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XI.713. Die Geschichte wie das Universum, das sie repräsentieren soll, hat einen realen und idealen Teil. 714. Zum idealen Teile gehört der Kredit, zum realen Besitztum, physische Macht pp. 715. Der Kredit ist eine durch reale Leistungen erzeugte Idee der Zuverlässigkeit. 716. Jeder Besitz ist eine plumpe Sache, und es ist gut, dass darüber abgesprochen werde, ne incerta sint rerum dominia. 717. Jeder Mensch fühlt sich privilegiert. Diesem
Gefühl widerspricth: 718. ad 1. Der Mensch kann ihr nicht entgehen, nicht
ausweichen, nichts abgewinnen. Nur kann er durch Diät sich fügen und ihr
nicht vorgreifen. 719. Der höchste Zweck der Gesellschaft ist Konsequenz der Vorteile, jedem gesichert. Jeder einzelne Vernünftige opfert schon der Konsequenz vieles auf, geschweige die Gesellschaft. Über diese Konsequenz geht fast der momentane Vorteil der Glieder zugrunde. 720. In der Gesellschaft sind alle gleich. Es kann keine Gesellschaft anders als auf den Begriff der Gleichheit gegründet sein, keineswegs aber auf den Begriff der Freiheit. Die Gleichheit will ich in der Gesellschaft finden; die Freiheit, nämlich die sittliche, dass ich mich subordinieren mag, bringe ich mit. 721. Die Gesellschaft, in die ich trete, muss also zu mir sagen: „Du sollst allen uns andern gleich sein.“ Sie kann aber nur hinzufügen: „Wir wünschen, dass du auch frei sein mögest“, das heißt: Wir wünschen, dass du dich mit Überzeugung, aus freiem, vernünftigem Willen deiner Privilegien begibst. 722. Gesetzgeber oder Revolutionärs, die Gleichsinn und Freiheit zugleich versprechen, sind Phantasten oder Scharlatans. 723. Eingebildete Gleichheit: Das erste Mittel, die Ungleichheit zu zeigen. 724. Jede Revolution geht auf Naturzustand hinaus, Gesetz- und Schamlosigkeit. (Pikarden, Wiedertäufer, Sansculotten.) 725. Sobald die Tyrannei aufgehoben ist, geht der Konflikt zwischen Aristokratie und Demokratie unmittelbar an. 726. Die Menschen sind als Organe ihres Jahrhunderts anzusehen, die sich meist unbewusst bewegen. 727. Fehler der so genannten Aufklärung: Dass sie Menschen Vielseitigkeit gibt, deren einseitige Lage man nicht ändern kann. 728. Einen gerüsteten, auf die Defensive berechneten Zustand kann kein Staat aushalten. 729. Das große Recht, nicht etwa nur in seinen Privatangelegenheiten – denn das weiß ein jeder –, sondern auch in öffentlichen verständig, ja vernünftig zu sein. 730. Majestät ist das Vermögen, ohne Rücksicht auf Belohnung oder Bestrafung recht oder unrecht zu handeln. 731. Herrschen und genießen geht nicht zusammen. Genießen heißt, sich und andern in Fröhlichkeit angehören; herrschen heißt, sich und anderen im ernstlichsten Sinne wohltätig sein. 732. Herrschen lernt sich leicht, regieren schwer. 733. Wer klare Begriffe hat, kann befehlen. 734. In den Zeitungen ist alles Offizielle geschraubt, das übrige platt. 735. Nach Pressfreiheit schreit niemand, als wer sie missbrauchen will. 736. Die Deutschen der neueren Zeit haben nichts anders für Denk- und Pressfreiheit gehalten, als dass sie sich einander öffentlich missachten dürfen. 737. Die Deutschen der alten Zeit freute nichts, als dass keiner dem andern gehorchen durfte. 738. Gerechtigkeit: Eigenschaft und Phantom der Deutschen. 739. Der echte Deutsche bezeichnet sich durch mannigfaltige Bildung und Einheit des Charakters. 740. Die Engländer werden uns beschämen durch reinen Menschenverstand und guten Willen, die Franzosen durch geistreiche Umsicht und praktische Ausführung. 741. Der Deutsche soll alle Sprachen lernen, damit ihm zu Hause kein Fremder unbequem, er aber in der Fremde überall zu Hause sei. 742. Die Gewalt einer Sprache ist nicht, dass sie das Fremde abweist, sondern dass sie es verschlingt. 743. Ich verfluche allen negativen Purismus, dass man ein Wort nicht brauchen soll, in welchem eine andre Sprache Vieles oder Zarteres gefasst hat. 744. Meine Sache ist der affirmative Purismus, der produktiv ist und nur davon ausgeht: Wo müssen wir umschreiben, und der Nachbar hat ein entscheidendes Wort? 745. Der pedantische Purismus ist ein absurdes Ablehnen weiterer Ausbreitung des Sinnes und Geistes (z.B. das englische Wort grief). 