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XIX.

1117. Wer gegenwärtig über Kunst schreiben oder gar streiten will, der sollte einige Ahndung haben von dem, was die Philosophie in unsern Tagen geleistet hat und zu leisten fortfährt.

1118. Wer einem Autor Dunkelheit vorwerfen will, sollte erst sein eigen Inners beschauen, ob es denn da auch recht hell ist: In der Dämmerung wird eine sehr deutliche Schrift unlesbar.

1119. Wer streiten will, muss sich hüten, bei dieser Gelegenheit Sachen zu sagen, die ihm niemand streitig macht.

1120. Wer Maximen bestreiten will, sollte fähig sein, sie recht klar aufzustellen und innerhalb dieser Klarheit zu kämpfen, damit er nicht in den Fall gerate, mit selbst geschaffenen Luftbildern zu fechten.

1121. Die Dunkelheit gewisser Maximen ist nur relativ. Nicht alles ist dem Hörenden deutlich zu machen, was dem Ausübenden einleuchtet.

1122. Ein Künstler, der schätzbare Arbeiten verfertiget, ist nicht immer imstande, von eignen oder fremden Werken Rechenschaft zu geben.

1123. Natur und Idee lässt sich nicht trennen, ohne dass die Kunst sowie das Leben zerstört werde.

1124. Wenn Künstler von Natur sprechen, subintelligieren sie immer die Idee, ohne sich’s deutlich bewusst zu sein.

1125. Ebenso geht’s allen, die ausschließlich die Erfahrung anpreisen; sie bedenken nicht, dass die Erfahrung nur die Hälfte der Erfahrung ist.

1126. Erst hört man von Natur und Nachahmung derselben, dann soll es eine schöne Natur geben. Man soll wählen; doch wohl das Beste! Und woran soll man’s erkennen? Nach welcher Norm soll man wählen? Und wo ist denn die Norm? Doch wohl nicht auch in der Natur?

1127. Und gesetzt, der Gegenstand wäre gegeben, der schönste Baum im Walde, der in seiner Art als vollkommen auch vom Förster anerkannt würde. Nun, um den Baum in ein Bild zu verwandeln, geh’ ich um ihn herum und suche mir die schönste Seite. Ich trete weit genug weg, um ihn völlig zu übersehen, ich warte ein günstiges Licht ab, und nun soll von dem Naturbaum noch viel auf das Papier übergegangen sein!

1128. Der Laie mag das glauben; der Künstler hinter den Kulissen seines Handwerks sollte aufgeklärter sein.

1129. Gerade das, was ungebildeten Menschen am Kunstwerk der Natur auffällt, das ist nicht Natur (von außen), sondern der Mensch (Natur von innen).

1130. Wir wissen von keiner Welt, als im Bezug auf den Menschen; wir wollen keine Kunst, als die ein Abdruck dieses Bezugs ist.

1131. Wer zuerst im Bilde auf seinen Horizont die Zielpunkte des mannigfaltigen Spiels waagrechter Linien bannte, erfand das Prinzip der Perspektive.

1132. Wer zuerst aus der Systole und Diastole, zu der die Retina gebildet ist, aus dieser Synkrisis und Diakrisis, mit Plato zu sprechen, die Farbenharmonie entwickelte, der hat die Prinzipien des Kolorits entdeckt.

1133. Suchet in euch, so werdet ihr alles finden, und erfreuet euch, wenn da draußen, wie ihr es immer heißen möget, eine Natur liegt, die Ja und Amen zu allem sagt, was ihr in euch gefunden habt.

1134. Was hat ein Maler zu studieren, bis er eine Pfirsche sehen kann wie Huysum, und wir sollen nicht versuchen, ob es möglich sei, den Menschen zu sehen, wie ihn ein Grieche gesehen hat?

1135. Wer Proportion (das Messbare) von der Antike nehmen muss, sollte uns nicht gehässig sein, weil wir das Unmessbare von der Antike nehmen wollen.

1136. Gar vieles kann lange erfunden, entdeckt sein, und es wirkt nicht auf die Welt; es kann wirken und doch nicht bemerkt werden, wirken und nicht ins Allgemeine greifen; deswegen jede Geschichte der Erfindung sich mit den wunderbarsten Rätseln herumschlägt.

1137. Es ist so schwer, etwas von Mustern zu lernen, als von der Natur.

1138. Die Form will so gut verdaut sein als der Stoff; ja, sie verdaut sich viel schwerer.

1139. Es ist schon genug, dass Kunstliebhaber das Vollkommene übereinstimmend anerkennen und schätzen; über das Mittlere lässt sich der Streit nicht endigen.

1140. Alles Prägnante, was allein an einem Kunstwerke vortrefflich ist, wird nicht anerkannt; alles Fruchtbare und Fördernde wird beseitigt, eine tief umfassende Synthesis begreift nicht leicht jemand.

