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Dritter Aufzug

(Die Wirtsstube.)

Erster Auftritt

Der Wirt (im Schlafrock, im Sessel neben dem Tisch, worauf ein bald abgebranntes Licht, Kaffeezeug, Pfeifen und die Zeitungen. Nach den ersten Versen steht er auf und zieht sich in diesem Auftritt und dem Anfange des folgenden an).
Ach, der verfluchte Brief bringt mich um Schlaf und Ruh!
Es ging wahrhaftig nicht mit rechten Dingen zu!
Unmöglich scheint es mir, das Rätsel aufzulösen:
Wenn man was Böses tut, erschrickt man vor dem Bösen.
Es war nicht mein Beruf, drum kam die Furcht mich an;
Und doch für einen Wirt ist es nicht wohlgetan
Zu zittern, wenn’s im Haus rumort und geht und knistert;
Denn mit Gespenstern sind die Diebe nah verschwistert.
Es war kein Mensch zu Haus, nicht Söller, nicht Alcest;
Der Kellner konnt’s nicht sein, die Mägde schliefen fest.
Doch halt! – In aller Früh, so zwischen drei und viere,
Hört’ ich ein leis Geräusch, es ging Sophiens Türe.
Sie war vielleicht wohl selbst der Geist, vor dem ich floh.
Es war ein Weibertritt, Sophie geht ebenso.
Allein, was tat sie da? – Man weiß, wie’s Weiber machen:
Sie visitieren gern und sehn der Fremden Sachen
Und Wäsch’ und Kleidergern. Hätt’ ich nur dran gedacht,
Ich hätte sie erschreckt und dann sie ausgelacht.
Sie hätte mit gesucht, der Brief wär’ nun gefunden;
Jetzt ist die schöne Zeit so ungebraucht verschwunden!
Verflucht! Zur rechten Zeit fällt einem nie was ein,
Und was man Gutes denkt, kommt meist erst hinterdrein.


Zweiter Auftritt

Der Wirt. Sophie.

Sophie.
Mein Vater! Denken Sie! –

Wirt.
Nicht einmal guten Morgen?

Sophie.
Verzeihen Sie, Papa! Mein Kopf ist voller Sorgen.

Wirt.
Warum?

Sophie.
Alcestens Geld, das er nicht lang erhielt,
Ist miteinander fort.

Wirt.
Warum hat er gespielt?
Sie bleiben nicht davon.

Sophie.
Nicht doch! Es ist gestohlen!

Wirt.
Wie?

Sophie.
Ei, vom Zimmer weg!

Wirt.
Den soll der Teufel holen,
Den Dieb! Wer ist’s? Geschwind!

Sophie.
Wer’s wüsste!

Wirt.
Hier, im Haus?

Sophie.
Ja, von Alcestens Tisch, aus der Schatull’ heraus.

Wirt.
Und wann?

Sophie.
Heut Nacht!

Wirt (für sich).
Das ist für meiner Neugiersünden!
Die Schuld kommt noch auf mich, man wird den Wachsstock finden.

Sophie (für sich).
Er ist bestürzt und murrt. Hätt’ er so was getan?
Im Zimmer war er doch, der Wachsstock klagt ihn an.

Wirt (für sich).
Hat es Sophie wohl selbst? Verflucht! Das wär’ noch schlimmer!
Sie wollte gestern Geld und war heut Nacht im Zimmer.

(Laut.)

Das ist ein dummer Streich! Gib acht! Der tut uns weh;
Wohlfeil und sicher sein, ist unsre Renommee.

Sophie.
Ja! Er verschmerzt es wohl, uns wird es sicher schaden:
Es wird am Ende doch dem Gastwirt aufgeladen.

Wirt.
Das weiß ich nur zu sehr. Es bleibt ein dummer Streich.
Wenn’s auch ein Hausdieb ist, ja, wer entdeckt ihn gleich?
Das macht uns viel Verdruss!

Sophie.
Es schlägt mich gänzlich nieder.

Wirt (für sich).
Aha, es wird ihr bang.

(Laut, etwas verdrießlicher.)

Ich wollt’, er hätt’ es wieder!
Ich wär’ recht froh.

Sophie (für sich).
Es scheint, die Reue kommt ihm ein.

(Laut.)

Und wenn er’s wieder hat, so mag der Täter sein,
Wer will; man sagt’s ihm nicht, und ihn bekümmert’s weiter
Auch nicht.

Wirt (für sich).
Wenn sie’s nicht hat, bin ich ein Bärenhäuter!

(Laut.)

Du bist ein gutes Kind, und mein Vertraun zu dir –
Wart’ nur! (Er geht, nach der Türe zu sehn.)

Sophie (für sich).
Bei Gott! Er kommt und offenbart sich mir!

Wirt.
Ich kenne dich, Sophie, du pflegtest nie zu lügen –

Sophie.
Eh’ hab’ ich aller Welt als Ihnen was verschwiegen.
Drum hoff’ ich dieses Mal auch zu verdienen –

Wirt.
Schön!
Du bist mein Kind, und was geschehn ist, ist geschehn.

Sophie.
Es kann das beste Herz in dunkeln Stunden fehlen.

Wirt.
Wir wollen uns nicht mehr mit dem Vergangnen quälen.
Dass du im Zimmer warst, das weiß kein Mensch als ich.

