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Dritter Aufzug

(Vorzimmer des Herzogs, prächtig, modern.)

Erster Auftritt

Sekretär. Weltgeistlicher.

Sekretär.
Tritt still herein in diese Totenstille!
Wie ausgestorben findest du das Haus.
Der Herzog schläft, und alle Diener stehen,
Von seinem Schmerz durchdrungen, stumm gebeugt.
Er schläft! Ich segnet’ ihn, als ich ihn sah
Bewusstlos auf dem Pfühle ruhig atmen.
Das Übermaß der Schmerzen löste sich
In der Natur balsam’scher Wohltat auf.
Den Augenblick befürcht’ ich, der ihn weckt;
Euch wird ein jammervoller Mann erscheinen.

Weltgeistlicher.
Darauf bin ich bereitet, zweifelt nicht.

Sekretär.
Vor wenig Stunden kam die Nachricht an,
Eugenie sei tot! Vom Pferd gestürzt!
An eurem Orte sei sie beigesetzt,
Als an dem nächsten Platz, wohin man sie
Aus jenem Felsendickicht bringen können,
Wo sie verwegen sich den Tod erstürmt.

Weltgeistlicher.
Und sie indessen ist schon weit entfernt?

Sekretär.
Mit rascher Eile wird sie weggeführt.

Weltgeistlicher.
Und wem vertraut ihr solch ein schwer Geschäft?

Sekretär.
Dem klugen Weibe, das uns angehört.

Weltgeistlicher.
In welche Gegend habt ihr sie geschickt?

Sekretär.
Zu dieses Reiches letztem Hafenplatz.

Weltgeistlicher.
Von dorten soll sie in das fernste Land?

Sekretär.
Sie führt ein günst’ger Wind sogleich davon.

Weltgeistlicher.
Und hier auf ewig gelte sie für tot!

Sekretär.
Auf deiner Fabel Vortrag kommt es an.

Weltgeistlicher.
Der Irrtum soll im ersten Augenblick
Auf alle künft’ge Zeit gewaltig wirken.
An ihrer Gruft, an ihrer Leiche soll
Die Phantasie erstarren. Tausendfach
Zerreiß’ ich das geliebte Bild und grabe
Dem Sinne des entsetzten Hörenden
Mit Feuerzügen dieses Unglück ein.
Sie ist dahin für alle, sie verschwindet
Ins Nichts der Asche. Jeder kehret schnell
Den Blick zum Leben und vergisst im Taumel
Der treibenden Begierden, dass auch sie
Im Reihen der Lebendigen geschwebt.

Sekretär.
Du trittst mit vieler Kühnheit ans Geschäft;
Besorgst du keine Reue hintennach?

Weltgeistlicher.
Welch eine Frage tust du? Wir sind fest!

Sekretär.
Ein innres Unbehagen fügt sich oft
Auch wider unsern Willen an die Tat.

Weltgeistlicher.
Was hör’ ich? Du bedenklich? Oder willst
Du mich nur prüfen, ob es euch gelang,
Mich, euren Schüler, völlig auszubilden?

Sekretär.
Das Wichtige bedenkt man nie genug.

Weltgeistlicher.
Bedenke man, eh’ noch die Tat beginnt.

Sekretär.
Auch in der Tat ist Raum für Überlegung.

Weltgeistlicher.
Für mich ist nichts zu überlegen mehr!
Da wär’ es Zeit gewesen, als ich noch
Im Paradies beschränkter Freuden weilte,
Als, von des Gartens engem Hag umschlossen,
Ich selbst gesäte Bäume selber pfropfte,
Aus wenig Beeten meinen Tisch versorgte,
Als noch Zufriedenheit im kleinen Hause
Gefühl des Reichtums über alles goss,
Und ich nach meiner Einsicht zur Gemeinde
Als Freund, als Vater aus dem Herzen sprach,
Dem Guten fördernd meine Hände reichte,
Dem Bösen wie dem Übel widerstritt.
O hätte damals ein wohltät’ger Geist
Vor meiner Türe dich vorbei gewiesen,
An der du müde, durstig von der Jagd
Zu klopfen kamst; mit schmeichlerischem Wesen,
Mit süßem Wort mich zu bezaubern wusstest.
Der Gastfreundschaft geweihter, schöner Tag,
Er war der letzte rein genossnen Friedens.

