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Den 16. Juni.              

   Die immer besprochene und dem Feind verheimlichte Belagerung von Mainz nahte sich denn doch endlich; man sagte sich ins Ohr, heute Nacht solle die Tranchee eröffnet werden. Es war sehr finster, und man ritt den bekannten Weg nach der Weisenauer Schanze; man sah nichts, man hörte nichts, aber unsere Pferde stutzten auf einmal, und wir wurden unmittelbar vor uns einen kaum zu unterscheidenden Zug gewahr. Österreichische, grau gekleidete Soldaten, mit grauen Faschinen auf den Rücken, zogen stillschweigend dahin, kaum dass von Zeit zu Zeit der Klang aneinander schlagender Schaufeln und Hacken irgendeine nahe Bewegung andeutete. Wunderbarer und gespensterhafter lässt sich kaum eine Erscheinung denken, die sich halb gesehen immer wiederholte, ohne deutlicher gesehen zu werden. Wir blieben auf dem Fleck halten, bis dass sie vorüber waren; denn von da aus konnten wir wenigstens nach der Stelle hinsehen, wo sie im Finstern wirken und arbeiten sollten. Da dergleichen Unternehmungen immer in Gefahr sind, dem Feind verraten zu werden, so konnte man erwarten, dass von den Wällen aus auf diese Gegend, und wenn auch nur auf gut Glück, gefeuert werden würde. Allein in dieser Erwartung blieb man nicht lange; denn gerade an der Stelle, wo die Tranchee angefangen werden sollte, ging auf einmal Kleingewehrfeuer los, allen unbegreiflich. Sollten die Franzosen sich heraus geschlichen, bis an oder gar über unsere Vorposten herangewagt haben? Wir begriffen es nicht. Das Feuern hörte auf, und alles versank in die allertiefste Stille. Erst den andern Morgen wurden wir aufgeklärt, dass unsere Vorposten selbst auf die still heranziehende Kolonne wie auf eine feindliche gefeuert hatten: Diese stutzte, verwirrte sich, jeder warf seine Faschine weg, Schaufeln und Hacken wurden allenfalls gerettet; die Franzosen auf den Wällen, aufmerksam gemacht, waren auf ihrer Hut: Man kam unverrichteter Sache zurück, die sämtliche Belagerungsarmee war in Bestürzung.

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