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Zweiter Aufzug

(Zimmer Eugenies, im gotischen Stil.)

Erster Auftritt

Hofmeisterin. Sekretär.

Sekretär.
Verdien’ ich, dass du mich, im Augenblick,
Da ich erwünschte Nachricht bringe, fliehst?
Vernimm nur erst, was ich zu sagen habe!

Hofmeisterin.
Wohin es deutet, fühl’ ich nur zu sehr.
O lass mein Auge vom bekannten Blick,
Mein Ohr sich von bekannter Stimme wenden!
Entfliehen lass mich der Gewalt, die, sonst
Durch Lieb’ und Freundschaft wirksam, fürchterlich
Wie ein Gespenst mir nun zur Seite steht.

Sekretär.
Wenn ich des Glückes Füllhorn dir auf einmal
Nach langem Hoffen vor die Füße schütte,
Wenn sich die Morgenröte jenes Tags,
Der unsern Bund auf ewig gründen soll,
Am Horizonte feierlich erhebt,
So scheinst du nun verlegen, widerwillig
Den Antrag eines Bräutigams zu fliehn.

Hofmeisterin.
Du zeigst mir nur die eine Seite dar,
Sie glänzt und leuchtet, wie im Sonnenschein
Die Welt erfreulich daliegt; aber hinten
Droht schwarzer Nächte Graus, ich ahn’ ihn schon.

Sekretär.
So lass uns erst die schöne Seite sehn!
Verlangst du Wohnung, mitten in der Stadt,
Geräumig, heiter, trefflich ausgestattet,
Wie man’s für sich, so wie für Gäste wünscht?
Sie ist bereit, der nächste Winter findet
Uns festlich dort umgeben, wenn du willst.
Sehnst du im Frühling dich aufs Land, auch dort
Ist uns ein Haus, ein Garten uns bestimmt,
Ein reiches Feld. Und was Erfreuliches
An Waldung, Busch, an Wiesen, Bach und Seen
Sich Phantasie zusammendrängen mag,
Genießen wir, zum Teil als unser eignes,
Zum Teil als allgemeines Gut. Wobei
Noch manche Rente gar bequem vergönnt,
Durch Sparsamkeit ein sichres Glück zu steigern.

Hofmeisterin.
In trübe Wolken hüllt sich jenes Bild,
So heiter du es malst, vor meinen Augen.
Nicht wünschenswert, abscheulich naht sich mir
Der Gott der Welt im Überfluss heran.
Was für ein Opfer fordert er? Das Glück
Des holden Zöglings müsst’ ich morden helfen!
Und was ein solch Verbrechen mir erwarb,
Ich sollt’ es je mit freier Brust genießen?
Eugenie! Du, deren holdes Wesen
In meiner Nähe sich von Jugend auf
Aus reicher Fülle rein entwickeln sollte,
Kann ich noch unterscheiden, was an dir
Dein eigen ist, und was du mir verdankst?
Dich, die ich als mein selbst gebildet Werk
Im Herzen trage, sollt’ ich nun zerstören?
Von welchem Stoffe seid ihr denn geformt,
Ihr Grausamen, dass eine solche Tat
Ihr fordern dürft und zu belohnen glaubt?

Sekretär.
Gar manchen Schatz bewahrt von Jugend auf
Ein edles, gutes Herz und bildet ihn
Nur immer schöner, liebenswürd’ger aus
Zur holden Gottheit des geheimen Tempels;
Doch wenn das Mächtige, das uns regiert,
Ein großes Opfer heischt, wir bringen’s doch
Mit blutendem Gefühl der Not zuletzt.
Zwei Welten sind es, meine Liebe, die,
Gewaltsam sich bekämpfend, uns bedrängen,