Sekretär.
Wir brachten dir so manche Freude zu.

Weltgeistlicher.
Und dranget mir so manch Bedürfnis auf.
Nun war ich arm, als ich die Reichen kannte;
Nun war ich sorgenvoll, denn mir gebrach’s;
Nun hatt’ ich Not, ich brauchte fremde Hilfe.
Ihr wart mir hilfreich, teuer büß’ ich das.
Ihr nahmt mich zum Genossen eures Glücks,
Mich zum Gesellen eurer Taten auf.
Zum Sklaven, sollt’ ich sagen, dingtet ihr
Den sonst so freien, jetzt bedrängten Mann.
Ihr lohnt ihm zwar, doch immer noch versagt
Ihr ihm den Lohn, den er verlangen darf.

Sekretär.
Vertraue, dass wir dich in kurzer Zeit
Mit Gütern, Ehren, Pfründen überhäufen.

Weltgeistlicher.
Das ist es nicht, was ich erwarten muss.

Sekretär.
Und welche neue Fordrung bildest du?

Weltgeistlicher.
Als ein gefühllos Werkzeug braucht ihr mich
Auch diesmal wieder. Dieses holde Kind
Verstoßt ihr aus dem Kreise der Lebend’gen;
Ich soll die Tat beschönen, sie bedecken,
Und ihr beschließt, begeht sie ohne mich.
Von nun an fordr’ ich, mit im Rat zu sitzen,
Wo Schreckliches beschlossen wird, wo jeder,
Auf seinen Sinn, auf seine Kräfte stolz,
Zum unvermeidlich Ungeheuren stimmt.

Sekretär.
Dass du auch diesmal dich mit uns verbunden,
Erwirbt aufs neue dir ein großes Recht.
Gar manch Geheimnis wirst du blad vernehmen;
Dahin gedulde dich und sei gefasst.

Weltgeistlicher.
Ich bin’s und bin noch weiter, als ihr denkt;
In eure Pläne schaut’ ich längst hinein.
Der nur verdient geheimnisvolle Weihe,
Der ihr durch Ahnung vorzugreifen weiß.

Sekretär.
Was ahnest du? Was weißt du?

Weltgeistlicher.
Lass uns das
Auf ein Gespräch der Mitternacht versparen.
O dieses Mädchens trauriges Geschick
Verschwindet, wie ein Bach im Ozean,
Wenn ich bedenke, wie verborgen ihr
Zu mächtiger Parteigewalt euch hebt
Und an die Stelle der Gebietenden
Mit frecher List euch einzudrängen hofft.
Nicht ihr allein; denn andre streben auch,
Euch widerstrebend, nach demselben Zweck.
So untergrabt ihr Vaterland und Thron;
Wer soll sich retten, wenn das Ganze stürzt?

Sekretär.
Ich höre kommen! Tritt hier an die Seite!
Ich führe dich zu rechter Zeit herein.


Zweiter Auftritt

Herzog. Sekretär.

Herzog.
Unsel’ges Licht! Du rufst mich auf zum Leben,
Mich zum Bewusstsein dieser Welt zurück
Und meiner selbst. Wie öde, hohl und leer
Liegt alles vor mir da, und ausgebrannt,
Ein großer Schutt, die Stätte meines Glücks.

Sekretär.
Wenn jeder von den Deinen, die um dich
In dieser Stunde leiden, einen Teil
Von deinen Schmerzen übertragen könnte,
Du fühltest dich erleichtert und gestärkt.

Herzog.
Der Schmerz um Liebe, wie die Liebe, bleibt
Unteilbar und unendlich. Fühl’ ich doch,
Welch ungeheures Unglück den betrifft,
Der seines Tags gewohntes Gut vermisst.
Warum o! Lasst ihr die bekannten Wände
Mit Farb’ und Gold mir noch entgegen scheinen,
Die mich an gestern, mich an ehegestern,
An jenen Zustand meines vollen Glücks
Mich kalt erinnern. O warum verhüllet
Ihr nicht Gemach und Saal mit schwarzem Krepp!
Dass, finster wie mein Innres, auch von außen
Ein ewig nächt’ger Schatten mich umfange.

