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Hanswursts Hochzeit

oder

Der Lauf der Welt

Ein mikrokosmisches Drama

Kilian Brustfleck (tritt auf).
Hab’ ich endlich mit vielem Fleiß,
Manchem moralisch-politischem Schweiß
Meinen Mündel Hanswurst erzogen
Und ihn ziemlich zurechtgebogen.
Zwar seine tölpisch schlüffliche Art,
So wenig als seinen kohlschwarzen Bart,
Seine Lust, in den Weg zu sch…,
Hab’ nicht können aus der Wurzel reißen.
Was ich nun nicht all kunnt’ bemeistern,
Das wusst’ ich weise zu überkleistern:
Hab’ ihn gelehrt, nach Pflichtgrundsätzen
Ein paar Stunden hintereinander schwätzen,
Indes er sich am A… reibt,
Und Wurstel immer Wurstel bleibt.
Hab’ aber auch die Kunst verstanden,
Auszuposaunen in allen Landen,
Ohne just die Backen aufzupausen,
Wie ich tät meinen Telemach laufen,
Dass in ihm werde dargestellt
Das Muster aller künft’gen Welt.
Hab’ dazu Weiber wohl gebraucht,
Die ’s Alter hätt wie Schinken geraucht,
Denen aber von speckigen Jugendtrieben
Nur zähes Leder überblieben.
Zu ihnen tät auf die Bank mich setzen
Und ließ sie volle Stunden schwätzen.
Dadurch wurden sie mir wohl geneigt,
Von meinem großen Verstand überzeugt,
Im Wochen- und Kunkelstubengeschnatter
Rühmen sie mich ihren Herrn Gevatter,
Und ich tu’s ziementlich erwidern.
Doch eins liegt mir in allen Gliedern,
Dass ich – es ist ein altes Weh –
Nicht gar fest auf meinen Füßen steh’,
Immer besorgt, der möge mich prellen,
Der habe Lust, mir ein Bein zu stellen,
Und so mit all dem politischen Sinn
Doch immer Kilian Brustfleck bin.


Kilian Brustfleck.
Es ist ein großes wichtigs Werk,
Der ganzen Welt ein Augenmerk,
Dass Hanswurst seine Hochzeit hält
Und sich eine Hanswurstin zugesellt.
Schon bei gemeinen schlechten Leuten
Hat’s viel im Leben zu bedeuten,
Ob er mit einer Gleichgesinnten
Sich tut bei Tisch und Bette finden.
Aber ein Jüngling, der Welt bekannt,
Von Salz- bis Petersburg genannt,
Von so vorzüglich edlen Gaben,
Was muss der eine Gattin haben!
Auch meine Sorge für deine Jugend,
Recht geschnürt’ und gequetschte Tugend
Erreicht nur hier das höchste Ziel.
Vor war nur alles Kinderspiel,
Und jetzt die Stunde Nacht geschwind
Wird, ach will’s Gott, dein Spiel ein Kind.
O, höre meine letzten Worte!
Wir sind hier ruhig an dem Orte,
Ein kleines Stündchen nur Gehör –
Wie aber, was, Ihr horcht nicht mehr?
Ihr scheinet hier zu langeweilen?
Ihr steht und rollt mit Eurem Kopfe,
Streckt Euren Bauch so ungeschickt.
Was tut die Hand am Latz, was blickt
Ihr abwärts nach dem roten Knopfe?

Hanswurst.
Soviel mir eigentlich bekannt,
Ward das Stück Hanswursts Hochzeit genannt.
So lass mich denn auch schalten und walten,
Ich will nun hin und Hochzeit halten.

Kilian Brustfleck.
Ich bitt’ Euch, nur Geduld genommen!
Als wenn das so von Hand zu Munde ging’!
Wie könnte da ein Stück draus kommen?
Und wär’ der Schade nicht gering.
Nein, was der Wohlstand will und lehrt!
Es ehre der Mensch, so wird er geehrt.
Die Welt nimmt an Euch unendlich teil,
Nun seid nicht grob, wie die Genies sonst pflegen,
Und sagt nicht etwa: „Ah, meintwegen!“
Es hat doch nicht so mächtig Eil’.
Was sind nicht alles für Leute geladen,
Was ist nicht noch zu sieden und zu braten!
Es ist gar nichts an einem Feste
Ohne wohl geputzte vornehme Gäste.

Hanswurst.
Mich deucht, das Größt’ bei einem Fest
Ist, wenn man sich’s wohl schmecken lässt.
Und ich hab’ keinen Appetit,
Als ich nähm’ gern Ursel auf’n Boden mit,
Und auf’m Heu und auf’m Stroh
Jauchzten wir in dulci jubilo.

Kilian Brustfleck.
Ich sag’ Euch, was die deutsche Welt
An großen Namen nur enthält,
Kommt alles heut in Euer Haus,
Formiert den schönsten Hochzeitschmaus.

Hanswurst.
Ich möcht’ gleich meine Pritsche schmieren
Und sie zur Tür hinaus formieren.
Indes, was hab’ ich mit den Flegeln?
Sie mögen fressen, und ich will …

Kilian Brustfleck.
Ach, an den Worten und Manieren
Muss man den ew’gen Wurstel spüren!
Ich hab’s – dem Himmel sei’s geklagt –
Euch doch so öfter schon gesagt,
Dass Ihr Euch sittlich stellen sollt,
Und tut dann alles, was Ihr wollt.
Kein leicht unfertig Wort wird von der Welt verteidigt,
Doch tut das Niedrigste, und sie wird nie beleidigt.
Der Weise sagt – der Weise war nicht klein –:
Nichts scheinen, aber alles sein.
Doch ach, wie viel geht nicht an Euch verloren,
Zu wie viel Großem wart Ihr nicht geboren,
Was hofft man nicht, was Ihr noch leisten sollt!

Hanswurst.
Mir ist ja alles recht, nur lasst mich ungeschoren;
Ich bin ja gern berühmt, soviel Ihr immer wollt.
Redt man von mir, ich will’s nicht wehren,
Nur muss mich’s nicht in meinem Wesen stören.
Was hilft’s, dass ich ein dummes Leben führe?
Da hört die Welt was Rechts von mir,
Wenn man ihr sagt, dass, um von ihr
Gelobt zu sein, ich mich geniere.

Kilian Brustfleck.
Mein Sohn, ach, das verstehst du nicht.
Der größte Mann, sch… er dir ins Gesicht,
So kenntest du ihn nur von seiner stink’gen Seite.
Und so sind eben alle Leute.
Der größte Matz kocht oft den besten Brei;
Weiß er den gut zu präsentieren
Und jedem lind ins Maul zu schmieren,
Fährt er ganz sicher wohl dabei.
Soll je das Publikum dir seine Gnade schenken,
So muss es dich vorher als einen Matzen denken.

Hanswurst.
Das müsst Ihr freilich besser wissen;
Denn Ihr habt Euch gar viel des Ruhms beflissen
Und drum den Wohlstand nie verletzt,
Viel lieber in die Hosen gesch…,
Als Euch an einen Zaun gesetzt.


Hanswurst.
Euer fahles Wesen, schwankende Positur,
Euer Trippeln und Krabbeln und Schneidernatur,
Euer ewig lauschend Ohr,
Euer Wunsch, hinten und vorn zu glänzen,
Lernt freilich wie ein armes Rohr
Von jedem Winde Reverenzen.
Aber seht meine Figur,
Wie harmoniert sie mit meiner Natur,
Meine Kleider mit meinen Sitten:
Ich bin aus dem Ganzen zugeschnitten.

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
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