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Erato

Dorothea

   Wie der wandernde Mann, der vor dem Sinken der Sonne
Sie noch einmal ins Auge, die schnell verschwindende, fasste,
Dann im dunkeln Gebüsch und an der Seite des Felsens
Schweben sieht ihr Bild; wohin er die Blick nur wendet,
Eilet es vor und glänzt und schwankt in herrlichen Farben:
So bewegte vor Hermann die liebliche Bildung des Mädchens
Sanft sich vorbei und schien dem Pfad ins Getreide zu folgen.
Aber er fuhr aus dem staunenden Traum auf, wendete langsam
Nach dem Dorf sich zu und staunte wieder; denn wieder
Kam ihm die hohe Gestalt des herrlichen Mädchens entgegen.
Fest betrachtet’ er sie: Es war kein Scheinbild, sie war es
Selber. Den größeren Krug und einen kleinern am Henkel
Tragend in jeglicher Hand, so schritt sie geschäftig zum Brunnen.
Und er ging ihr freudig entgegen. Es gab ihm ihr Anblick
Mut und Kraft; er sprach zu seiner Verwunderten also:
„Find’ ich dich, wackeres Mädchen, so bald aufs neue beschäftigt,
Hilfreich andern zu sein und gern zu erquicken die Menschen?
Sag’, warum kommst du allein zum Quell, der doch so entfernt liegt,
Da sich andere doch mit dem Wasser des Dorfes begnügen?
Freilich ist dies von besonderer Kraft und lieblich zu kosten.
Jener Kranken bringst du es wohl, die du treulich gerettet?“

   Freundlich begrüßte sogleich das gute Mädchen den Jüngling,
Sprach: „So ist schon hier der Weg mir zum Brunnen belohnt,
Da ich finde den Guten, der uns so vieles gereicht hat!
Denn der Anblick des Gebers ist, wie die Gaben, erfreulich.
Kommt und seht doch selber, wer Eure Milde genossen,
Und empfangt den ruhigen Dank von allen Erquickten.
Dass Ihr aber sogleich vernehmt, warum ich gekommen,
Hier zu schöpfen, wo rein und unablässig der Quell fließt,
Sag’ ich Euch dies: Es haben die unvorsichtigen Menschen
Alles Wasser getrübt im Dorf, mit Pferden und Ochsen
Gleich durchwatend den Quell, der Wasser bringt den Bewohnern.
Und so haben sie auch mit Waschen und Reinigen alle
Tröge des Dorfes beschmutzt und alle Brunnen besudelt;
Denn ein jeglicher denkt nur, sich selbst und das nächste Bedürfnis
Schnell zu befried’gen und rasch, und nicht des Folgenden denkt er.“

   Also sprach sie und war die breiten Stufen hinunter
Mit dem Begleiter gelangt; und auf das Mäuerchen setzten
Beide sich nieder des Quells. Sie beugte sich über, zu schöpfen;
Und er fasste den anderen Krug und beugte sich über.
Und sie sahen gespiegelt ihr Bild in der Bläue des Himmels
Schwanken und nickten sich zu und grüßten sich freundlich im Spiegel.
„Lass mich trinken!“, sagte darauf der heitere Jüngling,
Und sie reicht’ ihm den Krug. Dann ruhten sie beide, vertraulich
Auf die Gefäße gelehnt; sie aber sagte zum Freunde:
„Sage, wie find’ ich dich hier? Und ohne Wagen und Pferde,
Fern vom Ort, wo ich erst dich gesehn? Wie bist du gekommen?“

   Denkend schaute Hermann zur Erde; dann hob er die Blicke
Ruhig gegen sie auf und sah ihr freundlich ins Auge,
Fühlte sich still und getrost. Jedoch ihr von Liebe zu sprechen,
Wär’ ihm unmöglich gewesen: Ihr Auge blickte nicht Liebe,
Aber hellen Verstand, und gebot verständig zu reden.
Und er fasste sich schnell und sagte traulich zum Mädchen:
„Lass mich reden, mein Kind, und deine Fragen erwidern.
Deinetwegen kam ich hierher! Was soll ich’s verbergen?
Denn ich lebe beglückt mit beiden liebenden Eltern,
Denen ich treulich das Haus und die Güter helfe verwalten,
Als der einzige Sohn, und unsre Geschäfte sind vielfach.
Alle Felder besorg’ ich, der Vater waltet im Haus
Fleißig, die tätige Mutter belebt im Ganzen die Wirtschaft.
Aber du hast gewiss auch erfahren, wie sehr das Gesinde
Bald durch Leichtsinn und bald durch Untreu plagt die Hausfrau,
Immer sie nötigt, zu wechseln und Fehler um Fehler zu tauschen.
Lange wünschte die Mutter daher sich ein Mädchen im Haus,
Das mit der Hand nicht allein, das auch mit dem Herzen ihr helfe,
An der Tochter Statt, der leider früh verlornen.
Nun, als ich heut am Wagen dich sah in froher Gewandtheit,
Sah die Stärke des Arms und die volle Gesundheit der Glieder,
Als ich die Worte vernahm, die verständigen, war ich betroffen,
Und ich eilte nach Hause, den Eltern und Freunden die Fremde
Rühmend nach ihrem Verdienst. Nun komm’ ich dir aber zu sagen,
Was sie wünschen wie ich. – Verzeih mir die stotternde Rede!“

