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Erster Aufzug

(Die Wirtsstube.)

Erster Auftritt

Söller im Domino an einem Tischchen, eine Bouteille Wein vor sich. Sophie gegenüber, eine weiße Feder auf einen Hut nähend. Der Wirt kommt herein. Im Grunde steht ein Tisch mit Feder, Tinte und Papier, daneben ein Großvaterstuhl.

Wirt.
Schon wieder auf den Ball! Im Ernst, Herr Schwiegersohn,
Ich hab’ Sein Rasen satt und dächt’, Er blieb’ davon.
Mein Mädchen hab’ ich Ihm wahrhaftig nicht gegeben,
Um so in Tag hinein von meinem Geld zu leben.
Ich bin ein alter Mann, ich sehnte mich nach Ruh’,
Ein Helfer fehlte mir: Nahm ich Ihn nicht dazu?
Ein schöner Helfer wohl, mein Bisschen durchzubringen!

Söller (summt ein Liedchen in den Bart).

Wirt.
Ja, sing’ Er, sing’ Er nur, ich will Ihm auch was singen!
Er ist ein Taugenichts, der voller Torheit steckt,
Spielt, säuft und Tabak raucht und tolle Streiche heckt,
Die ganze Nacht verschwärmt, den halben Tag im Bette;
Es ist kein Fürst im Reich, der besser leben hätte.
Da sitzt das Abenteuer mit weiten Ärmeln da,
Der König Hasenfuß!

Söller (trinkt).
Ihr Wohlergehn, Papa!

Wirt.
Ein saubres Wohlergehn! Das Fieber möchte’ ich kriegen.

Sophie.
Mein Vater, sei’n Sie gut!

Söller (trinkt).
Mein Fiekchen, dein Vergnügen!

Sophie.
Vergnügen! Könnt’ ich euch nur einmal einig sehn!

Wirt.
Wenn er nicht anders wird, so kann das nie geschehn.
Ich bin wahrhaftig längst des ew’gen Zankens müde,
Doch wie er’s täglich treibt, da halt’ der Henker Friede!
Er ist ein schlechter Mann, so kalt, so undankbar;
Er sieht nicht, was er ist, er denkt nicht, was er war,
Nicht an die Dürftigkeit, aus der ich ihn gerissen,
An seine Schulden nicht, die ich doch zahlen müssen.
Man sieht, es bessert doch nicht Elend, Reu’ noch Zeit;
Einmal ein Lumpenhund, der bleibt’s in Ewigkeit.

Sophie.
Er ändert sich gewiss.

Wirt.
Muss er’s so lang verschieben?

Sophie.
Das ist nun Jugendart.

Söller (trinkt).
Ja, Fiekchen, was wir lieben!

Wirt.
Zu einem Ohr hinein, zum andern flugs heraus!
Er hört mich nicht einmal. Was bin ich denn im Haus?
Ich hab’ schon zwanzig Jahr mit Ehren mich gehalten.
Meint Er, was ich erwarb, damit woll’ Er nun schalten
Und wollt’ es nach und nach verteilen? Nein, mein Freund,
Das lass’ Er sich vergehn! So bös ist’s nicht gemeint!
Mein Ruf hat lang gewährt und soll noch länger währen,
Es kennt die ganze Welt den Wirt zum schwarzen Bären.
Es ist kein dummer Bär, und konserviert sein Fell:
Jetzt wird mein Haus gemalt, und dann heiß’ ich’s Hotel.
Da regnet’s Kavaliers, da kommt das Geld mit Haufen;
Doch da gilt’s, fleißig sein, und nicht, sich dumm zu saufen!
Nach Mitternacht zu Bett und morgens auf bei Zeit,
So heißt’s da!

Söller.
Bis dahin ist es noch ziemlich weit.
Ging’s nur so seinen Gang, und wär’s nicht täglich schlimmer!
Wer kommt denn viel zu uns? Da droben stehn die Zimmer.

