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         Iphigenie auf Tauris
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4. Aufzug

Erster Auftritt

Iphigenie.
Denken die Himmlischen
Einem der Erdgebornen
Viele Verwirrungen zu,
Und bereiten sie ihm
Von der Freude zu Schmerzen
Und von Schmerzen zur Freude
Tief erschütternden Übergang:
Dann erziehen sie ihm
In der Nähe der Stadt
Oder am fernen Gestade,
Dass in Stunden der Not
Auch die Hilfe bereit sei,
Einen ruhigen Freund.
O segnet, Götter, unsern Pylades
Und was er immer unternehmen mag!
Er ist der Arm des Jünglings in der Schlacht,
Der Greises leuchtend Aug’ in der Versammlung:
Denn seine Seel’ ist stille; sie bewahrt
Der Ruhe heil’ges, unerschöpftes Gut,
Und den Umhergetriebnen reichet er
Aus ihren Tiefen Rat und Hilfe. Mich
Riss er vom Bruder los; den staunt’ ich an
Und immer wieder an und konnte mir
Das Glück nicht eigen machen, ließ ihn nicht
Aus meinen Armen los und fühlte nicht
Die Nähe der Gefahr, die uns umgibt.
Jetzt gehn sie, ihren Anschlag auszuführen,
Der See zu, wo das Schiff mit den Gefährten,
In einer Bucht versteckt, aufs Zeichen lauert,
Und haben kluges Wort mir in den Mund
Gegeben, mich gelehrt, was ich dem König
Antworte, wenn er sendet und das Opfer
Mir dringender gebietet. Ach! Ich sehe wohl,
Ich muss mich leiten lassen wie ein Kind.
Ich habe nicht gelernt zu hinterhalten
Noch jemand etwas abzulisten. Weh!
O weh der Lüge! Sie befreiet nicht
Wie jedes andre, wahr gesprochne Wort
Die Brust; sie macht uns nicht getrost, sie ängstet
Den, der sie heimlich schmiedet, und sie kehrt,
Ein los gedruckter Pfeil, von einem Gotte
Gewendet und versagend, sich zurück
Und trifft den Schützen. Sorg’ auf Sorge schwankt
Mir durch die Brust. Es greift die Furie
Vielleicht den Bruder auf dem Boden wieder
Des ungeweihten Ufers grimmig an.
Entdeckt man sie vielleicht? Mich dünkt, ich höre
Gewaffnete sich nahen! – Hier! – Der Bote
Kommt von dem Könige mit schnellem Schritt.
Es schlägt mein Herz, es trübt sich meine Seele,
Da ich des Mannes Angesicht erblicke,
Dem ich mit falschem Wort begegnen soll.


Zweiter Auftritt

Iphigenie. Arkas.

Arkas.
Beschleunige das Opfer, Priesterin!
Der König wartet, und es harrt das Volk.

Iphigenie.
Ich folgte meiner Pflicht und deinem Wink,
Wenn unvermutet nicht ein Hindernis
Sich zwischen mich und die Erfüllung stellte.

Arkas.
Was ist’s, das den Befehl des Königs hindert?

Iphigenie.
Der Zufall, dessen wir nicht Meister sind.

Arkas.
So sage mir’s, dass ich’s ihm schnell vermelde:
Denn er beschloss bei sich der beiden Tod.

Iphigenie.
Die Götter haben ihn noch nicht beschlossen.
Der ältste dieser Männer trägt die Schuld
Des nah verwandten Bluts, das er vergoss.
Die Furien verfolgen seinen Pfad,
Ja, in dem innern Tempel fasste selbst
Das Übel ihn, und seine Gegenwart
Entheiligte die reine Stätte. Nun
Eil’ ich mit meinen Jungfraun, an dem Meere
Der Göttin Bild mit frischer Welle netzend,
Geheimnisvolle Weihe zu begehn.
Es störe niemand unsern stillen Zug!

Arkas.
Ich melde dieses neue Hindernis
Dem Könige geschwind; beginne du
Das heil’ge Werk nicht eh’, bis er’s erlaubt.

Iphigenie.
Dies ist allein der Priestrin uberlassen.

Arkas.
Solch seltnen Fall soll auch der König wissen.

Iphigenie.
Sein Rat wie sein Befehl verändert nichts.

Arkas.
Oft wird der Mächtige zum Schein gefragt.

Iphigenie.
Erdringe nicht, was ich versagen sollte.

