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Euterpe

Mutter und Sohn

   Also sprachen die Männer, sich unterhaltend. Die Mutter
Ging indessen, den Sohn erst vor dem Haus zu suchen,
Auf der steinernen Bank, wo sein gewöhnlicher Sitz war.
Als sie daselbst ihn nicht fand, so ging sie, im Stall zu schauen,
Ob er die herrlichen Pferde, die Hengste, selber besorgte,
Die er als Fohlen gekauft und die er niemand vertraute.
Und es sagte der Knecht: „Er ist in den Garten gegangen.“
Da durchschritt sie behende die langen doppelten Höfe,
Ließ die Ställe zurück und die wohl gezimmerten Scheunen,
Trat in den Garten, der weit bis an die Mauern des Städtchens
Reichte, schritt ihn hindurch und freute sich jegliches Wachstums,
Stellte die Stützen zurecht, auf denen beladen die Äste
Ruhten des Apfelbaums, wie des Birnbaums lastende Zweige,
Nahm gleich einige Raupen vom kräftig strotzenden Kohl weg;
Denn ein geschäftiges Weib tut keine Schritte vergebens.
Also war sie ans Ende des langen Gartens gekommen,
Bis zur Laube, mit Geißblatt bedeckt; nicht fand sie den Sohn da,
Ebenso wenig, als sie bis jetzt ihn im Garten erblickte.
Aber nur angelehnt war das Pförtchen, das aus der Laube,
Aus besonderer Gunst, durch die Mauer des Städtchens gebrochen
Hatte der Ahnherr einst, der würdige Burgemeister.
Und so ging sie bequem den trocknen Graben hinüber,
Wo an der Straße sogleich der wohl umzäunte Weinberg
Aufstieg steileren Pfads, die Fläche zur Sonne gekehrt.
Auch den schritt sie hinauf und freute der Fülle der Trauben
Sich im Steigen, die kaum sich unter den Blättern verbargen.
Schattig war und bedeckt der hohe mittlere Laubgang,
Den man auf Stufen erstieg von unbehauenen Platten.
Und es hingen herein Gutedel und Muskateller,
Rötlich blaue daneben von ganz besonderer Größe,
Alle mit Fleiße gepflanzt, der Gäste Nachtisch zu zieren.
Aber den übrigen Berg bedeckten einzelne Stöcke,
Kleinere Trauben tragend, von denen der köstliche Wein kommt.
Also schritt sie hinauf, sich schon des Herbstes erfreuend
Und des festlichen Tags, an dem die Gegend im Jubel
Trauben liest und tritt und den Most in die Fässer versammelt,
Feuerwerke des Abends von allen Orten und Enden
Leuchten und knallen und so der Ernten schönste geehrt wird.
Doch unruhiger ging sie, nachdem sie dem Sohn gerufen
Zwei- auch dreimal und nur das Echo vielfach zurückkam,
Das von den Türmen der Stadt, ein sehr geschwätziges, herklang.
Ihn zu suchen, war ihr so fremd; er entfernte sich niemals.
Weit, er sagt’ es ihr denn, um zu verhüten die Sorge
Seiner liebenden Mutter und ihre Furcht vor dem Unfall.
Aber sie hoffte noch stets, ihn doch auf dem Weg zu finden;
Denn die Türen, die untre sowie die obre des Weinbergs,
Standen gleichfalls offen. Und so nun trat sie ins Feld ein,
Das mit weiter Fläche den Rücken des Hügels bedeckte.
Immer noch wandelte sie auf eigenem Boden und freute
Sich der eigenen Saat und des herrlich nickenden Kornes,
Das mit goldener Kraft sich im ganzen Feld bewegte.
Zwischen den Äckern schritt sie hindurch auf dem Raine den Fußpfad,
Hatte den Birnbaum im Auge, den großen, der auf dem Hügel
Stand, die Grenze der Felder, die ihrem Hause gehörten.
Wer ihn gepflanzt, man konnt’ es nicht wissen. Er war in der Gegend
Weit und breit gesehn, und berühmt die Früchte des Baumes.
Unter ihm pflegten die Schnitter des Mahls sich zu freuen am Mittag
Und die Hirten des Viehs in seinem Schatten zu warten;
Bänke fanden sie da von rohen Steinen und Rasen.
Und sie irrte nicht: Dort saß ihr Hermann und ruhte,
Saß mit dem Arme gestützt und schien in die Gegend zu schauen
Jenseits, nach dem Gebirg’; er kehrte der Mutter den Rücken.
Sachte schlich sie hinan und rührt’ ihm leise die Schulter.
Und er wandte sich schnell; da sah sie ihm Tränen im Auge.