Wirt.
Wer reist denn jetzt auch viel? Das ist nun so einmal,
Und hat nicht Herr Alcest zwei Stuben und den Saal?

Söller.
Ja, ja, das ist schon was, das ist ein guter Kunde;
Allein, Minuten sind erst sechzig eine Stunde.
Und dann weiß Herr Alcest, warum er hier ist.

Wirt.
Wie?

Söller.
Ach, apropos, Papa. Man sagt mir heute früh,
In Deutschland gäb’s ein Korps von braven jungen Leuten,
Die für Amerika Sukkurs und Geld bereiten.
Man sagt, es wären viel und hätten Mut genug,
Und wie das Frühjahr käm’, so geh’ der ganze Zug.

Wirt.
Ja, ja, beim Glase Wein hört’ ich wohl manchen prahlen,
Er ließe Haut und Haar für meine Provinzialen:
Da lebt’ die Freiheit hoch, war jeder brav und kühn,
Und wenn der Morgen kam, ging eben keiner hin.

Söller.
Ach, es gibt Kerls genug, bei denen’s immer sprudelt;
Und wenn so einen denn die Liebe weidlich hudelt,
So müsst’s romanenhaft, sogar erhaben stehn,
So, mit dem Kopf voran, in alle Welt zu gehen.

Wirt.
Wenn einen nur die Lust von unsern Kunden triebe,
Der auch hübsch artig wär’ und dann uns manchmal schriebe,
Das wär’ doch noch ein Spaß!

Söller.
Es ist verteufelt weit.

Wirt.
Eh nun, was liegt daran? Der Brief läuft eine Zeit.
Ich will doch gleich hinauf in kleinen Vorsaal gehen,
Wie weit’s ist ohngefähr, auf meiner Karte sehen. (Ab.)


Zweiter Auftritt

Söller. Sophie.

Söller.
Im Haus ist nichts so schlimm, die Zeitung macht es gut.

Sophie.
Ja, gib ihm immer nach!

Söller.
Ich hab’ kein schnelles Blut,
Das ist sein Glück! Denn sonst – mich so zu kujonieren!

Sophie.
Ich bitt’ dich!

Söller.
Nein, man muss da die Geduld verlieren!
Ich weiß das alles wohl, dass ich vor einem Jahr
Ein lockrer Passagier und voller Schulden war –

Sophie.
Mein Guter, sei nicht bös!

Söller.
Er schildert mich so gräulich,
Und doch fand mich Sophie nicht ganz und gar abscheulich.

Sophie.
Dein ew’ger Vorwurf lässt mir keine Stunde froh.

Söller.
Ich werfe dir nichts vor, ich meine ja nur so.
Ach, eine schöne Frau ergötzet uns unendlich,
Es sei nun, wie ihm will! Siehst du, man ist erkenntlich.
Sophie, wie schön bist du, und ich bin nicht von Stein,
Ich kenne gar zu wohl das Glück, dein Mann zu sein;
Ich liebe dich –

Sophie.
Und doch kannst du mich immer plagen?

Söller.
O, geh, was liegt denn dran? Das darf ich ja wohl sagen,
Dass dich Alcest geliebt, dass er für dich gebrannt,
Dass du ihn auch geliebt, dass du ihn lang gekannt.

Sophie.
Ach!

Söller.
Nein, ich wüsste nicht, was ich da Böses sähe!
Ein Bäumchen, das man pflanzt, das schießt zu seiner Höhe,
Und wenn es Früchte bringt, eh! Da genießet sie,
Wer da ist; übers Jahr gibt’s wieder. Ja, Sophie,
Ich kenne dich zu gut, um was daraus zu machen;
Ich find’s nur lächerlich.

Sophie.
Ich finde nichts zu lachen.
Dass mich Alcest geliebt, dass er für mich gebrannt,
Und ich ihn auch geliebt, und ich ihn lang gekannt,
Was ist’s nun weiter?

