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         Götz von Berlichingen
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4. Akt

(Wirtshaus zu Heilbronn.)
Götz

Götz.
Ich komme mir vor wie der böse Geist, den der Kapuziner in einen Sack beschwur. Ich arbeite mich ab und furchte mir nichts. Die Meineidigen!

Elisabeth kommt.

Götz.
Was für Nachrichten, Elisabeth, von meinen lieben Getreuen?

Elisabeth.
Nichts Gewisses. Einige sind erstochen, einige liegen im Turm. Es konnte oder wollte niemand mir sie näher bezeichnen.

Götz.
Ist das Belohnung der Treue? Des kindlichen Gehorsams? – auf dass Dir’s wohl gehe, und Du lange lebest auf Erden!

Elisabeth.
Lieber Mann, schilt unsern himmlischen Vater nicht. Sie haben ihren Lohn, er ward mit ihnen geboren, ein freies, edles Herz. Lass sie gefangen sein, sie sind frei! Gib auf die deputierten Räte acht, die großen, goldnen Ketten stehen ihnen zu Gesicht –

Götz.
Wie dem Schwein das Halsband. Ich möchte Georgen und Franzen geschlossen sehn!

Elisabeth.
Es wäre ein Anblick, um Engel weinen zu machen.

Götz.
Ich wollt’ nicht weinen. Ich wollte die Zähne zusammenbeißen und an meinem Grimm kauen. In Ketten meine Augäpfel! Ihr lieben Jungen, hättet ihr mich nicht geliebt! – Ich würde mich nicht satt an ihnen sehen können. – Im Namen des Kaisers ihr Wort nicht zu halten!

Elisabeth.
Entschlagt Euch dieser Gedanken. Bedenkt, dass Ihr vor den Räten erscheinen sollt. Ihr sied nicht gestellt, ihnen wohl zu begegnen, und ich fürchte alles.

Götz.
Was wollen sie mir anhaben?

Elisabeth.
Der Gerichtsbote!

Götz.
Esel der Gerechtigkeit! Schleppt ihre Säcke zur Mühle und ihren Kehrig aufs Feld. Was gibt’s?

Gerichtsdiener kommt.

Gerichtsdiener.
Die Herrn Kommissarii sind auf dem Rathaus versammelt und schicken nach Euch.

Götz.
Ich komme.

Gerichtsdiener.
Ich werde Euch begleiten.

Götz.
Viel Ehre.

Elisabeth.
Mäßigt Euch.

Götz.
Sei außer Sorgen. (Ab.)


(Rathaus.)
Kaiserliche Räte. Hauptmann. Ratsherrn von Heilbronn.

Ratsherr.
Wir haben auf Euern Befehl die stärksten und tapfersten Bürger versammelt, sie warten hier in der Nähe auf Euern Wink, um sich Berlichingens zu bemeistern.

Erster Rat.
Wir werden Ihro Kaiserlichen Majestät Eure Bereitwilligkeit, Ihrem höchsten Befehl zu gehorchen, mit vielem Vergnügen zu rühmen wissen. – Es sind Handwerker?

Ratsherr.
Schmiede, Weinschröter, Zimmerleute, Männer mit geübten Fäusten und hier wohl beschlagen. (Auf die Brust deutend.)

Rat.
Wohl

Gerichtsdiener kommt.

Gerichtsdiener.
Götz von Berlichingen wartet vor der Tür.

Rat.
Lasst ihn herein.

Götz kommt.

Götz.
Gott grüß’ Euch, Ihr Herrn, was wollt Ihr mit mir?

Rat.
Zuerst, dass Ihr bedenkt: Wo Ihr seid, und vor wem.

Götz.
Bei meinem Eid, ich verkenn’ Euch nicht, meine Herrn.

Rat.
Ihr tut Eure Schuldigkeit.

Götz.
Von ganzem Herzen.

Rat.
Setzt Euch.

Götz.
Da unten hin? Ich kann stehn. Das Stühlchen riecht so nach armen Sündern, wie überhaupt die ganze Stube.

Rat.
So steht!

Götz.
Zur Sache, wenn’s gefällig ist.

Rat.
Wir werden in der Ordnung verfahren.