Hofmeisterin.
In völlig fremder Welt für mein Gefühl
Scheinst du zu wandeln, da du deinem Herrn,
Dem edlen Herzog, solche Jammertage
Verräterisch bereitest, zur Partei
Des Sohns dich fügest – Wenn das Waltende
Verbrechen zu begünst’gen scheinen mag,
So nennen wir es Zufall; doch der Mensch,
Der ganz besonnen solche Tat erwählt,
Er ist ein Rätsel. – Doch – und bin ich nicht
Mir auch ein Rätsel, dass ich noch an dir
Mit solcher Neigung hänge, da du mich
Zum jähen Abgrund hinzureißen strebst?
Warum o! Schuf dich die Natur von außen
Gefällig, liebenswert, unwiderstehlich,
Wenn sie ein kaltes Herz in deinen Busen,
Ein Glück zerstörendes, zu pflanzen dachte?

Sekretär.
An meiner Neigung Wärme zweifelst du?

Hofmeisterin.
Ich würde mich vernichten, wenn ich’s könnte.
Doch ach! Warum, und mit verhasstem Plan,
Aufs Neue mich bestürmen? Schwurst du nicht,
In ew’ge Nacht das Schrecknis zu begraben?

Sekretär.
Ach leider drängt sich’s mächtiger hervor.
Den jungen Fürsten zwingt man zum Entschluss.
Erst blieb Eugenie so manches Jahr
Ein unbedeutend unbekanntes Kind.
Du hast sie selbst von ihren ersten Tagen
In diesen alten Sälen auferzogen,
Von wenigen besucht und heimlich nur.
Doch wie verheimlichte sich Vaterliebe!
Der Herzog, stolz auf seiner Tochter Wert,
Lässt nach und nach sie öffentlich erscheinen;
Sie zeigt sich reitend, fahrend. Jeder fragt
Und jeder weiß zuletzt, woher sie sei.
Nun ist die Mutter tot. Der stolzen Frau
War dieses Kind ein Gräuel, das ihr nur
Der Neigung Schwäche vorzuwerfen schien.
Nie hat sie’s anerkannt und kaum gesehn.
Durch ihren Tod fühlt sich der Herzog frei,
Entwirft geheime Pläne, nähert sich
Dem Hofe wieder und entsagt zuletzt
Dem alten Groll, versöhnt sich mit dem König
Und macht sich’s zur Bedingung, dieses Kind
Als Fürstin seines Stamms erklärt zu sehn.

Hofmeisterin.
Und gönnt ihr dieser köstlichen Natur
Vom Fürstenblute nicht das Glück des Rechts?

Sekretär.
Geliebte, Teure! Sprichst du doch so leicht,
Durch diese Mauern von der Welt geschieden,
In klösterlichem sinne von dem Wert
Der Erdengüter. Blicke nur hinaus!
Dort wägt man besser solchen edlen Schatz.
Der Vater neidet ihn dem Sohn, der Sohn
Berechnet seines Vaters Jahre, Brüder
Entzweit ein ungewisses Recht auf Tod
Und Leben. Selbst der Geistliche vergisst,
Wohin er streben soll, und strebt nach Gold.
Verdächte man’s dem Prinzen, der sich stets
Als einz’gen Sohn gefühlt, wenn er sich nun
Die Schwester nicht gefallen lassen will,
Die, eingedrungen, ihm das Erbteil schmälert?
Man stelle sich an seinen Platz und richte.

Hofmeisterin.
Und ist er nicht schon jetzt ein reicher Fürst?
Und wird er’s nicht durch seines Vaters Tod
Zum Übermaß? Wie wär’ ein Teil der Güter
So köstlich angelegt, wenn er dafür
Die holde Schwester zu gewinnen wüsste!

Sekretär.
Willkürlich handeln ist des Reichen Glück!
Er widerspricht der Fordrung der Natur,
Der Stimme des Gesetzes, der Vernunft,
Und spendet an den Zufall seine Gaben.
Genug besitzen hieße darben. Alles
Bedürfte man! Unendlicher Verschwendung
Sind ungemessne Güter wünschenswert.
Hier denke nicht zu raten, nicht zu mildern;
Kannst du mit uns nicht wirken, gib uns auf!