   „Scheut Euch nicht“, so sagte sie drauf, „das Weitre zu sprechen!
Ihr beleidigt mich nicht, ich hab’ es dankbar empfunden.
Sagt es nur grad heraus; mich kann das Wort nicht erschrecken:
Dingen möchtet Ihr mich als Magd für Vater und Mutter,
Zu versehen das Haus, das wohlerhalten Euch dasteht;
Und Ihr glaubt an mir ein tüchtiges Mädchen zu finden,
Zu der Arbeit geschickt und nicht von rohem Gemüt.
Euer Antrag war kurz, so soll die Antwort auch kurz sein!
Ja, ich gehe mit Euch, und folge dem Ruf des Schicksals.
Meine Pflicht ist erfüllt, ich habe die Wöchnerin wieder
Zu den ihren gebracht, sie freuen sich alle der Rettung;
Schon sind die meisten beisammen, die übrigen werden sich finden.
Alle denken gewiss, in kurzen Tagen zur Heimat
Wiederzukehren; so pflegt sich stets der Vertriebne zu schmeicheln.
Aber ich täusche mich nicht mit leichter Hoffnung in diesen
Traurigen Tagen, die uns noch traurige Tage versprechen;
Denn gelöst sind die Bande der Welt – wer knüpft sie wieder
Als allein nur die Not, die höchste, die uns bevorsteht!
Kann ich im Haus des würdigen Manns mich dienend, ernähren
Unter den Augen der trefflichen Frau, so tu’ ich es gerne;
Denn ein wanderndes Mädchen ist immer von schwankendem Ruf.
Ja, ich gehe mit Euch, sobald ich die Krüge den Freunden
Wiedergebracht und noch mir den Segen der Guten erbeten.
Kommt! Ihr müsst sie sehen, und mich von ihnen empfangen.“

   Fröhlich hörte der Jüngling des willigen Mädchens Entschließung,
Zweifelnd, ob er ihr nun die Wahrheit sollte gestehen.
Aber es schien ihm das Beste zu sein, in dem Wahn sie zu lassen,
In sein Haus sie zu führen, zu werben um Liebe nur dort erst.
Ach, und den goldenen Ring erblickt’ er am Finger des Mädchens!
Und so ließ er sie sprechen und horchte fleißig den Worten.

   „Lasst uns“, fuhr sie nun fort, „zurückkehren! Die Mädchen
Werden immer getadelt, die lange beim Brunnen verweilen;
Und doch ist es am rinnenden Quell so lieblich zu schwätzen.“
Also standen sie auf und schauten beide noch einmal
In den Brunnen zurück, und süßes Verlangen ergriff sie.

   Schweigend nahm sie darauf die beiden Krüge beim Henkel,
Stieg die Stufen hinan, und Hermann folgte der Lieben.
Einen Krug verlangt’ er von ihr, die Bürde zu teilen.
„Lasst ihn“, sprach sie; „es trägt sich besser die gleichere Last so.
Und der Herr, der künftig befiehlt, er soll mir nicht dienen.
Seht mich so ernst nicht an, als wäre mein Schicksal bedenklich!
Dienen lerne beizeiten das Weib nach ihrer Bestimmung;
Denn durch Dienen allein gelangt sie endlich zum Herrschen,
Zu der verdienten Gewalt, die doch ihr im Haus gehört.
Dient die Schwester dem Bruder doch früh, sie dient den Eltern,
Und ihr Leben ist immer ein ewiges Gehen und Kommen,
Oder ein Heben und Tragen, Bereiten und Schaffen für andre.
Wohl ihr, wenn sie daran sich gewöhnt, dass kein Weg ihr zu sauer
Wird, und die Stunden der Nacht ihr sind wie die Stunden des Tages,
Dass ihr niemals die Arbeit zu klein und die Nadel zu fein dünkt,
Dass sie sich ganz vergisst und leben mag nur in andern!
Denn als Mutter, fürwahr, bedarf sie der Tugenden alle,
Wenn der Säugling die Krankende weckt und Nahrung begehrt
Von der Schwachen, und so zu Schmerzen Sorgen sich häufen.
Zwanzig Männer verbunden ertrügen nicht diese Beschwerde,
Und sie sollen es nicht; doch sollen sie dankbar es einsehn.“

   Also sprach sie und war mit ihrem stillen Begleiter
Durch den Garten gekommen bis an die Tenne der Scheune,
Wo die Wöchnerin lag, die sie froh mit den Töchtern verlassen,
Jenen geretteten Mädchen, den schönen Bildern der Unschuld.
Beide traten hinein; und von der anderen Seite
Trat, ein Kind an jeglicher Hand, der Richter zugleich ein.
Diese waren bisher der jammernden Mutter verloren,
Aber gefunden hatte sie nun im Gewimmel der Alte.
Und sie sprangen mit Lust, die liebe Mutter zu grüßen,
Sich des Bruders zu freun, des unbekannten Gespielen!
Auf Dorothea sprangen sie dann und grüßten sie freundlich,
Brot verlangend und Obst, vor allem aber zu trinken.
Und sie reichte das Wasser herum. Da tranken die Kinder,
Und die Wöchnerin trank mit den Töchtern, so trank auch der Richter.
Alle waren geletzt und lobten das herrliche Wasser:
Säuerlich war’s und erquicklich, gesund zu trinken den Menschen.

