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Zum 25. Juli.              

   Auf dem Chausseehaus beschäftigte uns nun der fernere regelmäßige Auszug der Franzosen. Ich stand mit Herrn Gore daselbst am Fenster, unten versammelte sich eine große Menge; doch auf dem geräumigen Platz konnte dem Beobachtenden nichts entgehen.

   Infanterie, muntere wohl gebildete Linientruppen, kamen nun heran; Mainzer Mädchen zogen mit ihnen aus, teils nebenher, teils innerhalb der Glieder. Ihre eigenen Bekannten begrüßten sie nun mit Kopfschütteln und Spottreden: „Ei, Jungfer Lieschen, will Sie sich auch in der Welt umsehen?“, und dann: „Die Sohlen sind noch neu, sie werden bald durchgelaufen sein!“ Ferner: „Hat Sie auch in der Zeit Französisch gelernt? – Glück auf die Reise!“, und so ging es immerfort durch diese Zungenruten: Die Mädchen aber schienen alle heiter und getrost, einige wünschten ihren Nachbarinnen wohl zu leben, die meisten waren still und sahen ihre Liebhaber an.

   Indessen war das Volk sehr bewegt, Schimpfreden wurden ausgestoßen, von Drohungen heftig begleitet. Die Weiber tadelten an den Männern, dass man diese Nichtswürdigen so vorbeilasse, die in ihrem Bündelchen gewiss manches von Hab und Gut eines echten Mainzer Bürgers mit sich schleppten, und nur der ernste Schritt des Militärs, die Ordnung durch neben hergehende Offiziere erhalten, hinderte einen Ausbruch; die leidenschaftliche Bewegung war furchtbar.

   Gerade in diesem gefährlichsten Moment erschien ein Zug, der sich gewiss schon weit hinweggewünscht hatte. Ohne sonderliche Bedeckung zeigte sich ein wohl gebildeter Mann zu Pferd, dessen Uniform nicht gerade einen Militär ankündigte, an seiner Seite ritt in Mannskleidern ein wohl gebautes und sehr schönes Frauenzimmer, hinter ihnen folgten einige vierspännige Wagen mit Kisten und Kasten bepackt. Die Stille war ahndungsvoll. Auf einmal rauscht’ es im Volk und rief: „Haltet ihn an! Schlagt ihn tot! Das ist der Spitzbube von Architekten, der erst die Domdechanei geplündert und nachher selbst angezündet hat!“ Es kam auf einen einzigen entschlossenen Menschen an, und es war geschehen.

   Ohne Weiteres zu überlegen, als dass der Burgfriede vor des Herzogs Quartier nicht zuletzt werden dürfe, mit dem blitzschnellen Gedanken, was der Fürst und General bei seiner Nachhausekunft sagen würde, wenn er über die Trümmer einer solchen Selbsthilfe kaum seine Tür erreichen könnte, sprang ich hinunter, hinaus und rief mit gebietender Stimme: „Halt!“

   Schon hatte sich das Volk näher herangezogen; zwar den Schlagbaum unterfing sich niemand herabzulassen, der Weg aber selbst war von der Menge versperrt. Ich wiederholte mein „Halt!“ und die vollkommenste Stille trat ein. Ich fuhr darauf stark und heftig sprechend fort: Hier sei das Quartier des Herzogs von Weimar, der Platz davor sei heilig; wenn sie Unfug treiben und Rache üben wollten, so fänden sie noch Raum genug. Der König habe freien Auszug gestattet: Wenn er diesen hätte bedingen und gewisse Personen ausnehmen wollen, so würde er Aufseher angestellt, die Schuldigen zurückgewiesen oder gefangen genommen haben; davon sei aber nichts bekannt, keine Patrouille zu sehen. Und sie, wer und wie sie hier auch seien, hätten, mitten in der deutschen Armee, keine andere Rolle zu spielen, als ruhige Zuschauer zu bleiben; ihr Unglück und ihr Hass gebe ihnen hier kein Recht, und ich litte ein für allemal an dieser Stelle keine Gewalttätigkeit.