   „Mutter“, sagt’ er betroffen, „Ihr überrascht mich!“ Und eilig
Trocknet’ er ab die Träne, der Jüngling edlen Gefühles.
„Wie? Du weinest, mein Sohn?“, versetzte die Mutter betroffen:
„Daran kenn’ ich dich nicht! Ich habe das niemals erfahren!
Sag’, was beklemmt dir das Herz? Was treibt dich, einsam zu sitzen
Unter dem Birnbaum hier? Was bringt dir Tränen ins Auge?“

   Und es nahm sich zusammen der treffliche Jüngling und sagte:
„Wahrlich, dem ist kein Herz im ehernen Busen, der jetzo
Nicht die Not der Menschen, der umgetriebnen, empfindet;
Dem ist kein Sinn in dem Haupt, der nicht um sein eigenes Wohl sich
Und um des Vaterlands Wohl in diesen Tagen bekümmert.
Was ich heute gesehn und gehört, das rührte das Herz mir.
Und nun ging ich heraus und sah die herrliche, weite
Landschaft, die sich vor uns in fruchtbaren Hügeln umher schlingt,
Sah die goldene Frucht den Garben entgegen sich neigen
Und ein reichliches Obst und volle Kammern versprechen.
Aber, ach! Wie nah ist der Feind! Die Fluten des Rheines
Schützen uns zwar; doch ach! Was sind nun Fluten und Berge
Jenem schrecklichen Volk, das wie ein Gewitter daher zieht!
Denn sie rufen zusammen aus allen Enden die Jugend
Wie das Alter und dringen gewaltig vor, und die Menge
Scheut den Tod nicht; es dringt gleich nach der Menge die Menge.
Ach! Und ein Deutscher wagt, in seinem Hause zu bleiben?
Hofft vielleicht zu entgehen dem alles bedrohenden Unfall?
Liebe Mutter, ich sag’ Euch, am heutigen Tag verdrießt mich,
Dass man mich neulich entschuldigt, als man die Streitenden auslas
Aus den Bürgern. Fürwahr, ich bin der einzige Sohn nur,
Und die Wirtschaft ist groß und wichtig unser Gewerbe;
Aber wär’ ich nicht besser, zu widerstehen da vorne
An der Grenze, als hier zu erwarten Elend und Knechtschaft?
Ja, mir hat es der Geist gesagt, und im innersten Busen
Regt sich Mut und Begier, dem Vaterland zu leben
Und zu sterben und andern ein würdiges Beispiel zu geben.
Wahrlich, wäre die Kraft der deutschen Jugend beisammen
An der Grenze, verbündet, nicht nachzugeben den Fremden,
Oh, sie sollten uns nicht den herrlichen Boden betreten
Und vor unseren Augen die Früchte des Landes verzehren,
Nicht den Männern gebieten und rauben Weiber und Mädchen!
Seht, Mutter, mir ist im tiefsten Herzen beschlossen,
Bald zu tun und gleich, was recht mir deucht und verständig;
Denn wer lange bedenkt, der wählt nicht immer das Beste.
Sehet, ich werde nicht wieder nach Hause kehren! Von hier aus
Geh ich gerad’ in die Stadt und übergebe den Kriegern
Diesen Arm und dies Herz, dem Vaterland zu dienen.
Sage der Vater alsdann, ob nicht der Ehre Gefühl mir
Auch den Busen belebt, und ob ich nicht höher hinauf will!“

   Da versetzte bedeutend die gute, verständige Mutter,
Stille Tränen vergießend, sie kamen ihr leichtlich ins Auge:
„Sohn, was hat sich in dir verändert und deinem Gemüt,
Dass du zu deiner Mutter nicht redest wie gestern und immer,
Offen und frei, und sagst, was deinen Wünschen gemäß ist?
Hörte jetzt ein Dritter dich reden, er würde fürwahr dich
Höchlich loben und deinen Entschluss als den edelsten preisen,
Durch dein Wort verführt und deine bedeutenden Reden.
Doch ich tadle dich nur, denn sieh, ich kenne dich besser:
Du verbirgst dein Herz und hast ganz andre Gedanken.
Denn ich weiß es, dich ruft nicht die Trommel, nicht die Trompete,
Nicht begehrst du zu scheinen in der Montur vor den Mädchen;
Denn es ist deine Bestimmung, so wacker und brav du auch sonst bist,
Wohl zu verwahren das Haus und stille das Feld zu besorgen.
Darum sage mir frei: Was dringt dich zu dieser Entschließung?“