Götz.
Bin’s wohl zufrieden, wollt’, es wär’ von jeher geschehen.

Rat.
Ihr wisst, wie Ihr auf Gnad und Ungnad in unsere Hände kamt.

Götz.
Was gebt ihr mir, wenn ich’s vergesse?

Rat.
Wenn ich Euch Bescheidenheit geben könnte, würd’ ich Eure Sache gut machen.

Götz.
Gut machen! Wenn Ihr das könntet! Dazu gehört freilich mehr als zum Verderben.

Schreiber.
Soll ich das alles protokollieren?

Rat.
Was zur Handlung gehört.

Götz.
Meintwegen dürft ihr’s drucken lassen.

Rat.
Ihr wart in der Gewalt des Kaisers, dessen väterliche Gnade an den Platz der majestätischen Gerechtigkeit trat, Euch anstatt eines Kerkers Heilbronn, eine seiner geliebten Städte, zum Aufenthalt anwies. Ihr verspracht mit einem Eid, Euch, wie es einem Ritter geziemt, zu stellen, und das Weitere demütig zu erwarten.

Götz.
Wohl, und ich bin hier und warte.

Rat.
Und wir sind hier, Euch Ihro Kaiserlichen Majestät Gnade und Huld zu verkündigen. Sie verzeiht Euch Eure Übertretungen, spricht Euch von der Acht und aller wohlverdienten Strafe los, welches Ihr mit untertänigem Dank erkennen, und dagegen die Urfehde abschwören werdet, welche Euch hiermit vorgelesen werden soll.

Götz.
Ich bin Ihro Majestät treuer Knecht wie immer. Noch ein Wort, eh ihr weiter geht: Meine Leute, wo sind die? Was soll mit ihnen werden?

Rat.
Das geht Euch nichts an.

Götz.
So wende der Kaiser sein Angesicht von Euch, wenn Ihr in Not steckt! Sie waren meine Gesellen und sind’s. Wo habt Ihr sie hingebracht?

Rat.
Wir sind Euch davon keine Rechnung schuldig.

Götz.
Ah! Ich dachte nicht, dass Ihr nicht einmal zu dem verbunden seid, was Ihr versprecht, geschweige –

Rat.
Unsere Kommission ist, Euch die Urfehde vorzulegen. Unterwerft Euch dem Kaiser und Ihr werdet einen Weg finden, um Euer Gesellen Leben und Freiheit zu flehen.

Götz.
Euern Zettel.

Rat.
Schreiber, lest!

Schreiber.
Ich Götz von Berlichingen bekenne öffentlich durch diesen Brief: Dass, da ich mich neulich gegen Kaiser und Reich rebellischerweise aufgelehnt –

Götz.
Das ist nicht wahr. Ich bin kein Rebell, habe gegen Ihro Kaiserliche Majestät nichts verbrochen, und das Reich geht mich nichts an.

Rat.
Mäßigt Euch und hört weiter.

Götz.
Ich will nichts weiter hören. Tret’ einer auf und zeuge! Hab’ ich wider den Kaiser, wider das Haus Österreich nur einen Schritt getan? Hab’ ich nicht von jeher durch alle Handlungen gewiesen, dass ich besser als einer fühle, was Deutschland seinem Regenten schuldig ist? Und besonders was die Kleinen, die Ritter und Freien ihrem Kaiser schuldig sind? Ich müsste ein Schurke sein, wenn ich mich könnte bereden lassen, das zu unterschreiben.

Rat.
Und doch haben wir gemessene Ordre, Euch in der Güte zu überreden oder im Entstehungsfall Euch in den Turm zu werfen.

Götz.
In Turm! Mich!

Rat.
Und daselbst könnt Ihr Euer Schicksal von der Gerechtigkeit erwarten, wenn Ihr es nicht aus den Händen der Gnade empfangen wollt.

Götz.
In Turm! Ihr missbraucht die Kaiserliche Gewalt. In Turm! Das ist sein Befehl nicht. Was! Mir erst, die Verräter! Eine Falle zu stellen und ihren Eid, ihr ritterlich Wort zum Speck drin aufzuhängen! Mir dann ritterlich Gefängnis zusagen und die Zusage wieder brechen.