Sekretär.
O möchte doch das Viele, das dir bleibt,
Nach dem Verlust als etwas dir erscheinen.

Herzog.
Ein geistverlassner körperlicher Traum!
Sie war die Seele dieses ganzen Hauses.
Wie schwebte beim Erwachen sonst das Bild
Des holden Kindes dringend mir entgegen!
Hier fand ich oft ein Blatt von ihrer Hand,
Ein geistreich, herzlich Blatt zum Morgengruß.

Sekretär.
Wie drückte nicht der Wunsch, dich zu ergötzen,
Sich dichtrisch oft in frühen Reimen aus.

Herzog.
Die Hoffnung, sie zu sehen, gab den Stunden
Des mühevollen Tags den einz’gen Reiz.

Sekretär.
Wie oft bei Hindernis und Zögrung hat
Man ungeduldig, wie nach der Geliebten
Den raschen Jüngling, dich nach ihr gesehn.

Herzog.
Vergleiche doch die jugendliche Glut,
Die selbstischen Besitz verzehrend hascht,
Nicht dem Gefühl des Vaters, der entzückt,
In heil’gem Anschaun stille hingegeben,
Sich an Entwicklung wunderbarer Kräfte,
Sich an der Bildung Riesenschritten freut.
Der Liebe Sehnsucht fordert Gegenwart;
Doch Zukunft ist des Vaters Eigentum.
Dort liegen seiner Hoffnung weite Felder,
Dort seiner Saaten keimender Genuss.

Sekretär.
O Jammer! Diese grenzenlose Wonne,
Dies ewig frische Glück verlorst du nun.

Herzog.
Verlor ich’s? War es doch im Augenblick
Vor meiner Seele noch im vollen Glanz.
Ja, ich verlor’s! Du rufst’s, Unglücklicher,
Die öde Stunde ruft mir’s wieder zu.
Ja, ich verlor’s! So strömt, ihr Klagen, denn!
Zerstöre, Jammer, diesen festen Bau,
Den ein zu günstig Alter noch verschont.
Verhasst sei mir das Bleibende, verhasst,
Ws mir in seiner Dauer Stolz erscheint;
Erwünscht, was fließt und schwankt. Ihr Fluten, schwellt,
Zerreißt die Dämme, wandelt Land in See!
Eröffne deine Schlünde, wildes Meer!
Verschlinge Schiff und Mann und Schätze! Weit
Verbreitet euch, ihr kriegerischen Reihen,
Und häuft auf blut’gen Fluren Tod auf Tod!
Entzünde, Strahl des Himmels, dich im Leeren
Und triff der kühnen Türme sichres Haupt!
Zertrümmr’, entzünde sie und geißle weit
Im Stadtgedräng’ der Flamme Wut umher,
Dass ich, von allem Jammer rings umfangen,
Dem Schicksal mich ergebe, das mich traf!

Sekretär.
Das ungeheuer Unerwartete
Bedrängt dich fürchterlich, erhabner Mann.

Herzog.
Wohl unerwartet kam’s, nicht ungewarnt.
In meinen Armen ließ ein guter Geist
Sie von den Toten wieder auferstehn
Und zeigte mir gelind, vorübereilend,
Ein Schreckliches, nun ewig Bleibendes.
Da sollt’ ich strafen die Verwegenheit,
Dem Übermut mich scheltend widersetzen,
Verbieten jene Raserei, die, sich
Unsterblich, unverwundbar wähnend, blind,
Wetteifern mit dem Vogel, sich durch Wald
Und Fluss und Sträuche von dem Felsen stürzt.

Sekretär.
Was oft und glücklich unsre Besten tun,
Wie sollt’ es dir des Unglücks Ahnung bringen?

