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Polyhymnia

Der Weltbürger

   Aber es saßen die drei noch immer sprechend zusammen,
Mit dem geistlichen Herrn der Apotheker beim Wirt,
Und es war das Gespräch noch immer eben dasselbe,
Das viel hin und her nach allen Seiten geführt ward.
Aber der treffliche Pfarrer versetzte, würdig gesinnt, drauf:
„Widersprechen will ich euch nicht. Ich weiß es, der Mensch soll
Immer streben zum Bessern; und, wie wir sehen, er strebt auch
Immer dem Höheren nach, zum wenigsten sucht er das Neue.
Aber geht nicht zu weit! Denn neben diesen Gefühlen
Gab die Natur uns auch die Lust zu verharren im Alten
Und sich dessen zu freun, was jeder lange gewohnt ist.
Aller Zustand ist gut, der natürlich ist und vernünftig.
Vieles wünscht sich der Mensch, und doch bedarf er nur wenig;
Denn die Tage sind kurz, und beschränkt der Sterblichen Schicksal.
Niemals tadl’ ich den Mann, der immer, tätig und rastlos
Umgetrieben, das Meer und alle Straßen der Erde
Kühn und emsig befährt und sich des Gewinnes erfreut,
Welcher sich reichlich um ihn und um die Seinen herum häuft.
Aber jener ist auch mir wert, der ruhige Bürger,
Der sein väterlich Erbe mit stillen Schritten umgeht
Und die Erde besorgt, so wie es die Stunden gebieten.
Nicht verändert sich ihm in jedem Jahr der Boden,
Nicht streckt eilig der Baum, der neu gepflanzte, die Arme
Gegen den Himmel aus, mit reichlichen Blüten geziert.
Nein, der Mann bedarf der Geduld; er bedarf auch des reinen,
Immer gleichen, ruhigen Sinns und des graden Verstandes.
Denn nur wenige Samen vertraut er der nährenden Erde,
Wenige Tiere nur versteht er, mehrend, zu ziehen;
Denn das Nützliche bleibt allein sein ganzer Gedanke.
Glücklich, wem die Natur ein so gestimmtes Gemüt gab!
Er ernährt uns alle. Und Heil dem Bürger des kleinen
Städtchens, welcher ländlich Gewerb’ mit Bürgergewerbe gepaart!
Auf ihm liegt nicht der Druck, der ängstlich den Landmann beschränkt;
Ihn verwirrt nicht die Sorge der viel begehrenden Städter,
Die dem Reicheren stets und dem Höheren, wenig vermögend,
Nachzustreben gewohnt sind, besonders die Weiber und Mädchen.
Segnet immer darum des Sohnes ruhig Bemühen
Und die Gattin, die einst er, die gleich gesinnte, sich wählt.“

   Also sprach er. Es trat die Mutter zugleich mit dem Sohn ein,
Führend ihn bei der Hand und vor den Gatten ihn stellend.
„Vater“, sprach sie, „wie oft gedachten wir, untereinander
Schwatzend, des fröhlichen Tags, der kommen würde, wenn künftig
Hermann, seine Braut sich erwählend, uns endlich erfreute!
Hin und wider dachten wir da; bald dieses, bald jenes
Mädchen bestimmten wir ihm mit elterlichem Geschwätz.
Nun ist er kommen, der Tag; nun hat die Braut ihm der Himmel
Hergeführt und gezeigt, es hat sein Herz nun entschieden.
Sagten wir damals nicht immer: er solle selber sich wählen?
Wünschtest du nicht noch vorhin, er möchte heiter und lebhaft
Für ein Mädchen empfinden? Nun ist die Stunde gekommen!
Ja, er hat gefühlt und gewählt und ist männlich entschieden.
Jenes Mädchen ist’s, die Fremde, die ihm begegnet.
Gib sie ihm! Oder er bleibt, so schwur er, im ledigen Stand.“

   Und es sagte der Sohn: „Die gebt mir, Vater! Mein Herz hat
Rein und sicher gewählt; Euch ist sie die würdigste Tochter.“