Rat.
Einem Räuber sind wir keine Treue schuldig.

Götz.
Trügst Du nicht das Ebenbild des Kaisers, das ich in dem gesudelsten Konterfei verehre, Du solltest mir den Räuber fressen oder dran erwürgen! Ich bin in einer ehrlichen Fehd’ begriffen. Du könntest Gott danken und Dich vor der Welt groß machen, wenn Du in Deinem Leben eine so edle Tat getan hättest, wie die ist, um welcher willen ich gefangen sitze.

Rat winkt dem Ratsherrn, der zieht die Schelle.

Götz.
Nicht um des leidigen Gewinsts willen, nicht um Land und Leute unbewehrten Kleinen wegzukapern, bin ich ausgezogen. Meinen Jungen zu befreien und mich meiner Haut zu wehren! Seht ihr was Unrechts dran? Kaiser und Reich hätten unsere Not nicht in ihrem Kopfkissen gefühlt. Ich habe Gott sei Dank noch eine Hand, und habe wohlgetan sie zu brauchen.

Bürger treten herein, Stangen in der Hand, Wehren an der Seite.

Götz.
Was soll das?

Rat.
Ihr wollt nicht hören. Fangt ihn!

Götz.
Ist das die Meinung? Wer kein ungrischer Ochs ist, komm’ mir nicht zu nah! Er soll von dieser meiner rechten eisernen Hand eine solche Ohrfeige kriegen, die ihm Kopfweh, Zahnweh und alles Weh der Erden aus dem Grund kurieren soll. (Sie machen sich an ihn, er schlägt den einen zu Boden und reißt einem andern die Wehre von der Seite, sie weichen.) Kommt! Kommt! Es wäre mir angenehm, den Tapfersten unter Euch kennen zu lernen.

Rat.
Gebt Euch.

Götz.
Mit dem Schwert in der Hand! Wisst ihr, dass es jetzt nur an mir läge, mich durch alle diese Hasenjäger durchzuschlagen und das weite Feld zu gewinnen? Aber ich will Euch lehren, wie man Wort hält. Versprecht mir ritterlich Gefängnis, und ich gebe mein Schwert weg und bin wie vorher Euer Gefangener.

Rat.
Mit dem Schwert in der Hand wollt Ihr mit dem Kaiser rechten?

Götz.
Behüte Gott! Nur mit Euch und Eurer edlen Kompanie. – Ihr könnt nach Hause gehen, gute Leute. Für die Versäumnis kriegt ihr nichts, und zu holen ist hier nichts als Beulen.

Rat.
Greift ihn. Gibt Euch Eure Liebe zu euerm Kaiser nicht mehr Mut?

Götz.
Nicht mehr, als ihnen der Kaiser Pflaster gibt, die Wunden zu heilen, die sich ihr Mut holen könnte.

Gerichtsdiener kommt.

Gerichtsdiener.
Eben ruft der Türmer: Es zeiht ein Trupp von mehr als Zweihunderten nach der Stadt zu. Unversehens sind sie hinter der Weinhöhe hervorgedrungen und drohen usnern Mauern.

Ratsherr.
Weh uns! Was ist das?

Wache kommt.

Wache.
Franz von Sickingen hält vor dem Schlag und lässt Euch sagen: Er habe gehört, wie unwürdig man an seinem Schwager bundbrüchig geworden sei, wie die Herrn von Heilbronn allen Vorschub täten. Er verlange Rechenschaft, sonst wolle er binnen einer Stunde die Stadt an vier Ecken anzünden und sie der Plünderung preisgeben.

Götz.
Braver Schwager!

Rat.
Tretet ab, Götz! – Was ist zu tun?

Ratsherr.
Habt Mitleiden mit uns und unserer Bürgerschaft! Sickingen ist unbändig in seinem Zorn, er ist Mann, es zu halten.

Rat.
Sollen wir uns und dem Kaiser die Gerechtsame vergeben?

Hauptmann.
Wenn wir nur Leute hätten, sie zu halten. So aber könnten wir umkommen, und die Sache wäre nur desto schlimmer. Wir gewinnen im Nachgeben.