Sophie (erschrocken).
Sie wissen –?

Wirt.
Ich war drin, du kamst, ich hörte dich;
Ich wusst’ nicht, wer es war, und lief, als käm’ der Teufel.

Sophie (vor sich).
Ja, ja, er hat das Geld! Nun ist es außer Zweifel.

Wirt.
Erst jetzo fiel mir ein, ich hört’ dich heute früh.

Sophie.
Und was vortrefflich ist, es denkt kein Mensch an Sie.
Ich fand den Wachsstock –

Wirt.
Du?

Sophie.
Ich!

Wirt.
Schön, bei meinem Leben!
Nun sag’, wie machen wir’s, dass wir’s ihm wiedergeben?

Sophie.
Sie sagen: „Herr Alcest! Verschonen Sie mein Haus,
Das Geld ist wieder da, ich hab’ den Dieb heraus.
Sie wissen selbst, wie leicht Gelegenheit verführet;
Doch kaum war es entwandt, so war er schon gerühret,
Bekannt’ und gab es mir. Da haben Sie’s! Verzeihn
Sie ihm!“ – Gewiss, Alcest wird gern zufrieden sein.

Wirt.
So was zu fädeln, hast du eine seltne Gabe.

Sophie.
Ja, bringen Sie’s ihm so!

Wirt.
Gleich! Wenn ich’s nur erst habe.

Sophie.
Sie haben’s nicht?

Wirt.
Ei nein! Wo hätt’ ich es denn her?

Sophie.
Woher?

Wirt.
Nun ja! Woher? Gabst du mir’s denn?

Sophie.
Und wer
Hat’s denn?

Wirt.
Wer’s hat?

Sophie.
Jawohl! Wenn Sie’s nicht haben?

Wirt.
Possen!

Sophie.
Wo taten Sie’s denn hin?

Wirt.
Ich glaub’, du bist geschossen!
Hast du’s denn nicht?

Sophie.
Ich?

Wirt.
Ja!

Sophie.
Wie käm’ ich denn dazu?

Wirt.
Eh! (Macht ihr pantomimisch das Stehlen vor.)

Sophie.
Ich versteh’ Sie nicht!

Wirt.
Wie unverschämt bist du!
Jetzt, da du’s geben sollst, gedenkst du auszuweichen.
Du hast’s ja erst bekannt. Pfui dir mit solchen Streichen!

Sophie.
Nein, das ist mir zu hoch! Jetzt klagen Sie mich an
Und sagten nur vorhin, Sie hätten’s selbst getan!

Wirt.
Du Kröte! Ich’s getan! Ist das die schuld’ge Liebe,
Die Ehrfurcht gegen mich? Du machst mich gar zum Diebe,
Da du die Diebin bist!

Sophie.
Mein Vater!

Wirt.
Warst du nicht
Heut früh im Zimmer?

Sophie.
Ja!

Wirt.
Und sagst mir ins Gesicht,
Du hättest nicht das Geld?

Sophie.
Beweist das gleich?

Wirt.
Ja!

Sophie.
Waren
Sie denn nicht auch heut früh –

Wirt.
Ich fass’ dich bei den Haaren,
Wenn du nicht schweigst und gehst! (Sie geht weinend ab.)
Du treibst den Spaß zu weit,
Nichtswürd’ge! – Sie ist fort! Es war ihr hohe Zeit!
Vielleicht bildt sie sich ein, mit Leugnen durchzukommen;
Das Geld ist einmal fort, und gnug: Sie hat’s genommen!


Dritter Auftritt

Alcest in Gedanken, im Morgenfrack. Der Wirt.

Wirt (verlegen und bittend).
Ich bin recht sehr bestürzt, dass ich erfahren muss! –
Ich sehe, gnäd’ger Herr! Sie sind noch voll Verdruss.
Doch bitt’ ich, vor der Hand es gütigst zu verschweigen;
Ich will das Meine tun. Ich hoff’, es wird sich zeigen.
Erfährt man’s in der Stadt, so freun die Neider sich,
Und ihre Bosheit schiebt wohl alle Schuld auf mich.
Es kann kein Fremder sein! Ein Hausdieb hat’s genommen!
Sei’n Sie nur nicht erzürnt, es wird schon wiederkommen.
Wie hoch beläuft sich’s denn?

Alcest.
Ein hundert Taler!

Wirt.
Ei!

Alcest.
Doch hundert Taler –

Wirt.
Pest! Sind keine Kinderei!

Alcest.
Und dennoch wollt’ ich sie vergessen und entbehren,
Wüsst’ ich, durch wen und wie sie weggekommen wären.

Wirt.
Ei, wär’ das Geld nur da, ich fragte gern nicht mehr,
Ob’s Michel oder Hans, und wann und wie es wär’.

Alcest (für sich).
Mein alter Diener! Nein! Der kann mich nicht berauben,
Und in dem Zimmer war – Nein, nein, ich mag’s nicht glauben.

Wirt.
Sie brechen sich den Kopf? Es ist vergebne Müh’!
Genug: Ich schaff’ das Geld.

Alcest.
Mein Geld?

Wirt.
Ja bitte Sie,
Dass niemand nichts erfährt! Wir kennen uns so lange,
Und gnug: Ich schaff’ Ihr Geld. Da sei’n Sie gar nicht bange!

