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IV.215. Wenn der Mensch alles leisten soll, was man von ihm fordert, so muss er sich für mehr halten, als er ist. 216. Solange das nicht ins Absurde geht, erträgt man’s auch gern. 217. Die Arbeit macht den Gesellen. 218. Gewisse Bücher scheinen geschrieben zu sein, nicht damit man daraus lerne, sondern damit man wisse, dass der Verfasser etwas gewusst hat. 219. Sie peitschen den Quark, ob nicht etwa Creme daraus werden wolle. 220. Es ist weit eher möglich, sich in den Zustand eines Gehirns zu versetzen, das im entschiedensten Irrtum befangen ist, als eines, das Halbwahrheiten sich vorspiegelt. 221. Die Lust der Deutschen am Unsichern in den Künsten kommt aus der Pfuscherei her: Denn wer pfuscht, darf das Recht nicht gelten lassen, sonst wäre er gar nichts. 222. Es ist traurig, anzusehen, wie ein außerordentlicher Mensch sich gar oft mit sich selbst, seinen Umständen, seiner Zeit herumwürgt, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen. Trauriges Beispiel Bürger. 223. Die größte Achtung, die ein Autor für sein Publikum haben kann, ist, dass er niemals bringt, was man erwartet, sondern was er selbst auf der jedesmaligen Stufe eigner und fremder Bildung für recht und nützlich hält. 224. Die Weisheit ist nur in der Wahrheit. 225. Wenn ich irre, kann es jeder bemerken, wenn ich lüge, nicht. 226. Der Deutsche hat Freiheit der Gesinnung, und daher merkt er nicht, wenn es ihm an Geschmacks- und Geistesfreiheit fehlt. 227. Ist denn die Welt nicht schon voller Rätsel genug, dass man die einfachsten Erscheinungen auch noch zu Rätseln machen soll? 228. „Das kleinste Haar wirft seinen Schatten.“ 229. Was ich in meinem Leben durch falsche Tendenzen versucht habe zu tun, hab’ ich denn doch zuletzt gelernt begreifen. 230. Die Freigebigkeit erwirbt einem jeden Gunst, vorzüglich wenn sie von Demut begleitet wird. 231. Vor dem Gewitter erhebt sich zum letzten Male der Staub gewaltsam, der nun bald für lange getilgt sein soll. 232. Die Menschen kennen einander nicht leicht, selbst mit dem besten Willen und Vorsatz; nun tritt noch der böse Wille hinzu, der alles entstellt. 233. Man würde einander besser kennen, wenn sich nicht immer einer dem andern gleichstellen wollte. 234. Ausgezeichnete Personen sind daher übler dran als andere: Da man sich mit ihnen nicht vergleicht, passt man ihnen auf. 235. In der Welt kommt’s nicht drauf an, dass man die Menschen kenne, sondern dass man im Augenblick klüger sei als der vor uns Stehende. Alle Jahrmärkte und Marktschreier geben Zeugnis. 236. Nicht überall, wo Wasser ist, sind Frösche; aber wo man Frösche hört, ist Wasser. 237. Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen. 238. Der Irrtum ist recht gut, solange wir jung sind; man muss ihn nur nicht mit ins Alter schleppen. 239. Alle Travers, die veralten, sind unnützes, ranziges Zeug. 240. Durch die despotische Unvernunft des Kardinals Richelieu war Corneille an sich selbst irregeworden. 241. Die Natur gerät auf Spezifikationen wie in eine Sackgasse: Sie kann nicht durch und mag nicht wieder zurück, daher die Hartnäckigkeit der Nationalbildung. 242. Metamorphose im höhern Sinn durch Nehmen und Geben, Gewinnen und Verlieren hat schon Dante trefflich geschildert. 243. Jeder hat etwas in seiner Natur, das, wenn er es öffentlich ausspräche, Missfallen erregen müsste. 244. Wenn der Mensch über sein Physisches oder Moralisches nachdenkt, findet er sich gewöhnlich krank. 245. Es ist eine Forderung der Natur, dass der Mensch mitunter betäubt werde, ohne zu schlafen: Daher der Genuss im Tabakrauchen, Branntweintrinken, Opiaten. 246. Dem tätigen Menschen kommt es darauf an, dass er das Rechte tue; ob das Rechte geschehe, soll ihn nicht kümmern. 247. Mancher klopft mit dem Hammer an der Wand herum und glaubt, er treffe jedes Mal den Nagel auf den Kopf. 248. Die französischen Worte sind nicht aus geschriebenen lateinischen Worten entstanden, sondern aus gesprochenen. 