Ratsherr.
Wir wollen Götzen ansprechen, für uns ein gut Wort einzulegen. Mir ist’s, als wenn ich die Stadt schon in Flammen sähe.

Rat.
Lässt Götzen herein.

Götz.
Was soll’s?

Rat.
Du würdest wohl tun, Deinen Schwager von seinem rebellischen Vorhaben abzumahnen. Anstatt Dich vom Verderben zu retten, stürzt er Dich tiefer hinein, indem er sich zu Deinem Fall gesellt.

Götz (sieht Elisabeth an der Tür, heimlich zu ihr).
Geh hin! Sag ihm: Er soll unverzüglich hereinbrechen, soll hierher kommen, nur der Stadt kein Leids tun. Wenn sich die Schurken hier widersetzen, soll er Gewalt brauchen. Es liegt mir nichts dran umzukommen, wenn sie nur alle mit erstochen werden.


(Ein großer Saal auf dem Rathaus.)
Sickingen. Götz.

Das ganze Rathaus ist mit Sickingens Reitern besetzt.

Götz.
Das war Hilfe vom Himmel! Wie kommst Du so erwünscht und unvermutet, Schwager?

Sickingen.
Ohne Zauberei. Ich hatte zwei, drei Boten ausgeschickt zu hören, wie Dir’s ginge? Auf die Nachricht von ihrem Meineid macht’ ich mich auf den Weg. Nun haben wir sie.

Götz.
Ich verlange nichts als ritterliche Haft.

Sickingen.
Du bist zu ehrlich. Dich nicht einmal des Vorteils zu bedienen, den der Rechtschaffene über den Meineidigen hat! Sie sitzen im Unrecht, wir wollen ihnen keine Kissen unterlegen. Sie haben die Befehle des Kaisers schändlich missbraucht. Und wie ich Ihro Majestät kenne, darfst Du sicher auf mehr dringen. Es ist zu wenig.

Götz.
Ich bin von jeher mit wenigem zufrieden gewesen.

Sickingen.
Und bist von jeher zu kurz gekommen. Meine Meinung ist: Sie sollen Deine Knechte aus dem Gefängnis und Dich zusamt ihnen auf Deinen Eid nach Deiner Burg ziehen lassen. Du magst versprechen, nicht aus Deiner Terminei zu gehen, und wirst immer besser sein als hier.

Götz.
Sie werden sagen: Meine Güter seien dem Kaiser heimgefallen.

Sickingen.
So sagen wir: Du wolltest zur Miete drin wohnen, bis sie Dir der Kaiser wieder zu Lehn gäbe. Lass sie sich wenden wie Aale in der Reuse, sie sollen uns nicht entschlüpfen. Sie werden von Kaiserlicher Majestät reden, von ihrem Auftrag. Das kann uns einerlei sein. Ich kenne den Kaiser auch und gelte was bei ihm. Er hat immer gewünscht, Dich unter seinem Heer zu haben. Du wirst nicht lang’ auf Deinem Schloss sitzen, so wirst Du aufgerufen werden.

Götz.
Wollte Gott bald, eh ich ’s Fechten verlerne.

Sickingen.
Der Mut verlernt sich nicht, wie er sich nicht lernt. Sorge für nichts! Wenn Deine Sachen in der Ordnung sind, geh’ ich nach Hof, denn meine Unternehmung fängt an reif zu werden. Günstige Aspekten deuten mir: Brich auf! Es ist mir nichts übrig, als die Gesinnung des Kaisers zu sondieren. Trier und Pfalz vermuten eher des Himmels Einfall, als dass ich ihnen übern Kopf kommen werde. Und ich will kommen wie ein Hagelwetter! Und wenn wir unser Schicksal machen könne, so sollst Du blad der Schwager eines Kurfürsten sein. Ich hoffe auf Deine Faust bei dieser Unternehmung.

Götz (besieht seine Hand).
O! Das deutete der Traum, den ich hatte, als ich Tags drauf Marien an Weislingen versprach. Er sagte mir Treu zu und heilt meine rechte Hand so fest, dass sie aus den Armschienen ging, wie abgebrochen. Ach! Ich bin in diesem Augenblick wehrloser, al sich war, da sie mir abgeschossen wurde. Weislingen! Weislingen.