Alcest.
Sie wissen also? –

Wirt.
Hm! Ich bring’s heraus, das Geld.

Alcest.
Ei, sagen Sie mir’s doch –

Wirt.
Nicht um die ganze Welt!

Alcest.
Wer nahm’s, ich bitte Sie!

Wirt.
Ich sag’, ich darf’s nicht sagen.

Alcest.
Doch jemand aus dem Haus?

Wirt.
Sie werden’s nicht erfragen.

Alcest.
Vielleicht die junge Magd?

Wirt.
Die gute Hanne! Nein!

Alcest.
Der Kellner hat’s doch nicht?

Wirt.
Der Kellner kann’s nicht sein.

Alcest.
Die Köchin ist gewandt –

Wirt.
Im Sieden und im Braten.

Alcest.
Der Küchenjunge Hans?

Wirt.
Es ist nun nicht zu raten!

Alcest.
Der Gärtner könnte wohl –

Wirt.
Nein, noch sind Sie nicht da!

Alcest.
Der Sohn des Gärtners?

Wirt.
Nein!

Alcest.
Vielleicht –

Wirt (halb für sich).
Der Haushund? – Ja.

Alcest (für sich).
Wart’ nur, du dummer Kerl, ich weiß dich schon zu kriegen!

(Laut.)

So hab’s denn, wer es will! Daran kann wenig liegen,
Wenn’s wiederkommt! (Tut, als ging’ er weg.)

Wirt.
Jawohl!

Alcest (als wenn ihm etwas einfiele).
Herr Wirt! Mein Tintenfass
Ist leer, und dieser Brief verlangt express –

Wirt.
Ei was!
Erst gestern kam er an, und heute schon zu schreiben –
Es muss was Wichtigs sein.

Alcest.
Er darf nicht liegen bleiben.

Wirt.
Es ist ein großes Glück, wenn man korrespondiert.

Alcest.
Nicht eben allemal! Die Zeit, die man verliert,
Ist mehr wert als der Spaß.

Wirt.
O das geht wie im Spiele:
Da kommt ein einz’ger Brief und tröstet uns für viele.
Verzeihn Sie, gnäd’ger Herr! Der gestrige enthält
Viel Wichtigs? Dürft’ ich wohl –?

Alcest.
Nicht um die ganze Welt!

Wirt.
Nichts aus Amerika?

Alcest.
Ich sag’, ich darf’s nicht sagen.

Wirt.
Ist Friedrich wieder krank?

Alcest.
Sie werden’s nicht erfragen.

Wirt.
Aus Hessen, bleibt’s dabei? Gehn wieder Leute –

Alcest.
Nein!

Wirt.
Der Kaiser hat was vor?

Alcest.
Ja, das kann möglich sein.

Wirt.
In Norden ist’s nicht just!

Alcest.
Ich wollte nicht drauf schwören.

Wirt.
Es gärt so heimlich nach.

Alcest.
Wir werden manches hören.

Wirt.
Kein Unglück irgendwo?

Alcest.
Nur zu! Bald sind Sie da!

Wirt.
Gab’s wohl beim letzten Frost –

Alcest.
Erfrorne Hasen? – Ja!

Wirt.
Sie scheinen gar nicht viel auf Ihren Knecht zu bauen.

Alcest.
Mein Herr, Misstrauischen pflegt man nicht zu vertrauen.

Wirt.
Und was verlangen Sie für ein Vertraun von mir?

Alcest.
Wer ist der Dieb? Mein Brief steht gleich zu Diensten hier;
Sehr billig ist der Tausch, wozu ich mich erbiete.
Nun wollen Sie den Brief?

Wirt (konfundiert und begierig).
Ach, allzu viele Güte!

(Für sich.)

Wär’s nur nicht eben das, was er von mir begehrt.

Alcest.
Sie sehen doch, ein Dienst ist wohl des andern wert,
Und ich verrate nichts, ich schwör’s bei meiner Ehre.

Wirt (für sich).
Wenn nur der Brief nicht gar zu appetitlich wäre!
Allein wie? Wenn Sophie – Eh nun! Das mag sie sehn!
Die Reizung ist zu groß, kein Mensch kann widerstehn!
Er wässert mir das Maul wie ein gebeizter Hase.

Alcest (für sich).
So stach kein Schinken je dem Windhund in die Nase.

Wirt (beschämt, nachgebend und noch zaudernd).
Sie wollen’s, gnäd’ger Herr, und Ihre Gütigkeit –

Alcest (für sich).
Jetzt beißt er an.

Wirt.
Zwingt mich auch zur Vertraulichkeit.

(Zweifelnd und halb bittend.)

Versprechen Sie, soll ich auch gleich den Brief bekommen?

Alcest (reicht den Brief hin).
Den Augenblick.

Wirt (der sich langsam dem Alcest, mit unverwandten Augen auf den Brief, nähert).
Der Dieb –

Alcest.
Der Dieb!

Wirt.
Der’s weggenommen,
Ist –

Alcest.
Nur heraus!

Wirt.
Ist mei –

Alcest.
Nun?

Wirt (mit einem herzhaften Tone, und fährt zugleich zu und reißt Alcesten den Brief aus der Hand).
Meine Tochter!

