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VI.368. Indem ich mich zeither mit der Lebensgeschichte wenig und viel bedeutender Menschen anhaltender beschäftigte, kam ich auf den Gedanken, es möchten sich wohl die einen in dem Weltgewebe als Zettel, die andern als Einschlag betrachten lassen; jene gäben eigentlich die Breite des Gewebes an, diese dessen Halt, Festigkeit, vielleicht auch mit Zutat irgendeines Gebildes. Die Schere der Parze hingegen bestimmt die Länge, dem sich denn das übrige alles zusammen unterwerfen muss. Weiter wollen wir das Gleichnis nicht verfolgen. 369. Auch Bücher haben ihr Erlebtes, das ihnen nicht
entzogen werden kann. 370. Mit dem größten Entzücken sieht man im Apollosaal der Villa Aldobrandini zu Frascati, auf welche glückliche Weise Domenichin die Ovidischen Metamorphosen mit der schicklichsten Örtlichkeit umgibt; dabei nun erinnert man sich gern, dass die glücklichsten Ereignisse doppelt selig empfunden werden, wenn sie uns in herrlicher Gegen gegönnt waren, ja dass gleichgültige Momente durch würdige Lokalität zu hoher Bedeutung gesteigert wurden. 371. Mannräuschlein nannte man im siebzehnten Jahrhundert gar ausdrucksvoll die Geliebte. 372. Liebes gewaschenes Seelchen ist der verliebteste Ausdruck auf Hiddensee. 373. Das Wahre ist eine Fackel, aber eine ungeheure; deswegen suchen wir alle nur blinzend so daran vorbeizukommen, in Furcht sogar, uns zu verbrennen. 374. „Die Klugen haben miteinander viel gemein.“ Äschylus. 375. Das eigentlich Unverständige sonst verständiger Menschen ist, dass sie nicht zurechtzulegen wissen, was ein anderer sagt, aber nicht gerade trifft, wie er’s hätte sagen sollen. 376. Ein jeder, weil er spricht, glaubt auch über die Sprache sprechen zu können. 377. Man darf nur alt werden, um milder zu sein; ich sehe kein Fehler begehen, den ich nicht auch begangen hätte. 378. Der Handelnde ist immer gewissenlos; es hat niemand Gewissen als der Betrachtende. 379. Ob denn die Glücklichen glauben, dass der Unglückliche wie ein Gladiator mit Anstand vor ihnen umkommen solle, wie der römische Pöbel zu fordern pflegte? 380. Den Timon fragte jemand wegen des Unterrichts seiner Kinder. Lasst sie, sagte der, unterrichten in dem, was sie niemals begreifen werden. 381. Es gibt Personen, denen ich wohl will und wünsche, ihnen besser wollen zu können. 382. „Der eine Bruder brach Töpfe, der andere Krüge.“ Verderbliche Wirtschaft! 383. Wie man aus Gewohnheit nach einer abgelaufenen Uhr hinsieht, als wenn sie noch ginge, so blickt man auch wohl einer Schönen ins Gesicht, als wenn sie noch liebte. 384. Der Hass ist ein aktives Missvergnügen, der Neid ein passives; deshalb darf man sich nicht wundern, wenn der Neid so schnell in Hass übergeht. 385. Der Rhythmus hat etwas Zauberisches, sogar macht er uns glauben, das Erhabene gehöre uns an. 386. Dilettantismus, ernstlich behandelt, und Wissenschaft, mechanisch betrieben, werden Pedanterei. 387. Die Kunst kann niemand fördern als der Meister. Gönner fördern den Künstler, das ist recht und gut; aber dadurch wird nicht immer die Kunst gefördert. 388. „Deutlichkeit ist eine gehörige Verteilung von Licht und Schatten.“ Hamann. Hört! 389. Shakespeare ist reich an wundersamen Tropen,
die aus personifizierten Begriffen entstehen und uns gar nicht kleiden
würden, bei ihm aber völlig am Platze sind, weil zu seiner Zeit alle Kunst
von der Allegorie beherrscht wurde. 390. „Herr von Schweinichen“ ist ein merkwürdiges Gesichts- und Sittenbuch; für die Mühe, die es kostet, es zu lesen, finden wir uns reichlich belohnt; es wird für gewisse Zustände eine Symbolik der vollkommensten Art. Es ist kein Lesebuch, aber man muss es gelesen haben. 391. Der törigste von allen Irrtümern ist, wenn junge gute Köpfe glauben, ihre Originalität zu verlieren, indem sie das Wahre anerkennen, was von andern schon anerkannt worden. 392. Die Gelehrten sind meist gehässig, wenn sie widerlegen; einen Irrenden sehen sie gleich als ihren Todfeind an. 393. Die Schönheit kann nie über sich selbst deutlich werden. 394. Sobald man der subjektiven oder so genannten sentimentalen Poesie mit der objektiven, darstellenden, gleiche Rechte verlieh, wie es denn auch wohl nicht anders sein konnte, weil man sonst die moderne Poesie ganz hätte ablehnen müssen, so war vorauszusehen, dass, wenn auch wahrhafte poetische Genies geboren werden sollten, sie doch immer mehr das Gemütliche des innern Lebens als das Allgemeine des großen Weltlebens darstellen würden. Dieses ist nun in dem Grade eingetroffen, dass es eine Poesie ohne Tropen gibt, der man doch keineswegs allen Beifall versagen kann. |
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