Hofmeisterin.
Und was denn wirken? Lange droht ihr schon
Von fern dem Glück des liebenswürd’gen Kindes.
Was habt ihr denn in eurem furchtbarn Rat
Beschlossen über sie? Verlangt ihr etwa,
Dass ich mich blind zu eurer Tat geselle?

Sekretär.
Mitnichten! Hören kannst und sollst du gleich,
Was zu beginnen, was von dir zu fordern
Wir selbst genötigt sind. Eugenien
Sollst du entführen! Sie muss dergestalt
Auf einmal aus der Welt verschwinden, dass
Wir sie getrost als tot beweinen können;
Verborgen muss ihr künftiges Geschick,
Wie das Geschick der Toten, ewig bleiben.

Hofmeisterin.
Lebendig weiht ihr sie dem Grabe, mich
Bestimmt ihr tückisch zur Begleiterin.
Mich stoßt ihr mit hinab. Ich soll mit ihr,
Mit der Verratnen die Verräterin,
Der Toten Schicksal vor dem Tode teilen.

Sekretär.
Du führst sie hin und kehrest gleich zurück.

Hofmeisterin.
Soll sie im Kloster ihre Tage schließen?

Sekretär.
Im Kloster nicht; wir mögen solch ein Pfand
Der Geistlichkeit nicht anvertrauen, die
Es leicht als Werkzeug gegen uns gebrauchte.

Hofmeisterin.
So soll sie nach den Inseln? Sprich es aus.

Sekretär.
Du wirst’s vernehmen! Jetzt beruh’ge dich.

Hofmeisterin.
Wie kann ich ruhen bei Gefahr und Not,
Die meinen Liebling, die mich selbst bedräut?

Sekretär.
Dein Liebling kann auch drüben glücklich sein,
Und dich erwarten hier Genuss und Wonne.

Hofmeisterin.
O schmeichelt euch mit solcher Hoffnung nicht.
Was hilft’s, in mich zu stürmen? Zum Verbrechen
Mich anzulocken, mich zu drängen? Sie,
Das hohe Kind, wird euren Plan vereiteln.
Gedenkt nur nicht, sie als geduld’ges Opfer
Gefahrlos wegzuschleppen. Dieser Geist,
Der mutvoll sie beseelt, ererbte Kraft
Begleiten sie, wohin sie geht, zerreißen
Das falsche Netz, womit ihr sie umgabt.

Sekretär.
Sie festzuhalten, das gelinge dir!
Willst du mich überreden, dass ein Kind,
Bisher im sanften Arm des Glücks gewiegt,
Im unverhofften Fall Besonnenheit
Und Kraft, Geschick und Klugheit zeigen werde?
Gebildet ist ihr Geist, doch nicht zur Tat,
Und wenn sie richtig fühlt und weise spricht,
So fehlt noch viel, dass sie gemessen handle.
Des Unerfahrnen hoher, freier Mut
Verliert sich leicht in Feigheit und Verzweiflung,
Wenn sich die Not ihm gegenüberstellt.
Was wir gesonnen, führe du es aus!
Klein wird das Übel werden, groß das Glück.

Hofmeisterin.
So gebt mir Zeit, zu prüfen und zu wählen!

Sekretär.
Der Augenblick des Handelns drängt uns schon.
Der Herzog scheint gewiss, dass ihm der König
Am nächsten Fest die hohe Gunst gewähren
Und seine Tochter anerkennen wolle;
Denn Kleider und Juwelen stehn bereit,
Im prächt’gen Kasten sämtlich eingeschlossen,
Wozu er selbst die Schlüssel wohl verwahrt
Und ein Geheimnis zu verwahren glaubt;
Wir aber wissen’s wohl und sind gerüstet;
Geschehen muss nun schnell das Überlegte.
Heut Abend hörst du mehr. Nun lebe wohl!