Arkas.
Versage nicht, was gut und nützlich ist.

Iphigenie.
Ich gebe nach, wenn du nicht säumen willst.

Arkas.
Schnell bin ich mit der Nachricht in dem Lager.
Und schnell mit seinen Worten hier zurück.
O könnt’ ich ihm noch eine Botschaft bringen,
Die alles löste, was uns jetzt verwirrt:
Denn du hast nicht des Treuen Rat geachtet.

Iphigenie.
Was ich vermochte, ’hab ich gern getan.

Arkas.
Noch änderst du den Sinn zur rechten Zeit.

Iphigenie.
Das steht nun einmal nicht in unsrer Macht.

Arkas.
Du hältst unmöglich, was dir Mühe kostet.

Iphigenie.
Dir scheint es möglich, weil der Wunsch dich trügt.

Arkas.
Willst du denn alles so gelassen wagen?

Iphigenie.
Ich hab’ es in der Götter Hand gelegt.

Arkas.
Sie pflegen Menschen menschlich zu erretten.

Iphigenie.
Auf ihren Fingerzeig kömmt alles an.

Arkas.
Ich sage dir, es liegt in deiner Hand.
Des Königs aufgebrachter Sinn allein
Bereitet diesen Fremden bittern Tod.
Das Heer entwöhnte längst vom harten Opfer
Und von dem blut’gen Dienste sein Gemüt.
Ja, mancher, den ein widriges Geschick
An fremdes Ufer trug, empfand es selbst,
Wie göttergleich dem armen Irrenden,
Umher Getriebnen an der fremden Grenze
Ein freundlich Menschenangesicht begegnet.
O wende nicht von uns, was du vermagst!
Du endest leicht, was du begonnen hast:
Denn nirgends baut die Milde, die herab
In menschlicher Gestalt vom Himmel kommt,
Ein Reich sich schneller, als wo trüb und wild
Ein neues Volk voll Leben, Mut und Kraft,
Sich selbst und banger Ahnung überlassen,
Des Menschenlebens schwere Bürden trägt.

Iphigenie.
Erschüttre meine Seele nicht, die du
Nach deinem Willen nicht bewegen kannst.

Arkas.
Solang es Zeit ist, schont man weder Mühe
Noch eines guten Wortes Wiederholung.

Iphigenie.
Du machst dir Müh, und mir erregst du Schmerzen;
Vergebens beides: Darum lass mich nun.

Arkas.
Die Schmerzen sind’s, die ich zu Hilfe rufe:
Denn es sind Freunde, Gutes raten sie.

Iphigenie.
Sie fassen meine Seele mit Gewalt,
Doch tilgen sie den Widerwillen nicht.

Arkas.
Fühlt eine schöne Seele Widerwillen
Für eine Wohltat, die der Edle reicht?

Iphigenie.
Ja, wenn der Edle, was sich nicht geziemt,
Statt meines Dankes mich erwerben will.

Arkas.
Wer keine Neigung fühlt, dem mangelt es
An einem Worte der Entschuld’gung nie.
Dem Fürsten sag’ ich an, was hier geschehn.
O wiederholtest du in deiner Seele,
Wie edel er sich gegen dich betrug
Von deiner Ankunft an bis diesen Tag!


Dritter Auftritt

Iphigenie (allein).
Von dieses Mannes Rede fühl’ ich mir
Zur ungelegnen Zeit das Herz im Busen
Auf einmal umgewendet. Ich erschrecke! –
Denn wie die Flut mit schnellen Strömen wachsend
Die Felsen überspült, die in dem Sand
Am Ufer liegen: So bedeckte ganz
Ein Freudenstrom mein Innerstes. Ich hielt
In meinen Armen das Unmögliche.
Es schien sich eine Wolke wieder sanft
Um mich zu legen, von der Erde mich
Empor zu heben und in jenen Schlummer
Mich einzuwiegen, den die gute Göttin
Um meine Schläfe legte, da ihr Arm
Mich rettend fasste. – Meinen Bruder
Ergriff das Herz mit einziger Gewalt:
Ich horchte nur auf seines Freundes Rat;
Nur sie zu retten, drang die Seele vorwärts.
Und wie den Klippen einer wüsten Insel
Der Schiffer gern den Rücken wendet: So
Lag Tauris hinter mir. Nun hat die Stimme
Des treuen Manns mich wieder aufgeweckt,
Dass ich auch Menschen hier verlasse, mich
Erinnert. Doppelt wird mir der Betrug
Verhasst. O bleibe ruhig, meine Seele!
Beginnst du nun zu schwanken und zu zweifeln?
Den festen Boden deiner Einsamkeit
Musst du verlassen! Wieder eingeschifft,
Ergreifen dich die Wellen schaukelnd, trüb
Und bang verkennest du die Welt und dich.


