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Zusammenhängende Betrachtungen

Bedenklichstes

1273. Gar oft im Laufe des Lebens, mitten in der größten Sicherheit des Wandels, bemerken wir auf einmal, dass wir in einem Irrtum befangen sind, dass wir uns für Personen, für Gegenstände einnehmen ließen, ein Verhältnis zu ihnen erträumten, das dem erwachten Auge sogleich verschwindet; und doch können wir uns nicht losreißen, eine Macht hält uns fest, die uns unbegreiflich scheint. Manchmal jedoch kommen wir zum völligen Bewusstsein und begreifen, dass ein Irrtum so gut als ein Wahres zur Tätigkeit bewegen und antreiben kann. Weil nun die Tat überall entscheidend ist, so kann aus einem tätigen Irrtum etwas Treffliches entstehen, weil die Wirkung jedes Getanen ins Unendliche reicht. So ist das Hervorbringen freilich immer das Beste, aber auch das Zerstören ist nicht ohne glückliche Folge.

1274. Der wunderbarste Irrtum aber ist derjenige, der sich auf uns selbst und unsere Kräfte bezieht, dass wir uns einem würdigen Geschäft, einem ehrsamen Unternehmen widmen, dem wir nicht gewachsen sind, dass wir nach einem Ziel streben, das wir nie erreichen können. Die daraus entspringende tantalisch-sisyphische Qual empfindet jeder nur um desto bitterer, je redlicher er es meinte. Und doch sehr oft, wenn wir uns von dem Beabsichtigten für ewig getrennt sehen, haben wir schon auf unserm Wege irgendein anderes Wünschenswerte gefunden, etwas uns Gemäßes, mit dem uns zu begnügen wir eigentlich geboren sind.

Verhältnis, Neigung, Liebe, Leidenschaft, Gewohnheit

1275. Die Liebe, deren Gewalt die Jugend empfindet, ziemt nicht dem Alten, sowie alles, was Produktivität voraussetzt. Dass diese sich mit den Jahren erhält, ist ein seltner Fall.

1276. Alle Ganz- und Halbpoeten machen uns mit der Liebe dergestalt bekannt, dass sie müsste trivial geworden sein, wenn sie sich nicht naturgemäß in voller Kraft und Glanz immer wieder erneute.

1277. Der Mensch, abgesehen von der Herrschaft, in welcher Die Passion ihn fesselt, ist noch von manchen notwendigen Verhältnissen der Liebe gebunden. Wer diese nicht kennt oder in Liebe umwandeln will, der muss unglücklich werden.

1278. Alle Liebe bezieht sich auf Gegenwart; was mir in der Gegenwart angenehm ist, sich abwesend mir immer darstellt, den Wunsch des erneuerten Gegenwärtigseins immerfort erregt, bei Erfüllung dieses Wunsches von einem lebhaften Entzücken, bei Fortsetzung dieses Glücks von einer immer gleichen Anmut begleitet wird, das eigentlich lieben wir, und hieraus folgt, dass wir alles lieben können, was zu unserer Gegenwart gelangen kann; ja um das Letzte auszusprechen: Die Liebe des Göttlichen strebt immer darnach, sich das Höchste zu vergegenwärtigen.

1279. Ganz nahe daran steht die Neigung, aus der nicht selten Liebe sich entwickelt. Sie bezieht sich auf ein reines Verhältnis, das in allem der Liebe gleicht, nur nicht in der notwendigen Forderung einer fortgesetzten Gegenwart.