Sickingen.
Vergiss einen Verräter. Wir wollen seine Anschläge vernichten, sein Ansehn untergraben, und Gewissen und Schande sollen ihn zu Tode fressen. Ich seh’, ich seh’ im Geist meine Feinde, Deine Feinde niedergestürzt. Götz, nur noch ein halb Jahr!

Götz.
Deine Seele fliegt hoch. Ich weiß nicht, seit einiger Zeit wollen sich in der meinigen keine fröhliche Aussichten eröffnen. – Ich war schon mehr im Unglück, schon einmal gefangen, und so wie mir’s jetzt ist, war mir’s niemals.

Sickingen.
Glück macht Mut. Kommt zu den Perücken! Sie haben lang’ genug den Vortrag gehabt, lass uns einmal die Müh übernehmen. (Ab.)


(Adelheids Schloss)
Adelheid. Weislingen.

Adelheid.
Das ist verhasst!

Weislingen.
Ich hab’ die Zähne zusammengebissen. Ein so schöner Anschlag, so glücklich vollführt, und am Ende ihn auf sein Schloss zu lassen! Der verdammte Sickingen!

Adelheid.
Sie hätten’s nicht tun sollen.

Weislingen.
Sie saßen fest. Was konnten sie machen? Sickingen drohte mit Feuer und Schwert, der hochmütige, jähzornige Mann! Ich hass’ ihn. Sein Ansehn nimmt zu wie ein Strom, der nur einmal ein paar Bäche gefressen hat, die übrigen folgen von selbst.

Adelheid.
Hatten sie keinen Kaiser?

Weislingen.
Liebe Frau! Er ist nur der Schatten davon, er wird alt und missmutig. Wie er hörte, was geschehen war, und ich nebst den übrigen Regimentsräten eiferte, sagte er: Lasst ihnen Ruh! Ich kann dem alten Götz wohl das Plätzchen gönnen, und wenn er da still ist, was habt ihr über ihn zu klagen? Wir redeten vom Wohl des Staats. O! Sagt’ er: Hätt’ ich von jeher Räte gehabt, die meinen unruhigen Geist mehr auf das Glück einzelner Menschen gewiesen hätten!

Adelheid.
Er verliert den Geist eines Regenten.

Weislingen.
Wir zogen auf Sickingen los. – Er ist mein treuer Deiner, sagt’ er. Hat er’s nicht auf meinen Befehl getan, so tat er doch besser meinen Willen als meine Bevollmächtigten, und ich kann’s gut heißen, vor oder nach.

Adelheid.
Man möchte sich zerreißen.

Weislingen.
Ich habe deswegen noch nicht alle Hoffnung aufgegeben. Er ist auf sein ritterlich Wort auf sein Schloss gelassen, sich da still zu halten. Das ist ihm unmöglich. Wir wollen bald eine Ursach wider ihn haben.

Adelheid.
Und desto eher, da wir hoffen können, der Kaiser werde bald aus der Welt gehen und Karl, sein trefflicher Nachfolger, majestätischere Gesinnungen verspricht.

Weislingen.
Karl? Er ist noch weder gewählt noch gekrönt.

Adelheid.
Wer wünscht und hofft es nicht.

Weislingen.
Du hast einen großen Begriff von seinen Eigenschaften. Fast sollte man denken, du sähest sie mit andern Augen.

Adelheid.
Du beleidigst mich, Weislingen. Kennst Du mich für das?

Weislingen.
Ich sagte nichts Dich zu beleidigen. Aber schweigen kann ich nicht dazu. Karls ungewöhnliche Aufmerksamkeit für Dich beunruhigt mich.

Adelheid.
Und mein Betragen?

Weislingen.
Du bist ein Weib. Ihr hasst keinen, der Euch hofiert.

Adelheid.
Aber Ihr?

Weislingen.
Er frisst mir am Herzen, der fürchterliche Gedanke! Adelheid!

Adelheid.
Kann ich Deine Torheit kurieren.

Weislingen.
Wenn Du wolltest! Du könntest Dich vom Hof entfernen.