249. Das Zufällig-Wirkliche, an dem wir weder ein Gesetz der Natur noch der Freiheit für den Augenblick entdecken, nennen wir das Gemeine. 250. Bemalung und Punktierung der Körper ist eine Rückkehr zur Tierheit. 251. Geschichte schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen. 252. Was man nicht versteht, besitzt man nicht. 253. Nicht jeder, dem man Prägnantes überliefert, wird produktiv; es fällt ihm wohl etwas ganz Bekanntes dabei ein. 254. Gunst als Symbol der Souveränität, von schwachen Menschen ausgeübt. 255. Es gibt nichts Gemeines, was, fratzenhaft ausgedrückt, nicht humoristisch aussähe. 256. Es bleibt einem jeden immer noch so viel Kraft, das auszuführen, wovon er überzeugt ist. 257. Das Gedächtnis mag immer schwinden, wenn das Urteil im Augenblick nicht fehlt. 258. Die so genannten Naturdichter sind frisch und neu aufgeforderte, aus eine rüberbildeten, stockenden, manierierten Kunstepoche zurückgewiesene Talente. Dem Platten können sie nicht ausweichen, man kann sie daher als rückschreitend ansehen; sie sind aber regenerierend und veranlassen neue Vorschritte. 259. Keine Nation gewinnt ein Urteil, als wenn sie über sich selbst urteilen kann. Zu diesem großen Vorteil gelangt sie aber sehr spät. 260. Anstatt meinen Worten zu widersprechen, sollten sie nach meinem Sinne halten. 261. Alle Gegner einer geistreichen Sache schlagen nur in die Kohlen: Diese springen umher und zünden da, wo sie sonst nicht gewirkt hätten. 262. Die Menschen verdrießt’s, dass das Wahre so einfach ist; sie sollten bedenken, dass sie noch Mühe genug haben, es praktisch zu ihrem Nutzen anzuwenden. 263. Ich verwünsche die, die aus dem Irrtum eine eigene Welt machen und doch unablässig fordern, dass der Mensch nützlich sein müsse. 264. Eine Schule ist als ein einziger Mensch anzusehen, der hundert Jahre mit sich selbst spricht und sich in seinem eignen Wesen, und wenn es auch noch so albern wäre, ganz außerordentlich gefällt. 265. Eine falsche Lehre lässt sich nicht widerlegen, denn sie ruht ja auf der Überzeugung, dass das Falsche wahr sei. Aber das Gegenteil kann, darf und muss man wiederholt aussprechen. 266. Der Mensch wäre nicht der Vornehmste auf der Erde, wenn er nicht zu vornehm für sie wäre. 267. Das längst Gefundene wird wieder verscharrt; wie bemühte sich Tycho, die Kometen zu regelmäßigen Körpern zu machen, wofür sie Seneca längst anerkannt. 268. Wie lange hat man über die Antipoden hin und her gestritten! 269. Gewissen Geistern muss man ihre Idiotismen lassen. 270. Es werden jetzt Produktionen möglich, die Null sind, ohne schlecht zu sein: Null, weil sie keinen Gehalt haben; nicht schlecht, weil eine allgemeine Form guter Muster den Verfassern vorschwebt. 271. Der Schnee ist eine erlogene Reinlichkeit. 272. Wer sich vor der Idee scheut, hat auch zuletzt den Begriff nicht mehr. 273. Unsere Meister nennen wir billig die, von denen wir immer lernen. Nicht ein jeder, von dem wir lernen, verdient diesen Titel. 274. Alles Lyrische muss im Ganzen sehr vernünftig, im Einzelnen ein bisschen unvernünftig sein. 275. Es hat mit euch eine Beschaffenheit wie mit dem Meer, dem man unterschiedentliche Namen gibt, und es ist doch endlich alles gesalzen Wasser. 276. Man sagt: Eitles Eigenlob stinket; das mag sein. Was aber fremder und ungerechter Tadel für einen Geruch habe, dafür hat das Publikum keine Nase. 277. Der Roman ist eine subjektive Epopöe, in welcher der Verfasser sich die Erlaubnis ausbittet, die Welt nach seiner Weise zu behandeln. Es fragt sich also nur, ob er eine Weise habe, das andere wird sich schon finden. 278. Es gibt problematische Naturen, die keiner Lage gewachsen sind, in der sie sich befinden, und denen keine genugtut. Daraus entsteht der ungeheure Widerstreit, der das Leben ohne Genuss verzehrt. 279. Das eigentlich wahrhaft Gute, was wir tun, geschieht größtenteils clam, vi et precario. 280. „Ein lustiger Gefährte ist ein Rollwagen auf der Wanderschaft.