Vierter Auftritt

Iphigenie. Pylades.

Pylades.
Wo ist sie? Dass ich ihr mit schnellen Worten
Die frohe Botschaft unsrer Rettung bringe!

Iphigenie.
Du siehst mich hier voll Sorgen und Erwartung
Des sichern Trostes, den du mir versprichst.

Pylades.
Dein Bruder ist geheilt! Den Felsenboden
Des ungeweihten Ufers und den Sand
Betraten wir mit fröhlichen Gesprächen;
Der Hain blieb hinter uns, wir merkten’s nicht.
Und herrlicher und immer herrlicher
Umloderte der Jugend schöne Flamme
Sein lockig Haupt; sein volles Auge glühte
Von Mut und Hoffnung, und sein freies Herz
Ergab sich ganz der Freude, ganz der Lust,
Dich, seine Retterin, und mich zu retten.

Iphigenie.
Gesegnet seist du, und es möge nie
Von deiner Lippe, die so Gutes sprach,
Der Ton des Leidens und der Klage tönen!

Pylades.
Ich bringe mehr als das; denn schön begleitet,
Gleich einem Fürsten pflegt das Glück zu nahn.
Auch die Gefährten haben wir gefunden.
In einer Felsenbucht verbargen sie
Das Schiff und saßen traurig und erwartend.
Sie sahen deinen Bruder, und es regten
Sich alle jauchzend, und sie baten dringend,
Der Abfahrt Stunde zu beschleunigen.
Es sehnet jede Faust sich nach dem Ruder,
Und selbst ein Wind erhob vom Lande lispelnd,
Von allen gleich bemerkt, die holden Schwingen.
Drum lass uns eilen, führe mich zum Tempel,
Lass mich das Heiligtum betreten, lass
Mich unsrer Wünsche Ziel verehrend fassen!
Ich bin allein genug, der Göttin Bild
Auf wohl geübten Schultern wegzutragen:
Wie sehn’ ich mich nach der erwünschten Last!

(Er geht gegen den Tempel unter den letzten Worten, ohne zu bemerken, dass Iphigenie nicht folgt; endlich kehrt er sich um.)

Du stehst und zauderst – Sage mir – du schweigst!
Du scheinst verworren! Widersetzet sich
Ein neues Unheil unserm Glück? Sag’ an!
Hast du dem Könige das kluge Wort
Vermelden lassen, das wir abgeredet?

Iphigenie.
Ich habe, teurer Mann; doch wirst du schelten.
Ein schweigender Verweis war mir dein Anblick.
Des Königs Bote kam, und wie du es
Mir in den Mund gelegt, so sagt’ ich’s ihm.
Er schien zu staunen und verlangte dringend,
Die seltne Feier erst dem Könige
Zu melden, seinen Willen zu vernehmen;
Und nun erwart’ ich seine Wiederkehr.

Pylades.
Weh uns! Erneuert schwebt nun die Gefahr
Um unsre Schläfe! Warum hast du nicht
Ins Priesterrecht dich weislich eingehüllt?

Iphigenie.
Als eine Hülle hab’ ich’s nie gebraucht.

Pylades.
So wirst du, reine Seele, dich und uns
Zugrunde richten. Warum dacht’ ich nicht
Auf diesen Fall voraus und lehrte dich
Auch dieser Fordrung auszuweichen!

Iphigenie.
Schilt
Nur mich, die Schuld ist mein, ich fühl’ es wohl;
Doch konnt’ ich anders nicht dem Mann begegnen,
Der mit Vernunft und Ernst von mir verlangte,
Was ihm mein Herz als Recht gestehen musste.