746. Kein Wort steht still, sondern es rückt immer durch den Gebrauch von seinem anfänglichen Platz eher hinab als hinauf, eher in schlechtere als ins Bessere, ins Engere als Weitere, und an der Wandelbarkeit des Worts lässt sich die Wandelbarkeit der Begriffe erkennen. 747. Philologen: Apollo Sauroktonos, immer mit dem spitzen Griffelchen in der Hand aufpassend, eine Eidechse zu spießen. 748. Es ist kein großer Unterschied, ob ich eine korrekte Stelle falsch verstehe oder ob ich einer korrupten irgendeinen Sinn unterlege. Das letzte ist für den einzelnen vorteilhafter als das erste. Es wird eine Privatemendation, wodurch er für seinen Geist gewinnt, was jene für den Buchstaben gewonnen. 749. Es ist mit den Jahren wie mit den Sibyllinischen Büchern: Je mehr man ihrer verbrennt, desto teurer werden sie. 750. Wenn die Jugend ein Fehler ist, so legt man ihn sehr bald ab. 751. In der Jugend bald die Vorzüge des Alters gewahr zu werden, im Alter die Vorzüge der Jugend zu erhalten, beides ist nur ein Glück. 752. Es betrügt sich kein Mensch, der in seiner Jugend noch soviel erwartet. Aber wie er damals die Ahndung in seinem Herzen empfand, so muss er auch die Erfüllung in seinem Herzen suchen, nicht außer sich. 753. Dass der Mensch zuletzt Epitomator von sich selbst wird! Und dahin zu gelangen, ist schon Glück genug. 754. Eltern und Kindern bleibt nichts übrig, als entweder vor- oder hintereinander zu sterben, und man weiß am Ende nicht, was man vorziehen sollte. 755. Wenn ich an meinen Tod denke, darf ich, kann ich nicht denken, welche Organisation zerstört wird. 756. In jeder großen Trennung liegt ein Keim von Wahnsinn; man muss sich hüten, ihn nachdenklich auszubrüten und zu pflegen. 757. Höchst merkwürdig ist, dass von dem menschlichen Wesen das Entgegengesetzte übrig bleibt: Gehäus’ und Gerüst, worin und womit sich der Geist hienieden genügte, sodann aber die idealen Wirkungen, die in Wort und Tat von ihm ausgingen. 758. Ein ausgesprochenes Wort fordert sich selbst wieder. 759. Mystik: Eine unreife Poesie, eine unreife
Philosophie; 760. Bildliche Darstellung: Reich der Poesie; hypothetische Erklärung: Reich der Philosophie. 761. Das Wahre (Allgemeine), das wir erkennen und
festhalten; 762. Die Lauen ist ein Bewusstloses und beruht auf der Sinnlichkeit. Es ist der Widerspruch der Sinnlichkeit mit sich selbst. 763. Der Humor entsteht, wenn die Vernunft nicht im Gleichgewicht mit den Dingen ist, sondern entweder sie zu beherrschen strebt und nicht damit zustande kommen kann: Welches der ärgerliche oder üble Humor ist; oder sich ihnen gewissermaßen unterwirft und mit sich spielen lässt, salvo honore, welches der heitre Humor oder der gute ist. Sie lässt sich gut symbolisieren durch einen Vater, der sich herablässt, mit seinen Kindern zu spielen, und mehr Spaß einnimmt als ausgibt. In diesem Falle spielt die Vernunft den Goffo, im ersten Falle den Moroso. 764. Das Glück des Genies: Wenn es zuzeiten des Ernstes geboren wird. 765. Das Genie mit Großsinn sucht seinem Jahrhundert vorzueilen; das Talent aus Eigensinn möchte es oft zurückhalten. 766. Der Scharfsinn verlässt geistreiche Männer am wenigsten, wenn sie unrecht haben. 767. Das fürchterlichste ist, wenn platte, unfähige Menschen zu Phantasten sich gesellen. 768. Man kann sich nicht verleugnen, dass die deutsche Welt, mit vielen, guten, trefflichen Geistern geschmückt, immer uneiniger, unzusammenhängender in Kunst und Wissenschaft, sich auf historischem, theoretischem und praktischem Wege immer mehr verirrt und verwirrt. 769. Sähe man Kunst und Wissenschaft nicht als ein Ewiges, in sich selbst Lebendig-Fertiges verehrend an, das im Zeitverlaufe nur Vorzüge und Mängel durcheinander mischt, so würde man selbst irre werden und sich betrüben, dass Reichtum in eine solche Verlegenheit setzen kann. 770. Was nicht originell ist, daran ist nichts gelegen, du was originell ist, trägt immer die Gebrechen des Individuums an sich. 771. Wer’s nicht besser machen kann, macht’s wenigstens anders; Zuhörer und Leser, in herkömmlicher Gleichgültigkeit, lassen dergleichen am liebsten gelten. 