Alcest (erstaunt).
Wie?

Wirt (fährt hervor, reißt vor geschwindem Aufmachen das Kuvert in Stücken und fängt an zu lesen).
„Hochwohlgeborner Herr!“

Alcest (kriegt ihn bei der Schulter).
Sie wär’s? Nein, sagen Sie
Die Wahrheit!

Wirt (ungeduldig).
Ja, sie ist’s! O, er ist unerträglich!

(Er liest.)

„Insonders“

Alcest (wie oben).
Nein, Herr Wirt! Sophie! Das ist unmöglich!

Wirt (reißt sich los und fährt, ohne ihm zu antworten, fort).
„Hochzuverehrender“

Alcest (wie oben).
Sie hätte das getan!
Ich muss verstummen.

Wirt.
„Herr“ –

Alcest (wie oben).
So hören Sie mich an!
Wie ging die Sache zu?

Wirt.
Hernach will ich’s erzählen.

Alcest.
Ist’s denn gewiss?

Wirt.
Gewiss.

Alcest (im Abgehen zu sich).
Nun, denk’ ich, soll’s nicht fehlen.


Vierter Auftritt

Der Wirt (liest und spricht dazwischen).
„Und Gönner“ – Ist er fort? – „Die viele Gütigkeit,
Die mir so manchen Fehl verziehen hat, verzeiht
Mir, hoff’ ich, diesmal auch.“ – Was gibt’s denn zu verzeihen?
„Ich weiß es, gnäd’ger Herr, dass Sie sich mit mir freuen.“
Schon gut! – „Der Himmel hat mir heut ein Glück geschenkt,
Wobei mein dankbar Herz an Sie zum ersten denkt.
Er hat vom sechsten Sohn mein liebes Weib entbunden.“
Ich bin des Todes! – „Früh hat er sich eingefunden,
Der Knab" – Der Balg! Der! – O, ersäuft, erdrosselt ihn! –
„Und Ihre Nachsicht macht mich armen Mann so kühn“ –
Ach, ich ersticke fast! In meinen alten Tagen
Wart’ nur, das geht dir nicht so ungenossen aus,
Alcest! Ich will dich schon! Du sollst mir aus dem Haus!
Mich, einen guten Freund, so schändlich anzuführen!
Dürft’ ich ihn wieder nur, wie er’s verdient, traktieren!
Doch meine Tochter! O! Das Henkersding geht schief!
Und ich verrate sie um den Gevatternbrief!

(Er fasst sich in die Perücke.)

Verfluchter Ochsenkopf! Bist du so alt geworden!
Der Brief! Das Geld! Der Streich! Ich möchte mich ermorden!
Was fang’ ich an? Wohin? Wie räch’ ich diesen Streich?

(Er erwischt einen Stock und läuft auf dem Theater herum.)

Tret’ einer mir zu nah, ich schlag’ ihn lederweich!
Hätt’ ich sie jetzt nur hier, die mich sonst schikanieren,
Ich würd’ sie alle Herr! Wie wollt’ ich sie kurieren!
Ich sterbe, wenn ich nicht – Ich gäb’, ich weiß nicht, was,
Ich zehr’ mich selber auf – Und Rache muss ich haben!

(Er stößt auf einen Sessel und prügelt ihn aus.)

Ha! Bist du staubig! Komm! An dir will ich mich laben!


Fünfter Auftritt

Der Wirt schlägt immer fort. Söller kommt herein und erschrickt; er ist im Domino, die Maske auf den Arm gebunden, und hat ein halbes Räuschchen.

Söller.
Was gibt’s? Was? Ist er toll? Nun sei auf deiner Hut,
Das wär’ ein schön Emploi, des Sessels Substitut!
Was für ein böser Geist mag doch den Alten treiben?
Das beste wär’, ich ging’! Da ist nicht sicher bleiben,

Wirt (ohne Söllern zu sehn).
Ich kann nicht mehr! O weh! Es schmerzt mich Rück’ und Arm!

(Er wirft sich in den Sessel.)

Ich schwitz’ am ganzen Leib.

Söller (für sich).
Ja, ja, Motion macht warm.

(Er zeigt sich dem Wirt.)

Herr Vater!

Wirt.
Ah, Mosje! Er lebt die Nacht beim Sause,
Ich quäle mich zu Tod, und Er läuft aus dem Hause?
Da trägt der Fastnachtsnarr zum Tanz und Spiel sein Geld,
Und lacht, wenn hier im Haus der Teufel Fastnacht hält!

Söller.
So aufgebracht?

Wirt.
O wart’, ich will mich nicht mehr quälen.

Söller.
Was gab’s?

Wirt.
Alcest, Sophie! Soll ich’s Ihm noch erzählen?

Söller.
Nein, nein.

Wirt.
Wärt Ihr geholt, so hätt’ ich endlich Ruh’,
Und der verdammte Kerl mit seinem Brief dazu! (Ab.)


Sechster Auftritt

Söller (mit Karikatur von Angst).
Was gab’s? Weh dir! Vielleicht in wenig Augenblicken –
Gib deinen Schädel preis! Pariere nur deinen Rücken!
Vielleicht ist’s ’raus! O weh! O, wie mir Armen graust,
Es wird mir siedend heiß. So war’s dem Doktor Faust
Nicht halb zu Mut! Nicht halb war’s so Richard dem Dritten!
Höll’ da! Der Galgen da! Der Hahnrei in der Mitten!