Pylades.
Gefährlicher zieht sich’s zusammen; doch auch so
Lass uns nicht zagen oder unbesonnen
Und übereilt uns selbst verraten. Ruhig
Erwarte du die Wiederkunft des Boten
Und dann steh fest, er bringe, was er will:
Denn solcher Weihung Feier anzuordnen,
Gehört der Priesterin und nicht dem König.
Und fordert er, den fremden Mann zu sehn,
Der von dem Wahnsinn schwer belastet ist,
So lehn’ es ab, als hieltest du uns beide
Im Tempel wohl verwahrt. So schaff’ uns Luft,
Dass wir aufs eiligste, den heil’gen Schatz
Dem rau unwürd’gen Volk entwendend, fliehn.
Die besten Zeichen sendet uns Apoll,
Und eh’ wir die Bedingung fromm erfüllen,
Erfüllt er göttlich sein Versprechen schon.
Orest ist frei, geheilt! – Mit dem Befreiten
O führet uns hinüber, günst’ge Winde,
Zur Felseninsel, die der Gott bewohnt;
Dann nach Mycen, dass es lebendig werde,
Dass von der Asche des verloschnen Herdes
Die Vatergötter fröhlich sich erheben,
Und schönes Feuer ihre Wohnungen
Umleuchte! Deine Hand soll ihnen Weihrauch
Zuerst aus goldnen Schalen streuen. Du
Bringst über jene Schwelle Heil und Leben wieder,
Entsühnst den Fluch und schmückest neu die Deinen
Mit frischen Lebensblüten herrlich aus.

Iphigenie.
Vernehm’ ich dich, so wendet sich, o Teurer,
Wie sich die Blume nach der Sonne wendet,
Die Seele, von dem Strahle deiner Worte
Getroffen, sich dem süßen Troste nach.
Wie köstlich ist des gegenwärt’gen Freundes
Gewisse Rede, deren Himmelskraft
Ein Einsamer entbehrt und still versinkt.
Denn langsam reift, verschlossen in dem Busen,
Gedank’ ihm und Entschluss; die Gegenwart
Des Liebenden entwickelte sie leicht.

Pylades.
Leb’ wohl! Die Freunde will ich nun geschwind
Beruhigen, die sehnlich wartend harren.
Dann komm’ ich schnell zurück und lausche hier
Im Felsenbusch versteckt auf deinen Wink –
Was sinnest du? Auf einmal überschwebt
Ein stiller Trauerzug die freie Stirne.

Iphigenie.
Verzeih! Wie leichte Wolken vor der Sonne,
So zieht mir vor der Seele leichte Sorge
Und Bangigkeit vorüber.

Pylades.
Fürchte nicht!
Betrüglich schloss die Furcht mit der Gefahr
Ein enges Bündnis; beide sind Gesellen.

Iphigenie.
Die Sorge nenn’ ich edel, die mich warnt,
Den König, der mein zweiter Vater ward,
Nicht tückisch zu betrügen, zu berauben.

Pylades.
Der deinen Bruder schlachtet, dem entfliehst du.

Iphigenie.
Es ist derselbe, der mir Gutes tat.

Pylades.
Das ist nicht Undank, was die Not gebeut.

Iphigenie.
Es bleibt wohl Undank; nur die Not entschuldigt’s.

Pylades.
Vor Göttern und vor Menschen dich gewiss.

Iphigenie.
Allein mein eigen Herz ist nicht befriedigt.

Pylades.
Zu strenge Fordrung ist verborgner Stolz.

Iphigenie.
Ich untersuche nicht, ich fühle nur.

Pylades.
Fühlst du dich recht, so musst du dich verehren.

Iphigenie.
Ganz unbefleckt genießt sich nur das Herz.

Pylades.
So hast du dich im Tempel wohl bewahrt;
Das Leben lehrt uns, weniger mit uns
Und andern strenge sein: Du lernst es auch.
So wunderbar ist dies Geschlecht gebildet,
So vielfach ist’s verschlungen und verknüpft,
Dass keiner in sich selbst noch mit den andern
Sich rein und unverworren halten kann.
Auch sind wir nicht bestellt, uns selbst zu richten;
Zu wandeln und auf seinen Weg zu sehen,
Ist eines Menschen erste, nächste Pflicht.
Denn selten schätzt er recht, was er getan,
Und was er tut, weiß er fast nie zu schätzen.

Iphigenie.
Fast überredst du mich zu deiner Meinung.

Pylades.
Braucht’s Überredung, wo die Wahl versagt ist?
Den Bruder, dich und einen Freund zu retten,
Ist nur ein Weg: Fragt sich’s, ob wir ihn gehn?

Iphigenie.
O lass mich zaudern! Denn du tätest selbst
Ein solches Unrecht keinem Mann gelassen,
Dem du für Wohltat dich verpflichtet hieltest.