Herzog.
Die Ahnung dieser Leiden fühlt’ ich wohl,
Als ich zum letzten Mal – Zum letzten Mal!
Du sprichst es aus, das fürchterliche Wort,
Das deinen Weg mit Finsternis umzieht.
O hätt’ ich sie nur einmal noch gesehn!
Vielleicht war dieses Unglück abzuleiten.
Ich hätte flehentlich gebeten, sie als Vater
Zum treulichsten ermahnt, sich mir zu schonen,
Und von der Wut tollkühner Reiterei
Um unsres Glückes willen abzustehn.
Ach, diese Stunde war mir nicht gegönnt.
Und nun vermiss’ ich mein geliebtes Kind!
Sie ist dahin! Verwegner ward sie nur
Durch jenen Sturz, dem sie so leicht entrann.
Und niemand, sie zu warnen, sie zu leiten!
Entwachsen war sie dieser Frauenzucht.
In welchen Händen ließ ich solchen Schatz?
Verzärtelnden, nachgieb’gen Weiberhänden.
Kein festes Wort, den Willen meines Kinds
Zu mäßiger Vernünftigkeit zu lenken!
Zur unbedingten Freiheit ließ man ihr,
Zu jedem kühnen Wagnis offnes Feld.
Ich fühlt’ es oft und sagt’ es mir nicht klar:
Bei diesem Weibe war sie schlecht verwahrt.

Sekretär.
O tadle nicht die Unglückselige!
Vom tiefsten Schmerz begleitet, irrt sie nun,
Wer weiß, in welche Lande, trostlos hin.
Sie ist entflohn. Denn wer vermöchte dir
Ins Angesicht zu sehen, der auch nur
Den fernsten Vorwurf zu befürchten hätte.

Herzog.
O lass mich ungerecht auf andre zürnen,
Dass ich mich nicht verzweifelnd selbst zerreiße!
Wohl trag’ ich selbst die Schuld und trag’ sie schwer.
Denn rief ich nicht mit törigem Beginnen
Gefahr und Tod auf dieses teure Haupt?
Sie überall zu sehn als Meisterin,
Das war mein Stolz! Zu teuer büß’ ich ihn.
Zu Pferde sollte sie, im Wagen sie,
Die Rosse bändigend, als Heldin glänzen.
Ins Wasser tauchend, schwimmend schien sie mir
Den Elementen göttlich zu gebieten.
So, hieß es, kann sie jeglicher Gefahr
Dereinst entgehen. Statt sie zu bewahren,
Gibt Übung zur Gefahr den Tod ihr nun.

Sekretär.
Des edlen Pflichtgefühles Übung gibt,
Ach! Unsrer Unvergesslichen den Tod.

Herzog.
Erkläre dich!

Sekretär.
Und weck’ ich diesen Schmerz
Durch Schildrung kindlich edlen Unternehmens?
Ihr alter, erster, hoch geliebter Freund
Und Lehrer wohnt, von dieser Stadt entfernt,
Verschränkt in Trübsinn, Krankheit, Menschenhass.
Nur sie allein vermocht’ ihn zu erheitern;
Als Leidenschaft empfand sie diese Pflicht;
Nur allzu oft verlangte sie hinüber,
Und oft versagte man’s. Nun hatte sie’s
Planmäßig angelegt; sie nutzte kühn
Des Morgenrittes abgemessne Stunden
Mit ungeheurer Schnelligkeit zum Zweck,
Den alten, viel geliebten Mann zu sehn.
Ein einz’ger Reitknecht nur war im Geheimnis,
Er unterlegt’ ihr jedes Mal das Pferd,
Wie wir vermuten; denn auch er ist fort.
Der arme Mensch und jene Frau verloren
Aus Furcht vor dir sich in die weite Welt.

Herzog.
Die Glücklichen, die noch zu fürchten haben,
Bei denen sich der Schmerz um ihres Herrn
Verlornes Heil in leicht verwundene,
In leicht gehobne Bangigkeit verwandelt!
Ich habe nichts zu fürchten! Nichts zu hoffen!
Drum lass mich alles wissen; zeige mir
Den kleinsten Umstand an! Ich bin gefasst.


Dritter Auftritt

Herzog. Sekretär. Weltgeistlicher.

Sekretär.
Auf diesen Augenblick, verehrter Fürst,
Hab’ ich hier einen Mann zurückgehalten,
Der, auch gebeugt, vor deinem Blick erscheint.
Es ist der Geistliche, der aus der Hand
Des Todes deine Tochter aufgenommen
Und sie, da keiner Hilfe Trost sich zeigte,
Mit liebevoller Sorgfalt beigesetzt.


Vierter Auftritt

Herzog. Weltgeistlicher.