(Er läuft wie unsinnig herum, endlich besinnt er sich.)

Ach, des gestohlnen Guts wird keiner jemals froh!
Geh, Memme, Bösewicht! Warum erschrickst du so?
Vielleicht ist’s nicht so schlimm. Ich will es schon erfahren.

(Er erblickt Alcesten und läuft fort.)

O weh! Er ist’s! Er ist’s! Er fasst mich bei den Haaren.


Siebenter Auftritt

Alcest (angekleidet, mit Hut und Degen).
Solch einen schweren Streit empfand dies Herz noch nie.
Das seltene Geschöpf, in dem die Phantasie
Des zärtlichen Alcests das Bild der Tugend ehrte,
Die ihn den höchsten Grad der süßten Liebe lehrte,
Ihm Gottheit, Mädchen, Freund, in allem alles war –
Jetzt so herabgesetzt! Es überläuft mich! Zwar
Ist sie so ziemlich weg, die Hoheit der Ideen,
Ich lass sie als ein Weib bei andern Weibern stehen;
Allein so tief! So tief! Das treibt zur Raserei.
Mein widerspenstig Herz steht ihr noch immer bei.
Wie klein! Kannst du denn das nicht über dich vermögen?
Ergreif das schöne Glück! Es kommt dir ja entgegen:
Ein unvergleichlich Weib, das du begierig liebst,
Braucht Geld. Geschwind, Alcest! Der Pfennig, den du gibst,
Trägt seinen Taler. Nun hat sie sich’s selbst genommen –
Schon gut! Sie mag mir noch einmal mit Tugend kommen!
Geh, fass dir nur ein Herz, sag’ ihr mit kaltem Blut:
„Bedürfen Sie vielleicht geringer Barschaft? Gut!
Verschweigen Sie mir’s nicht! Nur ohne Furcht bedienen
Sie sich des Meinigen. Was mein ist, ist auch Ihnen“ –
Sie kommt! Auf einmal weg ist die erlogne Ruh’!
Du glaubst, sie nahm das Geld, und traust ihr’s doch nicht zu.


Achter Auftritt

Alcest. Sophie.

Sophie.
Was machen Sie, Alcest! Sie scheinen mich zu fliehen –
Hat denn die Einsamkeit so viel, Sie anzuziehen?

Alcest.
Für diesmal weiß ich nicht, was mich besonders zog,
Und ohne viel Räson gibt’s manchen Monolog.

Sophie.
Zwar der Verlust ist groß und kann Sie billig schmerzen.

Alcest.
Ach! Es bedeutet nichts und liegt mir nicht am Herzen.
Wir haben’s ja; was ist denn nun das bisschen Geld!
Wer weiß, ob es nicht gar in gute Hände fällt.

Sophie.
Ja, Ihre Gütigkeit lässt uns nicht drunter leiden.

Alcest.
Mit etwas Offenheit war alles zu vermeiden.

Sophie.
Wie soll ich das verstehn?

Alcest (lächelnd).
Das?

Sophie.
Ja, wie passt das hier?

Alcest.
Sie kennen mich, Sophie, sei’n Sie vertraut mit mir!
Das Geld ist einmal fort! Wo’s liegt, da mag es liegen!
Hätt’ ich es eh’ gewusst, ich hätte stillgeschwiegen;
Da sich die Sache so verhält –

Sophie (erstaunt).
So wissen Sie?

Alcest (mit Zärtlichkeit; er ergreift ihre Hand und küsst sie).
Ihr Vater! – Ja, ich weiß’s, geliebteste Sophie!

Sophie (verwundert und beschämt).
Und Sie verzeihn?

Alcest.
Den Scherz, wer macht den zum Verbrechen?

Sophie.
Mich dünkt –

Alcest.
Erlaube mir, dass wir von Herzen sprechen.
Du weißt es, dass Alcest noch immer für dich brennt.
Das Glück entriss dich mir, und hat uns nicht getrennt:
Dein Herz ist immer mein, meins immer dein geblieben.
Mein Geld ist dein, so gut, als wär’ es dir verschrieben;
Du hast ein gleiches Recht auf all mein Gut wie ich.
Nimm, was du gerne magst, Sophie, nur liebe mich.

(Er umarmt sie; sie schweigt.)

Befiehl! Du findest mich zu allem gleich erbötig.

Sophie (stolz, indem sie sich von ihm losreißt).
Respekt vor Ihrem Geld! Allein ich hab’s nicht nötig.
Was ist das für ein Ton? Ich weiß nicht, fass’ ich’s recht?
Ha! Sie verkennen mich!

Alcest (pikiert).
O, Ihr ergebner Knecht
Kennt Sie nur gar zu wohl, und weiß auch, was er fodert,
Und sieht nicht ein, warum Ihr Zorn so heftig lodert.
Wer sich so weit vergeht –

Sophie (erstaunt).
Vergeht? Wie das?

Alcest.
Madam!

Sophie (aufgebracht).
Was soll das heißen, Herr?

Alcest.
Verzeihn Sie meiner Scham:
Ich liebe Sie zu sehr, um so was laut zu sagen.