   Aber der Vater schwieg. Da stand der Geistliche schnell auf,
Nahm das Wort und sprach: „Der Augenblick nur entscheidet
Über das Leben des Menschen und über sein ganzes Geschick;
Denn nach langer Beratung ist doch ein jeder Entschluss nur
Werk des Moments, es ergreift doch nur der Verständ’ge das Rechte.
Immer gefährlicher ist’s, beim Wählen dieses und jenes
Nebenher zu bedenken und so das Gefühl zu verwirren.
Rein ist Hermann – ich kenn’ ihn von Jugend auf – und er streckte
Schon als Knabe die Hände nicht aus nach diesem und jenem.
Was er begehrte, das war ihm gemäß; so hielt er es fest auch.
Seid nicht scheu und verwundert, dass nun auf einmal erscheint,
Was Ihr so lange gewünscht. Es hat die Erscheinung fürwahr nicht
Jetzt die Gestalt des Wunsches, so wie Ihr ihn etwa gehegt.
Denn die Wünsche verhüllen uns selbst das Gewünschte; die Gaben
Kommen von oben herab, in ihren eignen Gestalten.
Nun verkennt es nicht, das Mädchen, das Eurem geliebten,
Guten, verständigen Sohn zuerst die Seele bewegt hat.
Glücklich ist der, dem sogleich die erste Geliebte die Hand reicht,
Dem der lieblichste Wunsch nicht heimlich im Herzen verschmachtet!
Ja, ich seh’ es ihm an, es ist sein Schicksal entschieden.
Wahre Neigung vollendet sogleich zum Mann den Jüngling.
Nicht beweglich ist er; ich fürchte, versagt Ihr ihm dieses,
Gehen die Jahre dahin, die schönsten, in traurigem Leben.“

   Da versetzte sogleich der Apotheker bedächtig,
Dem schon lange das Wort von der Lippe zu springen bereit war:
„Lasst uns auch diesmal doch nur die Mittelstraße betreten!
Eile mit Weile! Das war selbst Kaiser Augustus’ Devise.
Gerne schick’ ich mich an, den lieben Nachbarn zu dienen,
Meinen geringen Verstand zu ihrem Nutzen zu brauchen;
Und besonders bedarf die Jugend, dass man sie leite.
Lasst mich also hinaus; ich will es prüfen, das Mädchen,
Will die Gemeinde befragen, in der sie lebt und bekannt ist.
Niemand betrügt mich so leicht; ich weiß die Worte zu schätzen.“

   Da versetzte sogleich der Sohn mit geflügelten Worten:
„Tut es, Nachbar, und geht und erkundigt Euch. Aber ich wünsche,
Dass der Herr Pfarrer sich auch in Eurer Gesellschaft befinde;
Zwei so treffliche Männer sind unverwerfliche Zeugen.
O mein Vater! sie ist nicht hergelaufen, das Mädchen,
Keine, die durch das Land auf Abenteuer umherschweift,
Und den Jüngling bestrickt, den unerfahrnen, mit Ränken.
Nein! Das wilde Geschick des allverderblichen Krieges,
Das die Welt zerstört und manches feste Gebäude
Schon aus dem Grund gehoben, hat auch die Arme vertrieben.
Streifen nicht herrliche Männer von hoher Geburt nun im Elend?
Fürsten fliehen vermummt, und Könige leben verbannt.
Ach, so ist auch sie, von ihren Schwestern die beste,
Aus dem Land getrieben; ihr eignes Unglück vergessend,
Steht sie anderen bei, ist ohne Hilfe noch hilfreich.
Groß sind Jammer und Not, die über die Erde sich breiten:
Sollte nicht auch ein Glück aus diesem Unglück hervorgehn
Und ich, im Arme der Braut, der zuverlässigen Gattin,
Mich nicht erfreuen des Kriegs, so wie Ihr des Brandes Euch freutet?“

   Da versetzte der Vater und tat bedeutend den Mund auf:
„Wie ist, o Sohn, dir die Zunge gelöst, die schon dir im Mund
Lange Jahre gestockt und nur sich dürftig bewegte!
Muss ich doch heut erfahren, was jedem Vater gedroht ist:
Dass den Willen des Sohns, den heftigen, gerne die Mutter
Allzu gelind begünstigt und jeder Nachbar Partei nimmt,
Wenn es über den Vater nun hergeht oder den Ehmann.
Aber ich will euch zusammen nicht widerstehen; was hilf’ es?
Denn ich sehe doch schon hier Trotz und Tränen im voraus.
Geht und prüft und bringt in Gottes Namen die Tochter
Mir ins Haus; wo nicht, so mag er das Mädchen vergessen.“