1280. Diese Neigung kann nach vielen Seiten gerichtet sein, sich auf manche Personen und Gegenstände beziehen, und sie ist es eigentlich, die den Menschen, wenn er sie sich zu erhalten weiß, in einer schönen Folge glücklich macht. Es ist einer eignen Betrachtung wert, dass die Gewohnheit sich vollkommen an die Stelle der Liebesleidenschaft setzen kann: Sie fordert nicht sowohl eine anmutige als bequeme Gegenwart; alsdann aber ist sie unüberwindlich. Es gehört viel dazu, ein gewohntes Verhältnis auszuheben; es besteht gegen alles Widerwärtige; Missvergnügen, Unwillen, Zorn vermögen nichts gegen dasselbe; ja es überdauert die Verachtung, den hass. Ich weiß nicht, ob es einem Romanschreiber geglückt ist, dergleichen vollkommen darzustellen, auch müsste er es nur beiläufig, episodisch unternehmen; denn er würde immer bei einer genauen Entwicklung mit manchen Unwahrscheinlichkeiten zu kämpfen haben.

Symbolik

Anthropomorphismus der Sprache

1281. In der Geschichte überhaupt, besonders aber der Philosophie, Wissenschaft, Religion, fällt es uns auf, dass die armen beschränkten Menschen ihre dunkelsten subjektiven Gefühle, die Apprehensionen eingeenger Zustände in das Beschauen des Weltalls und dessen hoher Erscheinungen überzutragen nicht unwürdig finden.
   Zugegeben, dass der Tag, von dem Urquell des Lichts ausgehend, weil er uns erquickt, belebt, erfreut, alle Verehrung verdiene, so folgt noch nicht, dass die Finsternis, weil sie uns unheimlich macht, abkühlt, einschläfert, sogleich als böses Prinzip angesprochen und verabscheut werden müsse; wir sehen vielmehr in einem solchen Verfahren die Kennzeichen düster-sinnlicher, von den Erscheinungen beherrschter Geschöpfe.
   Wie es damit in der alten Symbolik ausgesehen, davon gibt uns Nachstehendes genugsames Zeugnis.
   „Bedeutend wird endlich, dass der finstere Thaumas zugleich mit den Harpyien die Göttin des Regenbogens, die siebenfarbige Iris, gezeugt hat. Es sind aus der Finsternis mit der weißen Farbe der Kälte alle Farben des Lichts und des Feuers entsprungen, und selbst der böse Ahriman, die ewige geistige Finsternis, soll die Farben ausgeströmt haben.“

   Kanne, „Pantheum“, S. 339.

Biographie

1282. Die Biographie sollte sich einen großen Vorrang vor der Geschichte erwerben, indem sie das Individuum lebendig darstellt und zugleich das Jahrhundert, wie auch dieses Lebendig darstellt und zugleich das Jahrhundert, wie auch dieses lebendig auf jenes einwirkt. Die Lebensbeschreibung soll das Leben darstellen, wie es an und für sich und um sein selbst willen da ist. Dem Geschichtsschreiber ist nicht zu verargen, dass er sich nach Resultaten umsieht; aber darüber geht die einzelne Tat sowie der einzelne Mensch verloren. Wollte man die Herrlichkeit des Frühlings und seiner Blüten nach dem wenigen Obst berechnen, das zuletzt noch von den Bäumen genommen wird, so würde man eine sehr unvollkommene Vorstellung jener lieblichen Jahreszeit haben. Und doch hat der Gärtner das Recht, sein Jahr bloß nach dem zu beurteilen, was ihm Keller und Kammern füllt. Alles wahrhaft Biographische, wohin die zurückgebliebenen Briefe, die Tagebücher, die Memoiren und so manches andere zu rechnen sind, bringen das vergangene Leben wieder hervor, mehr oder weniger wirklich oder im ausführlichen Bilde. Man wird nicht müde, Biographien zu lesen, so wenig als Reisebeschreibungen: Denn man lebt mit Lebendigen. Die Geschichte, selbst die beste, hat immer etwas Leichenhaftes, den Geruch der Totengruft. Ja man kann sagen, sie wird immer verdrießlicher zu lesen, je länger die Welt steht: Denn jeder Nachfolgende ist genötigt, ein schärferes, ein feineres Resultat aus den Weltbegebenheiten heraus zu sublimieren, da denn zuletzt, was nicht als caput mortuum liegen

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