Sophie (mit Zorn).
Alcest!

Alcest.
Belieben Sie nur, den Papa zu fragen.
Der sagte mir es –

Sophie (mit einem Ausbruche von Heftigkeit).
Was? Ich will es wissen, was?
Mein Herr, ich scherze nicht!

Alcest.
Er sagte, dass Sie das –

Sophie (wie oben).
Nun! Das!

Alcest.
Eh nun! Dass Sie – Dass Sie das Geld genommen.

Sophie (mit Wut und Tränen, indem sie sich wegwendet).
Er darf! O Gott! Ist es so weit mit ihm gekommen?

Alcest (bittend).
Sophie!

Sophie (weggewendet).
Sie sind nicht wert –

Alcest (wie oben).
Sophie!

Sophie.
Mir vom Gesicht!

Alcest.
Verzeihn Sie!

Sophie.
Weg von mir! Nein, ich verzeih’ es nicht!
Mein Vater scheut sich nicht, die Ehre mir zu rauben.
Und von Sophien? Wie? Alcest, Sie konnten’s glauben?
Ich hätt’ es nicht gesagt um alles Gut der Welt –
Allein es muss heraus! – Mein Vater hat das Geld. (Eilig ab.)


Neunter Auftritt

Alcest. Hernach Söller.

Alcest.
Nun wären wir gescheit! Das ist ein tolles Wesen!
Der Teufel mag das Ding nun auseinander lesen!
Zwei Menschen, beide gut und treu ihr Leben lang,
Verklagen sich – mir wird um meine Sinne bang.
Das ist das erste Mal, dass ich so was erfahre,
Und kenne sie nun doch die schönen langen Jahre.
Hier ist ein Fall, wo man beim Denken nichts gewinnt;
Man wird nur tiefer dumm, je tiefer dass man sinnt.
Sophie! Der alte Mann! Die sollten mich berauben?
Wär’ Söller angeklagt, das ließ’ sich eher glauben!
Fiel auf den Kauzen nur ein Fünkchen von Verdacht!
Doch er war auf dem Ball die liebe lange Nacht.

Söller (in gewöhnlicher Kleidung, mit einer Weinlaune).
Da sitzt der Teufelskerl und ruhet aus vom Schmausen;
Könnt’ ich ihm nur an Hals, wie wollt’ ich ihn zerzausen!

Alcest (für sich).
Da kommt er, wie bestellt!

(Laut.)

Wie steht’s, Herr Söller?

Söller.
Dumm!
Es geht mir die Musik noch so im Kopf herum.

(Er reibt die Stirn.)

Er tut mir gräulich weh.

Alcest.
Sie waren auf dem Balle;
Viel Damen da?

Söller.
Wie sonst! Die Maus läuft zu der Falle,
Weil Speck dran ist.

Alcest.
Ging’s brav?

Söller.
Gar sehr!

Alcest.
Was tanzten Sie?

Söller.
Ich hab’ nur zugesehn.

(Für sich.)

Dem Tanz von heute früh.

Alcest.
Herr Söller nicht getanzt? Woher ist das gekommen?

Söller.
Ich hatte mir es doch recht ernstlich vorgenommen.

Alcest.
Und ging es nicht?

Söller.
Eh! Nein! Im Kopfe drückt’ es mich
Gewaltig, und da war’s mir gar nicht tanzerlich.

Alcest.
Ei!

Söller.
Und das schlimmste war, ich konnte gar nicht wehren:
Je mehr ich hört’ und sah, verging mir Sehn und Hören.

Alcest.
So arg? Das ist mir leid! Das Übel kommt geschwind.

Söller.
O nein, ich spür’ es schon, seitdem Sie bei uns sind,
Und länger.

Alcest.
Sonderbar!

Söller.
Und ist nicht zu vertreiben.

Alcest.
Ei, lass’ Er sich den Kopf mit warmen Tüchern reiben.
Vielleicht verzieht es sich.

Söller (für sich).
Ich glaub’, er spottet noch!

(Laut.)

Ja, das geht nicht so leicht.

Alcest.
Am Ende gibt sich’s doch.
Und es geschieht Ihm recht. Es wird noch besser kommen!
Er hat die arme Frau nicht einmal mitgenommen,
Wenn Er zum Balle ging. Herr, das ist gar nicht fein,
Er lässt die junge Frau zur Winterzeit allein.

Söller.
Ach! Sie bleibt gern zu Haus und lässt ich immer schwärmen;
Denn sie versteht die Kunst, sich ohne mich zu wärmen.

Alcest.
Das wäre doch kurios!

Söller.
O ja, wer’s Naschen liebt,
Der merkt sich ohne Wink, wo’s was zum besten gibt.

Alcest (pikiert).
Wie so verblümt?

Söller.
Es ist ganz deutlich, was ich meine.
Exempli gratia: Des alten Vaters Weine
Trink’ ich recht gern; allein er rückt nicht gern heraus,
Er schont das Seinige; da trink’ ich außerm Haus.

Alcest (mit Ahndung).
Mein Herr, bedenken Sie!

Söller (mit Hohn).
Herr! Freund von Frauenzimmern,
Sie ist nun meine Frau; was kann Sie das bekümmern?
Und wenn sie auch ihr Mann für sonst was anders hält.