Söller.
Nichts! Das will ich auch nicht sagen,
Dass es was weiter ist. Denn in den ersten Tagen,
Wenn dir das Mädchen keimt, da liebt sie eins zum Spaß,
Es krabbelt ihr ums Herz, und sie versteht nicht, was.
Man küsst beim Pfänderspiel und wird allmählich größer,
Der Kuss wird ernstlicher und schmeckt nun immer besser,
Und da begreift sie nicht, warum die Mutter schmält;
Voll Tugend, wenn sie liebt, ist’s Unschuld, wenn sie fehlt.
Und kommt Erfahrenheit zu ihren andern Gaben,
So sei ihr Mann vergnügt, ein kluges Weib zu haben!

Sophie.
Du kennst mich nicht genug.

Söller.
O, lass das immer sein!
Dem Mädchen ist ein Kuss, was uns ein Glas voll Wein,
Eins, und dann wieder eins, und noch eins, bis wir sinken.
Wenn man nicht taumeln will, so muss man gar nicht trinken!
Genug, du bist nun mein! – Ist es nicht vierthalb Jahr,
Dass Herr Alcest dein Freund und hier im Hause war?
Wie lange war er weg?

Sophie.
Drei Jahre, denk’ ich.

Söller.
Drüber.
Nun ist er wieder da, schon vierzehn Tage –

Sophie.
Lieber,
Zu was dient der Diskurs?

Söller.
Eh nun, dass man was spricht.
Denn zwischen Mann und Frau redt sich so gar viel nicht.
Warum ist er wohl hier?

Sophie.
Eh nun, sich zu vergnügen.

Söller.
Ich glaube wohl, du magst ihm sehr am Herzen liegen.
Wenn er dich liebte, he, gäbst du ihm wohl Gehör?

Sophie.
Die Liebe kann wohl viel, allein die Pflicht noch mehr.
Du glaubst –?

Söller.
Ich glaube nichts, und kann das wohl begreifen;
Ein Mann ist immer mehr als Herrchen, die nur pfeifen.
Der allersüßte Ton, den auch der Schäfer hat,
Es ist doch nur ein Ton, und Ton, den wird man satt.

Sophie.
Ja, Ton! Nun gut, ihr Ton! Doch ist der deine besser?
Die Unzufriedenheit in dir wird täglich größer,
Nicht einen Augenblick bist du mit Necken still.
Man sei erst liebenswert, wenn man geliebt sein will.
Warst du denn wohl der Mann, ein Mädchen zu beglücken?
Erwarbst du dir ein Recht, mir ewig vorzurücken,
Was doch im Grund nichts ist? Es wankt das ganze Haus,
Du tust nicht einen Streich und gibst am meisten aus.
Du lebst in Tag hinein; fehlt dir’s, so machst du Schulden,
Und wenn die Frau was braucht, so hat sie keinen Gulden,
Und du fragst nicht darnach, wo sie ihn kriegen kann.
Willst du ein braves Weib, so sei ein rechter Mann!
Verschaff’ ihr, was sie braucht, hilf ihr die Zeit vertreiben,
Und um das übrige kannst du dann ruhig bleiben.

Söller.
Eh, sprich den Vater an!

Sophie.
Dem käm’ ich eben recht.
Wir brauchen so genug, und alles geht so schlecht.
Erst gestern musst’ ich ihn notwendig etwas bitten.
„Ha,“ sagt er, „du kein Geld, und Söller fährt im Schlitten?“
Er gab mir nichts und lärmt’ mir noch die Ohren voll.
Nun sage mir denn einmal, woher ich’s nehmen soll?
Denn du bist nicht der Mann, für eine Frau zu sorgen.

Söller.
O warte, liebes Kind, vielleicht empfang’ ich morgen
Von einem guten Freund –

Sophie.
Wenn er ein Narr ist, ja!
Zum Holen sind zwar oft die guten Freunde da;
Doch einen, der was bringt, den hab’ ich noch zu sehen!
Nein, Söller, siehst du wohl, kann’s nicht weiter gehen!

Söller.
Du hast ja, was man braucht.