Weltgeistlicher.
Den Wunsch, vor deinem Antlitz zu erscheinen,
Erhabner Fürst, wie lebhaft hegt’ ich ihn!
Nun wird er mir gewährt im Augenblick,
Der dich und mich in tiefen Jammer senkt.

Herzog.
Auch so willkommen, unwillkommner Bote!
Du hast sie noch gesehn, den letzten Blick,
Den sehnsuchtsvollen, dir ins Herz gefasst,
Das letzte Wort bedächtig aufgenommen,
Dem letzten Seufzer Mitgefühl erwidert.
O sage: Sprach sie noch? Was sprach sie aus?
Gedachte sie des Vaters? Bringst du mir
Von ihrem Mund ein herzlich Lebewohl?

Weltgeistlicher.
Willkommen scheint ein unwillkommner Bote,
Solang er schweigt und noch der Hoffnung Raum,
Der Täuschung Raum in unserm Herzen gibt.
Der ausgesprochne Jammer ist verhasst.

Herzog.
Was zauderst du? Was kann ich mehr erfahren?
Sie ist dahin! Und diesen Augenblick
Ist über ihrem Sarge Ruh’ und Stille.
Was sie auch litt, es ist für sie vorbei,
Für mich beginnt es; aber rede nur!

Weltgeistlicher.
Ein allgemeines Übel ist der Tod.
So denke dir das Schicksal deiner Toten,
Und finster wie des Grabes Nacht verstumme
Der Übergang, der sie hinabgeführt.
Nicht jeden leitet ein gelinder Gang
Unmerklich in das stille Reich der Schatten.
Gewaltsam schmerzlich reißt Zerstörung oft
Durch Höllenqualen in die Ruhe hin.

Herzog.
So hat sie viel gelitten?

Weltgeistlicher.
Viel, nicht lange.

Herzog.
Es war ein Augenblick, in dem sie litt,
Ein Augenblick, wo sie um Hilfe rief.
Und ich? Wo war ich da? Welch ein Geschäft,
Welch ein Vergnügen hatte mich gefesselt?
Verkündigte mir nichts das Schreckliche,
Das mir das Leben voneinander riss?
Ich hörte nicht den Schrei, ich fühlte nicht
Den Unfall, der mich ohne Rettung traf.
Der Ahnung heil’ges, fernes Mitgefühl
Ist nur ein Märchen. Sinnlich und verstockt,
Ins Gegenwärtige verschlossen, fühlt
Der Mensch das nächste Wohl, das nächste Weh,
Und Liebe selbst ist in der Ferne taub.

Weltgeistlicher.
Soviel auch Worte gelten, fühl’ ich doch,
Wie wenig sie zum Troste wirken können.

Herzog.
Das Wort verwundet leichter, als es heilt.
Und ewig wiederholend strebt vergebens
Verlornes Glück der Kummer herzustellen.
So war denn keine Hilfe, keine Kunst
Vermögend, sie ins Leben aufzurufen?
Was hast du, sage mir, begonnen? Was
Zu ihrem Heil versucht? Du hast gewiss
Nichts unbedacht gelassen.

Weltgeistlicher.
Leider war
Nichts zu bedenken mehr, als ich sie fand.

Herzog.
Und soll ich ihres Lebens holde Kraft
Auf ewig missen! Lass mich meinen schmerz
Durch meinen Schmerz betrügen, diese Reste
Verewigen. O komm! Wo liegen sie?

Weltgeistlicher.
In würdiger Kapelle steht ihr Sarg
Allein verwahrt. Ich sehe vom Altar
Durchs Gitter jedes Mal die Stätte, will
Für sie, solang ich lebe, betend flehen.

Herzog.
O komm und führe mich dahin! Begleiten
Soll uns der Ärzte viel erfahrenster.
Lass uns den schönen Körper der Verwesung
Entreißen! Lass mit edlen Spezereien
Das unschätzbare Bild zusammenhalten!
Ja! Die Atomen alle, die sich einst
Zur köstlichen Gestalt versammelten,
Sie sollen nicht ins Element zurück.

Weltgeistlicher.
Was darf ich sagen? Muss ich dir bekennen!
Du kannst nicht hin! Ach! Das zerstörte Bild!
Kein Fremder säh’ es ohne Jammer an!
Und vor die Augen eines Vaters – Nein,
Verhüt’ es Gott! Du darfst sie nicht erblicken.