Hofmeisterin.
Auf düstern Wegen wirkt ihr tückisch fort
Und wähnet, euren Vorteil klar zu sehen.
Habt ihr denn jeder Ahnung euch verschlossen,
Dass über Schuld und Unschuld, Licht verbreitend,
Ein rettend, rächend Wesen göttlich schwebt?

Sekretär.
Wer wagt, ein Herrschendes zu leugnen, das
Sich vorbehält, den Ausgang unsrer Taten
Nach seinem einz’gen Willen zu bestimmen?
Doch wer hat sich zu seinem hohen Rat
Gesellen dürfen? Wer Gesetz und Regel,
Wonach es ordnend spricht, erkennen mögen?
Verstand empfingen wir, uns mündig selbst
Im ird’schen Element zurecht zu finden,
Und was uns nützt, ist unser höchstes Recht.

Hofmeisterin.
Und so verleugnet ihr das Göttlichste,
Wenn euch des Herzens Winke nichts bedeuten.
Mich ruft es auf, die schreckliche Gefahr
Vom holden Zögling kräftig abzuwenden,
Mich gegen dich und gegen Macht und List
Beherzt zu waffnen. Kein Versprechen soll,
Kein Drohn mich von der Stelle drängen. Hier,
Zu ihrem Heil gewidmet, steh’ ich fest.

Sekretär.
O meine Gute! Dies ihr Heil vermagst
Du ganz allein zu schaffen, die Gefahr
Von ihr zu wenden, magst du ganz allein,
Und zwar, indem du uns gehorchst. Ergreife
Sie schnell, die holde Tochter, führe sie,
So weit du kannst, hinweg, verbirg sie fern
Von aller Menschen Anblick, denn – du schauderst,
Du fühlst, was ich zu sagen habe. Sei’s,
Weil du mich drängest, endlich auch gesagt:
Sie zu entfernen ist das Mildeste.
Willst du zu diesem Plan nicht tätig wirken,
Denkst du, dich ihm geheim zu widersetzen,
Und wagtest du, was ich dir anvertraut,
Aus guter Ansicht irgend zu verraten,
So liegt sie tot in deinen Armen! Was
Ich selbst beweinen werde, muss geschehn.


Zweiter Auftritt

Hofmeisterin.
Die kühne Drohung überrascht mich nicht!
Schon lange seh’ ich dieses Feuer glimmen,
Nun schlägt es blad in lichte Flammen aus.
Um dich zu retten, muss ich, liebes Kind,
Dich deinem holden Morgentraum entreißen.
Nur eine Hoffnung lindert meinen Schmerz;
Allein sie schwindet, wie ich sie ergreife.
Eugenie! Wenn du entsagen könntest
Dem hohen Glück, das unermesslich scheint,
An dessen Schwelle dir Gefahr und Tod,
Verbannung als ein Milderes begegnet.
O dürft’ ich dich erleuchten! Dürft’ ich dir
Verborgne Winkel öffnen, wo die Schar
Verschworener Verfolger tückisch lauscht!
Ach schweigen soll ich! Leise kann ich nur
Dich ahnungsvoll ermahnen; wirst du wohl
Im Taumel deiner Freude mich verstehen?


Dritter Auftritt

Eugenie. Hofmeisterin.

Eugenie.
Sei mir gegrüßt! Du Freundin meines Herzens,
An Mutter Statt Geliebte, sei gegrüßt!

Hofmeisterin.
Mit Wonne drück’ ich dich an dieses Herz,
Geliebtes Kind, und freue mich der Freude,
Die reich aus Lebensfülle dir entquillt.
Wie heiter glänzt dein Auge! Welch Entzücken
Umschwebet Mund und Wange! Welches Glück
Drängt aus bewegtem Busen sich hervor!

Eugenie.
Ein großes Unheil hatte mich ergriffen,
Vom Felsen stürzte Ross und Reiterin.

