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         Prolog Offenbarungen Gottes

Prolog zu den neusten Offenbarungen Gottes

verdeutscht durch

Dr. Karl Friedrich Bahrdt

Gießen 1774

Die Frau Professorin tritt auf im Putz, den Mantel umwerfend. Bahrdt sitzt am Pult ganz angezogen und schreibt.

Frau Bahrdt.
So komm denn, Kind, die Gesellschaf tim Garten
Wird gewiss auf uns mit dem Kaffee warten.

Bahrdt.
Da kam mir ein Einfall von ungefähr;

(sein geschrieben Blatt ansehend)

So redt’ ich, wenn ich Christus wär’.

Frau Bahrdt.
Was kommt ein Getrappel die Trepp’ herauf?

Bahrdt.
’s ist ärger als ein studentenhauf’.
Das ist ein Besuch auf allen Vieren.

Frau Bahrdt.
Gott behüt’! ’s ist der Tritt von Tieren.

Die vier Evangelisten mit ihrem Gefolg’ treten herein. Die Frau Doktorin tut einen Schrei. Matthäus mit dem Engel; Markus, begleitet vom Löwen; Lukas, vom Ochsen; Johannes, über ihm der Adler.

Matthäus.
Wir hören, du bist ein Biedermann
Und nimmst dich unseres Herren an.
Uns wird die Christenheit zu enge,
Wir sind jetzt überall im Gedränge.

Bahrdt.
Willkomm’n, ihr Herrn! Doch tut mir’s leid,
Ihr kommt zur ungelegnen Zeit,
Muss eben in Gesellschaft ’nein.

Johannes.
Das werden Kinder Gotte sein.
Wir wollen uns mit dir ergötzen.

Bahrdt.
Die Leute würden sich entsetzen:
Sie sind nicht gewohnt solche Bärte breit
Und Röcke so lang und Falten so weit;
Und eure Bestien, muss ich sagen,
Würde jeder andre zur Tür ’nausjagen.

Matthäus.
Das galt doch alles auf der Welt,
Seitdem uns unser Herr bestellt.

Bahrdt.
Das kann mir weiter nichts bedeuten.
Gnug, so nehm’ ich euch nicht zu Leuten.

Markus.
Und wie und was verlangst denn du?

Bahrdt.
Dass ich’s euch kürzlich sagen tu’:
Es ist mit eurer Schriften Art,
Mit euern Falten und euerm Bart
Wie mit den alten Talern schwer:
Das Silber fein geprobet sehr,
Und gelten dennoch jetzt nicht mehr.
Ein kluger Fürst, der münzt sie ein
Und tut ein tüchtigs Kupfer drein;
Da mag’s denn wieder fort kursieren!
So müsst ihr auch, wollt ihr roulieren
Und in Gesellschaft euch produzieren,
So müsst ihr werden wie unsereiner,
Geputzt, gestutzt, glatt - ’s gilt sonst keiner.
Im seidnen Mantel und Kräglein flink,
Das ist doch gar ein ander Ding!

Lukas der Maler.
Möcht’ mich in dem Kostüme sehn!

Bahrdt.
Da braucht Ihr gar nicht weit zu gehen,
Hab’ just noch einen ganzen Ornat.

Der Engel Matthäi.
Das wär’ mir ein Evangelisten-Staat!
Kommt –

Matthäus.
Johannes ist schon weggeschlichen
Und Bruder Markus mit entwichen.

(Der Lukas Ochs kommt Bahrdt zu nah, er tritt nach ihm.)

Bahrdt.
Schafft ab zuerst das garstig’ Tier!
Nehm’ ich doch kaum ein Hündlein mit mir.

Lukas.
Mögen gar nichts weiter verkehren mit dir.

(Die Evangelisten mit ihrem Gefolg’ ab.)

Frau Bahrdt.
Die Kerls nehmen keine Lebensart an.

Bahrdt.
Komm, ’s sollen ihre Schriften dran.

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