   Da versetzte das Mädchen mit ernsten Blicken und sagte:
„Freunde, dieses ist wohl das letzte Mal, dass ich den Krug euch
Führe zum Mund, dass ich die Lippen mit Wasser euch netze:
Aber wenn euch fortan am heißen Tag der Trunk labt,
Wenn ihr im Schatten der Ruh und der reinen Quellen genießt,
Dann gedenkt auch mein und meines freundlichen Dienstes,
Den ich aus Liebe mehr als aus Verwandtschaft geleistet.
Was ihr mir Gutes erzeigt, erkenn’ ich durchs künftige Leben.
Ungern lass ich Euch zwar; doch jeder ist diesmal dem andern
Mehr zur Last als zum Trost, und alle müssen wir endlich
Uns im fremden Land zerstreun, wenn die Rückkehr versagt ist.
Seht, hier steht der Jüngling, dem wir die Gaben verdanken,
Diese Hülle des Kinds und jene willkommene Speise.
Dieser kommt und wirbt, in seinem Haus mich zu sehen,
Dass ich diene daselbst den reichen, trefflichen Eltern;
Und ich schlag’ es nicht ab; denn überall dient das Mädchen,
Und ihr wäre zur Last, bedient im Haus zu ruhen.
Also folg’ ich ihm gern; er scheint ein verständiger Jüngling,
Und so werden die Eltern es sein, wie Reichen geziemt.
Darum lebt nun wohl, geliebte Freundin, und freut
Euch des lebendigen Säuglings, der schon so gesund Euch anblickt.
Drücket Ihr ihn an die Brust in diesen farbigen Wickeln,
O, so gedenkt des Jünglings, des guten, der sie uns reichte,
Und der künftig auch mich, die Eure, nährt und kleidet!
Und Ihr, trefflicher Mann“, so sprach sie gewendet zum Richter,
„Habt Dank, dass Ihr Vater mir wart in mancherlei Fällen.“

   Und sie kniete darauf zur guten Wöchnerin nieder,
Küsste die weinende Frau, und vernahm des Segens Gelispel.
Aber du sagtest indes, ehrwürdiger Richter, zu Hermann:
„Billig seid Ihr, o Freund, zu den guten Wirten zu zählen,
Die mit tüchtigen Menschen den Haushalt zu führen bedacht sind.
Denn ich habe wohl oft gesehn, dass man Rinder und Pferde,
Sowie Schafe, genau bei Tausch und Handel betrachtet;
Aber den Menschen, der alles erhält, wenn er tüchtig und gut ist,
Und der alles zerstreut und zerstört durch falsches Beginnen,
Diesen nimmt man nur so auf Glück und Zufall ins Haus ein
Und bereut zu spät ein übereiltes Entschließen.
Aber es scheint, Ihr versteht’s! Denn Ihr habt ein Mädchen erwählt,
Euch zu dienen im Haus und Euren Eltern, das brav ist.
Haltet sie wohl! Ihr werdet, solang’ sie der Wirtschaft sich annimmt,
Nicht die Schwester vermissen, noch Eure Eltern die Tochter.“

   Viele kamen indes, der Wöchnerin nahe Verwandte,
Manches bringend und ihr die bessere Wohnung verkündend.
Alle vernahmen des Mädchens Entschluss und segneten Hermann
Mit bedeutenden Blicken und mit besondern Gedanken.
Denn so sagte wohl eine zur andern flüchtig ans Ohr hin:
„Wenn aus dem Herrn ein Bräutigam wird, so ist sie geborgen.“
Hermann fasste darauf sie bei der Hand an und sagte:
„Lass uns gehen! Es neigt sich der Tag, und fern ist das Städtchen.“
Lebhaft gesprächig umarmten darauf Dorothea die Weiber.
Hermann zog sie hinweg; noch viele Grüße befahl sie.
Aber da fielen die Kinder mit Schrein und entsetzlichem Weinen
Ihr in die Kleider und wollten die zweite Mutter nicht lassen.
Aber ein’ und die andre der Weiber sagte gebietend:
„Stille, Kinder! Sie geht in die Stadt, und bringt euch des guten
Zuckerbrotes genug, das euch der Bruder bestellte,
Als der Storch ihn jüngst beim Zuckerbäcker vorbei trug,
Und ihr seht sie bald mit den schön vergoldeten Deuten.“
Und so ließen die Kinder sie los, und Hermann entriss sie
Noch den Umarmungen kaum und den ferne winkenden Tüchern.

Ü   Þ

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