Herzog.
Welch neuer Qualenkrampf bedroht mich!

Weltgeistlicher.
O lass mich schweigen, dass nicht meine Worte
Auch die Erinnrung der Verlornen schänden!
Lass mich verhehlen, wie sie durchs Gebüsch,
Durch Felsen hergeschleift, entstellt und blutig,
Zerrissen und zerschmettert und zerbrochen,
Unkenntlich, mir im Arm zur Erde hing.
Da segnet’ ich, von Tränen überfließend,
Der Stunde Heil, in der ich feierlich
Dem holden Vaternamen einst entsagt.

Herzog.
Du bist nicht Vater! Bist der selbstischen
Verstockten, der Verkehrten einer, die
Ihr abgeschlossnes Wesen unfruchtbar
Verzweifeln lässt. Entferne dich! Verhasst
Erscheinet mir dein Anblick.

Weltgeistlicher.
Fühlt’ ich’s doch!
Wer kann dem Boten solcher Not verzeihn?

(Will sich entfernen.)

Herzog.
Vergib und bleib. Ein schön entworfnes Bild,
Das wunderbar dich selbst zum zweiten Mal
Vor deinen Augen zu erschaffen strebt,
Hast du entzückt es jemals angestaunt?
O hättest du’s! Du hättest diese Form,
Die sich zu meinem Glück, zur Lust der Welt
In tausendfält’gen Zügen auferbaut,
Mir grausam nicht zerstümmelt, mir die Wonne
Der traurigen Erinnrung nicht verkümmert.

Weltgeistlicher.
Was sollt’ ich tun? Dich zu dem Sarge führen,
Den tausend fremde Tränen schon benetzt,
Als ich das morsche, schlotternde Gebein
Zu ruhiger Verwesung eingeweiht?

Herzog.
Schweig, Unempfindlicher! Du mehrest nur
Den herben Schmerz, den du zu lindern denkst.
O! Wehe! Dass die Elemente nun,
Von keinem Geist der Ordnung mehr beherrscht,
Im leisen Kampf das Götterbild zerstören.
Wenn über werdend Wachsendem vorher
Der Vatersinn mit Wonne brütend schwebte,
So stockt, so kehrt in Moder nach und nach
Vor der Verzweiflung Blick die Lust des Lebens.

Weltgeistlicher.
Was Lust und Licht Zerstörliches erbaut,
Bewahret lange das verschlossne Grab.

Herzog.
O weiser Brauch der Alten, das Vollkommne,
Das ernst und langsam die Natur geknüpft,
Des Menschenbilds erhabne Würde, gleich
Wenn sich der Geist, der wirkende, getrennt,
Durch reiner Flammen Tätigkeit zu lösen!
Und wenn die Glut mit tausend Gipfeln sich
Zum Himmel hob und zwischen Dampf und Wolken,
Des Adlers Fittich deutend sich bewegte,
Da trocknete die Träne, freier Blick
Der Hinterlassnen stieg dem neuen Gott
In des Olymps verklärte Räume nach.
O sammle mir in köstliches Gefäß
Der Asche, der Gebeine trüben Rest,
Dass die vergebens ausgestreckten Arme
Nur etas fassen, dass ich dieser Brust,
Die sehnsuchtsvoll sich in das Leere drängt,
Den schmerzlichsten Besitz entgegendrücke.

Westgeistlicher.
Die Trauer wird durch Trauern immer herber.