1141. Ihr wählt euch ein Muster, und damit vermischt ihr eure Individualität: Das ist alle eure Kunst. Da ist an keine Grundsätze, an keine Schule, an keine Folge zu denken, alles willkürlich und wie es einem jeden einfällt.
   Dass man sich von Gesetzen losmacht, die bloß durch Tradition geheiligt sind, dagegen ist nichts zu sagen; aber dass man nicht denkt, es müssen doch Gesetze sein, die aus der Natur jeder Kunst entspringen, daran denkt niemand.

1142. Jedes gute und schlechte Kunstwerk, sobald es entstanden ist, gehört zur Natur. Die Antike gehört zur Natur, und zwar, wenn sie anspricht, zur natürlichsten Natur, und diese edle Natur sollen wir nicht studieren, aber die gemeine!

1143. Denn das Gemeine ist’s eigentlich, was den Herren Natur heißt! Aus sich schöpfen mag wohl heißen, mit dem eben fertig werden, was uns bequem wird!

1144. Kunst: Eine andere Natur, auch geheimnisvoll, aber verständlicher; denn sie entspringt aus dem Verstande.

1145. Mancher hat nach der Antike studiert und sich ihr Wesen nicht ganz zugeeignet. Ist er darum scheltenswert?

1146. Warum schelten wir das Manierierte so sehr, als weil wir glauben, dass Umkehr daher auf den rechten Weg sei unmöglich?

1147. Die höheren Forderungen sind an sich schon schätzbarer, auch unerfüllt, als niedrige, ganz erfüllte.

1148. Das Trocken-Naive, das Steif-Wackere, das Ängstlich-Rechtliche und womit man ältere deutsche Kunst charakterisieren mag, gehört zu jeder früheren, einfacheren Kunstweise. Die alten Venezianer, Florentiner usw. haben das alles auch.

1149. Und wir Deutsche sollen uns dann nur für original halten, wenn wir uns nicht über die Anfänge erheben!

1150. Weil Albrecht Dürer bei dem unvergleichlichen Talent sich nie zur Idee des Ebenmaßes der Schönheit, ja sogar nie zum Gedanken einer schicklichen Zweckmäßigkeit erheben konnte, sollen wir auch immer an der Erde kleben!

1151. Albrecht Dürern förderte ein höchst inniges realistisches Anschauen, ein liebenswürdiges menschliches Mitgefühl aller gegenwärtigen Zustände. Ihm schadete eine trübe, form- und bodenlose Phantasie.

1152. Wie Martin Schön neben ihm steht und wie das deutsche Verdienst sich dort beschränkt, wäre interessant zu zeigen und nützlich zu zeigen, dass dort nicht aller Tage Abend war.

1153. Löste sich doch in jeder italienischen Schule der Schmetterling aus der Puppe los!

1154. Sollen wir ewig als Raupen herumkriechen, weil einige nordische Künstler ihre Rechnung dabei finden?

1155. Nachdem uns Klopstock vom Reim erlöste und Voß uns prosodische Muster gab, sollen wir wohl wieder Knittelverse machen wie Hans Sachs?

1156. Lasst uns doch vielseitig sein! Märkische Rübchen schmecken gut, am besten gemischt mit Kastanien. Und diese beiden edlen Früchte wachsen weit auseinander.

1157. Man ist nur vielseitig, wenn man zum Höchsten strebt, weil man muss (im Ernst), und zum Geringern herabsteigt, wenn man will (zum Spaß).

1158. Erlaubt uns in unsern vermischten Schriften doch neben den abend- und nordländischen Formen auch die morgen- und südländischen.

1159. Lasst doch den deutschen Dichtern den frommen Wunsch, auch als Homeriden zu gelten! Deutsche Bildhauer, es wird euch nicht schaden, zum Ruhm der letzten Praxiteliden zu streben!

1160. In allen Künsten gibt es einen gewissen Grad, den man mit den natürlichen Anlagen sozusagen allein erreichen kann. Zugleich aber ist es unmöglich, denselben zu überschreiten, wenn nicht die Kunst zu Hilfe kommt.

1161. Man sagt wohl zum Lobe des Künstlers: Er hat alles aus sich selbst. Wenn ich das nur nicht wieder hören müsste! Genau besehen, sind die Produktionen eines solchen Originalgenies meistens Reminiszenzen; wer Erfahrung hat, wird sie meist einzeln nachweisen können.

1162. Das so genannte Aus-sich-Schöpfen macht gewöhnlich falsche Originale und Manieristen.

1163. Selbst das mäßige Talent hat immer Geist in Gegenwart der Natur; deswegen einigermaßen sorgfältige Zeichnungen der Art immer Freude machen.

1164. Aus vielen Skizzen endlich ein Ganzes hervorzubringen, gelingt selbst den Besten nicht immer.

1165. Was die letzte Hand tun kann, muss die erste schon entschieden aussprechen. Hier muss schon bestimmt sein, was getan werden soll.

Ü   Þ

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