Alcest (mit zurückgehaltenem Zorne).
Was Mann! Mann oder nicht! Ich trotz’ der ganzen Welt;
Und unterstehn Sie sich noch einmal, was zu sagen –

Söller (erschrickt; für sich).
O, schön! Ich soll ihn noch wohl gar am Ende fragen,
Wie tugendhaft sie ist?

(Laut.)

Mein Herd ist doch mein Herd!
Trotz jedem fremden Koch!

Alcest.
Er ist die Frau nicht wert!
So schön, so tugendhaft! So vielen Reiz der Seele!
So viel Ihm zugebracht! Nichts, was dem Engel fehle!

Söller.
Sie hat, ich hab’s bemerkt, besondern Reiz im Blut,
Und auch der Kopfschmuck war ein zugebrachtes Gut.
Ich war prädestiniert zu einem solchen Weibe
Und ohne Frage schon gekrönt in Mutterleibe.

Alcest (herausbrechend).
Herr Söller!

Söller (keck).
Soll er was?

Alcest (zurückhaltend).
Ich sag’ Ihm, sei Er still!

Söller.
Ich will doch sehn, wer mir das Maul verbieten will!

Alcest.
Hätt’ ich Ihn anderswo, ich wies’ Ihm, wer es wäre!

Söller (halblaut).
Er schlüge sich wohl gar um meiner Frauen Ehre.

Alcest.
Gewiss!

Söller (wie erst).
Es weiß kein Mensch so gut, wie weit sie geht.

Alcest.
Verflucht!

Söller.
O, Herr Alcest! Wir wissen ja, wie’s steht.
Nur still! Ein bisschen still! Wir wollen uns vergleichen.
Und da versteht sich schon, die Herren Ihresgleichen,
Die schneiden meist für sich das ganze Kornfeld um
Und lassen dann dem Mann das Spizilegium.

Alcest.
Mein Herr, ich wundre mich, dass Sie sich unterfangen –

Söller.
O, mir sind auch gar oft die Augen übergangen,
Und täglich ist mir’s noch, als röch’ ich Zwiebeln.

Alcest (zornig und entschlossen).
Wie?
Mein Herr, nun geht’s zu weit! Heraus! Was wollen Sie?
Man wird Ihm, seh’ ich wohl, die Zunge lösen müssen.

Söller (herzhaft).
Eh, Herre, was man sieht, das, dächt’ ich, kann man wissen.

Alcest.
Wie! ‚Sieht’? Wie nehmen Sie das Sehen?

Söller.
Wie man’s nimmt,
Vom Hören und vom Sehn.

Alcest.
Ha!

Söller.
Nur nicht so ergrimmt!

Alcest (mit dem entschlossensten Zorne).
Was haben Sie gehört? Was haben Sie gesehen?

Söller (erschrocken, will sich wegbegeben).
Erlauben Sie, mein Herr!

Alcest.
Wohin?

Söller.
Beiseit’ zu gehen.

Alcest.
Sie kommen hier nicht los!

Söller (für sich).
Ob ihn ein Teufel plagt!

Alcest.
Was hörten Sie?

Söller.
Ich? Nichts! Man hat mir’s nur gesagt!

Alcest (dringend zornig).
Wer war der Mann?

Söller.
Der Mann! Das war ein Mann –

Alcest (heftiger und auf ihn losgehend).
Geschwinde!

Söller (in Angst).
Der’s selbst mit Augen sah.

(Herzhafter.)

Ich rufe das Gesinde!

Alcest (kriegt ihn beim Kragen).
Wer war’s?

Söller (will sich losreißen).
Was? Hölle!

Alcest (hält ihn fester).
Wer? Sie übertreiben mich!

(Er zieht den Degen.)

Wer ist der Bösewicht? Der Schelm? Der Lügner?

Söller (fällt vor Angst auf die Knie).
Ich!

Alcest (drohend).
Was haben Sie gesehn?

Söller (furchtsam).
Ei nun, das sieht man immer:
Der Herr, das ist ein Herr, Sophie ein Frauenzimmer.

Alcest (wie oben).
Und weiter?

Söller.
Nun, da geht’s denn so den Lauf der Welt,
Wie’s geht, wenn sie dem Herrn und ihr der Herr gefällt.

Alcest.
Das heißt? –

Söller.
Ich dächte doch, Sie wüssten’s ohne Fragen.

Alcest.
Nun?

Söller.
Man hat nicht das Herz, so etwas zu versagen.

Alcest.
So etwas? Deutlicher!

Söller.
O, lassen Sie mir Ruh’!

Alcest (immer wie oben).
Es heißt? Beim Teufel!

Söller.
Nun, es heißt ein Rendezvous.

Alcest (erschrocken).
Er lügt!

Söller (für sich).
Er ist erschreckt.

Alcest (für sich).
Wie hat er das erfahren?

(Er steckt den Degen ein.)

Söller (für sich).
Courage!

Alcest (für sich).
Wer verriet, dass wir beisammen waren?

(Erholt.)

Was meinen Sie damit?

Söller (trotzig).
O, wir verstehn uns schon.
Das Lustspiel heute Nacht! Ich stand nicht weit davon.

Alcest (erstaunt).
Und wo?

Söller.
Im Kabinett!