Sophie.
Schon gut, das ist wohl was:
Doch wer nie dürftig war, der will noch mehr als das.
Das Glück verwöhnet uns gar leicht durch seine Gaben,
Man hat, soviel man braucht, und glaubt noch nichts zu haben.
Die Lust, die jede Frau, die jedes Mädchen hat,
Ich bin nicht hungrig drauf, doch bin ich auch nicht satt.
Der Putz, der Ball! – Genug, ich bin ein Frauenzimmer.

Söller.
Eh nun, so geh doch mit; sag’ ich dir’s denn nicht immer?

Sophie.
Dass wie die Fastnachtslust auch unsre Wirtschaft sei:
Die kurze Zeit geschwärmt, dann auf einmal vorbei?
Viel lieber sitz’ ich hier allein zu ganzen Jahren!
Wenn du nicht sparen willst, so muss die Frau wohl sparen.
Mein Vater ist genug schon über mir erbost:
Ich stille seinen Zorn und bin sein ganzer Trost.
Nein, Herr! Ich helf’ Ihm nie mein eigen Geld verschwenden:
Spar’ Er es erst an sich, um es an mich zu wenden!

Söller.
Mein Kind, für diesmal nur lass mich noch lustig sein,
Und wenn die Messe kommt, so richten wir uns ein.

Ein Kellner (tritt auf).
Herr Söller!

Söller.
He, was gibt’s?

Kellner.
Der Herr von Tirinette!

Sophie.
Der Spieler?

Söller.
Schick’ ihn fort! Dass ihn der Teufel hätte!

Kellner.
Er sagt, er muss Sie sehn.

Sophie.
Was will er denn bei dir?

Sophie.
Was will er denn bei dir?

Söller.
Ah, er verreist – (zum Kellner) Ich komm’! –
(zu Sophie) und er empfiehlt sich mir.
(Ab.)


Dritter Auftritt

Sophie (allein).
Der mahnt ihn ganz gewiss! Er macht beim Spiele Schulden,
Er bringt noch alles durch, und ich, ich muss es dulden.
Dies ist nun alle Lust und mein geträumtes Glück!
Solch eines Menschen Frau! Wie weit kamst du zurück!
Wo ist sie hin, die Zeit, da sie zu ganzen Scharen
Die süßten jungen Herrn zu deinen Füßen waren?
Da jeder sein Geschick in deinen Blicken sah?
Ich stand im Überfluss wie eine Göttin da;
Aufmerksam rings umher die Diener meiner Grillen;
Es war genug, mein Herz mit Eitelkeit zu füllen.
Und ach! Ein Mädchen ist wahrhaftig übel dran!
Ist man ein bisschen hübsch, gleich steht man jedem an,
Da summt uns unser Kopf den ganzen Tag von Lobe!
Und welches Mädchen hält wohl diese Feuerprobe?
Ihr könnt so ehrlich tun, man glaubt euch gern aufs Wort,
Ihr Männer! – Auf einmal führt euch der Henker fort.
Wenn’s was zu naschen gibt, sind alle flugs beim Schmause;
Doch macht ein Mädchen Ernst, so ist kein Mensch zu Hause.
So geht’s mit unsern Herrn in dieser schlimmen Zeit;
Es gehen zwanzig drauf, bis dass ein halber freit.
Zwar fand ich mich zuletzt nicht eben ganz verlassen;
Mit vierundzwanzigen ist nicht viel zu verpassen.
Der Söller kam mir vor – Eh, und ich nahm ihn an;
Es ist ein schlechter Mensch, allein es ist ein Mann.
Da sitz’ ich nun und bin nicht besser als begraben.
Anbeter könnt’ ich wohl noch in der Menge haben;
Allein, was sollen sie? Man quälet, sind sie dumm,
Zur Langeweile nur mit ihnen sich herum;
Und einen klugen Freund ist es gefährlich lieben:
Er wird die Klugheit bald zu euerm Schaden üben.
Auch ohne Liebe war mir jeder Dienst verhasst –
Und jetzt – mein armes Herz, warst du darauf gefasst?
Alcest ist wieder hier. Ach, welche neue Plage!
Ja vormals, war er da, da waren’s andre Tage!
Wie liebt’ ich ihn! – Und noch! – Ich weiß nicht, was ich will!
Ich weich’ ihm ängstlich aus, er ist nachdenkend, still,
Ich fürchte mich vor ihm; die Furcht ist wohl gegründet.
Ach, wüsst er, was mein Herz noch jetzt für ihn empfindet!
Er kommt. Ich zittre schon. Die Brust ist mir so voll;
Ich weiß nicht, was ich will, noch wen’ger, was ich soll.