   Ernsthaft sagte der Sohn: „Ihr irrt, Mutter. Ein Tag ist
Nicht dem anderen gleich. Der Jüngling reift zum Mann;
Besser im Stillen reift er zur Tat oft als im Geräusch
Wilden, schwankenden Lebens, das manchen Jüngling verderbt hat.
Und so still ich auch bin und war, so hat in der Brust mir
Doch sich gebildet ein Herz, das Unrecht hasst und Unbill,
Und ich verstehe recht gut die weltlichen Dinge zu sondern;
Auch hat die Arbeit den Arm und die Füße mächtig gestärkt.
Alles, fühl’ ich, ist wahr; ich darf es kühnlich behaupten.
Und doch tadelt Ihr mich mit Recht, o Mutter, und habt mich
Auf halbwahren Worten ertappt und halber Verstellung.
Denn, gesteh’ ich es nur, nicht ruft die nahe Gefahr mich
Aus dem Haus des Vaters und nicht der hohe Gedanke,
Meinem Vaterland hilfreich zu sein und schrecklich den Feinden.
Worte waren es nur, die ich sprach: Sie sollten vor Euch nur
Meine Gefühle verstecken, die mir das Herz zerreißen.
Und so lasst mich, o Mutter! Denn da ich vergebliche Wünsche
Hege im Busen, so mag auch mein Leben vergeblich dahin gehn.
Denn ich weiß es recht wohl: Der einzelne schadet sich selber,
Der sich hingibt, wenn sich nicht alle zum Ganzen bestreben.“

   „Fahre nur fort“, so sagte darauf die verständige Mutter,
„Alles mir zu erzählen, das Größte wie das Geringste!
Denn die Männer sind heftig und denken nur immer das Letzte,
Und die Hindernis treibt die Heftigen leicht von dem Weg;
Aber ein Weib ist geschickt, auf Mittel zu denken, und wandelt
Auch den Umweg, geschickt zu ihrem Zweck zu gelangen.
Sage mir alles daher, warum du so heftig bewegt bist,
Wie ich dich niemals gesehn, und das Blut dir wallt in den Adern,
Wider Willen die Träne dem Auge sich dringt zu entstürzen.“

   Da überließ sich dem Schmerz der gute Jüngling und weinte,
Weinte laut an der Brust der Mutter und sprach so erweicht:
„Wahrlich! Des Vaters Wort hat heute mich kränkend getroffen,
Das ich niemals verdient, nicht heut und keinen der Tage.
Denn die Eltern zu ehren, war früh mein Liebstes, und niemand
Schien mir klüger zu sein und weiser, als die mich erzeugten
Und mit Ernst mir in dunkeler Zeit der Kindheit geboten.
Vieles hab’ ich fürwahr von meinen Gespielen geduldet,
Wenn sie mit Tücke mir oft den guten Willen vergalten;
Oftmals hab ich an ihnen nicht Wurf noch Streiche gerochen.
Aber spotteten sie mir den Vater aus, wenn er Sonntags
Aus der Kirche kam mit würdig bedächtigem Schritt,
Lachten sie über das Band der Mütze, die Blumen des Schlafrocks,
Den er so stattlich trug, und der erst heute verschenkt ward:
Fürchterlich ballte sich gleich die Faust mir; mit grimmigem Wüten
Fiel ich sie an und schlug und traf mit blindem Beginnen,
Ohne zu sehen, wohin. Sie heulten mit blutigen Nasen
Und entrissen sich kaum den wütenden Tritten und Schlägen.
Und so wuchs ich heran, um viel vom Vater zu dulden,
Der statt anderer mich gar oft mit Worten herum nahm,
Wenn bei Rat ihm Verdruss in der letzten Sitzung erregt ward;
Und ich büßte den Streit und die Ränke seiner Kollegen.
Oftmals habt Ihr mich selbst bedauert; denn vieles ertrug ich,
Stets in Gedanken der Eltern von Herzen zu ehrende Wohltat,
Die nur sinnen, für uns zu mehren die Hab’ und die Güter,
Und sich selber manches entziehn, um zu sparen den Kindern.
Aber, ach! Nicht das Sparen allein, um spät zu genießen,
Macht das Glück, es macht nicht das Glück der Haufe beim Haufen,
Nicht der Acker am Acker, so schön sich die Güter auch schließen.
Denn der Vater wird alt, und mit ihm altern die Söhne,
Ohne die Freude des Tags, und mit der Sorge für morgen.
Sagt mir und schauet hinab, wie herrlich liegen die schönen,
Reichen Gebreite nicht da, und unten Weinberg und Gärten,
Dort die Scheunen und Ställe, die schöne Reihe der Güter!
Aber seh’ ich dann dort das Hinterhaus, wo an dem Giebel
Sich das Fenster uns zeigt von meinem Stübchen im Dach,
Denk’ ich die Zeiten zurück, wie manche Nacht ich den Mond schon
Dort erwartet und schon so manchen Morgen die Sonne,
Wenn der gesunde Schlaf mir nur wenige Stunden genügte:
Ach! Da kommt mir so einsam vor wie die Kammer, der Hof und
Garten, das herrliche Feld, das über die Hügel sich hinstreckt;
Alles liegt so öde vor mir: Ich entbehre der Gattin.“