Adelheid.
Sage Mittel und Art. Bist Du nicht bei Hofe? Soll ich Dich lassen und meine Freunde, um auf meinem Schloss mich mit den Uhus zu unterhalten? Nein, Weislingen, daraus wird nichts. Beruhige Dich, Du weißt, wie ich Dich liebe.

Weislingen.
Der heilige Anker in diesem Sturm, solang der Strick nicht reißt. (Ab.)

Adelheid.
Fängst Du’s so an! Das fehlte noch. Die Unternehmungen meines Busens sind zu groß, als dass Du ihnen im Wege stehen solltest. Karl! Großer, trefflicher Mann, und Kaiser dereinst! Und sollte er der einzige sein unter den Männern, dem der Besitz meiner Gunst nicht schmeichelte? Weislingen, denke nicht mich zu hindern, sonst musst Du in den Boden, mein Weg geht über Dich hin.

Franz kommt mit einem Brief.

Franz.
Hier, gnädige Frau.

Adelheid.
Gab Dir Karl ihn selbst?

Franz.
Ja.

Adelheid.
Was hast Du? Du siehst so kummervoll.

Franz.
Es ist Euer Wille, dass ich mich totschmachten soll; in den Jahren der Hoffnung macht Ihr mich verzweifeln.

Adelheid.
Er dauert mich – und wie wenig kostet’s mich, ihn glücklich zu machen! Sei guten Muts, Junge. Ich fühle Deine Lieb’ und Treu’ und werde nie unerkenntlich sein.

Franz (beklemmt).
Wenn Ihr das fähig wärt, ich müsste vergehn. Mein Gott, ich habe keinen Blutstropfen in mir, d er nicht Euer wäre, keinen Sinn, als Euch zu lieben und zu tun, was Euch gefällt!

Adelheid.
Lieber Junge.

Franz.
Ihr schmeichelt mir. (In Tränen ausbrechend.) Wenn diese Ergebenheit nichts mehr verdient, als andere sich vorgezogen zu sehn, als Eure Gedanken alle nach dem Karl gerichtet zu sehn –

Adelheid.
Du weißt nicht, was Du willst, noch weniger, was Du redst.

Franz (vor Verdruss und Zorn mit dem Fuß stampfend).
Ich will auch nicht mehr. Will nicht mehr den Unterhändler abgeben.

Adelheid.
Franz! Du vergisst Dich.

Franz.
Mich aufzuopfern! Meinen lieben Herrn!

Adelheid.
Geh mir aus dem Gesicht.

Franz.
Gnädige Frau!

Adelheid.
Geh, entdecke Deinen leiben Herrn mein Geheimnis. Ich war die Närrin, Dich für was zu halten, das Du nicht bist.

Franz.
Liebe, gnädige Frau, Ihr wisst, dass ich Euch liebe.

Adelheid.
Und Du warst mein Freund, meinem Herzen so nahe. Geh, verrat mich!

Franz.
Eher wollt’ ich mir das Herz aus dem Leibe reißen! Verzeiht mir, gnädige Frau. Mein Herz ist zu voll, meine Sinnen halten’s nicht aus.

Adelheid.
Lieber, warmer Junge! (Sie fasst ihn bei den Händen, zeiht ihn zu sich, und ihre Küsse begegnen einander. Er fällt ihr weinend um den Hals.)

Adelheid.
Lass mich!

Franz (erstickend in Tränen an ihrem Hals).
Gott! Gott!

Adelheid.
Lass mich, die Mauern sind Verräter. Lass mich. (Sie macht sich los.) Wanke nicht von Deiner Lieb’ und Treu’, und der schönste Lohn soll Dir werden. (Ab.)

Franz.
Der schönste Lohn! Nur bis dahin lass mich leben! Ich wollte meinen Vater ermorden, der mir diesen Platz streitig machte.


Götz an einem Tisch. Elisabeth bei ihm mit der Arbeit. Es steht ein Licht auf dem Tisch und Schreibzeug.

Götz.
Der Müßiggang will mir gar nicht schmecken, und meine Beschränkung wird mir von Tag zu Tag enger. Ich wollt’, ich könnt’ schlafen oder mir nur einbilden, die Ruhe sei was Angenehmes.