Hofmeistern.
O Gott!

Eugenie.
Sei ruhig! Siehst du doch mich wieder,
Gesund und hoch beglückt, nach diesem Fall.

Hofmeisterin.
Und wie?

Eugenie.
Du sollst es hören, wie so schön
Aus diesem Übel sich das Glück entwickelt.

Hofmeisterin.
Ach! Aus dem Glück entwickelt oft sich Schmerz.

Eugenie.
Sprich böser Vorbedeutung Wort nicht aus!
Und schrecke mich der Sorge nicht entgegen.

Hofmeisterin.
O möchtest du mir alles gleich vertrauen!

Eugenie.
Von allen Menschen dir zuerst. Nur jetzt,
Geliebte, lass mich mir. Ich muss allein
Ins eigene Gefühl mich finden lernen.
Du weißt, wie hoch mein Vater sich erfreut,
Wenn unerwartet ihm ein klein Gedicht
Entgegenkommt, wie mir’s der Muse Gunst
Bei manchem Anlass willig schenken mag.
Verlass mich! Eben schwebt mir’s heiter vor,
Ich muss es haschen, sonst entschwindet’s mir.

Hofmeisterin.
Wann soll wie sonst vertrauter Stunden Reihe
Mit reichlichen Gesprächen uns erquicken?
Wann öffnen wir, zufriednen Mädchen gleich,
Die ihren Schmuck einander wiederholt
Zu zeigen kaum ermüden, unsres Herzens
Geheimste Fächer, uns bequem und herzlich
Des wechselseit’gen Reichtums zu erfreuen?

Eugenie.
Auch jene Stunden werden wieder kehren,
Von deren stillem Glück man mit Vertrauen,
Sich des Vertrauns erinnernd, gerne spricht.
Doch heute lass in voller Einsamkeit
Mich das Bedürfnis jener Tage finden.


Vierter Auftritt

Eugenie, nachher Hofmeisterin außen.

Eugenie (eine Brieftasche hervorziehend).
Und nun geschwind zum Pergament, zum Griffel!
Ich hab’ es ganz und eilig fass’ ich’s auf,
Was ich dem Könige zu jener Feier,
Bei der ich, neu geboren durch sein Wort,
Ins Leben trete, herzlich widmen soll.

(Sie rezitiert langsam und schreibt.)

   Welch Wonneleben wird hier ausgespendet!
      Willst du, o Herr der obern Regionen,
      Des Neulings Unvermögen nicht verschonen?
      Ich sinke hin, von Majestät geblendet.
   Doch bald getrost zu dir hinauf gewendet
      Erfreut’s mich, an dem Fuß der festen Thronen,
      Ein Sprössling deines Stamms, beglückt zu wohnen,
      Und all mein frühes Hoffen ist vollendet.
   So fließe denn der holde Born der Gnaden!
      Hier will die treue Brust so gern verweilen
      Und an der Liebe Majestät sich fassen.
   Mein Ganzes hängt an einem zarten Faden,
      Mir ist, als müsst’ ich unaufhaltsam eilen,
      Das Leben, das du gabst, für dich zu lassen.

(Das Geschriebene mit Gefälligkeit betrachtend.)

So hast du lange nicht, bewegtes Herz,
Dich in gemessnen Worten ausgesprochen!
Wie glücklich, den Gefühlen unsrer Brust
Für ew’ge Zeit den Stempel aufzudrücken!
Doch ist es wohl genug? Hier quillt es fort,
Hier quillt es auf! – Du nahest, großer Tag,
Der uns den König gab und der nun mich
Dem Könige, dem Vater, mich mir selbst
Zu ungemessner Wonne geben soll.
Dies hohe Fest verherrliche meine Lied!
Beflügelt drängt sich Phantasie voraus,
Sie trägt mich vor den Thron und stellt mich vor,
Sie gibt im Kreise mir –

Hofmeisterin (außen).
Eugenie!

Eugenie.
Was soll das?