   Also der Vater. Es rief der Sohn mit froher Gebärde:
„Noch vor Abend ist euch die trefflichste Tochter beschert,
Wie sie der Mann sich wünscht, dem ein kluger Sinn in der Brust lebt.
Glücklich ist die Gute dann auch, so darf ich es hoffen.
Ja, sie dankt mir ewig, dass ich ihr Vater und Mutter
Wiedergegeben in Euch, so wie sie verständige Kinder
Wünschen. Aber ich zaudre nicht mehr; ich schirre die Pferde
Gleich und führe die Freunde hinaus auf die Spur der Geliebten,
Überlasse die Männer sich selbst und der eigenen Klugheit,
Richte, so schwör’ ich euch zu, mich ganz nach ihrer Entscheidung,
Und ich seh’ es nicht wieder, als bis es mein ist, das Mädchen.“
Und so ging er hinaus, indessen manches die andern
Weislich erwogen und schnell die wichtige Sache besprachen.

   Hermann eilte zum Stall sogleich, wo die mutigen Hengste
Ruhig standen und rasch den reinen Hafer verzehrten
Und das trockene Heu, auf der besten Wiese gehauen.
Eilig legt’ er ihnen darauf das blanke Gebiss an,
Zog die Riemen sogleich durch die schön versilberten Schnallen
Und befestigte dann die langen, breiteren Zügel,
Führte die Pferde heraus in den Hof, wo der willige Knecht schon
Vorgeschoben die Kutsche, sie leicht an der Deichsel bewegend.
Abgemessen knüpften sie drauf an die Wage mit saubern
Stricken die rasche Kraft der leicht hinziehenden Pferde.
Hermann fasste die Peitsche; dann saß er und rollt’ in den Torweg.
Als die Freunde nun gleich die geräumigen Plätze genommen,
Rollte der Wagen eilig und ließ das Pflaster zurück,
Ließ zurück die Mauern der Stadt und die reinlichen Türme.
So fuhr Hermann dahin, der wohlbekannten Chaussee zu,
Rasch, und säumte nicht und fuhr bergan wie bergunter.
Als er aber nunmehr den Turm des Dorfes erblickte
Und nicht fern mehr lagen die Garten umgebenen Häuser,
Dacht’ er bei sich selbst, nun anzuhalten die Pferde.

   Von dem würdigen Dunkel erhabener Linden umschattet,
Die Jahrhunderte schon an dieser Stelle gewurzelt,
War, mit Rasen bedeckt, ein weiter grünender Anger
Vor dem Dorf, den Bauern und nahen Städtern ein Lustort.
Flach gegraben befand sich unter den Bäumen ein Brunnen.
Stieg man die Stufen hinab, so zeigten sich steinerne Bänke,
Rings um die Quelle gesetzt, die immer lebendig hervorquoll,
Reinlich, mit niedriger Mauer gefasst, zu schöpfen bequemlich.
Hermann aber beschloss, in diesem Schatten die Pferde
Mit dem Wagen zu halten. Er tat so und sagte die Worte:
„Steigt, Freunde, nun aus und geht, damit Ihr erfahrt,
Ob das Mädchen auch wert der Hand sei, die ich ihr biete.
Zwar ich glaub’ es, und mir erzählt Ihr nichts Neues und Seltnes;
Hätt’ ich allein zu tun, so ging’ ich behend zu dem Dorf hin,
Und mit wenigen Worten entschiede die Gute mein Schicksal.
Und Ihr werdet sie bald vor allen andern erkennen;
Denn wohl schwerlich ist an Bildung ihr eine vergleichbar.
Aber ich geb’ euch noch die Zeichen der reinlichen Kleider:
Denn der rote Latz erhebt den gewölbten Busen,
Schön geschnürt, und es liegt das schwarze Mieder ihr knapp an;
Sauber hat sie den Saum des Hemdes zur Krause gefaltet,
Die ihr das Kinn umgibt, das runde, mit reinlicher Anmut;
Frei und heiter zeigt sich des Kopfes zierliches Eirund;
Stark sind vielmal die Zöpfe um silberne Nadeln gewickelt;
Viel gefaltet und blau fängt unter dem Latz der Rock an
Und umschlägt ihr im Gehn die wohl gebildeten Knöchel.
Doch das will ich euch sagen und noch mir ausdrücklich erbitten:
Redet nicht mit dem Mädchen, und lasst nicht merken die Absicht,
Sondern befragt die andern und hört, was sie alles erzählen.
Habt Ihr Nachricht genug, zu beruhigen Vater und Mutter,
Kehrt zu mir dann zurück, und wir bedenken das Weitre.
Also dacht’ ich mir’s aus, den Weg her, den wir gefahren.“