Vierter Auftritt

Sophie. Alcest.

Alcest (angekleidet, ohne Hut und Degen).
Verzeihen Sie, Madam, wenn ich beschwerlich falle.

Sophie.
Sie scherzen, Herr Alcest! Dies Zimmer ist für alle.

Alcest.
Ich fühle; jetzt bin ich für Sie wie jedermann.

Sophie.
Ich seh’ nicht, wie Alcest darüber klagen kann.

Alcest.
Du siehst nicht, Grausame? Ich sollte das erleben?

Sophie.
Erlauben Sie, mein Herr! Ich muss mich weg begeben.

Alcest.
Wohin? Sophie? Wohin? – Du wendest dein Gesicht?
Versagst mir deine Hand? Sophie, kennst du mich nicht?
Sieh her! Es ist Alcest, der um Gehör dich bittet.

Sophie.
Weh mir! Wie ist mein Herz, mein armes Herz zerrüttet!

Alcest.
Bist du Sophie, so bleib!

Sophie.
Ich bitte, schonen Sie!
Ich muss, ich muss hinweg!

Alcest.
Unzärtliche Sophie!
Verlassen Sie mich, nur! – In diesem Augenblicke,
Dacht’ ich, ist sie allein; du nahst dich deinem Glücke.
Jetzt, hofft’ ich, redet sie ein zärtlich Wort mit dir.
O, gehn Sie, gehn Sie nur! – In diesem Zimmer hier
Entdeckte mir Sophie zuerst die schönsten Flammen,
Die Liebe schlang uns hier das erste Mal zusammen.
An ebendiesem Platz – erinnerst du dich noch? –
Schwurst du mir ew’ge Treu!

Sophie.
O, schonen Sie mich doch!

Alcest.
Ein schöner Abend war’s – ich werd’ es nie vergessen!
Dein Auge redete, und ich, ich ward vermessen.
Mit Zittern botst du mir die süße Lippen dar:
Noch fühlt mein Herz zu sehr, wie ganz ich glücklich war.
Da war dein Glück, mich sehn, dein Glück, an mich zu denken;
Und jetzo willst du mir nicht eine Stunde schenken?
Du siehst, ich suche dich, du siehst, ich bin betrübt –
Geh nur, du falsches Herz, du hast mich nie geliebt!

Sophie.
Ich bin geplagt genug, willst du mich auch noch plagen?
Sophie dich nie geliebt! Alcest, das darfst du sagen?
Du warst mein einz’ger Wunsch, du warst mein höchstes Gut;
Für dich schlug dieses Herz, dir wallte dieses Blut!
Und dieses gute Herz, das du einst ganz besessen,
Kann nicht unzärtlich sein, es kann dich nicht vergessen.
Ach, die Erinnerung hat mich so oft betrübt!
Alcest! – Ich liebe dich – noch, wie ich dich geliebt.

Alcest.
Du Engel! Bestes Herz! (Will sie umarmen.)

Sophie.
Ich höre jemand gehen.