“ 281. Der Schmutz ist glänzend, wenn die Sonne scheinen mag. 282. Der Müller denkt, es wachse kein Weizen, als damit seine Mühle gehe. 283. Es ist schwer, gegen den Augenblick gerecht sein: Der gleichgültige macht uns Langeweile, am guten hat man zu tragen und am bösen zu schleppen. 284. Der ist der glücklichste Mensch, der das Ende seines Lebens mit dem Anfang in Verbindung setzen kann. 285. So eigensinnig widersprechend ist der Mensch: Zu seinem Vorteil will er keine Nötigung, zu seinem Schaden leidet er jeden Zwang. 286. Die Vorsicht ist einfach, die Hinterdreinsicht vielfach. 287. Ein Zustand, der alle Tage neuen Verdruss zuzieht, ist nicht der rechte. 288. Bei Unvorsichtigkeiten ist nichts gewöhnlicher, als Aussichten auf die Möglichkeit eines Auswegs zu suchen. 289. Die Hindus der Wüste geloben, keine Fische zu essen. 290. Es ist mit Meinungen, die man wagt, wie mit Steinen, die man voran im Brette bewegt: Sie können geschlagen werden, aber sie haben ein Spiel eingeleitet, das gewonnen wird. 291. Es ist so gewiss als wunderbar, dass Wahrheit und Irrtum aus einer Quelle entstehen; deswegen man oft dem Irrtum nicht schaden darf, weil man zugleich der Wahrheit schadet. 292. Ein unzulängliches Wahre wirkt eine Zeitlang fort, statt völliger Aufklärung aber tritt auf einmal ein blendendes Falsche herein; das genügt der Welt, und so sind Jahrhunderte betört. 293. In den Wissenschaften ist es höchst verdienstlich, das unzulängliche Wahre, was die Alten schon besessen, aufzusuchen und weiter zu führen. 294. Die Wahrheit gehört dem Menschen, der Irrtum der Zeit an. Deswegen sagt man von einem außerordentlichen Manne: Le malheur des temps a causé son erreur, mais la force de son âme l’en a fait sortir avec gloire. 295. Jedermann hat seine Eigenheiten und kann sie nicht los werden; und doch geht mancher an seinen Eigenheiten, oft an den unschuldigsten, zugrunde. 296. Wer sich nicht zuviel dünkt, ist viel mehr, als er glaubt. 297. In Kunst und Wissenschaft sowie im Tun und Handeln kommt alles darauf an, dass die Objekte rein aufgefasst und ihrer Natur gemäß behandelt werden. 298. Wenn verständige, sinnige Personen im Alter die Wissenschaft gering schätzen, so kommt es nur daher, dass sie von ihr und von sich zuviel gefordert haben. 299. Ich bedaure die Menschen, welche von der Vergänglichkeit der Dinge viel Wesens machen und sich in Betrachtung irdischer Nichtigkeit verlieren. Sind wir ja eben deshalb da, um das Vergängliche unvergänglich zu machen; das kann ja nur dadurch geschehen, dass man beides zu schätzen weiß. 300. Man muss sein Glaubensbekenntnis von Zeit zu Zeit wiederholen, aussprechen, was man billigt, was man verdammt; der Gegenteil lässt’s ja auch nicht daran fehlen. 301. In der jetzigen Zeit soll niemand schweigen oder nachgeben; man muss reden und sich rühren, nicht um zu überwinden, sondern sich auf seinem Posten zu erhalten, ob bei der Majorität oder Minorität, ist ganz gleichgültig. 302. Was die Franzosen tournure nennen, ist eine zur Anmut gemilderte Anmaßung. Man sieht daraus, dass die Deutschen keine tournure haben können; ihre Anmaßung ist hart und herb, ihre Anmut mild und demütig; das eine schließt das andere aus und sind nicht zu verbinden. 303. Einen Regenbogen, der eine Viertelstunde steht, sieht man nicht mehr an. 304. Es begegnete und geschieht mir noch, dass ein Werk bildender Kunst mir beim ersten Anblick missfällt, weil ich ihm nicht gewachsen bin; ahn’ ich aber ein Verdinest daran, so such’ ich ihm beizukommen, und dann fehlt es nicht an den erfreulichsten Entdeckungen: An den Dingen werd’ ich neue Eigenschaften und an mir neue Fähigkeiten gewahr. 305. Der Glaube ist ein häuslich, heimlich Kapital, wie es öffentliche Spar- und Hilfskassen gibt, woraus man in Tagen der Not einzelnen ihr Bedürfnis reicht, hier nimmt der Gläubige sich seine Zinsen im Stillen selbst. 306. Der eigentliche Obskurantismus ist nicht, dass man die Ausbreitung des Wahren, Klaren, Nützlichen hindert, sondern dass man das Falsche in Kurs bringt. |
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