   Nun staunte das Volk, war stumm, dann wogt’ es wieder, brummte, schalt; einzelne wurden heftig, ein paar Männer drangen vor, den Reitenden in die Zügel zu fallen. Sonderbarerweise war einer davon jener Perückenmacher, den ich gestern schon gewarnt, indem ich ihm Gutes erzeigte. – „Wie!“, rief ich ihm entgegen, „habt Ihr schon vergessen, was wir gestern zusammen gesprochen? Habt Ihr nicht darüber nachgedacht, dass man durch Selbstrache sich schuldig macht, dass man Gott und seinen Oberen die Strafe der Verbrecher überlassen soll, wie man ihnen das Ende dieses Elends zu bewirken auch überlassen musste?“, und was ich sonst noch kurz und bündig, aber laut und heftig sprach.

   Der Mann, der mich gleich erkannte, trat zurück, das Kind schmiegte sich an den Vater und sah freundlich zu mir herüber; schon war das Volk zurückgetreten und hatte den Platz freier gelassen, auch der Weg durch den Schlagbaum war wieder offen. Die beiden Figuren zu Pferd wussten sich kaum zu benehmen. Ich war ziemlich weit in den Platz herein getreten; der Mann ritt an mich heran und sagte, er wünsche meinen Namen zu wissen, zu wissen, wem er einen so großen Dienst schuldig sei; er werde es zeitlebens nicht vergessen und gern erwidern. Auch das schöne Kind näherte sich mir und sagte das Verbindlichste. Ich antwortete, dass ich nichts als meine Schuldigkeit getan und die Sicherheit und Heiligkeit dieses Platzes behauptet hätte; ich gab einen Wink, und sie zogen fort. Die Menge war nun einmal in ihrem Rachesinn irre gemacht, sie blieb stehen; dreißig Schritte davon hätte sie niemand gehindert. So ist’s aber in der Welt: Wer nur erst über einen Anstoß hinaus ist, kommt über tausend. Chi scampa d’un punto, scampa di mille.

   Als ich nach meiner Expedition zu Freund Gore hinaufkam, rief er mir in seinem Englisch-Französisch entgegen: „Welche Fliege sticht Euch! Ihr habt Euch in einen Handel eingelassen, der übel ablaufen konnte“.

   „Dafür war mir nicht bange“, versetzte ich; „und findet Ihr nicht selbst hübscher, dass ich Euch den Platz vor dem Haus so rein gehalten habe? Wie säh’ es aus, wenn das nun alles voll Trümmer läge, die jedermann ärgerten, leidenschaftlich aufregten und niemand zugute kämen? Mag auch jener den Besitz nicht verdienen, den er wohlbehaglich fortgeschleppt hat!“

   Indessen aber ging der Auszug der Franzosen gelassen unter unserm Fenster vorbei; die Menge, die kein Interesse weiter daran fand, verlief sich; wer es möglich machen konnte, suchte sich einen Weg, um in die Stadt zu schleichen, die Seinigen, und was von ihrer Habe allenfalls gerettet sein konnte, wieder zu finden und sich dessen zu erfreuen. Mehr aber trieb sie die höchst verzeihliche Wut, ihre verhassten Feinde, die Klubisten und Komitisten, zu strafen, zu vernichten, wie sie mitunter bedrohlich genug ausriefen.

   Indessen konnte sich mein guter Gore nicht zufrieden geben, dass ich, mit eigener Gefahr, für einen unbekannten, vielleicht verbrecherischen Menschen so viel gewagt habe. Ich wies ihn immer scherzhaft auf den reinen Platz vor dem Haus und sagte zuletzt ungeduldig: „Es liegt nun einmal in meiner Natur: Ich will lieber eine Ungerechtigkeit begehen, als Unordnung ertragen“.

Ü   Þ

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