Alcest.
So war Er auf dem Balle!

Söller.
Wer war denn auf dem Schmaus? Nur still und ohne Galle
Zwei Wörtchen: Was man noch so heimlich treiben mag,
Ihr Herren, merkt’s euch wohl, es kommt zuletzt an Tag.

Alcest.
Es kommt wohl noch heraus, dass Er der Dieb ist. Raben
Und Dohlen wollt’ ich eh’ in meinem Hause haben
Als Ihn. Pfui! Schlechter Mensch!

Söller.
Ja, ja, ich bin wohl schlecht;
Allein, ihr großen Herrn, ihr habt wohl immer recht!
Ihr wollt mit unserm Gut nur nach Belieben schalten,
Ihr haltet kein Gesetz – und andre sollen’s halten?
Das ist sehr einerlei: Gelust nach Fleisch, nach Gold.
Seid erst nicht hängenswert, wenn ihr uns hängen wollt.

Alcest.
Er untersteht sich noch –

Söller.
Ich darf mich unterstehen:
Gewiss, es ist kein Spaß, gehörnt herumzugehen.
In summa, nehmen Sie’s nur nicht so gar genau:
Ich stahl dem Herrn Sein Geld und Er mir meine Frau.

Alcest (drohend).
Was stahl ich?

Söller.
Nichts, mein Herr! Es war schon längst Ihr eigen,
Noch eh’ ich’s mein geglaubt.

Alcest.
Soll –

Söller.
Da muss ich wohl schweigen.

Alcest.
An Galgen mit dem Dieb!

Söller.
Erinnern Sie sich nicht,
Dass auch ein scharf Gesetz von andern Leuten spricht?

Alcest.
Herr Söller!

Söller (macht das Zeichen des Köpfens).
Ja, man hilft euch Näschern auch vom Brode.

Alcest.
Ist Er ein Praktikus, und hält das Zeug für Mode?
Gehangen wird Er noch, zum wenigsten gestäupt.

Söller (zeigt auf die Stirn).
Gebrandmarkt bin ich schon.


Letzter Auftritt

Vorige. Der Wirt. Sophie.

Sophie (im Fond).
Mein harter Vater bleibt
Auf dem verhassten Ton.

Wirt (im Fond).
Das Mädchen will nicht weichen.

Sophie.
Da ist Alcest.

Wirt (erblickt Alcesten).
Mein Herr, sie ist der Dieb!

Sophie (auf der andern Seite).
Er ist der Dieb, mein Herr!

Alcest (sieht sie beide lachend an, dann sagt er in einem Tone wie sie, auf Söllern deutend).
Er ist der Dieb!

Söller (für sich).
Nun, Haut, nun halte fest!

Sophie.
Er?

Wirt.
Er?

Alcest.
Sie haben’s beide nicht; er hat’s!

Wirt.
Schlagt einen Nagel
Ihm durch den Kopf, aufs Rad!

Sophie.
Du?

Söller (für sich).
Wolkenbruch und Hagel!

Wirt.
Ich möchte dich –

Alcest.
Mein Herr! Ich bitte nur Geduld!
Sophie war im Verdacht, doch nicht mit ihrer Schuld.
Sie kam, besuchte mich. Der Schritt war wohl verwegen;
Doch ihre Tugend darf’s –

(Zu Söller.)

Sie waren ja zugegen!

(Sophie erstaunt.)

Wir wussten nichts davon, vertraulich schwieg die Nacht,
Die Tugend –

Söller.
Ja, sie hat mir ziemlich warm gemacht.

Alcest (zum Wirt).
Doch Sie?

Wirt.
Aus Neugier war ich auch hinaufgekommen.
Von dem verwünschten Brief war ich so eingenommen,
Doch Ihnen, Herr Alcest, hätt’ ich’s nicht zugetraut!
Den Herrn Gevatter hab’ ich noch nicht recht verdaut.

Alcest.
Verzeihn Sie diesen Scherz! Und Sie, Sophie, vergeben
Mir auch gewiss?

Sophie.
Alcest!

Alcest.
Ich zweifl’ in meinem Leben
An Ihrer Tugend nie. Verzeihn Sie jenen Schritt!
So groß wie tugendhaft –

Söller.
Fast glaub ich’s selbster mit.

Alcest (zu Sophien).
Und Sie verzeihen doch auch unserm Söller?

Sophie (sie gibt ihm die Hand).
Gerne!

Alcest (zum Wirt).
Allons denn!

Wirt (gibt Söllern die Hand).
Stiehl nicht mehr!

Söller.
Die Länge bringt die Ferne!

Alcest.
Allein, was macht mein Geld?

Söller.
O, Herr, es war aus Not!
Der Spieler peinigte mich Armen fast zu Tod.
Ich wusste keinen Rat, ich stahl und zahlte Schulden –
Hier ist das übrige, ich weiß nicht, wie viel Gulden.

Alcest.
Was fort ist, schenk’ ich Ihm.

Söller.
Für diesmal wär’s vorbei!

Alcest.
Allein ich hoff’, Er wird fein höflich, still und treu!
Und untersteht Er sich, noch einmal anzufangen,
So –

(Er macht ihm das Zeichen des Hängens.)

Söller.
Diesmal blieben wir wohl alle ungehangen.

Ü

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