Alcest.
Auch nicht ein einzig Wort! Das ist nicht auszustehen.
So geht’s den ganzen Tag! Wie ist man nicht geplagt!
Schon vierzehn Tage hier und dir kein Wort gesagt!
Ich weiß, du liebst mich noch; allein das muss mich schmerzen.
Niemals sind wir allein und reden nie von Herzen;
Nicht einen Augenblick ist hier im Zimmer Ruh,
Bald ist der Vater da, bald kommt der Mann dazu.
Lang bleib’ ich dir nicht hier, das ist mir unerträglich.
Allein, Sophie, wer will, ist dem nicht alles möglich?
Sonst war dir nichts zu schwer, du halfest uns geschwind;
Es war die Eifersucht mit hundert Augen blind.
Und wenn du wolltest –

Sophie.
Was?

Alcest.
Wenn du nur denken wolltest,
Dass du Alcesten nicht verzweifeln lassen solltest!
Geliebte, suche doch uns nur Gelegenheit
Zur Unterredung auf, die dieser Ort verbeut.
O, höre, heute Nacht: Dein Mann geht aus dem Hause,
Man meint, ich gehe selbst zu einem Fastnachtsschmause;
Allein, das Hintertor ist meiner Treppe nah –
Es merkt’s kein Mensch im Haus, und ich bin wieder da.
Die Schlüssel hab’ ich hier, und willst du mir erlauben –

Sophie.
Alcest, ich wundre mich –

Alcest.
Und ich, ich soll dir glauben,
Dass du kein hartes Herz, kein falsches Mädchen bist?
Du schlägst das Mittel aus, das uns noch übrig ist?
Kennst du Alcesten nicht, Sophie? Und darfst du zaudern,
In stiller Nacht mit ihm ein Stündchen zu verplaudern?
Genug, nicht wahr, Sophie, heut Nacht besuch’ ich dich?
Doch kommt dir’s sichrer vor, so komm, besuche mich!

Sophie.
Das ist zu viel!

Alcest.
Zu viel! Zu viel! O, schön gesprochen!
Verflucht! Zu viel! Zu viel! Verderb’ ich meine Wochen
Hier so umsonst? – Verdammt! Was hält mich dieser Ort,
Wenn mich Sophie nicht hält? Ich gehe morgen fort.

Sophie.
Geliebter! Bester!

Alcest.
Nein, du siehst, du kennst mein Leiden,
Und du bleibst ungerührt! Ich will dich ewig meiden!


Fünfter Auftritt

Vorige. Der Wirt.

Wirt.
Da ist ein Brief; er muss von jemand Hohes sein:
Das Siegel ist sehr groß, und das Papier ist fein.

Alcest (reißt den Brief auf).

Wirt (für sich).
Den Inhalt möchte’ ich wohl von diesem Briefe wissen!

Alcest (der den Brief flüchtig durchgelesen hat).
Ich werde morgen früh
von hier verreisen müssen!
Die Rechnung!

Wirt.
Ei! So schnell in dieser schlimmen Zeit
Verreisen? – Dieser Brief ist wohl von Wichtigkeit?
Darf man sich unterstehn und Ihro Gnaden fragen?

Alcest.
Nein!

Wirt (zu Sophien).
Frag’ ihn doch einmal, gewiss, dir wird er’s sagen.

(Er geht an den Tisch im Grunde, wo er aus der Schublade seine Bücher zieht, sich niedersetzt und die Rechnung schreibt.)

Sophie.
Alcest, ist es gewiss?

Alcest.
Das schmeichelnde Gesicht!

Sophie.
Alcest, ich bitte dich, verlass Sophien nicht!

Alcest.
Nun gut, entschließe dich, mich heute Nacht zu sehen.

Sophie (für sich).
Was soll, was kann ich tun? Er darf, er darf nicht gehen,
Er ist mein einz’ger Trost. –
Du siehst, dass ich nicht kann! –
Denk’ ich bin eine Frau.

Alcest.
Der Teufel hol’ den Mann,
So bist du Witwe! Nein, benutze diese Stunden,
Zum ersten und letzten Mal sind sie vielleicht gefunden!
Ein Wort! Um Mitternacht, Geliebte, bin ich da!