Herzog.
Durch Trauern wird die Trauer zum Genuss.
O dass ich doch geschwundner Asche Rest,
Im kleinen Hause, wandernd, immer weiter,
Bis zu dem Ort, wo ich zuletzt sie sah,
Als Büßender mit kurzen Schritten trüge!
Dort lag sie tot in meinen Armen, dort
Sah ich, getäuscht, sie in das Leben kehren.
Ich glaubte, sie zu fassen, sie zu halten,
Und nun ist sie auf ewig mir entrückt.
Dort aber will ich meinen Schmerz verew’gen.
Ein Denkmal der Genesung hab’ ich dort
In meines Traums Entzückungen gelobt –
Schon führet klug des Gartenmeisters Hand
Durch Busch und Fels bescheidne Wege her,
Schon wird der Platz gerundet, wo mein König
Als Oheim sie an seine Brust geschlossen,
Und ebenmaß und Ordnung will den Raum
Verherrlichen, der mich so hoch beglückt.
Doch jede Hand soll feiern! Halb vollbracht
Soll dieser Plan wie mein Geschick erstarren!
Das Denkmal nur, ein Denkmal will ich stiften,
Von rauen Steinen ordnungslos getürmt,
Dorthin zu wallen, stille zu verweilen,
Bis ich vom Leben endlich selbst genese.
O lasst mich dort, versteint, am Steine ruhn,
Bis aller Sorgfalt lichtgezogne Spur
Aus dieser Wüste Trauersitz verschwindet!
Mag sich umher der freie Platz berasen,
Mag sich der Zweig dem Zweige wild verflechten,
Der Birke hangend Haar den Boden schlagen,
Der junge Busch zum Baume sich erheben,
Mit Moos der glatte Stamm sich überziehn;
Ich fühle keine Zeit; denn sie ist hin,
An deren Wachstum ich die Jahre maß.

Weltgeistlicher.
Den viel bewegten Reiz der Welt zu meiden,
Das Einerlei der Einsamkeit zu wählen,
Wird sich’s der Mann erlauben, der sich oft
Wohltätiger Zerstreuung übergab,
Wenn Unerträgliches, mit Felsenlast
Herbei sich wälzend, ihn bedrohend, schlich?
Hinaus! Mit Flügelschnelle durch das Land,
Durch fremde Reiche, dass vor deinem Sinn
Der Erde Bilder heilend sich bewegen.

Herzog.
Was hab’ ich in der Welt zu suchen, wenn
Ich sie nicht wieder finde, die allein
Ein Gegenstand für meine Blicke war?
Soll Fluss und Hügel, Tal und Wald und Fels
Vorüber meinen Augen gehen und nur
Mir das Bedürfnis wecken, jenes Bild,
Das einzige geliebte, zu erhaschen?
Vom hohen Berg hinab, ins weite Meer,
Was soll für mich ein Reichtum der Natur,
Der an Verlust und Armut mich erinnert!

Weltgeistlicher.
Und neue Güter eignest du dir an!

Herzog.
Nur durch der Jugend frisches Auge mag
Das längst Bekannte neubelebt uns rühren,
Wenn das Erstaunen, das wir längst verschmäht,
Von Kindes Munde hold uns widerklingt.
So hofft’ ich, ihr des Reichs bebaute Flächen,
Der Wälder Tiefen, der Gewässer Flut
Bis an das offne Meer zu zeigen, dort
Mich ihres trunknen Blicks ins Unbegrenzte
Mit unbegrenzter Liebe zu erfreun.

Weltgeistlicher.
Wenn du, erhabner Fürst, des großen Lebens
Beglückte Tage der Beschauung nicht
Zu widmen trachtetest, wenn Tätigkeit
Fürs Wohl Unzähliger am Throne dir
Zum Vorzug der Geburt den herrlichern
Des allgemeinen, edlen Wirkens gab,
So ruf’ ich dich im Namen aller auf:
Ermanne dich! Und lass die trüben Stunden,
Die deinen Horizont umziehn, für andre,
Durch Trost und Rat und Hilfe, lass für dich
Auch diese Stunden so zum Feste werden.

Herzog.
Wie schal und abgeschmackt ist solch ein Leben,
Wenn alles Regen, alles Treiben stets
Zu neuem Regen, neuem Treiben führt
Und kein geliebter Zweck euch endlich lohnt.
Den sah ich nur in ihr, und so besaß
Und so erwarb ich mit Vergnügen, ihr
Ein kleines Reich anmut’gen Glücks zu schaffen.
So war ich heiter, aller Menschen Freund,
Behilflich, wach, zu Rat und Tat bequem.
Den Vater lieben sie! So sagt’ ich mir,
Dem Vater danken sie’s und werden auch
Die Tochter einst als werte Freundin grüßen.

Weltgeistlicher.
Zu süßen Sorgen bleibt nun keine Zeit!
Ganz andre fordern dich, erhabner Mann!
Darf ich’s erwähnen? Ich, der unterste
Von deinen Dienern? Jeder ernste Blick
In diesen trüben Tagen ist auf dich,
Auf deinen Wert, auf deine Kraft gerichtet.