   Da antwortete drauf die gute Mutter verständig:
„Sohn, mehr wünschest du nicht, die Braut in die Kammer zu führen,
Dass dir werde die Nacht zur schönen Hälfte des Lebens
Und die Arbeit des Tags dir freier und eigener werde,
Als der Vater es wünscht und die Mutter. Wir haben dir immer
Zugeredet, ja dich getrieben, ein Mädchen zu wählen.
Aber mir ist es bekannt, und jetzo sagt es das Herz mir:
Wenn die Stunde nicht kommt, die rechte, wenn nicht das rechte
Mädchen zur Stunde sich zeigt, so bleibt das Wählen im Weiten,
Und es wirkt die Furcht, die Falsche zu greifen, am meisten.
Soll ich dir sagen, mein Sohn, so hast du, ich glaube, gewählt,
Denn dein Herz ist getroffen und mehr als gewöhnlich empfindlich.
Sag’ es gerad nur heraus, denn mir schon sagt es die Seele:
Jenes Mädchen ist’s, das vertriebene, die du gewählt hast.“

   „Liebe Mutter, Ihr sagt’s!“, versetzte lebhaft der Sohn drauf.
„Ja, sie ist’s! Und führ’ ich sie nicht als Braut mir nach Hause
Heute noch, zieht sie fort, verschwindet vielleicht mir auf immer
In der Verwirrung des Kriegs und im traurigen Hin- und Herziehn.
Mutter, ewig umsonst gedeiht mir die reiche Besitzung
Dann vor Augen, umsonst sind künftige Jahre mir fruchtbar,
Ja, das gewohnte Haus und der Garten ist mir zuwider;
Ach! Und die Liebe der Mutter, sie selbst nicht tröstet den Armen.
Denn es löst die Liebe, das fühl’ ich, jegliche Bande,
Wenn sie die ihrigen knüpft; und nicht das Mädchen allein lässt
Vater und Mutter zurück, wenn sie dem erwählten Mann folgt;
Auch der Jüngling, er weiß nichts mehr von Mutter und Vater,
Wenn er das Mädchen sieht, das einzig geliebte, davonziehn.
Darum lasst mich gehn, wohin die Verzweiflung mich antreibt!
Denn mein Vater, er hat die entscheidenden Worte gesprochen,
Und sein Haus ist nicht mehr das meine, wenn er das Mädchen
Ausschließt, das ich allein nach Haus zu führen begehre.“

   Da versetzte behend die gute, verständige Mutter:
„Stehen wie Felsen doch zwei Männer gegeneinander!
Unbewegt und stolz will keiner dem andern sich nähern,
Keiner zum guten Worte, dem ersten, die Zunge bewegen.
Darum sag’ ich dir, Sohn: Noch lebt die Hoffnung in meinem
Herzen, dass er sie dir, wenn sie gut und brav ist, verlobe,
Obgleich arm, so entschieden er auch die Arme versagt hat.
Denn er redet gar manches in seiner heftigen Art aus,
Das er doch nicht vollbringt; so gibt er auch zu das Versagte.
Aber ein gutes Wort verlangt er und kann es verlangen:
Denn er ist Vater! Auch wissen wir wohl, sein Zorn ist nach Tisch,
Wo er heftiger spricht und anderer Gründe bezweifelt,
Nie bedeutend; es reget der Wein dann jegliche Kraft auf
Seines heftigen Wollens und lässt ihn die Worte der andern
Nicht vernehmen, er hört und fühlt alleine sich selber.
Aber es kommt der Abend heran, und die vielen Gespräche
Sind nun zwischen ihm und seinen Freunden gewechselt.
Milder ist er fürwahr, ich weiß, wenn das Räuschchen vorbei ist,
Und er das Unrecht fühlt, das er andern lebhaft erzeugte.
Komm! Wir wagen es gleich: Das Frischgewagte gerät nur.
Und wir bedürfen der Freunde, die jetzo bei ihm noch versammelt
Sitzen; besonders wird uns der würdige Geistliche helfen.“

   Also sprach sie behende und zog, vom Stein sich hebend,
Auch vom Sitz den Sohn, den willig folgenden. Beide
Kamen schweigend herunter, den wichtigen Vorsatz bedenkend.

Ü   Þ

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