Sophie.
An meinem Zimmer ist mein Vater allzu nah.

Alcest.
Eh nun, so komm zu mir! Was soll da viel Besinnen?
In diesen Zweifeln flieht der Augenblick von hinnen.
Hier, nimm die Schlüssel nur.

Sophie.
Der meine öffnet schon.

Alcest.
So komm denn, liebes Kind! Was hält dich ab davon?
Nun, willst du?

Sophie.
Ob ich will?

Alcest.
Nun?

Sophie.
Ich will zu dir kommen.

Alcest (zum Wirt).
Herr Wirt, ich reise nicht!

Wirt (hervortretend).
So? (Zu Sophien.) Hast du was vernommen?

Sophie.
Er will nichts sagen.

Wirt.
Nichts?


Sechster Auftritt

Vorige. Söller.

Söller.
Mein Hut!

Sophie.
Da liegt er. Hier!

Alcest.
Adieu, ich muss nun fort.

Söller.
Ich wünsche viel Pläsier!

Alcest.
Adieu, scharmante Frau!

Sophie.
Adieu, Alcest!

Söller.
Ihr Diener!

Alcest.
Ich muss noch erst hinauf.

Söller (für sich).
Der Kerl wird täglich kühner.

Wirt (ein Licht nehmend).
Erlauben Sie, mein Herr!

Alcest (es ihm aus der Hand komplimentierend).
Herr Wirt, nicht
Einen Schritt! (Ab.)

Sophie.
Nun, Söller, gehst du denn? Wie wär’s, du nähmst
Mich mit?

Söller.
Aha! Es kommt dir jetzt –

Sophie.
Nein, geh! Ich sprach’s im Scherze.

Söller.
Nein, nein, ich weiß es schon, es wird dir warm ums Herze;
Wenn man so jemand sieht, der sich zum Balle schickt,
Und man soll schlafen gehn, da ist hier was, das drückt.
Es ist ein andermal.

Sophie.
O ja, ich kann wohl warten.
Nur, Söller, sei gescheit und hüt’ dich vor den Karten.

(Zum Wirt, der die Zeit über in tiefen Gedanken gestanden.)

Nun, gute Nacht, Papa, ich will zu Bette gehn.

Wirt.
Gut’ Nacht, Sophie!

Söller.
Schlaf wohl!
(Ihr nachsehend.) Nein, sie ist wahrlich schön!

(Er läuft ihr nach und küsst sie noch einmal an der Tür.)

Schlaf wohl, mein Schäfchen!

(Zum Wirt.) Nun, geht Er nicht auch zu Bette?

Wirt.
Das ist ein Teufelsbrief; wenn ich den Brief nur hätte!

(Zu Söller.)

Nun, Fastnacht! Gute Nacht!

Söller.
Dank’s! Angenehme Ruh’!

Wirt.
Herr Söller, wenn Er geht, mach’ Er das Tor recht zu! (Ab.)

Söller.
Ja, sorgen Sie für nichts!


Siebenter Auftritt

Söller (allein).
Was ist nun anzufangen?
O, das verfluchte Spiel! O, wär’ der Kerl gehangen!
Beim Abzug war’s nicht just; doch muss ich stille sein:
Er haut und schießt sich gleich! Ich weiß nicht aus noch ein.
Wie wär’s? – Alcest hat Geld – und diese Dietrich’ schließen.
Er hat auch große Lust, bei mir was zu genießen!
Er schleicht um meine Frau, das ist mir lang verhasst:
Eh nun! Da lad’ ich mich einmal bei ihm zu Gast.
Allein, käm’ es heraus, da gäb’s dir schlimme Sachen –
Ich bin nun in der Not, was kann ich anders machen?
Der Spieler will sein Geld, sonst prügelt er mich aus.
Courage! Söller! Fort! Es schläft das ganze Haus.
Und wird es ja entdeckt, bin ich doch wohl gebettet:
Denn eine schöne Frau hat manchen Dieb gerettet. (Ab.)

Ü   Þ

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