Elisabeth.
So schreib doch Deine Geschichte aus, die Du angefangen hast. Gib Deinen Freunden ein Zeugnis in die Hand, Deine Feinde zu beschämen; verschaff’ einer edlen Nachkommenschaft die Freude, Dich nicht zu verkennen.

Götz.
Ach! Schreiben ist geschäftiger Müßiggang, es kommt mir sauer an. Indem ich schreibe, was ich getan habe, ärger’ ich mich über den Verlust der Zeit, in der ich etwas tun könnte.

Elisabeth (nimmt die Schrift).
Sei nicht wunderlich. Du bist eben an Deiner ersten Gefangenschaft in Heilbronn.

Götz.
Das war mir von jeher ein fataler Ort.

Elisabeth (liest).
„Da waren selbst einige von den Bündischen, die zu mir sagten: Ich habe törig getan, mich meinen ärgsten Feinden zu stellen, da ich doch vermuten konnte, sie würden nicht glimpflich mit mir umgehn; da antwortet’ ich:“ Nun was antwortetest Du? Schreibe weiter.

Götz.
Ich sagte: Setz’ ich so oft meine Haut an anderer Gut und Geld, sollt’ ich sie nicht an mein Wort setzen?

Elisabeth.
Diesen Ruf hast Du.

Götz.
Den sollen sie mir nicht nehmen! Sie haben mir alles genommen, Gut, Freiheit –

Elisabeth.
Es fällt in die Zeiten, wie ich die von Miltenberg und Singlingen in der Wirtstube fand, die mich nicht kannten. Da hatt’ ich eine Freude, als wenn ich einen Sohn geboren hätte. Sie rühmten Dich untereinander und sagten: Er ist das Muster eines Ritters, tapfer und edel in seiner Freiheit und gelassen und treu im Unglück.

Götz.
Sie sollen mir einen stellen, dem ich mein Wort gebrochen! Und Gott weiß, dass ich mehr geschwitzt hab’, meinem Nächsten zu dienen als mir, dass ich um den Namen eines tapfern und treuen Ritters gearbeitet habe, nicht um hohe Reichtümer und Rang zu gewinnen. Und Gott sei Dank, worum ich warb, ist mir worden.

Lerse. Georg mit Wildbret.

Götz.
Glück zu, brave Jäger!

Georg.
Das sind wir aus braven Reitern geworden. Aus Stiefeln machen sich leicht Pantoffeln.

Lerse.
Die Jagd ist doch immer was und eine Art von Krieg.

Georg.
Wenn man nur hierzulande nicht immer mit Reichsknechten zu tun hätte. Wisst Ihr, gnädiger Herr, wie Ihr uns prophezeitet: Wenn sich die Welt umkehrte, würden wir Jäger werden. Da sind wir’s ohne das.

Götz.
Es kommt auf eins hinaus, wir sind aus unserm Kreise gerückt.

Georg.
Es sind bedenkliche Zeiten. Schon seit acht Tagen lässt sich ein fürchterlicher Komet sehen, und ganz Deutschland ist in Angst, es bedeute den Tod des Kaisers, der sehr krank ist.

Götz.
Sehr krank! Unsere Bahn geht zu Ende.

Lerse.
Und hier in der Nähe gibt’s noch schrecklichere Veränderungen. Die Bauern haben einen entsetzlichen aufstand erregt.

Götz.
Wo?

Lerse.
Im Herzen von Schwaben. Sie sengen, brennen und morden. Ich fürchte, sie verheeren das ganze Land.

Georg.
Einen fürchterlichen Krieg gibt’s. Es sind schon an die hundert Ortschaften aufgestanden, und täglich mehr. Der Sturmwind neulich hat ganze Wälder ausgerissen, und kurz darauf hat man in der Gegend, wo der Aufstand begonnen, zwei feurige Schwerter kreuzweis in der Luft gesehn.

Götz.
Da leiden von meinen guten Herrn und Freunden gewiss unschuldig mit!

Georg.
Schade, dass wir nicht rieten dürfen!

Ü   Þ

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