Hofmeisterin.
Höre mich und öffne gleich!

Eugenie.
Verhasste Störung! Öffnen kann ich nicht.

Hofmeisterin.
Vom Vater Botschaft!

Eugenie.
Wie? Vom Vater? Gleich!
Da muss ich öffnen.

Hofmeisterin.
Große Gaben scheint
Er dir zu schicken.

Eugenie.
Warte!

Hofmeisterin.
Hörst du?

Eugenie.
Warte!
Doch wo verberg’ ich dieses Blatt? Zu klar
Spricht’s jene Hoffnung aus, die mich beglückt.
Hier ist nichts zum Verschließen! Und bei mir
Ist’s nirgend sicher, diese Tasche kaum;
Denn meine Leute sind nicht alle treu.
Gar manches hat man schon mir, als ich schlief,
Durchblättert und entwendet. Das Geheimnis,
Das größte, das ich je gehegt, wohin,
Wohin verberg’ ich’s?

(Indem sie sich der Seitenwand nähert.)

Wohl! Hier war es ja,
Wo du, geheimer Wandschrank, meiner Kindheit
Unschuldige Geheimnisse verbargst!
Du, den mir kindisch allausspähende,
Von Neugier und von Müßiggang erzeugte,
Rastlose Tätigkeit entdecken half,
Du, jedem ein Geheimnis, öffne dich!

(Sie drückt an einer unbemerkbaren Feder, und eine kleine Türe springt auf.)

So wie ich sonst verbotnes Zuckerwerk
Zu listigem Genuss in dir versteckte,
Vertrau’ ich heute meines Lebens Glück
Entzückt und sorglich dir auf kurze Zeit.

(Sie legt das Pergament in den Schrank und drückt ihn zu.)

Die Tage schreiten vor, und ahnungsvoller
Bewegen sich nun Freud’ und Schmerz heran.

(Sie öffnet die Türe.)


Fünfter Auftritt

Eugenie. Hofmeisterin. Bediente, die einen prächtigen Putzkasten tragen.

Hofmeisterin.
Wenn ich dich störte, führ’ ich gleich mit mir,
Was mich gewiss entschuld’gen soll, herbei.

Eugenie.
Von meinem Vater? Dieser prächt’ge Schrein!
Auf welchen Inhalt deutet solch Gefäß?

(Zu den Bedienten.)

Verweilt!

(Sie reicht ihnen einen Beutel hin.)

Zum Vorschmack eures Botenlohns
Nehmt diese Kleinigkeit! Das Bessre folgt.

(Bediente gehen.)

Und ohne Brief und ohne Schlüssel! Steht
Mir solch ein Schatz verborgen, in der Nähe?
O Neugier! O Verlangen! Ahnest du,
Was diese Gabe mir bedeuten kann?

Hofmeisterin.
Ich zweifle nicht, du hast es selbst erraten.
Auf nächste Hoheit deutet sie gewiss.
Den Schmuck der Fürstentochter bringt man dir,
Weil dich der König bald berufen wird.

Eugenie.
Wie kannst du das vermuten?

Hofmeisterin.
Weiß ich’s doch!
Geheimnisse der Großen sind belauscht.

Eugenie.
Und wenn du’s weißt, was soll ich dir’s verbergen?
Soll ich die Neugier, dies Geschenk zu sehn,
Vor dir umsonst bezähmen! – Hab’ ich doch
Den Schlüssel hier! – Der Vater zwar verbot’s.
Doch was verbot er? Das Geheimnis nicht
Unzeitig zu entdecken; doch dir ist
Es schon entdeckt. Du kannst nicht mehr erfahren,
Als du schon weißt, und schweigst nun, mir zuliebe.
Was zaudern wir? Komm, lass uns öffnen! Komm,
Dass uns der Gaben hoher Glanz entzücke.

Hofmeisterin.
Halt ein! Gedenke des Verbots! Wer weiß,
Warum der Herzog weislich so befohlen?