Pylades.
Wenn wir zugrunde gehen, wartet dein
Ein härtrer Vorwurf, der Verzweiflung trägt.
Man sieht, du bist nicht an Verlust gewohnt,
Da du, dem großen Übel zu entgehen,
Ein falsches Wort nicht einmal opfern willst.

Iphigenie.
O trüg’ ich doch ein männlich Herz in mir,
Das, wenn es einen kühnen Vorsatz hegt,
Vor jeder andern Stimme sich verschließt!

Pylades.
Du weigerst dich umsonst; die ehrne Hand
Der Not gebietet, und ihr ernster Wink
Ist oberstes Gesetz, dem Götter selbst
Sich unterwerfen müssen. Schweigend herrscht
Des ew’gen Schicksals unberatne Schwester.
Was sie dir auferlegt, das trage: Tu,
Was sie gebeut. Das andre weißt du. Bald
Komm’ ich zurück, aus deiner heil’gen Hand
Der Rettung schönes Siegel zu empfangen.


Fünfter Auftritt

Iphigenie (allein).
Ich muss ihm folgen: Denn die Meinigen
Seh’ ich in dringender Gefahr. Doch ach!
Mein eigen Schicksal macht mir bang und bänger.
O soll ich nicht die stille Hoffnung retten,
Die in der Einsamkeit ich schön genährt?
Soll dieser Fluch denn ewig walten? Soll
Nie dies Geschlecht mit einem neuen Segen
Sich wieder heben? – Nimmt doch alles ab!
Das beste Glück, des Lebens schönste Kraft
Ermattet endlich: Warum nicht der Fluch?
So hofft’ ich denn vergebens, hier verwahrt,
Von meines Hauses Schicksal abgeschieden,
Dereinst mit reiner Hand und reinem Herzen
Die schwer befleckte Wohnung zu entsühnen.
Kaum wird in meinen Armen mir ein Bruder
Vom grimm’gen Übel wundervoll und schnell
Geheilt, kaum naht ein lang erflehtes Schiff,
Mich in den Port der Vaterwelt zu leiten,
So legt die taube Not ein doppelt Laster
Mit ehrner Hand mir auf: Das heilige,
Mir anvertraute, viel verehrte Bild
Zu rauben und den Mann zu hintergehn,
Dem ich mein Leben und mein Schicksal danke.
O dass in meinem Busen nicht zuletzt
Ein Widerwille keime! Der Titanen,
Der alten Götter tiefer Hass auf euch,
Olympier, nicht auch die zarte Brust
Mit Geierklauen fasse! Rettet mich
Und rettet euer Bild in meiner Seele!

   Vor meinen Ohren tönt das alte Lied –
Vergessen hatt’ ich’s und vergaß es gern –,
Das Lied der Parzen, das sie grausend sangen,
Als Tantalus vom goldnen Stuhle fiel:
Sie litten mit dem edeln Freunde; grimmig
War ihre Brust und furchtbar ihr Gesang.
In unsrer Jugend sang’s die Amme mir
Und den Geschwistern vor, ich merkt’ es wohl.

      Es fürchte die Götter
   Das Menschengeschlecht!
   Sie halten die Herrschaft
   In ewigen Händen
   Und können sie brauchen,
   Wie’s ihnen gefällt.

      Der fürchte sie doppelt,
   Den je sie erheben!
   Auf Klippen und Wolken
   Sind Stühle bereitet
   Um goldene Tische.

      Erhebet ein Zwist sich.
   So stürzen die Gäste
   Geschmäht und geschändet
   In nächtliche Tiefen
   Und harren vergebens,
   Im Finstern gebunden,
   Gerechten Gerichtes.

      Sie aber, sie bleiben
   In ewigen Festen
   An goldenen Tischen.
   Sie schreiten vom Berge
   Zu Bergen hinüber:
   Aus Schlünden der Tiefe
   Dampft ihnen der Atem
   Erstickter Titanen,
   Gleich Opfergerüchen,
   Ein leichtes Gewölke.

      Es wenden die Herrscher
   Ihr segnendes Auge
   Von ganzen Geschlechtern
   Und meiden, im Enkel
   Die ehmals geliebten,
   Still redenden Züge
   Des Ahnherrn zu sehn.

      So sangen die Parzen;
   Es horcht der Verbannte
   In nächtlichen Höhlen,
   Der Alte, die Lieder,
   Denkt Kinder und Enkel
   Und schüttelt das Haupt.

Ü   Þ

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