   Also sprach er. Es gingen darauf die Freunde dem Dorf zu,
Wo in Gärten und Scheunen und Häusern die Menge von Menschen
Wimmelte, Karrn an Karrn die breite Straße dahin stand.
Männer versorgten das brüllende Vieh und die Pferd’ an den Wagen,
Wäsche trockneten emsig auf allen Hecken die Weiber,
Und es ergötzten die Kinder sich plätschernd im Wasser des Baches.
Also durch die Wagen sich drängend, durch Menschen und Tiere,
Sahen sie rechts und links sich um, die gesendeten Späher,
Ob sie nicht etwa das Bild des bezeichneten Mädchens erblickten;
Aber keine von allen erschien die herrliche Jungfrau.
Stärker fanden sie bald das Gedränge. Da war um die Wagen
Streit der drohenden Männer, worein sich mischten die Weiber,
Schreiend. Da nahte sich schnell mit würdigen Schritten ein Alter,
Trat zu den Scheltenden hin; und sogleich verklang das Getöse,
Als er Ruhe gebot und väterlich ernst sie bedrohte.
„Hat uns“, rief er, „noch nicht das Unglück also gebändigt,
Dass wir endlich verstehn, uns untereinander zu dulden
Und zu vertragen, wenn auch nicht jeder die Handlungen abmisst?
Unverträglich fürwahr ist der Glückliche! Werden die Leiden
Endlich euch lehren, nicht mehr, wie sonst, mit dem Bruder zu hadern?
Gönnt einander den Platz auf fremdem Boden und teilt,
Was ihr habet, zusammen, damit ihr Barmherzigkeit findet.“

   Also sagte der Mann, und alle schwiegen; verträglich
Ordneten Vieh und Wagen die wieder besänftigten Menschen.
Als der Geistliche nun die Rede des Mannes vernommen
Und den ruhigen Sinn des fremden Richters entdeckte,
Trat er an ihn heran und sprach die bedeutenden Worte:
„Vater, fürwahr! Wenn das Volk in glücklichen Tagen dahinlebt,
Von der Erde sich nährend, die weit und breit sich auftut
Und die erwünschten Gaben in Jahren und Monden erneuert,
Da geht alles von selbst, und jeder ist sich der Klügste
Wie der Beste; und so bestehen sie nebeneinander,
Und der vernünftigste Mann ist wie ein andrer gehalten:
Denn was alles geschieht, geht still, wie von selber, den Gang fort.
Aber zerrüttet die Not die gewöhnlichen Wege des Lebens,
Reißt das Gebäude nieder und wühlt Garten und Saat um,
Treibt den Mann und das Weib vom Raum der traulichen Wohnung,
Schleppt in die Irre sie fort durch ängstliche Tage und Nächte:
Ach! Da sieht man sich um, wer wohl der verständigste Mann sei,
Und er redet nicht mehr die herrlichen Worte vergebens.
Sagt mir, Vater, Ihr seid gewiss der Richter von diesen
Flüchtigen Männern, der Ihr sogleich die Gemüter beruhigt?
Ja, Ihr erscheint mir heut als einer der ältesten Führer,
Die durch Wüsten und Irren vertriebene Völker geleitet.
Denk’ ich doch eben, ich rede mit Josua oder mit Moses.“

   Und es versetzte darauf mit ernstem Blick der Richter:
„Wahrlich, unsere Zeit vergleicht sich den seltensten Zeiten,
Die die Geschichte bemerkt, die heilige wie die gemeine.
Denn wer gestern und heut in diesen Tagen gelebt hat,
Hat schon Jahre gelebt: So drängen sich alle Geschichten.
Denk’ ich ein wenig zurück, so scheint mir ein graues Alter
Auf dem Haupt zu liegen, und doch ist die Kraft noch lebendig.
„O, wir anderen dürfen uns wohl mit jenen vergleichen,
Denen in ernster Stund’ erschien im feurigen Busch
Gott der Herr; auch uns erschien er in Wolken und Feuer.“

   Als nun der Pfarrer darauf noch weiter zu sprechen geneigt war
Und das Schicksal des Manns und der Seinen zu hören verlangte,
Sagte behend der Gefährte mit heimlichen Worten ins Ohr ihm:
„Sprecht mit dem Richter nur fort und bringt das Gespräch auf das Mädchen!
Aber ich gehe herum, sie aufzusuchen, und komme
Wieder, sobald ich sie finde.“ Es nickte der Pfarrer dagegen,
Und durch die Hecken und Gärten und Scheunen suchte der Späher.

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