Eugenie.
Mit Sinn befahl er, zum bestimmten Zweck;
Der ist vereitelt; alles weißt du schon.
Du liebst mich, bist verschwiegen, zuverlässig.
Lass uns das Zimmer schließen! Das Geheime
Lass uns sogleich vertraulich untersuchen.

(Sie schließt die Zimmertüre und eilt gegen den Schrank.)

Hofmeisterin (sie abhaltend).
Der prächt’gen Stoffe Gold und Farbenglanz,
Der Perlen Milde, der Juwelen Strahl
Bleib’ im Verborgnen! Ach, sie reizen dich
Zu jenem Ziel unwiderstehlich auf.

Eugenie.
Was sie bedeuten, ist das Reizende.

(Sie öffnet den Schrank, an der Türe zeigen sich Spiegel.)

Welch köstliches Gewand entwickelt sich,
Indem ich’s nur berühre, meinem Blick.
Und diese Spiegel! Fordern sie nicht gleich,
Das Mädchen und den Schmuck vereint zu schildern?

Hofmeisterin.
Kreusas tödliches Gewand entfaltet,
So scheint es mir, sich unter meiner Hand.

Eugenie.
Wie schwebt ein solcher Trübsinn dir ums Haupt?
Denk’ an beglückter Bräute frohes Fest.
Komm! Reiche mir die Teile, nach und nach.
Das Unterkleid! Wie reich und süß durchflimmert
Sich rein des Silbers und der Farben Blitz.

Hofmeisterin (indem sie Eugenie das Gewand umlegt).
Verbirgt sich je der Gnade Sonnenblick,
Sogleich ermattet solch ein Widerglanz.

Eugenie.
Ein treues Herz verdient sich diesen Blick,
Und, wenn er weichen wollte, zieht’s ihn an. –
Das Oberkleid, das goldne, schlage drüber,
Die Schleppe ziehe, weit verbreitet, nach.
Auch diesem Gold ist, mit Geschmack und Wahl,
Der Blumen Schmelz metallisch aufgebrämt.
Und tret’ ich so nicht schön umgeben auf?

Hofmeisterin.
Doch wird von Kennern mehr die Schönheit selbst
In ihrer eignen Herrlichkeit verehrt.

Eugenie.
Das einfach Schöne soll der Kenner schätzen;
Verziertes aber spricht der Menge zu. –
Nun leihe mir der Perlen sanftes Licht,
Auch der Juwelen leuchtende Gewalt.

Hofmeisterin.
Doch deinem Herzen, deinem Geist genügt
Nur eigner, innrer Wert und nicht der Schein.

Eugenie.
Der Schein, was ist er, dem das Wesen fehlt?
Das Wesen, wär’ es, wenn es nicht erschiene?

Hofmeisterin.
Und hast du nicht in diesen Mauern selbst
Der Jugend ungetrübte Zeit verlebt?
Am Busen deiner Liebenden, entzückt,
Verborgner Wonne Seligkeit erfahren?

Eugenie.
Gefaltet kann die Knospe sich genügen,
Solange sie des Winters Frost umgibt;
Nun schwillt vom Frühlingshauche Lebenskraft,
In Blüten bricht sie auf an Licht und Lüfte.

Hofmeisterin.
Aus Mäßigkeit entspringt ein reines Glück.

Eugenie.
Wenn du ein mäßig Ziel dir vorgesteckt.

Hofmeisterin.
Beschränktheit sucht sich der Genießende.

Eugenie.
Du überredest die Geschmückte nicht.
O dass sich dieser Saal erweiterte
Zum Raum des Glanzes, wo der König thront!
Dass reicher Teppich unten, oben sich
Der goldnen Decke Wölbung breitete!
Dass hier im Kreise vor der Majestät
Demütig stolz die Großen, angelacht
Von dieser Sonne, herrlich leuchteten!
Ich unter diesen Ausgezeichnete!
O lass mir dieser Wonne Vorgefühl,
Wenn aller Augen mich zum Ziel erlesen!

