeblickt!
Der Sonne Glanz, die alles Leben regt,
Des klaren Monds erquicklich leiser Schein
Begegneten mir holder nicht als du.
Was konnt’ ich wünschen? Vorbereitet war’s.
Was durft’ ich fürchten? Abgelehnt war alles!
Und zog sich ins Verborgne meine Mutter
Vor ihres Kindes Blicken früh zurück,
So reichtest du ein überfließend Maß
Besorgter Mutterliebe mir entgegen.
Bist du denn ganz verwandelt? Äußerlich
Erscheinst du mir die Vielgeliebte selber;
Doch ausgewechselt ist, so scheint’s, dein Herz –
Du bist es noch, die ich um Kleines und Großes
So oft gebeten, die mir nichts verweigert.
Gewohnter Ehrfurcht kindliches Gefühl,
Es lehrt mich nun, das Höchste zu erbitten.
Und könnt’ es mich erniedrigen, dich nun
An Vaters, Königs, dich an Gottes Statt
Gebognen Knies um Rettung anzuflehen?

(Sie kniet.)

Hofmeisterin.
In dieser Lage scheinst du meiner nur
Verstellt zu spotten. Falschheit rührt mich nicht.

(Hebt Eugenie mit Heftigkeit auf.)

Eugenie.
So hartes Wort, so widriges Betragen,
Erfahr’ ich das, erleb’ ich das von dir?
Und mit Gewalt verscheuchst du meinen Traum.
Im klaren Lichte seh’ ich mein Geschick!
Nicht meine Schuld, nicht jener Großen Zwist,
Des Bruders Tücke hat mich hergestoßen,
Und, mitverschworen, hältst du mich gebannt.

Hofmeisterin.
Dein Irrtum schwankt nach allen Seiten hin.
Was will der Bruder gegen dich beginnen?
Den bösen Willen hat er, nicht die Macht.

Eugenie.
Sei’s, wie ihm wolle! Noch verschmacht’ ich nicht
In ferner Wüste hoffnungslosen Räumen.
Ein lebend Volk bewegt sich um mich her,
Ein liebend Volk, das auch den Vaternamen
Entzückt aus seines Kindes Mund vernimmt.
Die fordr’ ich auf. Aus roher Menge kündet
Ein mächt’ger Ruf mir meine Freiheit an.

Hofmeisterin.
Die rohe Menge hast du nie gekannt,
Sie starrt und staunt und zaudert, lässt geschehn;
Und regt sie sich, so endet ohne Glück,
Was ohne Plan zufällig sie begonnen.

Eugenie.
Den Glauben wirst du mir mit kaltem Wort
Nicht, wie mein Glück mit frecher Tag, zerstören.
Dort unten hoff’ ich Leben, aus dem Leben,
Dort, wo die Masse, tätig strömend, wogt,
Wo jedes Herz, mit wenigem befriedigt,
Für holdes Mitleid gern sich öffnen mag.
Du hältst mich nicht zurück! Ich rufe laut,
Wie furchtbar mich Gefahr und Not bedrängen,
Ins wühlende Gemisch mich stürzend, aus.

Ü   Þ

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