772. Man spricht soviel von Geschmack: Der Geschmack besteht in Euphemismen. Diese sind Schonungen des Ohrs mit Aufregung des Sinnes. 773. Das Publikum beklagt sich lieber unaufhörlich, übel bedient worden zu sein, als dass es sich bemühte, besser bedient zu werden. 774. Ein großes Unheil entspringt aus den falschen Begriffen der Menge, weil der Wert vorhandener Werke gleich verkannt wird, wenn sie nicht im kurrenten Vorurteil mit einbegriffen sind. 775. Innerhalb einer Epoche gibt es keinen Standpunkt, eine Epoche zu betrachten. 776. Keine Nation hat ein Urteil als über das, was bei ihr getan und geschrieben ist. Man könnte dies auch von jeder Zeit sagen. 777. Wahre, in alle Zeiten und Nationen eingreifende Urteile sind sehr selten. 778. Keine Nation hat eine Kritik als in dem Maße, wie sie vorzügliche, tüchtige und vortreffliche Werke besitzt. 779. Die Kritik erscheint wie Ate: Sie verfolgt die Autoren, aber hinkend. 780. Jemand sagte: „Was bemüht ihr euch um den Homer? Ihr versteht ihn doch nicht.“ Darauf antwortet’ ich: Versteh’ ich doch auch Sonne, Mond und Sterne nicht; aber sie gehen über meinem Haupt hin, und ich erkenne mich in ihnen, indem ich sie sehe und ihren regelmäßigen, wunderbaren Gang betrachte, und denke dabei, ob auch wohl etwas aus mir werden könnte. 781. Dass die bildende Kunst in der Ilias auf einer so hohen Stufe erscheint, möchte wohl ein Argument für die Modernität des Gedichtes abgeben. 782. Die Modernen sollen nur Lateinisch schreiben, wenn sie aus nichts etwas zu machen haben. Umgekehrt machen sie ihr weniges Etwas immer zu nichts. 783. Die lateinische Sprache hat eine Art von Imperativus der Autorschaft. 784. Zu den glücklichen Umständen, welche Shakespeares gebornes großes Talent frei und rein entwickelten, gehört auch, dass er Protestant war; er hätte sonst wie Kalidasa und Calderon Absurditäten verherrlichen müssen. 785. Um die alten abgeschmacktesten locos communes der Menschheit durchzupeitschen, hat Klopstock Himmel und Hölle, Sonne, Mond und Sterne, Zeit und Ewigkeit, Gott und Teufel aufgeboten. 786. Schmidt von Werneuchen ist der wahre Charakter der Natürlichkeit. Jedermann hat sich über ihn lustig gemacht und das mit Recht; und doch hätte man sich über ihn nicht lustig machen können, wenn er nicht als Poet wirkliches Verdienst hätte, das wir an ihm zu ehren haben. 787. Märchen: Das uns unmögliche Begebenheiten unter möglichen oder unmöglichen Bedingungen als möglich darstellt. 788. Roman: Der uns mögliche Begebenheiten unter unmöglichen oder beinahe unmöglichen Bedingungen als wirklich darstellt. 789. Der Romanenheld assimiliert sich alles; der Theaterheld muss nichts Ähnliches in allem dem finden, was ihn umgibt. 790. Beim Übersetzen muss man bis ans Unübersetzliche herangehen; alsdann wird man aber erst die fremde Nation und die fremde Sprache gewahr. 791. Es ist ein großer Unterscheid, ob ich lese zu Genuss und Belebung oder zu Erkenntnis und Belehrung. 792. Es gibt Bücher, durch welche man alles erfährt und doch zuletzt von der Sache nichts begreift. 793. Wenn einem Autor ein Lexikon nachkommen kann, so taugt er nichts. 794. Ich denke immer, wenn ich einen Druckfehler sehe, es sei etwas Neues erfunden. 795. Verleger haben die Autoren und sich selbst für vogelfrei erklärt; wie wollen sie untereinander, wer will mit ihnen rechten? 796. Der mittelmäßigste Roman ist immer noch besser als die mittelmäßigen Leser, ja der schlechteste partizipiert etwas von der Vortrefflichkeit des ganzen Genres. 797. Der Mensch kann nur mit seinesgleichen leben und auch mit denen nicht; denn er kann auf die Länge nicht leiden, dass ihm jemand gleich sei. 798. Die jungen Leute sind neue Aperçus der Natur. 799. Zu berichtigen verstehen die Deutschen, nicht nachzuhelfen. 800. Man muss eine Sache gefunden haben, wenn man wissen will, wo sie liegt. 801. Wer freudig tut und sich des Getanen freut, ist glücklich. 802. Mit Ungeduld bestraft sich zehnfach Ungeduld; man will das Ziel heranziehn und entfernt es nur. |
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