Herzog.
Der Glückliche nur fühlt sich Wert und Kraft.

Weltgeistlicher.
So tiefer Schmerzen heiße Qual verbürgt
Dem Augenblick unendlichen Gehalt,
Mir aber auch Verzeihung, wenn sich kühn
Vertraulichkeit von meinen Lippen wagt.
Wie heftig wilde Gärung unten kocht,
Wie Schwäche kaum sich oben schwankend hält;
Nicht jedem wird es klar, dir aber ist’s
Mehr als der Menge, der ich angehöre.
O zaudre nicht, im nahen Sturmgewitter
Das falsch gelenkte Steuer zu ergreifen!
Zum Wohle deines Vaterlands verbanne
Den eignen Schmerz; sonst werden tausend Väter
Wie du um ihre Kinder weinen, tausend
Und aber tausend Kinder ihre Väter
Vermissen, Angstgeschrei der Mütter grässlich
An hohler Kerkerwand verklingend hallen.
O bringe deinen Jammer, deinen Kummer
Auf dem Altar des allgemeinen Wohls
Zum Opfer dar, und alle, die zu rettest,
Gewinnst du dir als Kinder zum Ersatz.

Herzog.
Aus grauenvollen Winkeln führe nicht
Mir der Gespenster dichte Schar heran,
Die meiner Tochter liebliche Gewalt
Mir zaubrisch oft und leicht hinweggebannt.
Sie ist dahin, die schmeichlerische Kraft,
Die meinen Geist in holde Träume sang.
Nun drängt das Wirkliche mit dichten Massen
An mich heran und droht, mich zu erdrücken.
Hinaus, hinaus! Von dieser Welt hinweg!
Und lügt mir nicht das Kleid, in dem du wandelst,
So führe mich zur Wohnung der Geduld,
Ins Kloster führe mich und lass mich dort,
Im allgemeinen Schweigen, stumm, gebeugt,
Ein müdes Leben in die Grube senken.

Weltgeistlicher.
Mir ziemt es kaum, dich an die Welt zu weisen;
Doch andre Worte sprech’ ich kühner aus.
Nicht in das Grab, nicht übers Grab verschwendet
Ein edler Mann der Sehnsucht hohen Wert.
Er kehrt in sich zurück und findet staunend
In seinem Busen das Verlorene wieder.

Herzog.
Dass ein Besitz so fest sich hier erhält,
Wenn das Verlorne fern und ferner flieht,
Das ist die Qual, die das geschiedene,
Für ewig losgerissne Glied aufs neue
Dem Schmerz ergriffnen Körper fügen will.
Getrenntes Leben, wer vereinigt’s wieder?
Vernichtetes, wer stellt es her?

Weltgeistlicher.
Der Geist!
Des Menschen Geist, dem nichts verloren geht,
Was er von Wert mit Sicherheit besessen.
So lebt Eugenie vor dir, sie lebt
In deinem Sinne, den sie sonst erhub,
Dem sie das Anschaun herrlicher Natur
Lebendig aufgeregt; so wirkt sie noch
Als hohes Vorbild, schützet vor Gemeinem,
Vor Schlechtem dich, wie’s jede Stunde bringt,
Und ihrer Würde wahrer Glanz verscheuchet
Den eitlen Schein, der dich bestechen will.
So fühle dich durch ihre Kraft beseelt!
Und gib ihr so ein unzerstörlich Leben,
Das keine Macht entreißen kann, zurück.

Herzog.
Lass eines dumpfen, dunklen Traumgeflechtes
Verworrne Todesnetze mich zerreißen!
Und bleibe mir, du vielgeliebtes Bild,
Vollkommen, ewig jung und ewig gleich!
Lass deiner klaren Augen reines Licht
Mich immerfort umglänzen! Schwebe vor,
Wohin ich wandle, zeige mir den Weg
Durch dieser Erde Dornenlabyrinth!
Du bist kein Traumbild, wie ich dich erblicke;
Du warst, du bist. Die Gottheit hatte dich
Vollendet einst gedacht und dargestellt.
So bist du teilhaft des Unendlichen,
Des Ewigen, und bist auf ewig mein.

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
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