Hofmeisterin.
Zum Ziele der Bewunderung nicht allein,
Zum Ziel des Neides und des Hasses mehr.

Eugenie.
Der Nieder steht als Folie des Glücks,
Der Hasser lehrt uns immer wehrhaft bleiben.

Hofmeisterin.
Demütigung beschleicht die Stolzen oft.

Eugenie.
Ich setz’ ihr Geistesgegenwart entgegen.

(Zum Schranke gewendet.)

Noch haben wir nicht alles durchgesehn;
Nicht mich allein bedenk’ ich diese Tage,
Für andre hoff’ ich manche Kostbarkeit.

Hofmeistern (ein Kästchen hervor nehmend).
Hier aufgeschrieben steht es: „Zu Geschenken“.

Eugenie.
So nimm voraus, was dich vergnügen kann,
Von diesen Uhren, diesen Dosen. Wähle! –
Nein, überlege noch! Vielleicht verbirgt
Sich Wünschenswerteres im reichen Schrein.

Hofmeisterin.
O fände sich ein kräft’ger Talisman,
Des trüben Bruders Neigung zu gewinnen!

Eugenie.
Den Widerwillen tilge nach und nach
Des unbefangnen Herzens reines Wirken.

Hofmeisterin.
Doch die Partei, die seinen Groll bestärkt,
Auf ewig steht sie deinem Wunsch entgegen.

Eugenie.
Wenn sie bisher mein Glück zu hindern suchte,
Tritt nun Entscheidung unaufhaltsam ein,
Und ins Geschehne fügt sich jedermann.

Hofmeisterin.
Das, was du hoffest, noch ist’s nicht geschehn.

Eugenie.
Doch als vollendet kann ich’s wohl betrachten.

(Nach dem Schrank gekehrt.)

Was liegt im langen Kästchen, obenan?

Hofmeisterin (die es herausnimmt).
Die schönsten Bänder, frisch und neu gewählt –
Zerstreue nicht durch eitlen Flitterwesens
Neugierige Betrachtung deinen Geist.
O wär’ es möglich, dass du meinem Wort
Gehör verliehest einen Augenblick!
Aus stillem Kreise trittst du nun heraus
In weite Räume, wo dich Sorgendrang,
Vielfach geknüpfte Netze, Tod vielleicht
Von meuchelmörderischer Hand erwartet.

Eugenie.
Du scheinst mir krank! Wie könnte sonst mein Glück
Dir fürchterlich, als ein Gespenst erscheinen.

(In das Kästchen blickend.)

Was seh’ ich? Diese Rolle! Ganz gewiss
Das Ordensband der ersten Fürstentöchter!
Auch dieses werd’ ich tragen! Nur geschwind!
Lass sehen, wie es kleidet! Es gehört
Zum ganzen Prunk; so sei auch das versucht!

(Das Band wird umgelegt.)

Nun sprich vom Tode nur! Sprich von Gefahr!
Was zieret mehr den Mann, als wenn er sich
Im Heldenschmuck zu seinem Könige,
Sich unter seinesgleichen stellen kann?
Was reizt das Auge mehr als jenes Kleid,
Das kriegerische lange Reihen zeichnet?
Und dieses Kleid und seine Farben, sind
Sie nicht ein Sinnbild ewiger Gefahr?
Die Schärpe deutet Krieg, womit sich, stolz
Auf seine Kraft, ein edler Mann umgürtet.
O meine Liebe! Was bedeutend schmückt,
Es ist durchaus gefährlich. Lass auch mir
Das Mutgefühl, was mir begegnen kann,
So prächtig ausgerüstet, zu erwarten.
Unwiderruflich, Freundin, bleibt mein Glück.

Hofmeisterin (beiseite).
Das Schicksal, das dich trifft, unwiderruflich.

Ü   Þ

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